Charakteristische Merkmale eines Liberalen

Was die charakteristischen Merkmale eines Liberalen sind

Wie erkennt man es, daß eine Person vom Liberalismus angesteckt ist?

Gibt es in dieser Mannigfaltigkeit, oder besser, in diesem Wirrwarr von Farben und Schattierungen, welche die buntscheckige Familie des Liberalismus aufweist, Zeichen oder charakteristische Merkmale, wonach man leicht unterscheiden kann, wer liberal und wer nicht liberal ist? Da haben wir eine andere, für den Katholiken unserer Tage sehr praktische Frage, welche auch der Moraltheologe in der einen oder andern Weise häufig zu lösen hat.

Wir teilen deshalb die liberalen (Personen oder Schriften) in drei Klassen ein:
Radikale Liberale in des Wortes verwegenster Bedeutung.
Gemäßigte Liberale.
Liberale im uneigentlichen Sinn, oder solche, die bloß einen liberalen Anstrich haben.

Wir wollen eine semiphysiologische Beschreibung eines jeden dieser Typen entwerfen. Es ist dies eine Studie, welche des Interessanten viel bieten dürfte.

Den radikalen Liberalen erkennt man sogleich, weil er sich keine Mühe gibt, seine Bosheit zu verbergen oder zu leugnen. Er ist ein erklärter Feind des Papstes, der Priester und aller Anhänger der Kirche; es genügt für ihn, daß etwas heilig oder geweiht ist, um seinen unverhaltenen, ungestümen Groll aufzuregen. Unter den verblendeten Blättern wählt er sich das gehässigste aus: er stimmt für die offenbar gottlosesten Vertreter, und nimmt von ihrem traurigen System auch die letzten Folgerungen an. Er rühmt sich ohne irgend eine Religion zu leben, und kaum duldet er sie an seiner Frau und seinen Kindern. Gewöhnlich gehört er geheimen Sekten an und stirbt meistens ohne irgend welche Tröstung der heiligen Religion.

Der gemäßigte Liberale

Der gemäßigte Liberale ist gewöhnlich ebenso schlecht als der vorher gehende, trägt jedoch hinlänglich Sorge, es nicht zu scheinen. Die guten, gewählten Formen und gesellschaftlichen Konvenienzen sind ihm Alles; ist dieser Punkt gesichert, dann schert er sich um das Übrige nicht viel. Feuer an ein Kloster zu legen, dünkt ihm nichts Gutes; sich des Bodens des abgebrannten Klosters zu bemächtigen geht schon eher an. Daß ein unflätiges Winkelblatt seine Gotteslästerungen in ungebundener und gebundener Rede oder mit Vignetten für zehn Kreuzer das Exemplar feil bietet, ist ihm eine Ausschreitung, die er verbieten würde und erhebt sogar Anklage gegen die konservative Regierung, daß sie nicht dagegen einschreite: sobald aber ganz das Nämliche in gewählten Redewendungen gesagt wird, etwa in einem Buch von schöner Ausstattung oder in einem Drama mit wohl klingenden Versen, besonders wenn der Verfasser ein Mitglied der Akademie oder so etwas ist, dann ist alles Anstößige und Ungebührliche auf einmal verschwunden. Hört er von Clubs und Zusammenkünften reden, so überläuft es ihn kalt wie ein Fieberfrost; weil man dort, sagt er, die Massen verführe und die Fundamente der sozialen Ordnung umstürze.

Jedoch freisinnige Bildungs-Vereine kann man gestatten: wer sollte denn je die wissenschaftliche Erörterung aller sozialen Probleme irgendwie hindern? Die Schule ohne Katechismus ist eine Beleidigung gegenüber dem katholischen Lande, welches dieselbe bezahlt, aber eine katholische Universität, d. h. mit völliger Unterwürfigkeit unter die Lehre der Kirche, die Richtschnur des Glaubens, muss man den Zeiten der Inquisition überlassen. Der gemäßigte Liberale verabscheut den Papst nicht; bloß munden ihm nicht gewisse Ansprüche der römischen Kurie und gewisse Extreme des Ultramontanismus, welche nicht mehr zu den heutigen Ideen passen. Er liebt die Priester, vor allem die aufgeklärten, d. h. die, welche wie er moderne Ansichten hegen; in Bezug auf die Fanatiker und Reaktionäre beobachtet er ein zurückhaltendes Benehmen, er meidet oder bemitleidet sie. Er geht zur Kirche, hin und wieder auch zu den heiligen Sakramenten; aber sein Grundsatz ist, daß man in der Kirche als Christ leben müsse, außer derselben aber schicklicher mit der Welt und dem Jahrhundert, in dem man geboren ist, und daß man nicht hartnäckig versuchen soll, gegen den Strom zu schwimmen. So segelt er zwischen zwei Fahrwassern und stirbt gewöhnlich mit dem Priester an der Seite, während seine Bibliothek voll verbotener Bücher ist.

