Feindschaft zwischen Weib und Schlange

Eva, die Ahnfrau des Menschengeschlechtes

Feindschaft zwischen dem Weib und der Schlange

Das Weib wird hier der Schlange gegenüber gestellt, weil dasselbe der Schlange gegenüber den über das Los der Menschheit entscheidenden Schritt getan hat und so als Repräsentantin des ganzen Geschlechtes erscheint, und weil der ethische Charakter der menschlichen Feindschaft gegen die Schlange hervorgekehrt werden soll. Ebenso wie das Weib leicht für die Versuchung empfänglich war, so soll es auch für die göttliche Stiftung der Feindschaft empfänglich werden. Doch die Feindschaft und der daraus sich entspinnende Kampf soll nicht bloß zwischen den beiden Individuen bestehen, sondern er soll permanent sein und durch alle Generationen fortwirken, und zwar zwischen dem Schlangensamen in seiner einheitlichen Totalität und der einheitlichen sittlichen Streitmacht des Weibessamens. Daraus erhellt, daß nur jene Menschen zum echten Weibessamen gehören, welche die Feindschaft des Weibes gegen die Schlange fortsetzen und den Kampf gegen das Böse kämpfen, dagegen jene, welche in entgegen gesetzter Richtung tätig sind, der Gemeinschaft des Schlangensamens (der dämonischen Welt) verfallen. Dieser Kampf soll mit einem Siege enden, welcher auf der Seite des Weibessamens sein wird. „Er wird dir den Kopf zermalmen.“ Das hebräische (Wort) als generis communis läßt drei verschiedene Deutungen zu, die sich nur durch die größere oder mindere Individualisierung von einander unterscheiden, in der Wesenheit aber in einander fließen. In der allgemeinsten Fassung ist das (hebräische Wort) auf den Weibessamen zu beziehen, welcher der Schlange den Kopf zermalmen, d. h. den Satan völlig vernichten wird (so erklärt dieses Wort der hl. Leo). Die im Staube sich windende Schlange soll dem Menschen das Abscheu erregende Bild des Satans beständig vor Augen halten; während die übrige Tierwelt einst an der Freiheit der Kinder Gottes teilnehmen soll (1), bleibt die Schlange nach Isaias (2) im Einklang mit dieser Strafsentenz (alle Tage deines Lebens) fortwährend in tiefster Erniedrigung (3), ein Abbild des Loses des Teufels, welcher, von seiner höchsten Höhe des Himmels herab gestoßen, nun, da er das Maß seiner Bosheit durch Verführung des Menschen vollgemacht, tief unter alle Geschöpfe erniedrigt wurde und in alle Ewigkeit so bleiben wird. Der Sieg wird aber nicht so leichten Kaufes sein, denn die tückische Schlange wird inmitten ihrer Niederlagen durch den Biß in die Ferse des Menschen ihm die Zertretung des Kopfes entgelten.

Mag immerhin der Schlangenbiss in die Ferse auch verderblich werden, so ist derselbe doch nicht sofort tödlich und unheilbar, denn die Ferse des Menschen ist der am wenigsten verletzliche und am leichtesten heilbare Teil des Körpers. Der Weibessame greift die Macht des Bösen in dessen Zentralleben (im Kopfe) an, die Schlange aber greift die Macht des Guten an ihrer äußerlichsten Erscheinung an; aber der Moment, in welchem sie ihren Biß nach der Ferse richtet, ist zugleich der Moment, wo der Fuß zermalmend auf ihren Kopf tritt.

Es ist von Bedeutung, daß der Weibessame im letzten entscheidenden Augenblick nicht dem Schlangensamen, sondern der Schlange selbst gegenüber gestellt wird. Wie nun der Schlangensame am Satan seine Einheit hat, so wird auch der Weibessame in einer Einzelperson seine Einheit haben; dies führt auf die Übersetzung ipse conteret (4), unter welchem Niemand anderer als Christus zu verstehen ist. In Christus und dem Satan wird der Kampf des Weibessamens mit dem Schlangensamen gipfeln und zur Entscheidung gebracht werden. Schon die Worte Eva`s bei der Geburt ihrer Söhne Kain und Seth (5) und des Lamech bei der Geburt des Noe (6) lassen diese Deutung durchblicken, welche aber erst vollkommen nach der Erscheinung des Menschensohnes in’s hellste Licht gestellt wurde, welcher die Werke des Teufels zerstört, über das Reich der Finsternis triumphiert (7) und den Satan unter die Füße Aller getreten hat (8). So soll also in und durch den Nachkommen der Eva, in welchem die ganze Nachkommenschaft des Weibes gipfelt, das ganze adamitische Geschlecht erneuert werden und die ursprüngliche Hoheit und Gottesähnlichkeit wieder erlangen; diejenigen aber, welche an dieser Verheißung keinen Anteil haben wollen, werden der Schlange als Raub anheim fallen und dem Schlangensamen beizuzählen sein (9). Doch auch damit ist der volle Inhalt dieser hoch wichtigen Stelle noch nicht erschöpft. Bedeutungsvoll ist, daß der Sieg über den Satan dem Samen des Weibes, nicht aber dem Samen des Mannes zugeeignet wird, da sonst in der heiligen Schrift der Same dem Manne und nicht dem Weibe zugeschrieben wird. Die Weissagung ist hier in so tiefsinniger Bedeutung angelegt, daß selbst die Form mit der Erfüllung sich deckt. Gleichwie das Weib, zuerst von des Teufels List verführt, der Menschheit die Sünde und den Tod gebracht hat, so soll auch nach den Gesetzen des ewigen Ratschlusses Gottes durch das Weib dem gefallenen Menschengeschlecht der Überwinder des Teufels und des Todes gegeben werden. Damit aber dieser Nachkomme des Weibes nicht an sich selbst den Schlangensamen zu überwinden habe, musste er der Same des Weibes schlechthin sein, also vom Weibe ohne Zutun des Mannes geboren werden, (…) (10), eine im Schoße des Weibes eingesenkte himmlische Schöpfung, ein reiner neuer Adam sein, welcher auf übernatürliche Weise vom Weibe empfangen und geboren werden würde. Da nun wirklich ein jungfräuliches Weib den Schlangentreter geboren hat, so übersetzen die Vulgata und übereinstimmend mit ihr die meisten heiligen Väter (11) dem Sinne nach richtig, daß dieses Weib (ipsa) zwar nicht durch eigene Kraft, sondern durch und mit ihrem Sohne das Haupt der Schlange zermalmen werde. Dieses Weib ist Maria, die jungfräuliche Mutter des Messias. So wie nun Christus als zweiter neuer Adam in Gegensatz tritt zum ersten Adam, so bildet Maria als geistliche Mutter des Menschengeschlechtes, als zweite Eva, den Gegensatz zur leiblichen Stammmutter Eva.

Anmerkungen:

(1) Vgl. meine „Theologie der Propheten“. Freib. 1877. S. 198.
(2) 65, 25.
(3) Vgl. Theologie 1. c. S. 259.
(4) So die LXX u. Thargum.
(5) Gen. 4, 1. 25.
(6) Gen. 5, 29.
(7) 1 Joh. 3, 8; Col. 2, 15; Hebr, 2, 14.
(8) Röm. 16, 20.
(9) Matth. 23, 33 ; Joh. 8, 44.
(10) Gal. 4, 4.
(11) Vgl. C. Passaglia, De immac. Deiparae Semp. Virg. Conceptu. Romae 1854. II. Bd. S. 916 f.

aus: Hermann Zschokke, Die Biblischen Frauen des alten Testamentes, 1882, S. 27 – S. 29

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