Dogmatik Die Entwicklung des Dogmas

Begriff und Entwicklung des Dogmas

§ 5. Die Entwicklung des Dogmas

1. Die Dogmen-Entwicklung im häretischen Sinn

Die liberale protestantische Dogmengeschichte (A. v. Harnack) und der Modernismus (A. Loisy) nehmen eine substantielle Dogmen-Entwicklung an, so daß der Inhalt des Dogmas im Laufe der Zeit ein anderer wird. Der Modernismus stellte die Forderung auf: „Der Fortschritt der Wissenschaften verlangt, daß die Auffassungen der christlichen Lehre von Gott, Schöpfung, Offenbarung, Person des menschgewordenen Wortes, Erlösung umgestaltet werden.“ D 2064). Loisy erklärte: „Wie der Fortschritt der Wissenschaft (Philosophie) dem Gottesproblem, so gibt der Fortschritt der historischen Forschung dem Christusproblem und dem Problem der Kirche eine neue Fassung“ (Autour d`un petit livre, Paris 1903, XXIV). Darnach gibt es kein seiendes und bleibendes, sondern nur ein werdendes Dogma.

Das Vatikanische Konzil verurteilte bereits gegen Anton Günther († 1863) die Anwendung des Entwicklungs-Gedankens in diesem Sinne als häretisch: „Wenn jemand sagt, es könne der Fall eintreten, daß zufolge des wissenschaftlichen Fortschrittes den von der Kirche zu glauben vorgestellten Sätzen dereinst ein anderer Sinn müsse beigelegt werden als der, in welchem die Kirche sie verstanden hat und versteht: so sei er im Banne. (De fide catholica, Canones IV.)

Pius XII. verwarf in der Enzyklika „Humani generis“ (1950) den dogmatischen Relativismus, der verlangt, daß die Dogmen in den Begriffen der jeweils herrschenden Philosophie ausgedrückt und in den Strom der philosophischen Entwicklung einbezogen werden sollen: „Diese Auffassung macht das Dogma zu einem Rohr, das vom Winde hin- und hergetrieben wird“ (H 19).

Der Grund für die Unwandelbarkeit des Dogmas liegt in dem göttlichen Ursprung der darin ausgesprochenen Wahrheit. Die göttliche Wahrheit ist unveränderlich wie Gott selbst: „Die Treue Jahwes währt ewig“ (Ps. 116, 2). „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen“ (Mk. 13, 31).

2. Die Dogmen-Entwicklung im katholischen Sinn

a) Nach der materiellen Seite des Dogmas, d. h. in der Mitteilung der Offenbarungs-Wahrheiten an die Menschen hat ein substantielles Wachstum stattgefunden, bis die Offenbarung in Christus ihren Höhepunkt und Abschluß erreichte (vgl. Hebr. 1, 1)
Gregor der Große sagt: „Mit dem Fortschritt der Zeiten wuchs die Kenntnis der geistlichen Väter; denn mehr wurde Moses als Abraham, mehr die Propheten als Moses, mehr die Apostel als die Propheten in der Wissenschaft des allmächtigen Gottes unterrichtet“ (In Ezechielem lib. 2, hom. 4, 12).

Mit Christus und den Aposteln wurde die allgemeine Offenbarung abgeschlossen. Sent. certa.

Pius X. verwarf im Gegensatz zu der liberal-protestantischen und modernistischen Lehre von der Fortbildung der Religion durch neue „Offenbarungen“ den Satz: „Die Offenbarung, die den Gegenstand des katholischen Glaubens ausmacht, wurde nicht mit den Aposteln abgeschlossen.“ D 2021.

