Die Sibyllen im heiligen Haus in Loreto

Eine Prozession christgläubiger Katholiken zu einem Gnadenort der Muttergottes Maria: angeführt von einem Jungen, der das Kruzifix hält, gefolgt vom Priester mit den Messdienern und dem gläubigen Volk

Die Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau nach Loreto

Unsere Liebe Frau, die Gottesmutter Maria, sitzt, umringt von vielen Heiligen, in der Mitte, ihren Sohn Jesus auf dem Schoß, eine Lilie in der linken Hand; unter ihr ist das Häuschen zu sehen, daß von Engeln zum Gnadenort Loreto getragen wird

Der Gnadenort Loreto in Italien – Die Sibyllen am heiligen Haus in Loreto

An der Stelle, wo die heiligen Engel zum letzten Mal das heilige Haus von Nazareth nieder ließen (siehe den Beitrag: Die Übertragung des heiligen Hauses nach Loreto), erhob sich bald die Stadt und prachtvolle Kirche von Loreto. Die Stadt zeigt sich dem Pilger von Ferne anmutig auf der Fläche eines grünen Hügels. Über die Stadtmauern erhebt sich de schlanke Turm und die majestätische Kuppel der Wallfahrtskirche. Auf dem römischen Tor steht eine Bildsäule der Mutter Gottes, daneben die Bildsäulen zweier Propheten, um anzuzeigen, daß Maria, die von den Propheten verkündigte Jungfrau, Königin der Stadt sei. Eine große breite Straße, die einzige der Stadt, führt zur Kirche. Sie ist auf jeder Seite mit Buden für die Kaufleute besetzt, welche Rosenkränze, Bilder, Medaillen und andere Gegenstände der Andacht an die Pilger verkaufen. Durch ein herrliches Tor, dessen Tür von Bronze ist, tritt man in den prachtvollen, mächtigen Tempel, in dessen Mitte unter der zu den Lüften sich hebenden Kuppel das heilige Haus in einer aus dem schönsten Marmor gebauten Kapelle steht.

Die Basilika von Loreto mit dem schlanken Turm ist aus der Perspektive eines großen Torbogens zu sehen

In diesem Haus nun – das sind die Gedanken eines jeden Pilgers, der es betritt – wohnte einst eine demütige Jungfrau; sie war darin geboren, sie lebte darin, es war das Haus ihrer Väter, und diese Jungfrau hieß – Maria.

Der Engel grüßte sie mit tiefer Ehrfurcht und verkündigte ihr die erhabene Wahl, welche Gott mit ihr getroffen, und Maria neigte ihr jungfräuliches Haupt, und das Wort ward Fleisch in ihrem schoß in diesem Hause!

Und das göttliche Wort, Jesus Christus, der die Welt erschuf und wieder erneuerte, wohnte in einer sichtbaren Gestalt unter den Menschen, und lebte mit Maria und Joseph in diesem Hause, und war ihnen untertan!

Und dies Haus ist da. Da ist die Türe, über deren Schwelle Jesus so oft gegangen, da sind eben die Mauern, die seine Arbeit, seinen Gehorsam, seine Armut gesehen, die seine göttliche Stimme gehört haben, die Stimme seiner Mutter, die Stimme seines Nährvaters!

Am Altar, wo schon die Apostel, wo so viele heilige Priester das erhabene Opfer dargebracht haben, stehen mit großen, goldenen Buchstaben die Worte:

HIC VERBUM CARO FACTUM EST.
„Hier ist das Wort Fleisch geworden.“

Die Kirche selbst, in welcher das heilige Haus steht, hat Papst Paul II. († 1471) aus dem reichlichen Opfer der zahlreichen Pilger in ihrer jetzigen herrlichen Gestalt gebaut. Sie bildet ein lateinisches Kreuz, in dessen Mittelpunkt die prächtige Kuppel sich erhebt, welche das heilige Haus bedeckt. – Zwölf Seitenaltäre bilden gleichsam die Straße zum Hause Mariä, und neun Altäre umgeben es. Jeder der Seitenaltäre ist mit den herrlichsten Kunstdenkmälern geschmückt. Das heilige Haus ist eine Kapelle vom schönsten Marmor gleichsam eingehüllt. Auf allen Seiten sind die Flächen des Marmors mit den kunstvollsten Gemälden bedeckt, welche auf das Geheimnis der Menschwerdung Bezug haben. – Eine herrliche Säulenreihe umgibt das heilige Denkmal. – Zwischen je zwei Säulen stehen in Nischen die Bildsäulen eines Propheten und einer Sibylle.