Der Katholik mit liberalem Anstrich

Den Katholiken, der einfach einen liberalen Anstrich hat, erkennt man daran, daß er, obschon ein rechtschaffener Mann von werktätig und aufrichtig religiösen Sitten, dennoch im Reden, Schreiben und Handeln den Anschein eines Anhängers des Liberalismus gewinnt. In seiner Art könnte man mit Mad. Sevigné sagen: Die Rose bin ich nicht, doch war ich in ihrer nächsten Nähe und empfing von ihr etwelchen Wohlgeruch. Der Rechtschaffene mit einem liberalen Anstrich denkt, spricht, handelt wie ein eigentlicher Liberaler, ohne daß es der arme Tropf selber merkt.

Seine Stärke ist die Liebe: dieser Mensch ist die Liebe selber. Wie verabscheut er die Übertreibungen der ultramontanen Presse. Einen Menschen schlecht zu nennen, der schlechte Ideen verbreitet, scheint diesem sonderbaren Theologen eine Sünde gegen den heiligen Geist. Für ihn gibt es nur verlorene Schafe. Man soll weder Widerstand leisten noch gegen die Gegner zu Felde ziehen; worauf man immer besorgt sein muß ist, die Gegner anzuziehen. „Das Böse mit dem Überfluss des Guten zu ersticken“: dies ist sein Leibspruch, den er zufällig eines Tages in Balmes gelesen, das Einzige, was ihm von dem großen katholischen Philosophen im Gedächtnis geblieben. Aus dem Evangelium führt er bloß jene Stellen an, welche nach Honig und Zucker schmecken. Man könnte sagen, daß er die fürchterlichen Strafpredigten gegen die Pharisäer für Übereilungen und für Mangel an Mäßigung von Seiten des göttlichen Heilandes halte, indes er selber dieselben dann sehr heftig gegen die reizbaren Ultramontanen anzuwenden versteht, welche mit ihren Übertreibungen täglich die Sache der Religion, die ganz Friede und Liebe ist, auf`s Spiel setzen. Gegen diese ist der gute Mann sauer und steif: Gegen diese ist Bitter sein Eifer, herb und ätzend wie Scheidewasser seine Polemik, und zu Angriffen seine Liebe geneigt. Auf ihn hat jener Ausruf des P. Felix in einer berühmten Rede Bezug, die er anläßlich der Anklagen gegen den große Veuillot hielt: „Meine Herren, lieben und achten wir sogar – unsere Freunde!“

Aber nein! Unser Held macht es anders: alle seine Schätze an Duldung und liberaler Liebe hat er bloß für die geschworenen Feinde seines Glaubens auf Lager. Natürlich, es muss ja der Unglückliche dieselben an sich ziehen und gewinnen! Für heldenmütigere Verteidiger des Glaubens hingegen hat er bloß Sarkasmus und Unduldsamkeit. Kurz: den Vorteil des „Frontangriffes“ des hl. Ignatius in seinen geistlichen Übungen hat der liberal angehauchte Katholik nie begriffen. Er kennt keine andere Kriegskunst als in die Flanken zu fallen, welche in Religionssachen gewöhnlich die bequemste ist, aber nicht die, welche am ehesten den Ausschlag gibt. Gern wollte er siegen, aber auf die Bedingung hin, den Feind nicht zu verwunden, noch ihm eine Kränkung oder Unwillen zu verursachen. Das Wort Krieg regt seine Nerven auf; mehr gefällt ihm die friedliche Besprechung. Er nimmt Partei für liberale Zirkel, wo man Reden hält und sich beratet, nicht etwa für die ultramontanen Vereine, wo von Glaubenslehren gesprochen und nur getadelt wird. In einem Wort: wenn man die radikalen und gemäßigten Liberalen an ihren Früchten erkennt, so hat man hauptsächlich an seinen Zartgefühlen den zu erkennen, der einen liberalen Anstrich hat.

Zusammenfassung

Nach diesen kaum in Umrissen gezeichneten Skizzen, die nicht an Zeichnungen, viel weniger an eigentliche vollendete Gemälde heranreichen, kann man unschwer auf den ersten Blick was immer für einen Typus der Familie in ihren verschiedenen Abarten erkennen. Fassen wir in wenige Worte die am meisten charakteristischen Züge ihrer Gesichtsbildung zusammen, so können wir sagen, daß der radikale Liberale durch Reden, der arme in den Liberalismus eingetauchte Tropf hingegen durch Seufzen und Gewimmer bekunde.

Es sind alle schlechter, wie jener Gauner in der Fabel von seinem Vater und seiner Mutter sagte; aber den Ersten lähmt vielfach seine eigene Wut; beim Dritten ist sein zwitterhaftes Wesen selbst unfruchtbar. Der Zweite ist der satanische Typus in hervorragender Weise. Er ist’s, der in unseren Tagen eine wahre liberale Verheerung anrichtet. –
aus: Félix Sardá y Salvany, Der Liberalismus ist Sünde, Brennende Fragen, 1889, S. 51 – S. 54

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