Humanität und politische Parteien

Die Humanität und die politischen Parteien

Um den Negertypus genau kennen zu lernen, hilft es nicht viel, daß man Kreolen und Mestizen untersuche, man muss einen Vollblut-Mohren betrachten. So ist es auch mit der Humanität. Ausgeprägt findet man sie bloß im sozial-demokratischen Radikalismus, welcher die Grundsätze des Menschentums theoretisch und praktisch bis ans Ende durchführt.

Ihm gegenüber steht die Eine christliche, die katholische Kirche mit ihrer Losung: „Den König und Gott, welchem Alles lebt, ihn wollen wir anbeten.“ Zwischen beiden hangen und bangen in schwebender Pein die verschiedenen Parteien des bunt-scheckigen Liberalismus, welcher wohl die Theorien ganz oder teilweise hinnimmt, aber seine eigenen letzten Konsequenzen scheut und je nachdem er im Alphabet des Humanismus bis Gamma oder Lambda geht, in seine vielen Abstufungen vom frei-konservativen Philistertum bis zum roten Fortschritt zerfällt.

1. Der Radikalismus ist der ehrliche und logische Anhänger des Humanitäts-Prinzips, das ihm bis zur letzten Folgerung heilig ist. Er will vollständige Unabhängigkeit des Menschen von geistlicher und weltlicher Obrigkeit, von einem überweltlichen Gott, von dogmatischer oder moralischer Autorität, von historischem Recht und gesellschaftlichem Unterschied; in der Tat jedoch bringt er es nur zur Losreißung des Menschen von der Gottheit und zur Sklaverei desselben unter den Blutgesetzen eines Konvents. Darum huldigt er auf intellektuellem Gebiet der unumschränkten Freidenkerei, auf moralischem lässt er den Menschen nur von sich selbst abhängen und leugnet jede Verantwortlichkeit vor einem überweltlichen Richter. Auf religiösem Gebiet bekennt er sich zum vollkommenen Individualismus, zur Leugnung jedes dogmatischen Unterrichts und jeglichen Priestertums, welchen beiden er den Untergang geschworen hat.

In der politischen Ordnung ist er der Demagog der Massen, welche das Recht haben, jede bürgerliche Einrichtung nach Laune und Bedürfnis zu verändern oder über den Haufen zu werfen. In kirchlich-politischer Richtung ist er der Tyrann der Gewissen, der Verteidiger der brutalsten Gewalt gegen die Kirche, welche er als entstellende Warze am Leib der Menschheit erst unterbinden und endlich schmerzlos abreißen will. In gesellschaftlicher Hinsicht hält er die rote Fahne des Sozialismus hoch; sein Ideal ist die Kommune, an deren endlichen Sieg er mit fatalistischer Gewissheit glaubt.

Von ihm sagt A. Blanc de Saint-Bonnet: „Unser Jahrhundert seufzt unter der Last einer verhängnisvollen Lüge, welche über alle Völker Schrecken und Zittern bringt. Der menschliche Stolz hat den Namen der Freiheit angenommen und die Welt überschwemmt. Unter diesem falschen Namen hat er allmählich die Geister erobert, feste Stellungen errungen, sogar an der Pforte des Heiligtums angeklopft. Ohne diese Verkleidung wäre es ihm nie gelungen, mit einem Streich in die Seelen einzudringen unter dem Namen der natürlichen Gewissensfreiheit, in die Staaten unter dem Namen der absoluten Kultusfreiheit, in die Sitten unter dem Namen absoluter Pressefreiheit, in die Pöbelmassen unter dem Namen der Volkssouveränität. Von allen Seiten sieht man in langen Zügen die ungeheure Sekte von Männern, welche ihren Stolz für Freiheit ausgeben und sich Liberale (Radikale) nennen; die einen von ihnen rennen desto rascher jenen Siegeslauf des Übermuts, weil sie ihn für die wahre Freiheit nehmen; die Anderen desto leidenschaftlicher zur Erjagung der Freiheit, weil sie wissen, daß dieselbe nur ihr eigener Stolz ist.“

2. Der Liberalismus protestiert ebenso gegen den Radikalismus, wie gegen den Katholizismus. (1) Die große Masse dieser Partei will eben nur Halbheit, nie und nirgends die volle Wahrheit. Die Grundsätze der Humanität sind für den oberflächlichen Denker und den Halbgebildeten überaus bestehend — man kennt ja ihre Zaubermacht seit einem Jahrhundert —; nur ihre letzten Folgerungen sind zurückstoßend.
Was tun? Man nimmt die schönen Phrasen der Prämissen an und verwirft die Konsequenzen. Dies ist die Voltigierkunst der kopf- und charakterlosen Partei ohne Lebenskraft, ohne eigene Gedanken, ohne Begeisterung und ohne Endziel.

