Maria Urheberin des Heiles und Lebens

Eva, die Ahnfrau des Menschengeschlechtes

Maria ist Urheberin des Heiles und des Lebens

Die heiligen Väter haben mit Vorliebe und in sinniger Weise diese Parallele beleuchtet. Die Aussprüche der heiligen Väter und Kirchenschriftsteller gipfeln in folgenden Sätzen: Die göttliche Barmherzigkeit hat bei der Erlösung der gefallenen Menschheit dieselben Wege eingeschlagen, durch welche der erste Mensch zum Fall gebracht wurde, damit der Satan durch gleiche Waffen besiegt werde. Wie die Sünde durch die lügenhaften Worte des Satans an Eva, so wird das Heil durch die wahrhaften Worte des Erzengels an Maria eingeleitet; die Freundschaft des Weibes mit dem Satan ist der erste Schritt zur Sünde, die Freundschaft Mariens mit Gabriel jener zur Erlösung; aus der Ungläubigkeit Eva`s an der Wahrheit des Gotteswortes und dem Ungehorsam entsprang das Verderben, aus der Gläubigkeit Mariens an das Gotteswort und ihrem Gehorsam fließt die Wiederherstellung. Daraus ziehen die heiligen Lehrer folgende Schlüsse. Maria ist die zweite neue Eva (wie Ave das umgekehrte Eva); die Unklugheit, Ungläubigkeit und der Ungehorsam der ersten Eva ist durch die Klugheit, den Glauben und Gehorsam Mariens wieder geheilt worden. Die jungfräuliche Eva war Ursache des Falles, des Todes, die jungfräuliche Maria war Urheberin des Heiles und des Lebens.

Mit Eva trat alles Unheil in die Welt, durch Maria wurden alle Güter der Welt wieder geschenkt. Wie Adam in Christo, so ward Eva in Maria wieder erneuert. Den Knoten, welchen Eva durch Ungehorsam geknüpft, löste Maria durch ihren Gehorsam. Eva nahm das todbringende Wort, Maria das Leben bringende in sich auf. Eva empfing dadurch, daß sie den Worten Satans glaubte, alle Schmerzen, Mühsale und den Erstgeborenen, einen Brudermörder; Maria aber, glaubend dem Engelsworte, alle Freuden, und den Erstgeborenen, welcher seine Brüder rettete. Maria unterlag der Verführung nicht, sondern vernichtete dieselbe; sie machte das gut, was Eva verdorben hatte. Eva schloß Freundschaft mit dem Satan, Gott aber stiftete vollendete Feindschaft zwischen diesem und Maria. Satan träufelte sein Gift der Eva ein, Maria nahm dasselbe niemals in sich auf. Eva fiel und verlor den Glanz ihrer Unschuld, Maria richtete Eva wieder auf, erneuerte sie und war ihre Beschützerin. Durch die leichtgläubige Eva wurde das Menschengeschlecht von seiner Höhe herab gestürzt, durch den klugen Glauben Mariens aber wieder aufgerichtet. Eva brachte alles Böse in die Welt, Maria alles Gute.

Eva die Mutter des Fluches, Maria die Mutter des Segens, die wahre Mutter der Lebendigen. Eva bekleidete Adam mit dem Gewande der Schmach und der Sterblichkeit; Maria bekleidet die Gefallenen durch das aus ihr geborene Lamm mit dem Felle der Ehre und Unsterblichkeit. Eva richtete eine Scheidewand zwischen Himmel und Erde auf, verschloß das Paradies, bevölkert die Hölle; Maria riß diese Scheidewand nieder, erschließt das geistige Paradies und bevölkert den Himmel. Durch Eva fiel die Welt ins Joch der Sünde und des Teufels, Maria zerbrach dieses Joch und trieb die Höllenschar in den Tartarus zurück. Die durch Eva zerknickte Würde des weiblichen Geschlechtes wird diesem durch Maria wieder zurück gestellt. Eva ist verflucht von Gott, Maria die Gebenedeite unter den Weibern. Durch Eva sterben wir, durch Maria leben wir. Eva bleibt beim Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen stehen, Maria aber führt uns zum Lebensbaum, zum Kreuze. Eva gebar den Kain und mit ihm den Neid, Maria aber Christum, das Leben und die Liebe. Der erste Adam hatte Eva als Verführerin, der zweite wohnte in Maria wie im Brautgemache. Eva nimmt des Teufels Wort mit Begierlichkeit auf , Maria erschrickt beim Anblicke des Engels. Eva ist die Vermittlerin der Ungerechtigkeit , Maria jene der Gerechtigkeit. Durch Eva wurden wir Knechte und Sklaven, durch Maria Freie. Jene verwundete, diese heilte. Eva unterhandelt mit dem Teufel über den Ruin, Maria mit dem Erzengel über das Heil der Welt. Jene reicht uns die Frucht des Todes, diese bringt uns das Brot des Lebens. Eva brachte Schmerzen, Fluch und Unheil, weswegen sie alle anschuldigen; Maria brachte Freuden, Segen und Heil, weshalb sie Gegenstand des Lobes und Preises ist. Durch Eva Strafe und Züchtigung, durch Maria Gnade und Belohnung. Maria, die Tochter Eva’s, wurde das Heilmittel für die Mutter, die Ahnfrau eines heiligen Geschlechtes. (1)

