Reise Josephs und Marias nach Bethlehem

Die Reise Josephs und Marias nach Bethlehem

Luk. 2, 1. Es geschah aber in denselben Tagen, daß vom Kaiser Augustus ein Befehl ausging, das ganze Land zu beschreiben. – 2. Dies war die erste Beschreibung und geschah durch Cyrinus, den Statthalter von Syrien. – 3. Und alle gingen hin sich anzugeben, ein jeder in seine Stadt. – 4. Und es ging auch Joseph von Galiläa, von der Stadt Nazareth, hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, welche Bethlehem heißt, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, – 5. um mit Maria, seinem verlobten Weibe, die schwanger war, sich anzugeben.

Der Tag der Niederkunft Marias erfüllte sich allmählich. Doch sollte dieselbe nicht in Nazareth, sondern in Bethlehem stattfinden

1. Veranlassung zur Reise nach Bethlehem

Die erste, zunächst liegende und äußere war die Verordnung des römischen Kaisers Augustus zu einer Aufnahme und Verzeichnung des ganzen Reiches, also auch der unterworfenen Reiche, zu denen auch Judäa, das Königreich des Herodes, gehörte (Luk. 2, 1). Der Statthalter von Syrien, Cyrinus, nahm die Aufzeichnung in der Herrschaft des Herodes vor (ebd. 2, 2), und zufolge uralter Volks- und Landessitte (Num. 1, 2; 26, 2; 2. Kön. 24, 2) nach Stämmen und Geschlechtern und Familien, so daß jedes Familienhaupt sich dahin begeben musste, wo die Familie ursprünglich ansässig gewesen war (Luk. 2, 3). Für die Familie Davids war dieser Ort Bethlehem. Dahin also begaben sich Joseph und Maria. Warum auch Maria mitreiste, mag wohl in dem Umstand den Grund gehabt haben, daß sie Erbtochter eines Zweiges der Familie Davids war, oder daß der heilige Joseph überhaupt sich in Bethlehem nieder zu lassen gedachte; jedenfalls auch aus andern, höheren Gründen.

Eine andere, höhere Veranlassung zur Reise waren eben die Absichten, aus welchen Gott diese Reichsaufnahme gerade zur Zeit von Christi Geburt zuließ. Aus dieser Reichszählung, durch römische Staatsbeamte im Reich des Herodes selbst vorgenommen, geht deutlich hervor, daß das Zepter von Juda genommen, ja daß die Herrschaft des Herodes selbst so gut wie aufgegangen war in dem großen römischen Weltreich nach der Prophezeiung Daniels (Dan. 2, 40; 7, 23). Der Heiland sollte auf diese Weise amtlich als Sohn Davids verzeichnet und eingetragen werden als ein Höriger des großen und letzten Weltreiches, das er also von innen heraus überwinden und sich einverleiben sollte in seiner ewigen Herrschaft Tertullian (C. Marc. 4, 19) und der heilige Justinus (Apol. 1, 4) bezeugen die Eintragung Jesu in die Reichsstatistik. – Ferner sollte so die Prophezeiung des Michäas in Erfüllung gehen, die Bethlehem als den Geburtsort des Messias bezeichnet (Mich. 5, 2). – Endlich sollte Christus in Armut und Verborgenheit zur Welt kommen. Um diese Umstände herbei zu führen, gab es kein besseres und natürlicheres Mittel als den Zusammenfluss der Menschen in Bethlehem infolge der Reichsverzeichnung. So demütig und voll des Geistes Jesu Maria war, so hätte sie es doch nicht über sich gebracht, in einem Stall ihre Niederkunft zu erwarten. Für alles dieses war nun gesorgt, und ohne Engelsbotschaft. Die staatliche Anordnung der Volkszählung war somit nur ein Werkzeug der Vorliebe Jesu zu Armut, Demut und Gehorsam. Aus diesen höheren Gründen gab Gott es dann wohl auch in das Herz Marias, mit Joseph die Reise nach Bethlehem zu unternehmen. Gewiß waren es auch diese höheren Rücksichten, die Maria unter diesen Umständen zur Reise nach Bethlehem vermochten. Während vielleicht nicht wenige Juden über die neue Verordnung des fremden Herrschers knirschten, sahen Maria und Joseph darin wohl nur die göttliche Vorsehung, welche dem Heiland die Wege bahnte.

