Papst Klemens XI. (1700 bis 1721)

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Das Zeitalter der Revolutionen

Das Pontifikat von Papst Klemens XI. (regierte von 1700 bis 1721)

Einer ehrwürdigen Gestalt begegnen wir in diesem Papst, dessen edlem Streben nur der äußere Erfolg fehlte, um ihm einen Platz in der Reihe der größten Männer, die den Stuhl des hl. Petrus inne hatten, zu sichern. Wenn dieser Umstand auch in den Augen der Welt seine Größe schmälert, so bleibt sie ihm doch vor Gott und, mit dem Maßstab der Ewigkeit bemessen, vor jedem verständigen Christen unverkümmert. Der Kardinal Franz Johann Albani war es, der aus dem Konklave am 16. Oktober 1700 als Papst unter dem Namen Klemens XI. hervor ging. (1)

Geboren zu Urbino (2), wurde er im Alter von 30 Jahren von Innozenz XI. zum Geheimsekretär erwählt und von Alexander VIII. zum Kardinal erhoben. Seiner einfachen Lebensweise blieb er als Papst treu. Täglich pflegte er die heilige Beichte zu verrichten und das hochheilige Messopfer zu feiern. Die Ausgaben für seinen Unterhalt waren bis aufs äußerste beschränkt; sie durften nicht über 60 Pfennige betragen. Dem Schlaf gönnte er nur so viel Zeit, als er unumgänglich nötig hatte, um seine Arbeiten mit Munterkeit verrichten zu können. Er erließ mehrere heilsame Verordnungen zur Förderung des kirchlichen Lebens und der öffentlichen Sittlichkeit. Wie ihn früher der Seeleneifer trieb, das Wort Gottes zu verkünden, so fühlte er sich auch als Papst gedrängt, gleich einem heiligen Leo I. und Gregor I., an Kirchenfesten dem Volk zu predigen.

Seine besondere Sorgfalt wandte er auch den Gefangenen zu. Er erbaute das erste Strafhaus nach Art unserer heutigen Zellen-Gefängnisse für junge Verbrecher, um ihre Besserung zu ermöglichen.

Seine Mildtätigkeit kannte keine Grenzen: in Rom errichtete er für die Notleidenden ein Kornhaus, die durch Feuersbrünste, Erdbeben, Überschwemmungen hart mitgenommenen Bewohner unterstützte er in freigebigster Weise; selbst den Armen im südlichen Frankreich kam er durch Getreidezufuhr zu Hilfe. (3)

Er war auch ein Förderer der Künste und Wissenschaften, sorgte für die Erbauung und Wiederherstellung öffentlicher Denkmäler und Kirchen und ließ wertvolle Manuskripte in Syrien und Ägypten sammeln, um die vatikanische Bibliothek zu bereichern.

Verurteilung der Irrlehre der Jansenisten

Viele Bitterkeiten bereitete ihm die Irrlehre der Jansenisten, die, trotzdem die Päpste sie von Anfang an energisch zurück gewiesen und verurteilt hatten, immer wieder von neuem sich erhob. Diese Irrlehrer erfanden immer wieder neue Ausflüchte, um sich der Verurteilung der Päpste zu entziehen. So verstanden sie es, unter dem Schein der Rechtgläubigkeit und der Sittenstrenge viele in den Irrtum zu führen. Klemens musste wiederholt gegen sie auftreten. Endgültig verurteilte er ihre Irrtümer in der Bulle „Unigenitus“ vom 8. September 1713, in der er 101 Sätze verdammen musste.

