Die Todsünde ist das größte unter allen Übeln

Das Bild zeigt die Sünde und ihre Folgen: Gottvater, ein Engel mit dem Flammenschwert zu Eva gewandt, ein anderer Engel mit einem Zweig zu Maria gewandt

Die Todsünde ist das einzige und alleinige Übel

Betrachtung über die Todsünde.
(Aus dem Franz. des ehrw. P. L. Bourdaloue S. J.)

»Du sollst inne werden und einsehen, wie böse und bitter es ist, daß du den Herrn, deinen Gott, verlassen, und die Furcht vor Ihm nimmer bei dir ist.« Jerem. Kap. 2, Vs 19.

Was ist die Todsünde? Sie ist das größte unter allen Übeln, ja, sie ist das einzige und alleinige Übel! Denn alle anderen Übel, außer der Sünde, sie sind nicht schlechterdings Übel; Krankheiten, Armut, Unfälle, Trübsale. Sie alle sind den göttlichen Absichten zufolge, und wenn ich sie so, wie Gott es haben will, aufnehme, anwende und gebrauche, keineswegs Übel, sondern vielmehr Güter; die Sünde allein ist ein Übel (1), welches Gott nicht gemacht hat, und auch nicht machen kann, weil sie ein wesentliches Übel ist. Die Todsünde ist das allerhöchste Übel, gleichwie Gott das allerhöchste Gut ist, und eben deswegen muss sie über Alles verabscheut werden, gleichwie Gott über Alles geliebt zu werden verdient. Dieses ist das Maß des Hasses, welchen ich gegen die Todsünde hegen soll; ich soll sie nämlich ebenso sehr hassen, als ich Gott liebe. Wenn in der Welt irgend etwas gefunden würde, was ich ebenso sehr liebte, als ich Gott liebe, so würde ich Gott nicht mehr als Gott lieben, und wenn ich mich vor einem anderen Übel ebenso sehr, oder auch wohl noch mehr, als vor der Todsünde fürchtete, so würde ich sie weder so sehr hassen, noch so sehr fliehen, als ich sie zu hassen und zu fliehen verpflichtet bin. (2) Um mit dem höchsten Abscheu vor der Todsünde erfüllt zu werden, muss ich besonders dies beherzigen, daß sie eine ausdrückliche und offenbare Verachtung Gottes (3), und ein ganz entschiedenes Vorziehen der Kreatur vor Gott ist, — ein Vorziehen, welches darin besteht, daß der Sünder, weil er sich genötigt sieht, entweder seinen Lüsten zu entsagen, oder die Gnade Gottes zu verlieren, lieber die Gnade Gottes verlieren, als seinen sündlichen Lüsten entsagen will. Es ist dem Sünder durchaus nicht unbekannt, daß Gott über alle erschaffenen Dinge unendlich erhaben ist; aber eben dies macht ihn um so strafbarer, weil er es nur zu dem Behufe weiß, um Gott, den Allheiligen und Allgütigem desto schwerer zu beleidigen, indem er durch seine ganze Handlungsweise eine niedere, elende Kreatur seinem Herrn und Gott vorzieht.

