Unsere Liebe Frau von Fournes in Frankreich

Eine Prozession christgläubiger Katholiken zu einem Gnadenort der Muttergottes Maria: angeführt von einem Jungen, der das Kruzifix hält, gefolgt vom Priester mit den Messdienern und dem gläubigen Volk

Gnadenorte der hohen Himmelskönigin Maria

Unsere Liebe Frau, die Gottesmutter Maria, sitzt, umringt von vielen Heiligen, in der Mitte, ihren Sohn Jesus auf dem Schoß, eine Lilie in der linken Hand; unter ihr ist das Häuschen zu sehen, daß von Engeln zum Gnadenort Loreto getragen wird

Unsere Liebe Frau von Fournes (*)

Fournes (**) ist ein Dorf, welches auf dem Wege von Lille nach La Bassée liegt. Nach alten Landkarten zu schließen, scheint es, daß dieses Dorf ehemals Fornes geheißen habe… Schon seit dem vierzehnten Jahrhundert war die Pfarrkirche von Fournes berühmt wegen der Gnadenbezeigungen, welche die heilige Jungfrau dort den Gläubigen spendete. Die verschiedenen Schenkungen, die man dem Heiligtum der heiligen Jungfrau aus Dankbarkeit für die empfangenen ausgezeichneten Gnaden darbrachte, waren zahlreich und beträchtlich. Sie bestanden nicht nur in künstlich gestickten Verzierungen, in goldenen und silbernen Gefäßen, bei welchen das Talent des Künstlers mit dem Reichtum des Stoffes wetteiferte, sondern es waren auch noch Landgüter, Gärten, Zehnte, bedeutende Einkünfte.

Maria spricht auch von einem umfangreichen Reliquien-Kästchen, welches Haare der heiligen Jungfrau, einen Teil ihres Kleides, ihres Schleiers, den ganzen Arm eines Märtyrers und eine Menge anderer kostbarer Reliquien enthalten sollte.

Um diese kostbaren Schätze dem Geiz und der Gottlosigkeit der Ketzer und Aufrührer zu entziehen, war man oft genötigt, dieselben in ferne Gegenden zu bringen. Dennoch hatte man keinen Zweifel über die Echtheit dieser Reliquien.

Bei einem Besuch der Kirche von Fournes hatte der Bischof von Arras, Hermann Ottenberg, und etwas später Paul Boudet, dessen Nachfolger auf dem bischöflichen Sitz, diese Reliquien verehrt, und auch die öffentliche Verehrung derselben gut geheißen. So viele vorzügliche Reliquien konnten nur im Laufe der Jahrhunderte gesammelt werden, und ihre Vorhandensein bezeugt auch das Alter der Verehrung, welche man dort der Mutter Gottes widmete. Man findet übrigens, daß Fournes mit einer Kirche schon am Anfang des elften Jahrhunderts bestand. Im Jahre 1046 wurde sie von Gerhard, Bischof von Cambrai und Arras, gegen die Entrichtung eines geringen Grundzinses an die Abtei von Cateau abgetreten. Die Reichtümer U. L. Frau von Fournes, und die Verehrung, welche die Völker ihrem Gnadenbild erwiesen, mussten eine doppelte Lockspeise für die Raubgier und gotteslästerliche Wut der Ketzer jenes Landes sein, die sich selbst den Namen „Geusen“, d. h. „Bettler“ beilegten.

So geschah es denn, daß diese Ketzer i. J. 1566 ihre Schritte nach der Kirche von Fournes lenkten, nachdem sie vorher die Kirche von Armentiére verheert und die Landschaft Lille verwüstet hatten. Die Pforten des Tempels wurden eingeschlagen, die Reliquien-Kästchen erbrochen, die heiligen Gebeine zerstreut, die zahllosen Votivtafeln, mit welchen die Dankbarkeit der Gläubigen das Marienbild umgeben hatte, sowie jene an den Wänden des Heiligtums wurden heraus gerissen und in Stücke zerschlagen. Sogar die wunderbare Statue selbst wurde aus ihrer Nische fort genommen; aber sie erlitt nicht das Schicksal der anderen Bilder. Es gelang den Bewohnern von Fournes, sie den Verheerungen der neuen Bilderstürmer zu entziehen.

Man erzählt sich, daß, nachdem diese mit ihrer köstlichen Bürde bis in eine Entfernung von doppelter Schussweite angelangt waren, sie nicht mehr weiter konnten. Das heilige Bild wurde in den Armen dieser kräftigen Männer so schwer, daß sie gezwungen waren, es an diesem Ort zu lassen. Nach dieser unseligen Zeit holten dieselben Männer das verehrte Bild Mariens wieder und stellten es auf ihren Altar zurück.

Sechzehn Jahre nachher erneuerte U.L. Frau von Fournes dasselbe Wunder auf ähnliche Art. Der Kirchen-Turm wurde mit solcher Gewalt vom Blitz getroffen, daß dort eine heftige Feuersbrunst entstand, bei welcher die Glocken schmolzen und der Turm nieder brannte. Fünf oder sechs der kräftigsten und entschlossensten Männer eilten zur Kapelle der heiligen Jungfrau, um ihr Bild zu retten; aber vergebens vereinigten sie alles, was die Stärke und Kraft ihrer Arme zu leisten vermochte – trotz aller Anstrengungen gelang es ihnen nicht, sie von ihrer Stelle fort zu bewegen.

