Unterricht für den Sonntag Septuagesima

Der Osterkreis: Ein Band mit Ornamenten: In der Mitte das Lamm Gottes mit der Siegesfahne; rechts und links der Spruch: Weil ihr mit Christus auferstanden seid, so suchet, was droben ist.

Vorfastenzeit – Unterricht für den Sonntag Septuagesima

Warum wird dieser Sonntag „Septuagesima“ genannt?

In den ersten Zeiten der Kirche hatten viele Christen, namentlich Geistliche, die Gewohnheit, siebenzig Tage vor Ostern zu fasten; daher wurde sowohl ihre Fasten als der erste Sonntag derselben Septuagesima, der siebzigste Tag, genannt, welcher Name ihm auch geblieben ist. Und so verhält es sich auch mit den drei folgenden Sonntagen; denn manche Christen fingen sechzig Tage vor Ostern an zu fasten, wovon der Sonntag Sexagesima (der sechzigste), manche fünfzig Tage, wovon der Sonntag Quinquagesima (der fünfzigste), andere vierzig Tage, wovon der Sonntag Quadragesima (der vierzigste), ihre Namen haben.

Warum unterläßt die Kirche vom heutigen Sonntag an bis Ostern an Sonntagen alle Freudengesänge, das Alleluja, Te Deum laudamus, Gloria in excelsis etc.?

Um ihre Kinder durch die Erinnerung an die Gefangenschaft des menschlichen Geschlechtes unter der Gewalt des Teufels, in welche sie durch den Sündenfall der ersten Eltern geraten sind, zu dem Entschluss zu bewegen, daß sie ihre Sünden beweinen, wie die Juden in den siebzig-jährigen Gefangenschaft erste Buße wirken und sich bemühen, die in diesen Tagen üblichen Ausschweifungen zu verachten und durch Liebe und gute Werke zu Gott zurück zu kehren. Daher ruft die Kirche im Eingang der heiligen Messe im Namen des ganzen Menschengeschlechtes mit den Worten Davids: „Es haben mich umrungen die Schmerzen des Todes, die schmerzen der Hölle umgaben mich, und in meiner Trübsal rief ich zu dem Herrn, und Er erhörte meine Stimme von seinem heiligen Tempel.“ (Ps. 17, 5-7) „Dich will ich lieben, o Herr, meine Stärke! Der Herr ist meine Veste, meine Zuflucht und mein Erretter!“ (Ps. 17, 1-2) – Ehre sei dem Vater etc.

Gebet der Kirche.
Wir bitten Dich, o Herr! Erhöre gnädig das Gebet deines Volkes, damit wir, die wir um unserer Sünden willen gerechte Strafen leiden, um der Ehre deines Namens willen durch deine Barmherzigkeit gerettet werden; durch Jesum Christum, unsern Herr. Amen.

Lesung aus dem Brief des hl. Apostels Paulus an die Korinther Kap. 9, Vers 24-29 und Kap. 10, Vers 1-5.

Brüder! Wisset ihr nicht, daß die, so in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber nur einer den Preis erlangt? Laufet so, daß ihr ihn erlanget! Und jeder, welcher sich im Wettkampf übt, enthält sich von allem; und diese tun es, um eine vergängliche Krone zu empfangen, wir aber, um eine unvergängliche zu gewinnen. Ich laufe nun ebenso, nicht als auf etwas Ungewisses, ich kämpfe ebenso, nicht um Luftstreiche zu tun; sondern ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in die Dienstbarkeit, damit ich nicht etwa, nachdem ich andern gepredigt habe, selbst verworfen werde.
Denn, Brüder! Ich will euch nicht vorenthalten, daß unsere Väter alle die Wolke zur Führerin hatten, und alle durch das Meer gingen, und alle durch Moses in der Wolke und in dem Meer getauft wurden, und alle dieselbe geistige Speise aßen, und alle denselben geistigen Trank tranken (sie tranken nämlich aus dem geistigen Fels, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus); aber an mehreren von ihnen hatte Gott kein Wohlgefallen.