Unter solchen Umständen darf ich mich denn auch über vier Wahrheiten keineswegs verwundern, welche nach der heiligen Schrift ebenso gewiß, als erschrecklich sind, nämlich erstens, daß Gott um einer einzigen Sünde des Stolzes, der Hoffart (4) willen den Luzifer mit seinem ganzen Anhang, die zu Seinen edelsten Geschöpfen, welches die Engel sind, gehörten, vom Himmel in den tiefsten Abgrund herab gestürzt, und daß, nachdem die Sünde aus ihnen Teufel gemacht, Er sie, ohne ihnen Zeit zur Buße zu lassen, auf ewig der ganzen Strenge Seiner Gerechtigkeit übergeben hat (5). Welch ein erschreckliches Beispiel! Und was für eine Folgerung soll ich aus diesem erschütternden Beispiele ziehen? Diese: Wenn Gott jener abtrünnigen Engel nicht verschonet hat, kann ich da mir wohl irgendwie Hoffnung machen, daß Er meiner verschonen werde?« (6) – zweitens, daß Gott um eines einzigen Ungehorsams willen die ersten Menschen aus dem irdischen Paradiese vertrieben (7), daß Er ihnen alle Vorrechte des Standes der Unschuld genommen, daß Er Adam und Heva, wie ihre ganze Nachkommenschaft zum Tode verurteilt hat, daß wir insgesamt zur Strafe für diese einzige Sünde als Kinder des Zornes geboren werden, und daß wir auch ohne eine andere Sünde, als eben diese, als Kinder des Zornes allem Elend dieses Lebens unterworfen, ja sogar von dem Reiche Gottes ausgeschlossen sind. (8) Welch’ eine Strafe! Und doch sind die Gerichte Gottes billige und gerechte Gerichte, ja, die Billigkeit und Gerechtigkeit selbst! – drittens, daß, um für diesen Ungehorsam zu büßen, der ewige Sohn des ewigen Gottes Mensch werden und Sich auf das Allertiefste erniedrigen musste, weil nur einzig und allein die Erniedrigungen eines Gottes das Unrecht wieder gutzumachen vermochten, welches Gott durch die Sünde zugefügt worden war (9); – viertens, daß Gott für eine Sünde, welche in einem Augenblick begangen wird, eine Ewigkeit von Strafen vorbereitet hat, und daß diese ewigen Strafen doch in durchaus richtigem Verhältnis zu der Sünde stehen. Dieses lehrt mich die heilige Schrift. Wenn es nun auch sogar unter den Christen Ungläubige gegeben hat, welche diese Wahrheiten nicht haben einsehen wollen, so ist es daher gekommen, weil sie weder die Bosheit der Todsünde (10) hinlänglich eingesehen, noch auch genugsam begriffen haben, daß die Sünde das allerhöchste Übel Gottes ist. Habe ich selbst es wohl so eingesehen, wie ich es einsehen sollte? Wäre es geschehen, würde ich dann wohl bis zu diesem Augenblicke hin gegen die anderen „Übel“ so empfindlich, in betreff dieses Übels dagegen so gleichgültig gewesen sein?

Durchaus notwendig ist es ferner, daß ich klar es einsehe, wie die Todsünde das allerhöchste Übel des Menschen (11) sei, weil sie ja den Menschen der Freundschaft Gottes beraubt (12), weil sie ihn gänzlich von Gott trennt, weil sie eben dadurch ihm das kostbarste Leben raubt, welches das Leben der Gnade ist, und ihm dagegen den allerkläglichsten Tod, – den Tod der Seele (13) bereitet. Die Gnade, welche der Gerechte besaß, sie war in ihm die Quelle des übernatürlichen Lebens; sobald er also diese Gnade verliert, so ist er vor Gott tot. (14) Deswegen darf ich mich denn auch nicht über zwei andere Wahrheiten verwundern, welche ebenso unbestreitbar und ebenso erschrecklich sind; erstens, daß die Todsünde die Seele aller Verdienste beraubet (15) welche sie erlangt haben konnte, als sie sich in dem Stande der Gnade befand; wenn ich auch wirklich unermeßliche Schätz von Verdiensten für den Himmel gesammelt hätte, und wenn ich ebenso heilig, als die Apostel wäre, so habe ich doch, sobald ich eine Todsünde begehe, Alles verloren; diese Verdienste, sie werden nun zwar wieder aufleben können, wenn ich mich wiederum mit Gott aussöhnen werde; bis dahin aber sind sie in Ansehung meiner verloren, und wenn ich in diesem Zustande sterben sollte, so wird Gott ihretwegen mir keinen Lohn zu Teil werden lassen; denn ich bin alsdann ja ein Feind Gottes, von einem Feind aber; da nimmt Gott, der Herr, nichts an! – zweitens, daß die an sich tugendhaftesten und heiligsten Handlungen, wenn sie im Zustande der Todsünde vollbracht werden, vor Gott nichts gelten, und daß sie für die selige Ewigkeit von keinem Wert sind; wenn ich auch alle Tage ununterbrochen im Gebet zubrächte, wenn ich auch alle jene Bußwerke der strengsten Einsiedler übte, und alle Werke der Gottseligkeit und der christlichen Liebe verrichtete, so sind doch diese alle nur tote Werke, weil ich mich selbst in dem Zustand des Todes befinde (16); fruchtlose Werke sind es, für welche ich eine Belohnung durch aus nicht erwarten darf; was für eine Barmherzigkeit mir Gott hernach auch erweisen könnte, so werden doch diese toten Werke sich niemals unter denen befinden, welche Er in der seligen Ewigkeit dereinst krönen wird. Sind es indessen ganz und gar unnütze Werke? Keineswegs Vielmehr sind sie mir gar sehr nütze, den Stand der Sünde zu verlassen, sehr nütze, um mich anzuregen, zu Gott wieder zurück zu kehren, sehr nütze, Gott den Herrn dazu zu vermögen, die Gnade der Bekehrung mir angedeihen zu lassen; so lange übrigens die Todsünde aber noch nicht vertilget ist, steht es auch fest, und bleibt unumstößlich wahr, daß ich mit der Ausübung dieser Werke nichts verdiene, und daß sie mir keinerlei Anrecht auf das himmlische Erbteil verschaffen. Welche Armut, welches Elend! –

