Betrachtungen über das Leiden Jesu

Das Leben und Leiden und der Tod am Kreuz, das kostbarste Blut Jesu am Kreuz vergossen; Jesus hängt, halb nackt und mit einer Dornenkrone "geschmückt", mit ausgebreiteten Armen am Kreuz, geschunden durch die Marter der Geißelung und der Wunden, und verspottet

Das Leben und Leiden und der Tod Jesu

Vorhersage des Leidens.

Betrachtungen über das Leiden Jesu. Einleitung

Matth. 26,1. Und es begab sich, nachdem Jesus alle diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: – 2. „Ihr wisset, daß nach zwei Tagen Ostern ist und der Menschensohn ausgeliefert wird, daß er gekreuzigt werde.“
Mark. 14,1. Nach zwei Tagen aber war Ostern und die Zeit der ungesäuerten Brote: und die Hohenpriester und Schriftgelehrten trachteten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten.
Luk. 22,1. Es nahte aber das Fest der ungesäuerten Brote, welches Ostern heißt.

Und es begab sich, als Jesus alle diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: „Ihr wisset, daß nach zwei Tagen Ostern ist und der Menschensohn überantwortet werden wird, um gekreuzigt zu werden.“ Diese Worte, wohl am Dienstag gesprochen, deuten an, daß ein neuer, wichtiger Abschnitt im Leben des Heilandes beginnt, nämlich sein Leiden. Deshalb hebt der Herr selbst mit einer feierlichen Ankündigung seines Leidens und seines Todes an.
Es scheint ganz dem Sinn der Worte entsprechend, hier eine Einleitungs-Betrachtung zum Leiden Christi einzufügen.

Beweggründe, das Leiden zu betrachten

Erster Beweggrund ist die Erhabenheit seines Leidens

Der erste ist die Erhabenheit des Leidens Christi. Alles am Heiland, jedes Wort und jede Tat ist groß und herrlich über die Maßen, besonders aber die Geheimnisse seines Leidens. Es sind eben die letzten Schritte im Leben des Gottmenschen. Bisher gab er das Beispiel der Tugend im gewöhnlichen Leben, dann das große Beispiel des apostolischen Wirkens durch Lehre und Wunder; jetzt vollendet er die Erlösung durch sein Leiden und seinen Tod. Lehren und Wunder wirken taten auch andere; die Welt erlösen durch den Tod konnte nur der Heiland. Es sind die Geheimnisse seines Leidens und Todes das Ziel und der Höhepunkt, der Inbegriff und die Besiegelung seiner Aufgabe, seines Lebens und der herrlichen Gewalten, die in ihm ruhten. Dieser Gewalten sind namentlich drei. Der Heiland ist König. Er war gekommen, um aus Himmel und Erde ein großes Reich zu gründen, in dem alle Menschen Freiheit und Schutz und die zeitliche und ewige Wohlfahrt finden sollten. Dieses Reich musste aber erobert werden. Satan war Fürst dieser Welt, und er beherrschte sie durch die Sünde und die Gewalt der Leidenschaften und die äußere staatliche Macht, die vertreten war in dem heidnischen und jüdisch-gottlosen Staat. Mit dem nimmt der Heiland nun den Kampf auf. Es ist ein königlicher Zweikampf (Is. 63,3). Er siegt, indem er fällt, und befreit die Menschheit aus dem Joch der Sünde und Leidenschaft, schafft sich aus der Menschheit sein Reich und seine Untertanen, verdient sich seine glorreiche Auferstehung, die Erhöhung zur Rechten Gottes und sein göttliches Richteramt. Jetzt wird der Fürst der Welt hinausgeworfen, und der Heiland, am Kreuz erhöht, zieht alles an sich. Sein Leiden ist seine Thronbesteigung. –