Warum müssen wir stets kämpfen, um in den Himmel zu kommen?

Kämpfen sollen wir,

1) weil wir nur so den Preis des ewigen Lebens erlangen können. Wenn die Wettkämpfer auf einer Rennbahn sich so lange auf den Kampf vorbereiten, aller Speisen und sinnlichen Vergnügungen, die ihre Kraft schwächen möchten, sich enthalten – um einen vergänglichen Ehrenkranz zu erringen; sollten nicht auch wir uns alles dessen enthalten, was uns zum Kampf um die unvergängliche Krone der ewigen Herrlichkeit untauglich machen würde? Sollten nicht auch wir uns alle Mühe geben, die sinnlichen Lüste zu unterdrücken und unsern gefährlichsten Feind, unser eigenes Fleisch, dem Geist, und den Geist Gott zu unterwerfen? Kämpfen sollen wir

2) weil auch Paulus, der auserwählte Apostel, kämpfte. Er wollte nicht ins Ungewisse, sondern eifrig dem Ziel zulaufen; er war ein Kämpfer, der keine Luftstreiche führte, sondern seinen Gegner traf, d. i., er züchtigte seinen Leib und suchte ihn mit Fasten, Wachen, Beten unter die Dienstbarkeit des Geistes zu bringen. Wenn nun Paulus, dieser von Gott auserwählte Apostel, es für notwendig hielt, seinen Leib zu züchtigen und allen Ernstes nach dem Ziel zu laufen, um nicht verworfen zu werden; wer darf sich Hoffnung machen, bei einem weichlichen, untätigen und üppigen Weltlebens und auf den leeren Glauben hin selig zu werden? Kämpfen sollen wir endlich

3) weil ohne diesen Kampf auch die größten Gnaden nicht vor der Verwerfung schützen. Die Israeliten hatten beim Auszug aus Ägypten von Gott mannigfache geistige Wohltaten erhalten, wurden aber dennoch verworfen.

Was bedeutete die „Wolke“, das „Meer“, die „Speise“ und der „Trunk“ der Israeliten?

Die Wolke, welche bei Tag durch ihren Schatten die Hitze mäßigte und bei Nacht den Weg erleuchtete, war ein Vorbild der Taufgnade, welche die Hitze der Begierlichkeit dämpft und den Geist des Menschen erleuchtet; das Meer war ein Vorbild des Taufwassers, aus welchem der Geist unversehrt hervor geht, wie die Israeliten einst trockenen Fußes durchs rote Meer gegangen sind; das Manna war ein Vorbild des allerheiligsten Altars-Sakramentes, und das Wasser in der Wüste ein Vorbild des Gnadenstromes Christi, wie Jesus dies bei Johannes (Joh. 6, 31) selbst erklärt.

Da die Juden jedoch diese von Gott erhaltenen Gnaden nicht zu ihrem Heil benützten, sondern vielmehr Gott untreu wurden, wider Ihn murrten und sich den abscheulichen Lastern der Abgötterei, Unzucht und Schwelgerei überließen, wurden sie von Gott verworfen und starben in der Wüste dahin. Dies ist,, wie der hl. Paulus später sagt, uns zu Vorbild geschehen, damit es uns nicht nach dem Bösen gelüste, und wir dadurch, jenen gleich, das Verdammungs-Urteil uns zuziehen, sondern der in der Taufe empfangenen Gnade gemäß leben und unsern Glauben in guten Werken zeigen.

Übung.
Fange jeden Tag aufs neue den heiligen Kampf gegen dich selbst an, als ob es der erste und zugleich der letzte Tag wäre, von dem alles abhinge. Werde nie mutlos, fange immer wieder an. Wer ausharrt im Kampf, wird den Sieg erringen. Bete:

O Jesus! Stehe mir bei, auf daß ich nach dem Beispiel des hl. Paulus mit deiner Gnade mich befleiße, mich selbst zu verleugnen, meinen Leib zu züchtigen und durch ununterbrochene Übung jeglicher Tugend die Vollkommenheit und den Himmel zu erlangen. Amen.