2. Die Reise

Maria und Joseph begaben sich also auf die Reise (Luk. 2, 4. 5), bezüglich deren drei Dinge zu beachten sind.

Das erste ist die Geduld der heiligen Familie. Die Reise war ziemlich weit, wenigstens von vierthalb Tagen, und brachte manche Unannehmlichkeiten. Entweder ging ihr Weg über Sichem, Bethel, Jerusalem, oder dem Jordanfluß entlang über Jericho und Jerusalem nach Bethlehem. Es waren die Tage des Dezember, während welcher es in den Berggegenden des Gelobten Landes bei Westwind, Regen und Schnee empfindlich kalt sein kann. Jedenfalls war es keine Reise zum Vergnügen. Aber in Geduld ertrugen sie alles.

Zweitens ist zu betrachten die Bescheidenheit und Demut. Für die hohen Geschlechter des Landes, namentlich für die Angehörigen des Hauses David, war es eine willkommene Gelegenheit, sich wieder geltend zu machen und in Erinnerung zu bringen. Deshalb mochten sie wohl alles aufbieten, um standesgemäß aufzutreten. Maria und Joseph sicherlich nicht. Sie reisten demütig, wie Leute aus dem gewöhnlichen Volk. Andere fahren daher – sie wanderten sacht, alles überholt sie, und allen machen sie Platz. Und doch wer sind sie? Die edelsten und heiligsten Menschen. Welche Ahnfrau des Heilandes ist so unansehnlich durch das Land gezogen? Mit welchem Gepränge wurde einst die Arche des Bundes durch diese Gegenden getragen? Hier ist die lebendige Arche des Herrn. Und sie ging vorbei, rechts und links Segen spendend, und niemand hatte eine Ahnung.

Das dritte ist der Geist der Sammlung und des Gebetes, in dem die heilige Familie diese Reise zurücklegte. Die Menschen werden um so gesammelter und schweigsamer, je näher Gott an sie heran tritt. Was muss der Sammlung vergleichbar gewesen sein, mit welcher der Heiland alles Sinnen und Denken der Mutter und des heiligen Joseph in sich zog! Sie waren die einzigen Seelen, die um das Geheimnis wußten; die einzigen, die das Menschengeschlecht vertreten konnten durch ihr Gebet und ihre Sehnsucht. So sprachen sie denn wohl wenig und beteten viel, ja waren stets in stilles Gebet versunken mitten in der Unruhe und dem Wirrwarr der Reise.

Maria und Joseph suchen Herberge in Bethlehem: Während Maria müde auf der Stufe sitzt, den Kopf auf den Arm gestützt, fragt der hl. Jospeh an der Türe nach einer Herberge

3. Die Ankunft in Bethlehem

So kamen Joseph und Maria nach Bethlehem. Vielleicht beleuchtete eben die untergehende Sonne die weißen Häuserreihen auf den Hügeln, als Maria und Joseph mit ihrem Reittier durch die Terrassen der Weinberge dem Städtchen sich näherten und wahrscheinlich zuerst nach der Fremden-Herberge hinlenkten. Aber die Herberge war besetzt und das Städtchen voll von Fremden. Wohl an manchem Hause zog die kleine Familie vorbei, um Obdach spähend, und an mancher Türe mochte der heiligen Joseph schüchtern pochen – sie wurden in dem Gedränge übersehen oder kalt abgewiesen. Unterdessen mochte sich der Abend senken, die Türen schlossen sich, und keine Herberge war gefunden. So wandten sie denn endlich ihre Schritte zum Städtchen hinaus, wo der hl. Joseph eine höhlenartige Herberge für Tiere wußte. Dort kamen sie ermüdet an und richteten sich zur Nachtruhe und zur ewig denkwürdigen Stunde der Geburt des Herrn ein. Es ist im Morgenlande gewiß nichts Ungewöhnliches, in Höhlen und Grotten zu übernachten und selbst zu wohnen; oft ist der innere Teil der Wohnungen in Felsen gehauen; aber hier hatte doch dieses Wohnen etwas unendlich Rührendes. Sie sind die Heiligsten, Besten und Ersten, und sind so ungastlich untergebracht, alles ist so unvorbereitet, arm und verlassen, während dort das Städtchen mit seinen Lichtern, seinen stattlichen Häusern und dem weitläufigen Schloß, das Herodes gebaut, Hunderten von weniger Würdigen gastliche Aufnahme und heimische Unterkunft bietet. Sie sind die Erben des Hauses David, und Bethlehem, die Stadt Davids, die Bethlehemiten, die Nachkommen des Hur und der Maria (Ex. 17, 10; 24, 14; 1. Par. 4, 4), die Nachkommen Booz` und Jesses, nehmen sie nicht auf und bescheiden sie hinaus in eine Tierherberge. Welch rührender Gegensatz! Sie waren Gott die Nächsten und Teuersten, und doch, Gott selbst scheint sie zu verlassen und nicht an sie zu denken. Für alle sorgt er diesen Abend, für sie ist nichts bereitet, auch nicht das Notwendigste, nach einer langen Reise und am Winterabend. Für sie scheint es kaum eine Vorsehung zu geben.