Der Heiland ist auch Prophet und Gesetzgeber. Durch den Gehorsam bis zum Kreuzestod erfüllt er die Prophezeiungen (Luk. 24,44) und beseitigt das alte Sitten- und Zeremonial-Gesetz; er bestätigt durch sein Leiden die Lehre vom Kreuztragen, besiegelt seine Liebe zum himmlischen Vater und zu uns (Joh. 14,31) und stellt das erhabenste und herrlichste Beispiel aller Tugenden auf. – Endlich ist der Heiland Hoherpriester, und durch sein Leiden und sein Tod bringt er das Opfer dar: dieses Opfer, so groß und herrlich in sich durch die Würde seiner Person, durch die Liebe, in der er es vollzieht, und durch den Aufwand von Schmerz und Leiden, zu deren Vollziehung die ganze Menschheit in ihren Vertretern beiträgt; dieses Opfer, so groß in der Vorbereitung durch Vorbilder und Prophezeiungen seit den ersten Tagen der Welt; dieses Opfer, so unnennbar groß in seinen Wirkungen für Gott und für uns, durch die Ehre und Verherrlichung, durch die Schätze der Genugtuung, der Versöhnung, des Verdienstes und aller Segnungen. Es ist das ewige Bundesopfer, das Himmel und Erde versöhnt und in dessen Strahlen Zeit und Ewigkeit sich sonnen. Durch dieses Opfer ist er der ewige Hohepriester. So löst der Heiland seine Lebensaufgabe in seinem Leiden, und nirgends offenbart und betätigt er seine herrlichen Gewalten und Ämter in großartigerer Weise. Deshalb sprach er so oft von seinem Leiden, sehnte sich nach demselben und erfüllte alle Zeiten mit den Prophezeiungen und Vorbildern dieses beseligenden Leidens.

Zweiter Beweggrund ist die Billigkeit

Der zweite Beweggrund, das Leiden zu betrachten, ist die Billigkeit. Es ist höchst billig, daß wir an das Leiden des Herrn denken und es herzlich betrachten, erstens: weil ihn nichts so viel gekostet hat. Es hat ihn sein liebes, teures Leben gekostet, und unter welchen Peinen! So ist es gewiß nicht zu viel, wenn wir wenigstens an das denken, was er für uns gelitten. – Zweitens denken die Menschen so wenig an dieses Leiden. Alle Orte und Wege wimmeln von Besuchern. Der Kreuzweg ist so spärlich begangen! Deshalb beklagt sich der Heiland so oft durch den Propheten, daß er so allein und ohne Teilnahme und Trost gelassen wird (Is. 63,5). – Und doch ist es nur die Erinnerung an dieses Leiden, der Dank und die Liebe, die wir ihm deswegen erweisen, was er sich eigentlich durch sein Leiden verdient hat. Alles andere besaß er schon aus anderen Rechtstiteln. Wer wird ihm denn diese einzige Belohnung vorenthalten können?

Dritter Beweggrund ist unser eigener Nutzen

Der dritte Beweggrund ist unser eigener Nutzen. Es ist ein heiliges und heiligendes Leiden. Alle Wirkungen und Segnungen eines heiligen Lebens entquellen ihm; vor allem der Haß und der Abscheu vor der Sünde. Die Verdienste und Gnaden des Leidens Christi sind das Mittel, die Sünde zu tilgen, und das Andenken an das Leiden Christi der mächtigste und edelste Beweggrund, die Sünde zu meiden; und wenn der Sünder in seinem Elend verzweifeln will, so spricht ihm das Leiden Christi Mut ein und zeigt ihm, wieviel er wert ist, und welcher Liebe und welchen Opfers ihn Gott und Christus für würdig halten. – Die Heiligkeit des Lebens besteht zweitens in der Überwindung der ungeordneten Leidenschaften. Was beweist nun anschaulicher deren schreckliche Macht als der Tod Christi, dessen fluchwürdige Werkzeuge sie waren? Wenn das Leiden Christi ein erschütterndes Trauerspiel ist, dann sind die Leidenschaften die Schauspieler, die es aufführen und in Szene setzen. Es gibt kein mächtigeres Beispiel zum Kampf gegen die Leidenschaften als den leidenden Heiland. – Drittens gehört zur Heiligkeit des Lebens die Kraft die Kraft und der Eifer, zu arbeiten und zu leiden für Gott und sein heiliges Reich; es gehört zu ihr das kostbarste Erbstück; der Kreuzgeist, die Liebe zum heiligen Kreuz, die Großmut und das Verlangen, durch Arbeit, Opfer und Hingabe seines Lebens das Reich der Ehre Gottes und des Heiles der Seelen zu fördern. Das ist aber gerade der Geist, der uns aus dem Leiden Christi so lebhaft anweht und uns erfüllt. Die Heiligen brauchten kein anderes Mittel öfter und wirksamer, um Heilige zu werden, als die Betrachtung des Leidens Christi. Da schöpften sie den Geist, der sie dazu gemacht, was sie geworden sind. Das wären so einige Beweggründe, um mit Liebe an die Betrachtung des Leidens Christi zu gehen.