Evangelium nach dem hl. Matthäus Kap. 20, Vers 1-16

siehe Matthäus 20, 1-16

Was wird in diesem Gleichnis unter dem „Hausvater“, unter dem „Weinberg“, unter den „Arbeitern“ und unter dem „Zehner“ verstanden?

Der Hausvater ist Gott, der zu verschiedenen Zeiten, nämlich zur Zeit Adams, Noes, Abrahams, Moses` und endlich zur Zeit Christi und der Apostel, die Menschen als Arbeiter berufen hat, damit sie in seinem Weinberg, welcher die wahre Religion oder die Kirche ist, arbeiten und den versprochenen Lohn oder Zehner, d.i. Die göttliche Gnade und die ewige Seligkeit, verdienen möchte.

Wie und wann beruft Gott die Menschen?

Durch innerliche Einsprechungen, durch Prediger und Beichtväter, durch geistliche Bücher und Gespräche und durch alle Ereignisse im menschlichen Leben, und zwar in der zarten Jugend, im blühenden und im späteren Alter, welche Lebenszeiten unter den verschiedenen Stunden der Einladung zur Arbeit im Weinberg verstanden werden können. Was vom einzelnen Menschen, gilt auch von ganzen Völkern.

Was bedeutet das „Arbeiten im Weinberg“?

Es bedeutet, für Gott und dessen Ehre, für eigenes und fremdes Seelenheil arbeiten, streiten und leiden. Man muss sich nämlich befleißen, in seiner eigenen Seele und in andern die Laster auszurotten und Tugenden dafür einzupflanzen. Wie man nämlich in einem Weinberg gräbt, das Unkraut ausrottet, das Überflüssige und Schädliche abschneidet, den Boden düngt, pflanzt, die schwachen Reben in Stäbe bindet etc., so muss man auch in der Seele durch Betrachtung des Todes, des Gerichtes und der Hölle, durch Erforschung des Gewissens über die Sünden, bösen Neigungen und deren Ursachen den Boden auflockern, d. i. sie für das Wort Gottes und für bußfertige Gesinnungen empfänglich machen; man muss das Unkraut der Laster durch wahre Buße ausrotten und die zum Bösen wieder ausschlagenden Begierlichkeiten durch Abtötung seiner selbst, vorzüglich durch beten und Fasten, abschneiden; man muss durch Betrachtung, Lesen geistlicher Bücher, Empfang der heiligen Sakramente etc. seiner Seele immerfort Nahrung zuführen, an die Stelle der bösen Gewohnheiten die entgegen gesetzten Tugenden pflanzen, seinen Willen an den göttlichen Willen, wie an einen stützenden Stab, befestigen, damit er im Guten beständig bleibe.

Was muss man tun, wenn man ein Laster, eine böse Gewohnheit ausrotten und die entgegen gesetzte Tugend einpflanzen will?

Man muss einen großen Hass wider die Sünde fassen, eine inbrünstige Begierde in sich erwecken, das Laster oder die böse Gewohnheit auszutilgen, Gott inständig um seine Gnade, ohne welche man nichts vermag anrufen, beim Unterricht im Wort Gottes, bei Predigten und Christenlehren fleißig erscheinen, öfters andächtig beichten und kommunizieren und namentlich in Beziehung auf auf jenes Laster sich vom Beichtvater Rat erbitten, ferner täglich in der Frühe besondere auf die Ausrottung des Lasters bezügliche Vorsätze machen und abends eine genaue Gewissens-Erforschung anstellen, besonders geistliche Bücher lesen, welche über das abzulegenden Laster handeln, ferner etwa einen Heiligen verehren, welcher, als er es noch mit der Welt hielt, das nämliche Laster an sich hatte, dasselbe aber mit der Gnade Gottes späterhin ablegte wie z. B. die heilige Maria Magdalena, endlich fasten, Almosen geben und andere gute Werke verrichten. – Die gleichen Mittel, nur in entgegen gesetztem Sinn, wende man an, wenn man eine Tugend sich aneignen will.

Welche Menschen sind müßig?