Da ward es ihnen klar, daß die Königin der Engel sich selbst von dieser Feuersbrunst befreien wollte, um ihren Ruhm zu verherrlichen, – und wirklich blieb sie auch unversehrt.

Der nähere Bericht über alle von U. L. Frau von Fournes gewirkten Wunder ist nicht zu uns gekommen; wir kennen selbst nur etwas umständlicher eine kleine Anzahl von jenen, welche sich seit der Erfindung der Buchdruckerkunst ereignet haben, und mithin leichter der Vergessenheit entzogen werden konnten. Ich erzähle sie, wie wir sie bei den Chronikschreibern des Landes aufgezeichnet finden.

… Einige Jahre später gerät ein Mann, welcher eine große Verehrung für U.L. Frau von Fournes hatte, in die Hände von vier Bösewichten, die ihn mit höchster Erbitterung mißhandelten. Er leidet 52 Stockschläge, wovon jeder eine Spur zurück läßt, und sehr viele durch Waffen versetzte Wunden. In dieser äußersten Not ruft er die zu Hilfe, welche er alle Zeit anflehte, und nicht vergebens. Kein einziger Streich, nicht eine einzige Wunde ist tödlich. Und so kommt dieser Mann mit Quetschungen und Wunden davon, von denen keine gefährlich war.

Ganz besonders hilfreich bezeigt sich U.L. Frau von Fournes gegen Frauen in Kindesnöten und tot geborenen Kinder. Was die ersten anbelangt, so kam man vier bis sechs Meilen weit herbei, um vor ihrem Heiligtum zu beten und die Anzahl der Kinder wäre nicht zu zählen, welche ohne die Gnade der hl. Taufe verschieden sind, zu den Füßen ihres Bildes aber das Leben wieder erlangt und ihr die Wohltat der Wiedergeburt verdankt haben.
Gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts bewahrte man in der Kirche von Fournes eine Wachskerze auf, welche von Zeit zu Zeit angezündet wurde. Sie war so schwer wie ein neugeborenes Kind, und von einer Mutter dargebracht, deren bei der Geburt gestorbenes Kind durch die Fürbitte U. L. Frau zu Fournes das Leben wieder erlangt hatte.

In gleicher Zeit brachte eine Familie zu Lille jedes Jahr zwei Blumenkränze, einen für U.L. Frau, den andern für ihren göttlichen Sohn aus Dankbarkeit für eine empfangene ähnliche Wohltat. Zweihundert Jahre waren verflossen, seitdem sie diese Gnaden genossen, aber die Kinder fuhren fort die Schuld ihres Vaters abzutragen; denn die Zeit hatte die Gefühle der Dankbarkeit von denen diese Familie durchdrungen war, nicht vermindert.
Alle diese Wunder zogen eine große Menge Wallfahrer nach Fournes; sie kamen nicht nur aus den Niederlanden herbei, sondern in Friedenszeiten aus allen Gegenden Frankreichs. Jedes Jahr begab sich die Bevölkerung von La Bassée in Prozessionen nach Fournes, um dort das Bild der Mutter Gottes zu verehren. Das Kreuz und reiche Fahnen voran tragend, zog das Volk in zwei Reihen in schöner Ordnung und andächtig singend, zur Kirche.

Die Stadt Armentiere bot auch mehrere Male dieses rührende Schauspiel dar. Die umliegenden Dörfer kamen zu gewissen Zeiten, sogar zwei bis drei Meilen weit herbei, die Geistlichkeit im reichsten Schmuck führte das Volk bei feierlicher Musik und geistlichen Gesängen an. Vom frühen Morgen bis Mittag wechselte ein Priester nach dem andern am heiligen Altar ab, um der Andacht der Wallfahrer, von denen die Kirche nie leer wurde, Genüge zu leisten.

Ein Geschichtsschreiber berichtet uns, daß die heilige Jungfrau von Fournes seit der im Jahre 1642 stattgefundenen Feuersbrunst, bei welcher die Kirche abbrannte, verschwunden ist; die Statue, welche man dort heut zu Tage verehrt, ist jene, die an die Stelle des alten Bildes gesetzt wurde.

Zur Zeit der Revolution war die Kirche aller ihrer Verzierungen, ihrer heiligen Gefäße, ihrer Kanzel und Beichtstühle beraubt worden; und o Wunder! Das Heiligenbild ist in seiner Nische geblieben; die Entweiher haben es nicht berührt; unter dessen Augen, zu dessen Füßen haben sie ihre Versammlungen abgehalten und die Feste der Göttin der Vernunft gefeiert. Dieses Bild ist von Holz; die heilige Jungfrau wird auf einem Thron sitzend dargestellt; sie ist mit einem königlichen Kleid angetan, in der rechten Hand hält sie einen Zepter, in der linken trägt sie das göttliche Kind. Vor der Revolution von 1793 befand sich die Kapelle der hl. Jungfrau am äußersten Ende des Seitenganges zur Linken; in Folge von Ausbesserungen und neuen Bauten ist dieses Schiff das Hauptschiff und das verehrte Gnadenbild ragt jetzt über dem Hochaltar empor. –
aus: Georg Ott, Marianum Legende von den lieben Heiligen, Zweiter Teil, 1869, Sp. 2670 – Sp. 2674

(*) im Original bei Georg Ott heißt es: U.L. Frau von Fournes in Belgien

(**) Fournes-en-Weppes

Category: Gnadenorte, Ott
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