Die zehn Sibyllen und ihre Weissagungen

In der ersten Nische steht die hellespontische Sibylle, deren Weissagung also lautet: „Eines Tages, als ich betrachtete, sah ich eine Jungfrau, die wegen ihrer Keuschheit zu einer ausgezeichneten Ehre erhöht ward. Der Allerhöchste hat sie dieses Geheimnisses für würdig erachtet; sie wird der Welt einen Sprößling vom Glanz strahlend gebären; denn er wird wahrhaftig der glorreiche Sohn des Herrn des Donners sein, und die Welt im tiefsten Frieden regieren.“ Neben dieser Sibylle steht der Prophet Isaias, welcher also weissagt: „Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sein Name wird Emmanuel heißen.“ (Isai. 7, 14)

In der zweiten Nische steht die phrygische Sibylle; ihre Weissagung lautet: „In den Schoß einer Jungfrau wollte Gott selbst seinen Sohn herab kommen lassen, welchen der Engel dieser erhabenen Jungfrau ankündigen wird.“ Neben ihr spricht der Prophet Daniel: „Die siebenzig Wochen sind abgekürzt worden, damit die Missetat zerstört werde, und der Heilige der Heiligen die Salbung empfange.“ (Dan 9, 24.)

Eine Zeichnung der Tiburtinischen Sibylle, die von einem Greis befragt wird; in den Wolken am oberen linken Rand sind Gestalten Engeln ähnlich zu sehen

Hierauf folgt die Tiburtinische Sibylle, welche also weissagt: „Ich konnte die heilige Jungfrau zeigen, deren Schoß im Lande Nazareth denjenigen empfangen wird, der, Gott im Fleisch, sich auf den Feldern Bethlehems sehen lassen wird.“ Der daneben stehende Prophet Amos spricht: „An jenem Tage werde ich das Zelt Davids errichten.“ (Amos 9, 11)

Dann kommt die Sibylle Libyens, die also singt: „Der Tag kommt, wo der Fürst der Ewigkeit, die erfreute Erde erleuchtend, die Verbrechen der Menschen tilgen wird. Er wird Allen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der heilige König, welcher zu allen Zeiten lebt, wird im Schoß der Königin der Welt ruhen.“ – Unterhalb ist der Prophet Jeremias, dessen Weissagung lautet: „Der Herr auf der Erde ein neues Wunder geschaffen, ein Weib wird einen Mann in ihrem Schoß tragen.“ (Jer. 31, 22)

Nun sieht man die Sibylle von Delphi, welche zugleich den Sohn und die Mutter verherrlicht: „Empfangen im Schoß der Jungfrau, wird er ohne einen sterblichen Vater geboren werden.“ Ihr an der Seite spricht der Prophet Ezechiel: „Ich will meinen Schafen einen einzigen Hirten erwecken, der sie auf die Weide führen wird.“ (Ezech. 34, 23)

Hierauf folgt die Sibylle von Erythrea, deren Voraussage so lautet: „Ich sehe den Sohn Gottes, der vom Himmel herab kam… Eine erhabene Jungfrau aus der Hebräer Stamm wird ihn geben der Welt… Er wird eine Jungfrau zur Mutter haben.“ Dieser Sibylle steht zur Seite der Prophet Zacharias, welcher also weissagt: „Siehe, ich lasse den Aufgang erscheinen, meinen Diener; siehe den Mann, der Aufgang ist sein Name.“ (Zach. 3, 8; 6, 12)

Nun folgt die Cimmerische Sibylle, welche weissagt: „Im zarten Alter, schön von Antlitz, wird eine Jungfrau den König der himmlischen Heerschar mit ihrer Milch nähren.“ Ihr entgegnet der König David mit der Harfe in der Hand: „Ich werde ihn von der Frucht deines Leibes auf deinen Thron setzen.“ (Ps. 131)

Dann kommt die persische Sibylle an die Reihe, welche also spricht: „Geboren von einer jungfräulichen Mutter wird der wonnevolle Fürst sitzen auf einem Esels-Füllen; Er, der Einzige, kann Heil bringen den Gefallenen… Jener große Gott wird aus einer Jungfrau geboren werden.“ Der Prophet Malachias spricht: „Die Sonne der Gerechtigkeit wird sich erheben.“ (Malach. 4, 2)

Nun weissagt die Samische Sibylle: „Siehe, bald werden kommen die Tage, welche verscheuchen die schwarzen Finsternisse… Die Menschen werden mit ihren Händen den glorreichen König der Lebendigen berühren können, den eine fleckenlose Jungfrau tragen wird in ihrem sterblichen Schoß.“ Ihr zur Seite weissagt der Prophet Moses: „Der Herr wird dir aus deinem Geschlecht einen Propheten erwecken, gleich mir.“ (Deut. 18, 15)

Zuletzt spricht die Sibylle von Kumä also: „Demütig in Allem wir der Sohn Gottes eine keusche Jungfrau zur Mutter wählen.“ Und der Prophet Balaam ruft aus: „Es wird ein Stern in Jakob aufgehen, und von Israel wird sich ein Sprößling erheben.“ (Num. 24, 17)

So sieht man auf den Mauern der heiligen Kapelle die Offenbarungen geschrieben, welche Jahrhunderte vor Christi Geburt Gott begeisterte Seher von dem Erlöser der Welt und seiner gebenedeiten Mutter dem sündigen Menschengeschlecht verkündeten, und die sich in dem heiligen Hause erfüllt haben, das in der Kirche zu Loreto steht. –
aus: Georg Ott, Marianum Legende von den lieben Heiligen, Erster Teil, 1869, Sp. 86 – Sp. 90

Bildquellen

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  • the-basilica-of-loreto-2884628_640: pixabay
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  • ott-marianum-prozession: Bildrechte beim Autor

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