Vom Nutzen Heiligenlegenden zu lesen

In einem mit Ranken und Blumen geschmückten Rahmen sieht man in der Mitte die allerheiligste Dreifaltigkeit, Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist; um die Trinität herum scharen sich Engel im oberen Bereich, um Christus die liebe Heiligen Gottes

Das Lesen der Heiligenlegenden ist von größtem Nutzen für den Christen

In den alten Zeiten der christkatholischen Kirche wurden Abschnitte aus dem Leben heiliger Märtyrer und Bekenner während des Gottesdienstes vorgelesen, um durch das Beispiel der Heiligen die Zuhörer zu einem ähnlichen Glaubensmut und heiligen Lebenswandel aufzumuntern und anzueifern. Diese Sitte hat sich bis auf heute in dem Brevier oder den kirchlichen Tagzeiten der Geistlichen erhalten. Es ist also das fleißige und andächtige Lesen der Legende eine Art Gottesdienst. – Wenn du mit Geistessammlung ohne Vorwitz und Neugierde das Leben verschiedener heiliger Diner Gottes liest, so muss dein Herz, ist es anders nicht ganz in das Irdische versunken, gewiß gerührt, erbaut, zur Ausübung der Tugend entflammt werden. Die schönen Tugend-Beispiele der Heiligen haben ja eine gewisse Kraft an sich, das Menschenherz zum Himmlischen empor zu ziehen. – Wenn du liest, wie die heiligen Märtyrer mit freudigem Mut, flammend von Liebe zu Jesus, voll Sehnsucht und Vertrauen nach der himmlischen Krone ihre Glieder den grausamsten Martern, ihren Leib dem schmerzlichsten Tod hingaben, wie, sollst du davon nicht gerührt, sollst du dadurch nicht angeeifert dich fühlen, wenigstens zu verlangen, auch für Jesus zu leiden und zu sterben? Soll dich dies nicht ermuntern, deine täglichen Trübsale und Kümmernisse, Mühen und Plagen in Geduld und aus Liebe zu Jesus zu ertragen? Wirst du dich nicht auch gedrungen fühlen, deine Seele zu retten, wenn du siehst, wie die heiligen Märtyrer dafür selbst ihr geliebtes Leben hingegeben haben, und wirst du nicht ermuntert werden, auch einen guten Kampf zu kämpfen, wenn du siehst, wie eine Unzahl von Christen jeden Alters und Geschlechtes und Standes mutig gekämpft haben gegen Welt, Teufel und Fleisch bis zum Tod?! Es ist kein Stand und kein Alter und kein Geschlecht auf Erden, wovon nicht eine große Zahl nun bei Gott ist und seiner Seligkeit sich freut; und all` diese Heiligen waren Menschen wie du, ebenso zum Bösen geneigt, mit den nämlichen Leidenschaften behaftet, den nämlichen Versuchungen und Gefahren ausgesetzt; haben es diese vermocht, die Krone der Vollendung zu erringen, solltest du es nicht können? Es war auch ihnen der Weg und der Kampf nicht leicht, aber in Hinblick auf Jesus, den Heiligen der Heiligen, auf seine liebreiche Mutter Maria und unterstützt von deren Gnade und Fürbitte, die ihnen niemals gemangelt und auch dir nicht mangeln wird, sind sie den Weg mutig gegangen; haben es viele vermocht, sollte es dir nicht möglich sein?

Wenn du liest, wie den Dienern Gottes immer die Gnade und Hilfe von oben nahe war; und wie sie dadurch ihr Ziel erreicht, so muss dich das wundersam trösten und erfreuen, denn auch mit dir wird Gott sein und seine Hand wird dich leiten! Allerdings möchte dir bange ums Herz werden, wenn du liest, wie heilige Bekenner in die Wüsten sich zurück zogen, in tiefen Höhlen oder auf einsamen Bergspitzen fern von allem Umgang mit Menschen, nur im Umgang mit Gott, ihre Tage verlebt; wie sie nur von elender Kost, von Wurzeln und Kräutern sich genährt haben; es möchte dich ängstigen, wie so viele Diener Gottes, selbst zarte Jungfrauen, reine unschuldige Jünglinge, ihren Leib mißhandelten durch Geißeln, Fasten und Wachen, durch hartes Lager und schmerzliche Bußgürteln; allein das Alles darf dich nicht abschrecken, nach der Heiligkeit zu streben. Denn, merke dir, die Vollkommenheit besteht nicht allein in diesen Strengheiten; die Heiligen fühlten sich zu diesen außerordentlichen Abtötungen von Gott besonders berufen; ihre überaus große Liebe zu Jesus, dem leidenden Heiland, ihre helle Kenntnis von der Sünde und ihrer eigenen Sündhaftigkeit trieb sie zu solcher Strenge an. Von dir fordert Gott zur Heiligkeit keine solche außerordentliche Buße; aber dennoch darfst du nicht meinen, gar keine Mühe, gar keine Leiden für den Himmel dulden zu dürfen. –