Mit den Vätern stehen ganz im Einklang die Schriftsteller des Mittelalters, welche lehren, daß aus derselben Wurzel, aus welcher das Übel sproßte, auch das Heilmittel keimte, damit auf demselben Wege die eingedrungene Pest verscheucht werde, daß Gott an die Stelle der ersten Eva die zweite erweckte, welche durch Glauben, Klugheit und Demut der Erlösungspreis, das Heilmittel und der Ruhm der ersteren wurde, die Tat der alten Jungfrau sühnte, den Schaden ersetzte, die Übeltat auf das Haupt der Schlange zurückführte, statt des Fluches den Segen dem Menschengeschlecht erwirkte und für die Pfeile des Satans unzugänglich war. (2) So ist diese erste Weissagung nicht bloß die allgemeinste, sondern, erfüllungsgeschichtlich betrachtet, auch die allumfassendste und allertiefste. Sie beherrscht die ganze folgende Heilsverkündigung. Mit ihr beginnt nach den Worten des Rupertus das Buch der Kriege des Herrn.

So gestaltet sich denn nach Gottes Erbarmung der Fluch über die Schlange zur Hoffnung und zum Troste der Menschen. Wir sehen hier auf der finsteren Folie des Zorngerichtes Gottes über die Schlange den ersten lichten Strahl erglänzen, welcher die Morgenröte und den kommenden Tag des Heiles und Lichtes verkündigt und in seinen Fittichen die erste frohe Botschaft (Protoevangelium) trägt. Je mehr die Offenbarung an die Menschheit fortschreitet, je näher dieſer Tag des Heiles kommt, desto lichtvoller wird die Prophetie, bis endlich das Erscheinen der Sonne der Gerechtigkeit das letzte Gewölk des Zweifels und der Dunkelheit verscheucht.

Anmerkungen:

(1) Justinus, dial. ce. Tryph. n. 100.; Irenaeus, c. haer. 1. 3. cp. 22; 1. 5. cpp. 18. 19 u. 21.; Cyprianus, test. c. Jud. 1. 2. § 9.; Basilius, or. in Deip. ; Origenes, com. in Matth.; August., serm. 119; serm. 120 in Nat. Dom.; Chrysost., sermo de arb. Int.; Cfr. Hom. in Chr. nat.; hom. 18 in Gen. cp. 3; in Deip. Annunt.; Ambrosius, ad Luc. 1. 2. n. 14.; Epiphanius, adv. haer. 1. 8. haer. 58.; Cyrillus Hier., cat. 12. § 5.; Petrus Chrys., sermo 140 de Virg. Ann.; Tertullianus, lib. de carn. Chr. cp. 17: Procopius Gaz., Com. in Gen. 38.; Joannes Damasc., or. in Deip. nat. u. Dormit.; Ephraemus Syrus, de parad. Eden sermo 4; sermo 1. de nat. Dom.

(2) Tarasius, or. in Deip. praes. Germanus, or. 1. in Deip. Annunt.; Beda Ven., hom. in Deip. Ann.; Anselmus Cant. Cur Deus bomo I. 2. cp. 8; hom. 6 in ev. Luc. u. Tract. de Virg. Conc.; Petrus Damian., sermo 45 in nat. Virg.; Bernardus, hom. 2. sup. Missus n. 2. Sermo de 12 Virg. praecrog. n. 2. Sermo in Virg. nat. n. 6 u. Sermo inf. Oct. Assumpt.; Rupertus, in Cant. can. 1. 2. ;Vgl. hierüber Passaglia, 1. c. Bd. II. S. 830—916. –
aus: Hermann Zschokke, Die Biblischen Frauen des alten Testamentes, 1882, S. 29 – S. 32

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