Entsetzlich ist vor Gott (17) die Sünd’,
Sie stürzt in ewig tiefe Schlünd’! (18)
Sie ist, o hör’s und glaub`s der Schrift! (19)

Sie ist ein furchtbar tötend’ Gift.
Herr! steh’ mir armen Sünder bei,
Mach’ mich von allen Sünden frei!

Aufruf zur Buße.

(Nach dem hl. Ephräm dem Syrer, von P. P. Zingerle)

Laß dich, o Mensch! betören nicht,
Damit nicht plötzlich über dich
Herein, gleich einem Riesen, bricht
Dein End’, und Alles nimmt mit sich!

In steter Buße finde dich
Der Tod, im Kampf der Heiligkeit!
Im Glaubenskampfe ende sich
Dein Dienst hier, deine Lebenszeit!

Sieh’ wie der Fechter auf der Bahn
Sich um die ird’sche Krone müht!
So streng’ denn desto mehr di an
Um jene Kron’, die nie verblüht!

Bis du gesiegt hast, hör’ dein Streit
Mit uns’rer Seelen Feind nicht auf!
»Die Krone der Gerechtigkeit«
Schmück’ endlich deinen Lebenslauf!

Bist du bekehrt, und bist du rein,
O stürz’ nicht wieder in den Kot,
Geh nicht mehr in die Schlingen ein,
Befreit einmal aus Kerkers Not!