Die volle Wahrheit, auf der rechten wie auf der linken Seite, schreckt die zum Aussterben verurteilten liberalen Parteien, ja der Katholizismus auf der äußersten Rechten scheint ihnen fast fürchterlicher, als der atheistische Humanismus der äußerten Linken. Denn unbemäntelt tritt nur die Wahrheit auf, der Irrtum dagegen zeigt sich nie als volle Lüge, sondern erborgt sich die Maske der Wahrheit und Güte. Sogar das Eritis sicut dei des Verführers im Paradies war keine unbedingte Unwahrheit, sondern, richtig verstanden, sogar das letzte Endziel des göttlichen Weltplanes für die übernatürliche Heiligung unseres Geschlechtes. So hat auch unsere moderne Weisheit einen gewissen betörenden Schein. Darum nimmt der Liberale die Lehre der Humanität hin, drückt sie aber nicht in der vollen Wahrheit aus, sondern setzt seine Kunst darein, das Fehlerhafte und Abstoßende derselben zu verhüllen und so die Geister zu bestechen.

Die freie Kirche im freien Staat, die Press-, Lehr-, Glaubens-, Wahl- und Gewerbefreiheit, die Freizügigkeit, die Freiheit jeder menschlichen Bestrebung ohne Rücksicht auf moralische Güte oder Schlechtigkeit derselben:

dies Alles zusammen ist ein übertünchtes Grab, glänzende Farben einer giftigen Pflanze, Freiheit in den Worten, aber erniedrigende Sklaverei in der Tat, Ungebundenheit des Schlechten und Tyrannei gegen das Gute im Leben der Menschheit. In der intellektuellen Ordnung lässt der Liberalismus neben der Denkfreiheit noch eine nominelle Autorität zu, die der ewigen Vernunft, ja spricht im Notfall sogar von Gott und seinen Gesetzen, aber unter der Bedingung, daß dieser Gott, obschon Gesetzgeber für die individuelle Vernunft und für die bürgerliche Gesellschaft, auf die Ausübung seiner Gewalt verzichte und sich mit einem gewissen Respekt zufrieden gebe.

In der religiösen Ordnung will er wohl einen Kultus, aber nach freiester Wahl des Individuums, und unter der Bedingung, daß das Individuum auch innerhalb des frei gewählten Kultus möglichst große Denk- und Lebensfreiheit habe. Im Staatsleben betrachtet er den Gott der Offenbarung und dessen Heilsanstalt auf Erden für böse Prätendenten, die man mundtot machen müsse; er beschränkt sodann die gärenden Bataillone der untersten Schichten durch obrigkeitliche Gewalt, aber diese Autorität steht unter der Kontrolle der herrschenden Klasse, hat Leben und Leitung vom Parlamentarismus, welcher sich selbst als absolute Quelle der gesamten Gesetzgebung betrachtet, demnach das Idol der atheistischen Humanität für sich beschlagnahmt und dem Gros des Volkes vorenthält.

In der kirchlichen Ordnung wird der Liberalismus zwar keine Märtyrer, aber desto mehr Bekenner machen, indem er verlangt, daß die Gottesanstalt sich vor der Suprematie der rein menschlichen Gesellschaft, des Staates, beuge und den Bettelpfennig einer prekären Wirksamkeit unter Bücklingen ersterbenden Gehorsams aus der Hand eines Parlaments hinnehme.

(1) Wie unter den Katholiken manche nicht so gut sind, als ihre Grundsätze; so sind wiederum manche Liberale nicht so schlecht, wie der Liberalismus. Wir haben es überhaupt mit der Sache, nicht mit den Personen zu tun. –
aus: Georg Michael Pachtler SJ, Der Götze der Humanität, 1875, S. 20 – S. 24

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