Urteilsspruch über das erste Menschenpaar

Eva, die Ahnfrau des Menschengeschlechtes

Das Urteil über das Menschenpaar Eva und Adam

Die Verheißung eines Erlösers im Paradiese ist auch der Grund der Messias-Hoffnungen der Heiden gewesen, wie dies Lüken (1) nachweist; nur wird bei diesen die Verheißung dem ersten Menschen in den Mund gelegt, welcher sie im Augenblicke seiner Bestrafung aussprach, und zwar wurde sie ihm nach griechischer Sage mitgeteilt durch die Themis, die Ureva, welche einst als Göttin der Gerechtigkeit auf Erden lebte. So wurde also das erste Weib wegen dieses messianischen Orakels zur ersten Wahrsagerin oder Sibylle. Ebenso erscheint die erythräische Sibylle als Tochter des Dardanus, des ersten Stammvaters, wiederum als Demeter, die erste Mutter, oder als ägyptische Isis, die erste Frau, ja die christliche Sibylle nennt sie gleichfalls die Heva. (2)

Erst nach diesem für das erste Menschenpaar tröstlichen Urteilsspruch über die Schlange erfolgt das Urteil über die Erstverführte und die Verführerin des Mannes. Eva trifft eine doppelte Strafe. „Viel will ich machen deine Mühseligkeit und deine Schwangerschaft, mit Beschwerde (Schmerzen) sollst du Kinder gebären.“ (3) Nicht die Vielheit der Schwangerschaft, noch diese selbst ist eine Strafe, sie ist vielmehr die Erfüllung des Segens der Fruchtbarkeit und Vermehrung (4); daß das Weib Mutter wird, ist Gottes ursprünglicher Wille; allein daß sie unter Wehen und Schmerzen gebiert, welche das Leben der Mutter und des Kindes bedrohen, ist die Strafe (5), also die Beschwerden und zwar des weiblichen Geschlechtslebens, namentlich aber die Schwangerschaft, d. i. die mit derselben und der Geburt verbundenen Beschwerden und Schmerzen bilden den ersten Teil der Strafe. So wird durchgehends in der heiligen Schrift der Zustand einer Gebärerin, namentlich die Geburtswehen als ein Zustand der Not, Angst, Pein und Gefahr beschrieben (6), und dieser Schmerz namentlich der Erstgebärenden (7) als der intensivste bei Vergleichen gebraucht. Den Gewinn der Kinder soll demnach das Weib mit den größten Opfern ihres Lebens erkaufen, und so muss jedes Weib die Sünde des ersten Weibes an sich büßen. Im Stande der Unschuld hätte demnach die Geburt ohne Schmerzen stattgefunden (8). Darum hat auch die seligste Jungfrau Maria Christum ohne Schmerzen geboren, weil sie als Jungfrau auf übernatürliche Weise ihn empfangen hat. (9)