(1) „Die Sünde benimmt deinem Geiste den Aufblick zu der Wahrheit, und bedeckt das Auge deines Verstandes mit schauerlichem Dunkel“; „gleichwie ein Spiegel von rostigem Metalle das Bild der Gegenstände nicht aufnimmt, so nimmt auch der Geist, wenn er in Sünde versunken ist, die Eindrücke Gottes nicht auf“; „die Sünde ist ein Nebel, welcher das Auge des Geistes verdunkelt, und die Klarheit der Sonne verhüllt; sie verfinstert die Seele, und beraubt sie der Fähigkeit, die Strahlen des himmlischen Lichtes aufzunehmen“. (St. Theophilus)
(2) „Diejenigen, welche Sünde und Unrecht tun, sind Feinde ihrer Seele.“ Tobias, Kap. 12, Vs 10.
(3) Die Todsünde „vereitelt alle heiligen Absichten Gottes, sie vernichtet, so weit sie es vermag, die Absichten und das kostbarste Blut des Erlösers, und macht die heiligen Sakramente, die Gnade, die Lehren, das göttliche Wort, und all’ die Verheißungen Gottes wirkungslos.“ (Der ehrw. Humbert)
(4) „Die Hoffart ist der Anfang aller Sünde.“ Ecelesiastic. Kap. 10, Vs 15.
(5) „Gott hat der Engel, welche sich versündigten, nicht geschont, sondern mit Ketten der Hölle sie in den Abgrund gezogen, und der Pein übergeben, um sie zum Gericht aufzubewahren.“ 2. Petr. Kap. 2, Vs 4. (Jud . Vs 6).
(6) „Trübsal und Angst über eines jeden Menschen Seele, welcher Böses tut!“ „Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person.“ (Röm. 2, 9. 11.) „Der Herr weiß“ „die Ungerechten auf den Tag des Gerichts zur Strafe aufzubewahren.“ (2. Petr. 2, 9.)
(7) 1. Mos. Kap. 3, Vs 23-24. „Nur durch Gerechtigkeit und Heiligkeit können wir das »Paradies« geistiger Weise wiedererlangen; hüten wir uns vor der Schlangenlist des Satans, welcher immer durch Fleischeslust, Augenlust, und Hoffart zu verführen sucht, dann werden wir in Glauben und Buße Anteil haben an dem „Baume des Lebens“, welcher ist Christus (Offenbar. 2, 7.)!“ ,,Nur wenn wir den Schmerz der Selbstverleugnung, welcher in der treuen Befolgung des Gesetzes liegt, überwinden, dringen wir geistiger Weise wieder in das Paradies ein, zum Baume des Lebens.“ (Allioli.)
(8) Röm. Kap. 5, Vs 12-19.
(9) „Um zu erkennen, welch ein Übel die Sünde sei, habe ich einen anderweitigen Beweis gar nicht mehr nötig; denn ich erkenne deutlichst aus der Größe der Arznei die Größe meiner Wunde; da das Heilmittel so überaus kostbar war, so sehe ich klar es ein, wie schwer, wie gefährlich meine Krankheit gewesen ist.“ (St. Bernardus.)
(10) „Obgleich der Sünder im Werke, durch die Tat nicht zu schaden vermag, so tut er es doch im Willen, und würde Gott Selbst gern töten, damit Er seine Sünden nicht sehen, nicht wissen, und also auch nicht strafen könnte.“ (St. Bernardus)
(11) „Nimmer vermag ich es zu verstehen und zu begreifen, wie ein Mensch, der mit einer Todsünde belastet ist, jemals heiter sein, jemals an irgend einer Sache Freude habe könne, da eine Seele einerseits mit so schwerer Schuld beladen, andererseits aber alles überirdischen Schmuckes, aller Verdienste für den Himmel, beraubt ist.“ (St. Thomas von Aquin)
(12) „Du beweinest einen Leib, welchen die Seele verlassen hat, eine Seele aber, von welcher Sich Gott zurückgezogen hat, ach, sie beweinest du nicht!“ (St. Augustinus.)
(13) „Die Sünde ist der Tod der unsterblichen Seele.“ (St. Basilius, der Große)
(14) „Wer ist wohl mehr tot, als ein Solcher, welcher Feuer im Schoße trägt, die Sünde im Gewissen hegt, und weder etwas davon fühlt, noch darüber erschrickt, noch auch sie von sich stößt.“ (St. Bernardus)
(15) „Der Sünder verliert die Seligkeit, wozu er erschaffen ist, und findet das Elend, wozu er nicht erschaffen ist.« (St. Augustinus)
(16) „O welch eine schauervolle Begebenheit! Wenn du auf`s Strengste fastest, ein völlig abgetötetes Leben führest, ohne Unterlaß betest, bitterlichst weinest, durchaus enthaltsam lebest, und dies Alles vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre lang ganz genau vollbringest, dann aber eine einzige schwere Sünde auch nur in Gedanken begehest, so hast du all’ dein Verdienst auf einmal verloren, einem Kaufmann gleich, welcher die reichsten Schätze sich gesammelt hat, den Gefahren des Meeres glücklich entgangen ist und bereits dem sichern Hafen sich nähert, aber – im Angesicht seiner heiß ersehnten Vaterstadt Schiffbruch leidet, und Alles verliert.“ (St. Basilius, der Große)
(17) „Der Höchste hasset die Sünder, und vergilt den Gottlosen“ (Ecclesiastic. 12, 7.) „Du hassest, o Herr! Alle, welche Böses tun.“ (Psalm 5, 7.) „Die Seele, welche sündigt, sie soll sterben.“ (Ezech. 18, 20.)
(18) „Wenn wir vorsätzlich sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit erlangt haben, so wartet unser ein schreckliches Gericht und eiferndes Feuer, welches die Widerspenstigen verzehren wird.“ (Hebr. 10, 26 – 27.)
(19) „Der Sold der Sünde ist der Tod.“ (Röm. 6, 23.) „Die Sünde, wenn sie vollbracht ist, gebiert den Tod.“ (Jakob. 1, 15.) – „Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ (Hebr. 10, 31.) –
aus: Misereri mei Deus, Vollständiges Beicht-Büchlein für fromme Christgläubige jedes Standes und Alters, 1867, S. 12-21

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