Die Erschaffung des Menschen

Genesis Die Erschaffung des Menschen

(Gen. 1, 26-30)

Sechstes Tagewerk. (V. 26-28) : „Da sprach Gott: lasset uns den Menschen (1) machen nach unserem Bilde und unserer Ähnlichkeit, und er herrsche über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und über die Landtiere und über die ganze Erde und alles Gewürm, das sich regt auf Erden. Und es erschuf Gott den Menschen nach seinem Bilde; nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; Mann und Weib schuf er sie. Und Gott segnete sie und sprach: Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich regen auf der Erde.“ (2)

Sehr schön sagt hierüber der hl. Chrysostomus: „Der Mensch, der alle sichtbaren Wesen an Würde überragt, für welchen das alles, Himmel, Erde, Meer, Sonne, Mond, Sterne, kriechende Tiere, Vieh und alles Getier bestimmt ist, wurde mit Recht so spät erschaffen. Denn wie, wenn ein König in eine Stadt einziehen soll, die Trabanten und alle zu seinem Dienst bestimmten Personen voraus geschickt werden, damit alles für seinen Einzug würdig bereitet sei: ebenso hat Gott vorher diese ganze Zierde geschaffen und zuletzt den Menschen, um ihn über das alles zu stellen, und hat so tatsächlich gezeigt, wie hoch er dies Geschöpf ehre.“ (3)

Diese Herrschaft des Menschen über die niederen Geschöpfe sollte, seinem Wesen als Ebenbild Gottes und seiner Bestimmung, der Verherrlichung Gottes, entsprechend, eine vollkommene sein (4), aber zugleich durch eigene Tätigkeit des Menschen erworben werden und der Natur selbst zur Veredelung gereichen. (5) Darum werden (6) die Menschen gesegnet und angewiesen, die Erde zu erfüllen und sich dieselbe zu unterwerfen und zu herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich regen auf Erden. Auch die Früchte der Erde werden ihnen zugewiesen zur Speise, woran auch die Tiere ihren Anteil haben sollen: „Siehe ich gebe euch alles Kraut, das Samen trägt auf Erden, und alle Bäume, die in sich selbst den Samen ihrer Art haben; daß sie euch zur Speise seien und allen Tieren der Erde (7) und allem Geflügel und allem, was sich regt auf Erden, und in welchem Lebenshauch ist, damit sie zu essen haben.“

Um ein Verbot der Fleischnahrung für den Menschen handelt es sich in diesen letzten Versen jedenfalls nicht, wie schon die ganze Verbindung zeigt, wonach dem Menschen die vollkommene Herrschaft über die Erde, über Tiere und Pflanzen ohne alle Beschränkung gegeben wird. So wird auch sogleich (8) berichtet, daß Abel ein Schafhirte war und „von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett opferte“. Wahrscheinlich ist allerdings, daß die Menschen im Paradies wenig oder gar kein Bedürfnis nach Fleischnahrung empfanden, was nach dem Sündenfall und noch mehr nach der Sündflut sich sehr ändern mochte. (9) Deshalb wird nach letzterer dem Menschen ausdrücklich diese Erlaubnis gegeben oder vielmehr zurück gegeben und bestätigt, aber zugleich auch eine Einschränkung beigefügt, wie er da überhaupt nur mit Einschränkung in die Herrschaft über die Natur wieder eingesetzt wurde, wenn auch feierlich und fast mit denselben Worten wie nach der Schöpfung. (10)

Daß hier nur von Pflanzennahrung für die Tiere die Rede ist, wollen manche als Beweis ansehen, daß die gesamte Tierwelt, auch die jetzt Fleisch fressenden Raubtiere, ursprünglich sich nur von Vegetabilien genährt hätten. Die Heilige Schrift sagt dies jedoch nicht. Nach katholischer Auslegung ist hier nur angedeutet, daß die sog. schädlichen Tiere dem Menschen unschädlich, ja vollkommen untertan waren, und zwar ohne alle Ausnahme und ohne daß der Mensch diese Herrschaft sich erst mit Mühe und Gefahr erzwingen musste; vielleicht deutet sie zugleich damit an, daß im Paradies keine Raubtiere waren. (11) Prophetische Stellen (12) spielen höchstens auf paradiesische Zustände an, während sie hauptsächlich die viel erhabeneren Zustände des messianischen Reiches bildlich schildern wollen. Der hl. Paulus aber redet (13) nur im allgemeinen von einer Verschlechterung der Natur infolge der Sünde des Menschen, worunter der Verlust jener besonderen Güte, die Gott ihr um des Menschen willen und für den Menschen im Paradies verliehen, sowie eine gewisse Verschlechterung für den Gebrauch des Menschen (14), und namentlich deren Missbrauch durch den Menschen und durch den Teufel, als Fürsten dieser Welt, zum Schaden des Menschen zu verstehen ist. (15) Durch die Erlösung ward diese Macht des Satans über die Natur gebrochen (16), und nach gänzlicher Überwindung der Sünde wird auch der Zustand der Natur dem der verklärten Menschheit entsprechen (17); es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde sein. (18)

