Pius IX der Gefangene im Vatikan

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Eine Zeichnung des Jubelgreises Pius IX.; Papst Pius IX. sitzt auf seinem Arbeitssessel in weißer Papstkleidung, ein Blatt Papier in den Händen haltend; auf seinem Arbeitstisch steht ein Kruzifix und eine Muttergottes-Statue

Papst Pius IX. der Gefangene im Vatikan

Pius IX.: „Man sagt, ich sei müde“

… Die Gegner alles Christentums können nicht genug Worte finden, um über die Auflösung der altersschwachen katholischen Kirche, wie sie sagen, zu frohlocken; sie wagen es, Propheten zu werden und das völlige Verschwinden derselben vom Erdboden in mehr oder weniger nahe Aussicht zu stellen…

Das Unterpfand aber, welches die Vorsehung den gläubigen Söhnen der Kirche für die Rettung und Erlösung aus der gegenwärtigen Not gegeben hat, ist Papst Pius IX. selber. Gott hat denselben seiner Weisheit und Barmherzigkeit gemäß mit großen Eigenschaften ausgestattet, welche ihn zum Rüstzeug der göttlichen Pläne in der Verwirrung der Gegenwart machen. Aber alle diese apostolischen Gaben, welche ihn zieren, scheinen mit der wachsenden Drangsal an dem erhabenen Gefangenen des Vatikans von Tag zu Tag zu wachsen. Eingeschlossen in dessen Mauern, nimmt er dennoch die Bedürfnisse der ganzen katholischen Welt mit unermüdlicher Sorgfalt und Liebe wahr. Vor dem Freimut seiner Allokutionen und Enzykliken zittert die Bosheit und die Lüge; der Hohn, welcher sich daran versucht, klingt unaussprechlich erbärmlich; die Verleumdung welche man dagegen schleudert, gleitet machtlos ab. Von der Natur zum Redner gemacht, öffnet er den Mund zu jenen wunderbaren Ansprachen, welchen die Welt staunend lauscht, und worin sie neben der apostolischen Einfalt den Adel des Ausdrucks, neben dem furchtbaren Ernst das liebevollste Herz, neben den Auten des tiefsten Schmerzes die Worte des stählernen Mutes an dem hochbetagten Papst bewundert.

„Man sagt, ich sei müde“ – sprach Pius am 24. Juli 1871 zu den Vorständen des Vereines für die katholischen Interessen, welche ihm jene mit mehr als 27000 Unterschriften von wirklichen Römern bedeckte Adresse überreichten – „Man sagt, ich sei müde. Ja, ich bin müde, müde, so viele Schlechtigkeit, so viele Ungerechtigkeit, so viele Unordnung zu sehen. Müde bin ich, tattäglich die Religion in einer Stadt beschimpft und verhöhnt zu sehen, welche der Welt das Beispiel der Achtung des Glaubens und der Sitten gegeben hat; müde bin ich, zu sehen, wie man die Schuldlosen bedrängt, die Diener des Heiligtums mißhandelt, wie man Alles, was der Gegenstand unserer Liebe, unserer Verehrung ist, entweiht.

Ja, des bin ich müde, aber darum noch nicht gesonnen, die Waffen zu strecken oder mich zu einem Vergleich mit der Ungerechtigkeit herbei zu lassen, oder von der Erfüllung meiner Pflichten abzustehen.“

Bei diesen Worten hallte der Saal von dem lauten Beifallsruf der Römer wider. –
aus: Piusbuch, Papst Pius IX. in seinem Leben und Wirken, 1873, S. 317 – S. 318

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