Der Akkomodationsstreit

Weitere Schwierigkeiten bereiteten dem Papst die kirchlichen Verhältnisse in Ostindien und China. Um die Heiden leichter für den christlichen Glauben zu gewinnen, gestattete ein Teil der Missionare den neubekehrten, sich bisherigen Gebräuchen anzubequemen, indem sie dieselben als bloß bürgerliche, nicht als religiöse Zeremonien erklärten. Klemens schickte den Legaten Tournon nach China, um die Sache an Ort und Stelle zu untersuchen. Als dieser die fraglichen Gebräuche verbot, wurde der Kaiser von China sehr entrüstet, ließ den Legaten gefangen nehmen und die Christen in Macao verfolgen. (Siehe Akkomodationsstreit)

Politische Wirren

Noch größere Schwierigkeiten bereiteten diesem Papst die politischen Wirren. Die Fürsten erlaubten sich verschiedene Rechtsverletzungen gegen die Kirche, mochte der Papst noch so energische Proteste einlegen. (4) Selbst katholische Mächte zeigten die größte Missachtung gegen das Oberhaupt der Kirche. Die größten Bitterkeiten erfuhr der Papst infolge des „Spanischen Erbfolgekrieges“. Karl II. von Spanien war ohne männliche Nachkommen am 1. November 1700 gestorben. Österreich und Frankreich erhoben Ansprüche und stritten sich um das Erbe. Obwohl Klemens im Glauben, Frankreich besitze nähere Ansprüche, sich mehr dieser Macht zuneigte, bemühte er sich doch, den Frieden zu vermitteln. Keine Partei war mit der Neutralität zufrieden, vielmehr drängte eine jede den Papst, sich für ihren Thronkandidaten zu erklären und sah die kleinste Gunstbezeigung, die der andern erwiesen wurde, als grobe Beleidigung an. Die Thronprätendenten waren Philipp V. von Frankreich und Karl III. von Österreich. So wurde der Papst bald von der einen, bald von der anderen Macht bitter gekränkt und in seinen Rechten verletzt.

In dem hierauf erfolgten Frieden von Utrecht 1713 wurde über Sizilien und Sardinien entschieden, ohne sich im geringsten um den Papst als den Lehnsherrn beider Inseln zu kümmern. (5) Als der Papst dem Herzog von Savoyen, dem der Königstitel und Sizilien zuerkannt wurden und der schon früher die kirchlichen Rechte missachtet hatte, die den früheren Herrschern über diese Insel gewährten Privilegien nicht gewährte, wurden die Welt- und Ordensgeistlichen, die dem Papst gehorchten – 3000 an der Zahl – aus dem Land gejagt. Klemens hatte nun für diese rechtlos Vertriebenen zu sorgen. (6)

So musste der Papst während seiner ganzen Regierungszeit Ungemach über Ungemach erdulden. Sein Pontifikat glich einem trüben Tag, den nur wenige spärliche Lichtpunkte erhellten. Solche Lichtpunkte waren die Einführung des Festes der Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes für die ganze Kirche, die Rückkehr mehrerer fürstlicher Personen zur Kirche, wie des Fürsten Ulrich von Braunschweig und des Kronprinzen Friedrich von Sachsen, endlich die glücklichen Erfolge der österreichischen Waffen im Türkenkrieg unter dem Prinzen Eugen (1714 bis 1718). Und selbst da fehlte es an Bitterkeit nicht. (7) Alle Kränkungen und Ungerechtigkeiten konnten den Papst in seiner Hirtensorgfalt nicht lähmen, in seinem Gottvertrauen nicht erschüttern. –
aus: Andreas Hamerle C.Ss.R., Geschichte der Päpste, III. Band, 1907, S. 586 – S. 588

(1) Als er Papst geworden war, untersagte er allen Verwandten, sich von ihm Titel oder Stellen zu erbitten. Seine Schwägerin bildete sich etwas auf ihre Verwandtschaft mit dem Papst ein, musste aber daraufhin Rom verlassen.

(2) Papst Klemens war geboren am 22. Juli des Jahres 1649 zu Urbino in Italien. In seiner Jugend hatte er sich eine hohe gelehrte Bildung erworben und die Würde eines Doktor der beiden Rechte erlangt. Er war durch seine Bescheidenheit und Demut überall beleibt und als berühmter Redner geschätzt.

