Vom Geheimnis der Menschwerdung Christi

Dieses Geheimnis ist der Grundartikel unseres Glaubens

Dieses Geheimnis des Glaubens, daß nämlich Jesus, der Sohn Gottes, aus reiner Liebe zu dem sündhaften Menschengeschlecht, Mensch geworden ist, – dieses Geheimnis ist der Grundartikel unseres Glaubens. Denn ist Jesus, der Sohn Gottes, nicht auch wahrhaft Mensch geworden und gewesen, so hat er auch nicht für uns gelitten, wir sind dann nicht erlöst und wir haben keinen Zutritt zu Gott; Gott ist nicht unser Vater und der Himmel wird uns nicht zu Teil. Ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, nicht zugleich Mensch gewesen, – also Gott und Mensch zugleich in einer Person, dann ist die Kluft zwischen Gott und uns Menschen nichts ausgefüllt; dann dürfen wir uns Gott, dem Allmächtigen, nicht mit kindlicher Liebe nahen; dann haben wir keinen Mittler zwischen Gott und uns; dann können wir nur Gott fürchten, aber nicht Vertrauen zu ihm haben; dann dürfen wir nicht hoffen, daß wir von den Toten einst auferstehen, daß wir in unserem Leib einst im Himmel wohnen. Ist Jesus, der Sohn Gottes, nicht auch Mensch gewesen, also Gottmensch, dann hätten wir kein Vorbild an ihm, dem wir nachfolgen können; dann wäre das heilige Altarssakrament, die heilige Kommuniion, nur eine leere Sache; dann könnten wir nicht das Fleisch und Blut des göttlichen Heilandes genießen und so mit Gott vereinigt werden. Kurz, wenn Jesus nicht auch Mensch geworden, dann ist das ganze Christentum eine Lüge, und wir werden so elend sein, wie die Heiden. –

Du siehst also, christlicher Leser, warum der heilige Flavian gegen den Ketzer Eutyches, der die Menschwerdung des Sohnes Gottes leugnete, so sehr eiferte.

O danke Gott recht innig und herzlich, daß du ein Glied der heiligen, römisch-katholischen Kirche bist, die da glaubt und lehrt, daß Jesus der Sohn Gottes aus Maria der unbefleckten Jungfrau Fleisch angenommen hat, um als Gottmensch für uns leiden und sterben, uns von der Sünde und ewigen Verdammnis erlösen zu können. Die Menschwerdung Jesu ist das größte Geheimnis der Liebe Gottes. Um uns an dieses Geheimnis zu erinnern, wird daher dreimal am Tage mit der Betglocke das Zeichen gegeben, damit wir der unendlichen Liebe Gottes in der Menschwerdung seines Sohnes gedenken, und ihm dafür danken. Wenn du daher, christliche Seele, zum Gebet läuten hörst, o so falle nieder auf die Knie, bete Gottes Weisheit und erbarmende Liebe an und versprich, ihn zu lieben von ganzem Herzen und aus ganzer Seele; denn Jesus verlangt für Alles, was er für dich getan, nichts anderes als dein Herz! Wenn du alle Tage, Früh, Mittags und Abends das Gebet:

„Der Engel des Herrn“

betest, kannst du alle Monat an einem beliebigen Tag einen vollkommenen Ablass gewinnen.

Gebet.
O mein Jesus, Sohn des lebendigen Gottes, ich glaube, daß du für mich Mensch geworden bist, um mich zu erlösen, um mich zum Kind deines himmlischen Vaters, zum Erben deines Reiches, zu machen. Ich will diesen Glauben bewahren, er ist mein Trost und meine Hoffnung im Leben und im Sterben. Amen. –
aus: Georg Ott, Legende von den lieben Heiligen Gottes, Bd. 1, 1904, S. 241 – S. 242

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