Außerdem hat das Weib das gottgeordnete Verhältnis zum Manne überschritten, sich von ihm emanzipiert, um der Schlange zu gehorchen, ja diesen selbst mit in die Sünde verstrickt. Dafür folgt die zweite Strafe: „Nach deinem Manne wird dein Verlangen sein und er wird herrschen über dich.“ (10) Wir haben unter dem Worte Verlangen nicht bloß das überwiegend geschlechtliche Begehren des Weibes nach dem Manne zu verstehen, sondern überhaupt das Sehnen weiblicher Abhängigkeit vom Manne, den natürlichen leidenschaftlichen Liebeszug, welcher das Weib vom Manne nicht abkommen läßt. Die Vulgata, welche „sub potestate viri eris“ übersetzt, bezieht diese Worte auf die folgenden: Er soll über dich herrschen. „Da Eva in gottwidriger Selbstüberhebung gehandelt und den Mann bevormundet hat, soll sie unter die gebieterische, despotische Herrschaft des Mannes und somit in das Verhältnis der an Sklaverei grenzenden Unterwürfigkeit unter den Mann gelangen. Für den Mann nur als Gehilfin geschaffen, sollte das Weib von Anfang an ihm untergeordnet sein, allein nicht in sklavischer Weise (11), wie das später teilweise bei den Juden, noch mehr aber im Heidentum der Fall war und selbst jetzt noch bei den mohammedanischen Völkern vorkommt. Auch die Verachtung der Frauen und die Betrachtung derselben als eines unreinen Wesens, wie wir es überall im Heidentum finden, scheint mit dem Glauben zusammen zu hängen, daß das Weib als die Ursache alles Übels in der Welt zu betrachten sei. Hesiod nennt das weibliche Geschlecht „das Übel und große Leiden auf Erden”, weil es von der ersten Verführerin, der Pandora, herstammt. (12) Dieses harte Los des Weibes wurde erst durch die Gnade des neuen Testamentes, namentlich durch die Verdienste Mariens (siehe den Beitrag: Maria Urheberin des Heiles undLebens) gemildert und in das normale Verhältnis der in gegenseitiger Achtung und Liebe wurzelnden Unter- und Überordnung entsprechend gestaltet. Doch bleibt auch im Neuen Testament das ursprünglich gottgeordnete Abhängigkeitsverhältnis des Weibes vom Manne aufrecht erhalten. Wie Christus Herr des Mannes, so ist nach der Ansicht des hl. Paulus der Mann Herr des Weibes (13). Darum sollen auch die Weiber vor der Gemeinde nicht reden, sondern schweigen und gehorchen, mit bestimmter Beziehung auf das Strafurteil Gottes gegen Eva. (14) Anderseits aber stellt derselbe Apostel für den Ehemann die Forderung der Liebe zur Ehegattin auf, welche er aus der idealen und organischen Einheit beider Geschlechter herleitet. (15) Indem er also das Weib der Gemeinde, den Mann aber Christo vergleicht (16), bestätigt er zwar auch damit die untergeordnete Stellung des Weibes in seinem Verhältnisse zum Manne, allein er drückt diesem Verhältnisse zugleich die höhere religiös-sittliche Weihe auf, wodurch es aus der Sphäre der alttestamentlichen Dienstbarkeit in diejenige der neutestamentlichen, durch Liebe geheiligten, sittlichen Freiheit versetzt wird.

Schließlich folgt die Strafe über Adam: „Weil du der Stimme deines Weibes Gehör gegeben und (in dieser gottwidrigen Unterordnung unter das Weib) von dem Baume gegessen hast, so soll das Erdreich um deinetwillen verflucht sein.“ (17) Hier schickt Gott den Entscheidungsgrund voraus, weil die Verfluchung des Ackers das dem Adam zur Hilfe beigegebene Weib zugleich mit trifft. Anstatt der Stimme Gottes zu gehorchen, anstatt als Hüter und Leiter des Weibes dessen Fall zu verhüten oder das gefallene Weib zu Gott zurück zuführen, ist Adam mit Verleugnung seiner Würde und Stellung im Bösen ihm untertan geworden. Dadurch wird zugleich seine Entschuldigung: „Das Weib, das du mir beigegeben, hat mich verführt“, also die verführerische Stimme des Weibes gerügt. Die Erde, welche Adam mit seinem Weibe zur geistigen Verklärung und zum ewigen Leben hinaufziehen sollte, wird verflucht und in einen Zustand der Auflehnung gegen ihn versetzt, welche als eine harte, stiefmütterliche Erzieherin die Ruten von Dornen und Disteln über ihn schwingen und welcher er nur durch mühselige Arbeit im Schweiße seines Angesichtes das tägliche Brot abringen soll. Die Erde, bisher eine Rose, wie Basilius (18) sich ausdrückt, erhält nun ihre Dornen, welche den Menschen stets an die Sünde erinnern sollen. So soll und wird also das menschliche Leben ein stetes Ringen um die Erhaltung seines Daseins sein, bis es schließlich von der Macht des Todes überwältigt wird. Aus Staub ist er gebildet, zu Staub soll er wieder werden, und hierin erfüllt sich die göttliche Drohung (2, 17). Mit dem Vollzuge der Sünde wurde der bisher mit Unsterblichkeit (posse non mori) begabte Leib sterblich oder er erhielt, um mit Petrus Lombardus (19) zu sprechen, das posse mori und nahm den Todeskeim in seine Natur auf, dessen Ausreifung die endliche Auflösung in Staub bewirkt (20).