(3) Schon im Jahre 1705 baute Klemens für die armen Römer ein Kornhaus. Als im Jahre 1700 eine furchtbare Pest die Stadt Marseille in Frankreich verheerte und alle Beamten flohen, ermunterte Klemens den Bischof und die Priester zur heldenmütigen Ausdauer. Ferner belud er drei Schiffe mit Getreide, um sie an die Stätte des Elends und Hungers zu schicken. Eines davon litt auf dem Meer Schiffbruch, während die andern zwei Seeräubern in die Hände fielen. Als diese aber hörten, daß der Papst sie den Unglücklichen in Marseille gesendet habe, gaben sie dieselben wieder frei. Der Bischof der Stadt weihte im Jahre 1720 die Diözese dem hochheiligen Herzen Jesu. Von dem Tage an wich die Pest und forderte keine Opfer mehr.

(4) Zwei Ereignisse brachten dem heiligen Vater gleich zu Beginn seiner Regierung vielen Kummer. Der protestantische Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg nahm den Titel eines Königs von Preußen an. Das war aber vor Gott und der Welt eine ungerechte Handlung; denn nach den in Deutschland bestehenden Gesetzen gab es außer dem Kaiser nur Reichsfürsten. Ferner gehörte die Mark Brandenburg der Kirche, das heißt dem Orden der Kreuzherren, das der Fürst somit unrechtmäßig verweltlicht hatte. Durch diese Wegnahme wurde nun der Grund zu einer neuen protestantischen Großmacht gelegt. Der Papst sah die schlimmen Folgen dieser ungerechten Tat voraus und protestierte, aber seine Stimme wurde nicht gehört.

(5) Am 1. November des Jahres 1700 starb Karl II. König von Spanien, ohne Kinder und hinterließ ein Land, das auch in Afrika und Amerika große Besitzungen hatte. Kaiser Leopold von Österreich, Ludwig XIV. von Frankreich und Viktor Amadeus II. von Savoyen stritten sich um die Herrschaft über Spanien. Auf Zureden des Papstes Innozenz XII. hatte der König vor seinem Tod ein Testament gemacht und Philipp von Frankreich zum Erben eingesetzt, der die Krone annahm und von Spanien anerkannt wurde. Allein Österreich, England, Holland und Savoyen wollten nicht dulden, daß die Krone von Spanien an das Haus der Bourbonen kam, die ohnehin bereits übermächtig waren. Die Eifersucht trieb sie zum Krieg, der dreizehn Jahre wütete. Da man die Stimme des Papstes nicht hörte, mussten die Waffen entscheiden. Als der Kaiser Leopold mit dem Papst wegen des Friedens verhandelte, ward König Philipp V. von Spanien beleidigt und zog seinen Gesandten vom päpstlichen Hof zurück. Papst Klemens konnte schließlich sein eigenes Land, den Kirchenstaat, nicht mehr schützen. Im Jahr 1709 wurde er vom Kaiser zum Frieden gezwungen, durch den der Bruder des Kaisers, Karl III. als König von Spanien anerkannt wurde. Nun verbot König Philipp von Spanien allen Verkehr zwischen Spanien und Rom und vertrieb den päpstlichen Gesandten.

(6) Auch in Italien hatte der Papst vielerlei Kämpfe zu bestehen, besonders mit König Viktor Amadeus II. von Savoyen. Durch den Frieden von Utrecht im Jahre 1713 brachte dieser die Herrschaft von Sizilien an sich, obwohl dieses Land nur der Papst zu vergeben hatte. Der päpstliche Gesandte wurde gar nicht gehört. Da sprach der heilige Vater die schwersten kirchlichen Strafen über dieses Land aus, worauf dreitausend Geistliche von dort vertrieben wurden. Erst im Jahr 1718 kam dieses Land an Spanien, das sich mit Rom aussöhnte.
Die beständigen Unruhen in Polen suchte der Papst durch wiederholte Ermahnungen zu beseitigen und nahm sich des dortigen Königs August II. mit Eifer an.

(7) Als im Jahr 1715 die Venetianer von den Türken angegriffen wurden, brachte auch ihnen der heilige Vater kräftige Hilfe durch Geld und Schiffe. Auch dem König Philipp von Spanien gab der Papst Geld, damit er den Venetianern zu Hilfe komme. Aber dieser führte damit Krieg gegen den Kaiser und verfeindete sich so wieder mit Rom.