Anmerkungen:

(1) Der Mensch bildet in der lebenden Schöpfung ein eigenes Reich für sich.
(2) V. 26-28. In dieser Stelle fällt vor allem die Feierlichkeit der Rede auf, die sich fast zu poetischem Schwung, wenigstens zu dem die hebr. Poesie beherrschenden Ebenmaß der Glieder steigert (in V. 27). Der Plural der Redeform deutet nicht auf ursprünglichen Polytheismus, bezieht sich auch nicht auf die Engel, die Gott etwa zu Rate ziehe (!), ist vielmehr „Plural der Selbstberatung zur Hervorhebung der hohen Wichtigkeit dieses letzten Schöpfungswerkes“ (Kautzsch); er entspricht der Erhabenheit Gottes (Plural der Majestät oder Erhabenheit) und schließt insofern eine „Andeutung“ der Trinität ein. – Worin das Bild und die Ähnlichkeit besteht, ergibt sich aus dem Zusammenhang: es ist die vernünftige Natur, die den Menschen über alle bereits genannten Geschöpfe erhebt und ihn zur Herrschaft über dieselben befähigt. – Die hebr. Worte für „Bild“ und „Ähnlichkeit“ sind an sich gleich bedeutend und werden auch in Gn. 5, 1 miteinander vertauscht. Aus der Wortbedeutung läßt sich also der Unterschied zwischen dem natürlichen und übernatürlichen Ebenbild (imago und similitudo) nicht ableiten, wie denn auch 5, 1 offenbar nur vom natürlichen Ebenbild die Rede ist. Der Bericht über die Würde und Ausstattung des Menschen wird durch Kap. 2, 7ff ergänzt.
(3) S. Chrysost., In Gen. hom. 8, n. 2.
(4) Auch über die wilden und die reißenden Tiere.
(5) Dies ist selbst nach dem Sündenfall noch in hohem Grade möglich. Ohne die Sünde aber hätte der Mensch mit leichter Mühe und Arbeit, durch die er seine körperlichen und geistigen Kräfte entwickeln sollte, den herrlichen Zustand des Paradieses allmählich über die ganze Erde verbreitet.
(6) V. 28-30
(7) Im Hebräischen ist hier noch eine Unterscheidung gemacht, wonach dem Menschen hauptsächlich alle Feld- und Baumfrüchte, den Tieren alles Grün des Krautes, d.h. Gras u. dgl., zur Nahrung angewiesen wird.
(8) Gn. 4, 2-4
(9) S. thom., S. th. 1, q. 96, a. 1 ad 3; vgl. 1, 2, q. 102, a. 6 ad 2.
(10) Vgl. Gn. 9, 1-7
(11) Vgl. S. Aug., De Gen. Ad lit. 1. 3, c. 15 et 16; S. Thom., S. th. 1, q. 96, a. 1 ad 2 nennt jene Meinung „durchaus unvernünftig, da nicht durch die Sünde des Menschen die Natur der Tiere verändert wurde“; die Umwandlung eines sich früher ausschließlich von Vegetabilien nährenden Tieres in ein von Fleisch lebendes würde nämlich einer radikalen Umschaffung gleichkommen.
(12) z. B. Is. 11, 6-9.
(13) Röm. 8, 20.
(14) Vgl. Gn. 3, 17; 22-24.
(15) Joh. 12, 31; 14, 30; 16, 11; 2. Kor. 4, 4; Eph. 2, 2.
(16) Vgl. 1. Tim. 4, 5.
(17) Röm. 8, 21-23.
(18) Is. 65, 17-25; 2. Petr. 3, 13; Offb. 21, 1. –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 133 – S. 135

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