Daß aber die ersten Menschen nicht augenblicklich nach der Sünde starben, hat seinen Grund in der göttlichen Langmut und Güte, welche nicht den Tod des Sünders will, sondern Raum zur Buße gibt und die Sünde sowie die Strafen derselben so lenkt und ordnet, daß sie zur Realisierung des göttlichen Heils-Ratschlusses und zur Verherrlichung seines Namens dienen. Durch die Schmerzenspforte geht der Mensch in’s Leben ein, das er durch die Todespforte wieder verlassen muss; was dazwischen liegt, ist beständiger Kampf, Mühe und Arbeit (vgl. Eccli. 40, 1). Doch die um des Menschen willen mit Fluch belastete Erde ist durch den Widerstand und die Auflehnung gegen ihn nicht bloß eine treue Vollstreckerin des göttlichen Zornes, sondern auch eine Lehrerin der Besonnenheit geworden. Die Arbeit im Schweiße des Angesichtes ist ein heilsames Zuchtmittel, welches den gefallenen Menschen von einem tieferen und öfteren Fall abhalten und seine Sehnsucht nach dem Himmlischen wecken soll.

Anmerkungen:

(1) Tradition 1. c. S. 343 f.
(2) Lüken, Die sibyll. Weissag. Würzbg. 1877. S. 18 f.
(3) Gen. 3, 16.
(4) Gen. 1, 28.
(5) Thomas, Sum. 2. 2. q. 164. a. 2 ad 2. Aug., Civ. Dei 1. 14. cp. 26; Op. imp. cont. Jul. 1. 5, 15; 1. 6, 26 und Lib. de pec. orig. cp. 35.
(6) Gen. 35, 17.; Deut. 2, 25.; 4. Kön. 19, 3.; Ps. 47, 7.; Is. 21, 3; 26, 17. 18; 42, 13; 66, 7. 8. Jer. 4, 31; 6, 24; 13, 21; 22, 23; 30, 6; 48, 41; 49, 22. 24; 50, 43. Ez. 30, 16.; Eccli. 19, 11; 34, 6 u. A.
(7) Jer. 4, 31. Vgl. Bernard., tract. de pass. Dom. cp. 30.
(8) 1 Aug., Civ. Dei 1. 14. cp. 36: Thomas 1. c. q. 164 art. 2 ad 1.
(9) Thomas I. c. ad 38. Aug., sermo 191, 2
(10) Gen. 3, 16.
(11) Thomas 1. c. Ad 1
(12) Vgl. Lüken, Traditionen 1. e. S. 143.
(13) 1. Kor. 11, 3. Eph. 5, 23 f.
(14) 1. Kor. 14,34.
(15) Eph. 5, 28f.
(16) Eph. 5, 31.
(17) Gen. 3, 17.
(18) Basilius, de parad.
(19) In 2. dist. 19.
(20) Aug., de pecc. Mer. I., cp. 16. –
aus: Hermann Zschokke, Die Biblischen Frauen des alten Testamentes, 1882, S. 32 – S. 35

siehe auch den Beitrag: Das Strafurteil über Eva und Adam

Category: Genesis, Zschokke
Tags:

Verwandte Beiträge

Buch mit Kruzifix
Dogmatik Die Entwicklung des Dogmas
Buch mit Kruzifix
Von den Beweisquellen der Tradition
Menü