Art und Weise, das Leiden zu betrachten

Das christliche Leben bietet uns manche Art und Weise, uns in der Andacht zum Leiden Christi zu üben.
Vor allem ist es das andächtige und herzliche Erwägen der Leidensgeheimnisse. Um dieses wirksam anzustellen, ist es gut, uns von vornherein mit den Gesinnungen bekannt zu machen und zu erfüllen, welche den Heiland bezüglich seines Leidens beseelten. Er sah es einfach als seine Lebensaufgabe an (Matth. 20,28); er hatte es immer vor Augen vom ersten Augenblick seines Lebens an (Hebr. 10,5); er sehnte sich unausgesetzt nach ihm (Luk. 12,50); in den Unterhaltungen mit seinen Jüngern war es so oft der Gegenstand seiner Worte; er sah es als den Kelch an, den sein lieber Vater ihm gemischt (Joh. 18,11); wenn er uns einen Begriff geben will von seiner Liebe zum himmlischen Vater (ebd. 14,31) und zu uns (ebd. 15,13), dann weist er stets auf das Leiden hin, und wenn er uns die Größe der Herrlichkeit klar machen will, die ihn und uns beim Vater erwartet, dann bezeichnet er sie als den Preis seines Leidens und Sterbens (Luk. 24,26); und wenn er in Eifer gerät, so ist es sicher dann, wenn man ihm das Kreuz entreißen will (Matth. 16,23). Das sind die Gesinnungen seines Herzens gegen das Leiden, Gesinnungen der Ehrfurcht, der Liebe und des Verlangens. Mit diesen Gesinnungen müssen wir uns zu erfüllen such und mit diesem Geist an die Betrachtung der einzelnen Leidensgeheimnissen herantreten und dieselben mit großer Teilnahme, mit Liebe und Dank durchgehen, uns vergegenwärtigen und mit durchleben, indem wir erwägen, wie die Gottheit ihre beschützenden und beseligenden Wirkungen zurückzieht und seine heilige Menschheit leiden läßt in den Kräften der Seele und in dem Leibe, und wie er das alles leiden will mit Freiheit, und zwar für mich.

Andere Übungen der Andacht zum Leiden Christi sind der schmerzhafte Rosenkranz, indem wir das Gemüt der Mutter Gottes zum Spiegel nehmen und das Leiden Christi in demselben betrachten; dann ist es der heilige Rosenweg, diese volkstümliche und schöne Andacht, in welcher wir besonders die letzten Schritte des Heilandes verfolgen und gleichsam mitmachen; und endlich ist es das heilige Messopfer, welches die Krone aller Andachten zum Leiden Jesu ist, weil es seinem innersten Wesen nach die Erneuerung, die bildliche Darstellung, die Fortsetzung und Vollendung des Kreuzopfers ist.

Die letzte sehr wichtige Weise, das Leiden Christi zu ehren, ist die praktische Nachahmung der Tugenden und Gesinnungen, welche uns in den verschiedenen Geheimnissen geoffenbart werden. So leiden wir wirklich mit und erhalten einen weit kräftigeren und lebhafteren Eindruck von allem, was der Heiland für uns auf sich genommen und durchgemacht hat. Die Tugenden und guten Werke, welche so die Betrachtung des Leidens Christi in uns hervorbringt, sind dann eben so viele Blumen und Liebeszeichen, die wir dem Kreuz tragenden Heiland auf den Weg streuen und mit denen wir sein Herz erfreuen. Wenn wir so dem Herrn zur Seite gehen, wird er gegen uns nicht dankbar sein? –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes in Betrachtungen Zweiter Band, 1912, S. 235 – S. 240

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