Ohne Buße, ohne Abtötung, ohne Selbstüberwindung kannst du kein Heiliger werden, und heilig musst du werden, wenn du in den Himmel kommen willst. Die Heiligen zeigen es dir gar deutlich, wie du dich abtöten, wie du deine Augen, deine Ohren, deine Zunge, deinen Gaumen bezähmen, deinen Stolz, deinen Zorn, deine Trägheit überwinden musst. Hierin aber besteht gerade die wahre Buße, das heißt, den alten Menschen aus- und einen neuen, gottgefälligen Menschen anziehen. – Und wenn du ferner liest, wie so viele Heilige während ihres Lebens Wunder gewirkt und außerordentliche Werke verübt haben, so bedenke, daß auch hierin die Heiligkeit noch nicht besteht. Die Wundergabe der Heiligen war und ist ein reines Geschenk Gottes, und wenn die Heiligen nicht treu der Gnade Gottes mitgewirkt, wenn sie nicht immer gebetet, sich gedemütigt und abgetötet hätten, so würden sie samt den Wundern, die sie gewirkt, doch nicht selig geworden sein. Auch Judas trieb Teufel aus im Namen Jesu und dennoch wurde er verdammt! So siehst du also, mein Christ, daß die besonderen Strengheiten und Bußwerke der Heiligen, die Gabe der Wunder, Weissagung und Entzückung, womit sie Gott begnadigte, nicht zum Wesen der Heiligkeit gehören. O wie viele sind heilig und selig geworden ohne diese besonderen Übungen und Gnaden; ihr Name ist im Buch des Lebens eingetragen, der Welt aber ist er unbekannt!

Wenn du daher das Leben eines Heiligen in der Legende liest und betrachtest, so musst du vor Allem auf die Tugenden, die der Heilige geübt, auf die Art und Weise, wie er sich bekämpft, sich selbst überwunden, wie er die Versuchungen besiegt, welche Mittel er angewendet hat, um vollkommen zu werden, dein Augenmerk richten. Du musst dir jedesmal zu Herzen nehmen das Verlangen der Heiligen nach Vollkommenheit, ihren beständigen glühenden Eifer, ihre feurige Liebe zu Gott, ihre reine Nächstenliebe, ihren Gebetseifer, ihre Wachsamkeit, ihr Vertrauen auf Gott und ihr Mißtrauen auf sich selbst, und dich dann fragen, ob du diese guten Eigenschaften besitzest und im Falle sie dir mangeln, den Vorsatz fassen, hierin die Heiligen nachzuahmen.

Besonders wenn du durch das Lesen der Lebensbeschreibung eines Heiligen besonders im Inneren gerührt und ergriffen wirst, wenn irgend eine gottgefällige Handlung desselben einen besonderen Eindruck auf dich macht, dann halte ein wenig im Lesen inne, seufze und flehe zu Gott, lobe ihn und danke ihm für die Gnaden, die er den Heiligen erwiesen und bitte herzlich, er möge auch dir gleiche Gnade erweisen, und fasse dann den Vorsatz, die Heiligen in ihrem schönen Beispiel nachzuahmen…

O wie viele Christen sind schon durch das Lesen der Legende zu einem frommen, heiligen Lebenswandel ermuntert, in diesem Wandel bestärkt und selig geworden. – Bekannt ist dies insbesondere von den Heiligen, Ignatius und Johannes Columbini, welche beide früher im eitlen Weltleben verstrickt, durch das Lesen der Legende zur Nachfolge Jesu und seiner Heiligen ermuntert, und auch heilig geworden sind. –
aus: Georg Ott, Legende von den lieben Heiligen Gottes, 1853, S. 14 – S. 16

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