Daß nach Christus bzw. den Aposteln, die die Botschaft Christi verkündeten, keine Ergänzung der Offenbarungs-Wahrheit mehr zu erwarten ist, ist klare Lehre der Hl. Schrift und der Tradition. Christus betrachtete sich als Erfüllung des alttestamentlichen Gesetzes (Mt. 5, 17; 5, 21 ff) und als den absoluten Lehrer der Menschheit (Mt. 23, 10: „Einer ist euer Lehrer, Christus“; vgl. Mt. 28, 20). Die Apostel sehen in Christus die Fülle der Zeit gekommen (Gal. 4, 4) und betrachten es als ihre Aufgabe, das von Christus anvertraute Glaubensgut vollständig und unverfälscht zu bewahren (1. Tim. 6, 14; 6, 20; 2. Tim. 1, 14; 2, 2; 3, 14). Die Väter weisen den Anspruch der Häretiker, von den Aposteln herrührende Geheimlehren oder neue Offenbarungen des Hl. Geistes zu besitzen, entrüstet zurück. Irenäus (Adv. Haer. III 1; IV 33,3 8) und Tertullian (De praescr. 21) betonen gegenüber den Gnostikern, daß in der Lehre Lehre der Apostel, die in der Kirche durch die ununterbrochene Nachfolge der Bischöfe unverfälscht bewahrt wird, die volle Offenbarungs-Wahrheit enthalten ist.

b) Nach der formellen Seite des Dogmas, d. h. in der Erkenntnis und in der kirchlichen Vorlage der geoffenbarten Wahrheiten und folglich auch im öffentlichen Glauben der Kirche ist ein Fortschritt vorhanden (akzidentelle Dogmen-Entwicklung), der in folgender Weise in Erscheinung tritt:

  1. Bisher nur einschlußweise geglaubte Wahrheiten werden ausdrücklich erkannt und zu glauben vorgelegt. Vgl. S. th. 2, II 1, 7
  2. Materielle Dogmen werden zu formellen Dogmen erhoben.
  3. Zur Erleichterung des allgemeinen Verständnisses und zur Verhütung von Mißverständnissen und Entstellungen werden die alten, von jeher geglaubten Wahrheiten in neuen, scharf abgegrenzten Begriffen formuliert, z. B. Unio hypostatica, transsubstantiato.
  4. Bisher umstrittene Fragen werden geklärt und entschieden und häretische Sätze verurteilt. Vgl. Augustinus, De civ. Dei XVI 2, 1: ab adversario mota quaestio discendi existiti occasio.
    Die Dogmen-Bildung im angegebenen Sinn wird von der theologischen Wissenschaft vorbereitet und vom kirchlichen Lehramt unter Leitung des Hl. Geistes (Joh. 14, 26) ausgeübt. Sie wird angeregt einerseits durch das natürliche Streben des Menschen nach tieferem Verständnis der mitgeteilten Wahrheit, anderseits durch äußere Einflüsse, wie Angriffe der Häresie und des Unglaubens, theologische Kontroversen, Fortschritte der philosophischen Erkenntnis und der historischen Forschung, die Liturgie und das sich in ihr äußernde allgemeine Glaubens-Bewußtsein.
    Bereits die Väter betonen die Notwendigkeit, in die Offenbarungs-Wahrheiten tiefer einzudringen, Dunkelheiten zu klären und die Offenbarungs-Lehre weiter zu entfalten. Vgl. das klassische Zeugnis des Vinzenz von Lerin († vor 450): „Aber vielleicht sagt jemand: Wird es also in der Kirche Christi keinen Fortschritt der Religion geben? Gewiß soll es einen geben, sogar einen recht großen… Allein, es muss in Wahrheit ein Fortschritt im Glauben sein, keine Veränderung. Zum Fortschritt gehört nämlich, daß etwas in sich selbst zunehme, zur Veränderung aber, daß etwas aus dem einen sich in ein anderes verwandle“ (Commonitorium 23). Vgl. D 1800.

c) Es gibt auch einen Fortschritt in der Glaubens-Erkenntnis des einzelnen Gläubigen durch Erweiterung und Vertiefung des theologischen Wissens. Der Grund für die Möglichkeit dieses Fortschrittes liegt einerseits in der Tiefe der Glaubens-Wahrheiten, anderseits in der Vervollkommnungs-Fähigkeit der menschlichen Vernunft.
Subjektive Bedingungen eines wahren Fortschrittes in der Glaubens-Erkenntnis sind nach der Erklärung des Vatikanischen Konzils Eifer, Ehrfurcht und Mäßigung: cum sedulo, pie et sobrie quaerit. D. 1796. –
aus: Ludwig Ott, Grundriss der katholischen Dogmatik, 1954, S. 7 – S. 9

Zum Begriff Dogma siehe den Beitrag: Begriff und Einteilung des Dogmas

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