Und wie trugen Maria und Joseph die Prüfung? Gewiß ganz im Geiste des Heilandes. Es war die erste Zurücksetzung und Verdemütigung, die ihn in dieser Welt traf. Die Welt will ihn nicht, kennt ihn nicht, weil er nicht kommt, wie sie ihn erwartet. Darüber jubelt das kleine Herz des Heilandes, und er teilt seinen Eltern seine Gedanken und Gesinnungen mit. Gewiß nur ungern hatten sie um Gastfreundschaft gebeten, weil sie fürchteten lästig zu sein. Jede abschlägige Antwort wußten sie zu entschuldigen; voll Sanftmut, Geduld und Liebe verlassen sie das Städtchen, und ihre sanfte Traurigkeit kannte nur Gott. Es ist dieses der zweite Schatten, den das Kreuz und der Kalvarienberg über Jesus und Maria warf. Es war die erste Begegnung des Messias mit seinem Volk, mit den Seinen, seinen engeren Mitbürgern von Bethlehem, und sie nahmen ihn nicht auf (Joh. 1, 11). Im Morgenlande ist sonst Gastfreundschaft so allgemein wie die Blume des Feldes, nur für Gott scheint sie nicht da zu sein. Er erhält keine Gastfreundschaft, weder zum Geboren werden noch zum Sterben.

So kam denn die heilige Nacht heran, unscheinbar wie jede andere Nacht, und umhüllte Bethlehem und die Erde mit ihren Schatten. Die Welt unter dem Zepter der römischen Weltherrschaft und die Welt der Barbaren, ermüdet von ihrer Erden- und Sündenarbeit, legte sich wie sonst zur Ruhe und hatte keine Ahnung, wie nah ihr Gott ist. Außer dem schweren Sündenbewusstsein, der Ermüdung von irdischen Bestrebungen und dem allgemeinen Frieden, der endlich auf schwere Kriege gefolgt war, war kaum eine Vorbereitung in der Menschheit auf die sichtbare Ankunft Gottes vorhanden. Nur dort in der armen Höhle wachten Joseph und Maria beim spärlichen Schein eines kleinen Feuers. Sie sind das betende Herz der Welt. So war es und so ist es. Die Welt kennt Gott nicht, denkt nicht an ihn. Stets muss es heilige, erwählte Seelen geben, welche den Berührungspunkt zwischen Himmel und Erde geben. Ihre Gebete, ihre Bitten, ihre Sehnsucht sind die Uhr der göttlichen Ratschlüsse (P. Faber). So waren es hier Joseph und Maria. Gewiß brachten sie die Nacht im Gebet zu, und wie Maria den Sohn Gottes durch ihre Sehnsucht aus dem Schoß des himmlischen Vaters herab gezogen, so lockte dieselbe Sehnsucht ihn nun aus ihrem eigenen Schoße. Wir wollen uns mit ihnen vereinigen. Es ist Christnacht. Heiligen wir uns, mahnt die Kirche im heiligen Offizium, und bereiten wir uns! In wenigen Stunden wird der Herr bei uns sein, und wir werden die Herrlichkeit Gottes sehen. Die Missetat der Erde wird getilgt, und herrschen wird über uns der Erlöser der Welt. Fiat! Fiat! –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes, Bd. 1, 1912, S. 117 – S. 122

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