Diejenigen, welche gar nichts tun, oder Böses tun, oder etwas anderes tun, als was ihnen Stand und Amt auflegen; endlich diejenigen, welche ihre Arbeiten und Geschäfte nicht Gott zuliebe und mit guter Meinung verrichten. Dieser Müßiggang beraubt uns der Seligkeit, gleichwie ein Knecht, der entweder gar nichts tut, oder gegen den Willen seines Herrn handelt, keinen Lohn erhält.

Warum bekommen die letzten so viel, wie die, welche den ganzen Tag gearbeitet haben?

Das Gleichnis umfaßt alle Zeiten vom Anfang der Welt bis ans Ende. Mit demselben wollte Jesus sagen, daß die zuletzt Berufenen eben den Lohn erhalten werden, wie die Ersten, indem der himmlische Hausvater die Menschen nicht nach der Zeit und Dauer ihrer Arbeit, sondern nach dem Eifer, den sie für Ausübung der Tugend angewendet, belohnen, folglich am Ende der Welt unter den Auserwählten aller Zeiten und Völker keinen andern Unterschied machen werde, als den, welchen das Maß der Verdienste für einen jeden bestimmt. (2. Kor. 9, 6; Matth. 16, 27)

Was lehrt uns das Murren der zuerst Berufenen und die Antwort des Hausvaters?

Jesus Christus wollte den Juden zu verstehen geben, daß, wenn sie auch als die zuerst Berufenen über die Berufung der Heiden unzufrieden sein würden, Gott gegen sie nicht ungerecht handle, wenn Er, nachdem Er an ihnen seine Verheißung erfüllt, auch andere an seiner Güte und Liebe teilnehmen lasse.
Hieraus geht für uns die Lehre hervor, daß wir über das gütige Verfahren Gottes gegen unsere Nebenmenschen nicht murren und sie nicht beneiden sollen; denn Neid und Missgunst ist ein abscheuliches, Gott verhaßtes, ja teuflisches Laster. „Durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt“. (Weish. 2, 24)

Wie ist das zu verstehen: „Die Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein; denn viele sind berufen, aber wenige auserwählt“?

Dieses ist vorzüglich von den Juden zu verstehen; denn da sie der Lehre und Berufung Christi nicht folgen wollten, so werden die Letzten, d.i. die aus allen Ländern berufenen Heiden, sowohl der Anzahl als den Verdiensten nach die Ersten, die Juden aber, welche der Berufung nach die Ersten waren, werden sowohl der Zahl als der Zeit nach die Letzten sein, weil sie erst am Ende der Welt alle in die Kirche eingehen werden. Christus hat zwar viele aus den Juden berufen, aber nur wenige folgten Ihm; darum sind auch nur wenige von ihnen auserwählt.
O daß dieses nicht auch an den Christen wahr werde, die Gott zwar alle berufen hat, von denen aber leider so viele nicht nach ihrem Beruf leben!

Übung.
Wie oft hat dich Gott schon zu Arbeit im Weinberg deines Seelenheiles gedungen, und du stehst immer noch müßig da! Denke doch jeden Morgen, wenn du aufstehst, an das Wort des Heilandes: „Geh` auch du in meinen Weinberg!“ Vielleicht am Abend schon bekommst du den Lohn .

Gebet.
Gütigster Gott! Der Du uns, deine unwürdigen Diener ohne unser Verdienst, aus lauter Gnade, in deinen Weinberg, d. i. zum wahren Glauben und in die wahre Kirche berufen und darin zu arbeiten uns befohlen hast, wir bitten Dich, verleih` uns deinen Beistand, daß wir niemals müßig seine, sondern als getreue Arbeiter uns stets bemühen, deinem heiligen Willen nachzukommen. Was wir bisher verabsäumt haben, wollen wir in Zukunft mit anhaltendem Fleiß zu ersetzen streben, durch die Gnade Jesu Christi, unseres Herrn. Amen. –
in: Leonhard Goffine, Ord. Praem.; Unterrichts- und Erbauungsbuch oder Katholische Handpostille, 1885, S. 119 – S. 124

Bildquellen

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