Während die Völker durch die beständigen Kriege verarmten, ohne daß der Papst helfen konnte, trieben in Frankreich die Jansenisten ihr Unwesen fort und untergruben den wahren Glauben und das Ansehen des Papstes. Klemens verurteilte sie, brachte es aber bei aller Wachsamkeit nicht fertig, die Irrlehre zu unterdrücken.

Es gab wenige Päpste, die edler, gelehrter, liebenswürdiger, demütiger und freigebiger waren als Klemens, dennoch konnte er den Verfall der Sitte und Ordnung nicht aufhalten. Kein Land und kein Volk schloss er von seiner Liebe aus. Den Katholiken in Syrien und Ägypten, die unter der türkischen Tyrannei seufzten, war ein treu besorgter Vater. Mit dem Fürsten von Persien wechselte er Briefe und schickte Missionare nach Äthiopien.

Papst Klemens führte im Jahre 1708 das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariä, im Jahre 1716 das Rosenkranzfest für die katholische Kirche ein und gab der Genossenschaft der Englischen Fräulein die Bestätigung.
Er erließ zum Schutz der öffentlichen Sittlichkeit zahlreiche Verordnungen.

Den Kirchen in und außer Rom schickte er kostbare Gegenstände, den Universitäten wertvolle Bücher, den Fürsten Geld, den Gelehrten Unterstützungen. Die Stadt Bologna erhielt eine Hochschule für Malerei und Baukunst. Allein alles dieses reicht nicht hin, um die traurigen Zustände zu bessern.

Von den katholischen Fürstenhöfen in Wien, Turin, Madrid, Barcelona, Neapel wurden nacheinander die päpstlichen Gesandten ausgewiesen; der Verkehr der Bischöfe mit Rom wurde verhindert, der Kirche die schwerste Kränkung und Beleidigung zugefügt, fast alle guten Absichten des edlen Papstes wurden verkannt, missdeutet und angefochten, die Rechte des heiligen Vaters verletzt. Die europäischen Fürsten untergruben mit eigener Hand ihre Throne. Unter diesen traurigen Zuständen überließ Papst Klemens den europäischen Fürsten diese Erde am 19. März des Jahres 1721 in seinem zweiundsiebzigsten Lebensjahr durch einen erbaulichen Tod. Klemens beichtete mit großer Andacht und empfing die heiligen Sterbesakramente. Dann ließ er seinen Neffen kommen und sprach: „Betrachte mich, so enden alle Ehren dieser Welt. Nichts ist groß, was nicht in den Augen Gottes groß ist. Trachte darum immer nach dieser heiligen Größe!“

Während der glorreichen Regierung des Papstes Klemens XI. war in Deutschland Kaiser Joseph I. gestorben. Allein sein Nachfolger Karl VI., der neunundzwanzig Jahre regierte, war nicht imstande, die alten Schäden zu bessern und die Lasten des Volkes zu erleichtern.

Auch in Frankreich hatte es eine Veränderung gegeben; denn Ludwig XIV. war vom Schauplatz der Welt abgetreten. Aber sein Nachfolger, Ludwig XV., übertraf ihn nur noch in der Sittenlosigkeit. So blieben die Zustände in zwei hervorragend katholischen Ländern, dieselben, obwohl die leitenden Personen gewechselt hatten. Deswegen erwartete die drei auf Klemens XI. folgenden Päpste der gleiche Streit. Die Regierung der besten Päpste ging für Europa fast erfolglos vorüber, weil sie bei den katholischen Fürsten nur Lauheit und Widerspruch fanden. Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch wurde das Ansehen der Päpste immer mehr missachtet; rücksichtslose Kränkung, namentlich von katholischen Fürsten, mehrten sich von Jahr zu Jahr. Dies erfuhr schon Innozenz XIII., der am 8. Mai des Jahres 1721 den Heiligen Stuhl bestieg. –
aus: Chrysostomus Stangl, kath. Weltpriester, Die Statthalter Jesu Christi auf Erden, 1907, S. 680 – S. 685

Category: Papsttum, Stangl
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