Die Macht des christlichen Weibes

 

Die Macht des christlichen Weibes

Im Leben und Wirken der hl. Margaretha hast du Anlaß, zu bewundern einen so lieblichen und erhabenen Beweis für die große Tatsache, daß das Christentum, die Wahrheit und Gnade Jesu Christi, das Weib wieder eingesetzt hat in seine ursprüngliche Würde der Gleichheit und Ebenbürtigkeit mit dem Mann, und ihm zurück gegeben hat seine Macht im Kreise der Familie und in der Gesellschaft. Außerhalb des Christentums war und ist das Weib bei allen Völkern entwürdigt, eine Magd oder Sklavin des Mannes, ein Spielball seiner Launen, ein Werkzeug seiner Laster, ein Opfer seiner Tyrannei und – was dessen Unglück noch erschwert, es stand und steht dort auf einer so niedern Stufe der Sittlichkeit, daß es diese Erniedrigungen als durch Übung und Staatsgesetze gerechtfertigt anerkennt. Die hohe Würde und Macht, deren sich das christliche Weib erfreut, stützt sich auf folgende Grundlage:

1. Jesus Christus hat den Fluch der Sünde von der Welt hinweg genommen; Er hat die Welt erlöst durch die Torheit des Kreuzes, damit die menschliche Weisheit zu Schanden und die Kraft Gottes offenbar werde; Er hat das Schwache und Niedrige auserwählt, um das Starke zu beschämen. Jesus Christus hat in besonderer Weise das Weib zum Werkzeug seines göttlichen Erlösungs-Werkes gemacht, indem Er durch den Willen und mit der Zustimmung des Weibes Mensch und Erlöser der Menschheit werden wollte. Das Weib hat daher in und durch Maria, die Mutter Gottes, einen besondern Anteil an der Entsündigung und Heiligung des Menschen-Geschlechtes, wie es in und durch Eva einen besondern Anteil an der Versündigung und Entwürdigung desselben gehabt hatte. Dieser bevorzugte Anteil, den die Weisheit Gottes durch die Gnadenfülle und Tugendgröße der allerseligsten Jungfrau Maria an dem Heil der Welt dem Weibe gegeben hat, ist daher die Grundursache, daß das christliche Weib in seine volle Würde wieder eingesetzt ist und eine so segensreiche Macht besitzt. Die Botschaft des Engels Gabriel an Maria: „gegrüßet seist du, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit, du hast Gnade gefunden …“ gilt dem ganzen Frauengeschlecht. Seit dieser Ankündigung des Engels hat der Mann kein Recht mehr, dem Weibe einen Vorwurf zu machen, sondern vielmehr die Pflicht, sie zu preisen, und seine verbrecherische Entschuldigung in Danksagung verwandelnd zu sagen: „Das Weib, das Du mir gegeben hast, hat mir die Frucht des Lebens dargeboten, und ich werde dadurch wieder geboren.“ Und die allgemeine hohe Verehrung Mariä, an welcher der Herr Großes getan, und die deshalb von allen Geschlechtern selig gepriesen wird, ist ein monumentales Zeugnis, daß die ganze Christenheit sich über diese Wiederherstellung der Würde und Macht des Weibes freut.

2. Jesus, der höchste Gesetzgeber, hat durch sein Benehmen gegen die Frauen, von denen Er sich im Evangelium umgeben zeigt, die voll gültigste Urkunde ihrer wieder erlangten Würde und Macht ausgestellt. Maria, seiner Mutter, war Er untertan; auf ihren Wunsch wirkte Er das erste Wunder; sie gab Er vom Kreuz herab dem Menschengeschlecht zur Mutter, und sie krönte Er zur Königin des Himmels. Maria, die öffentliche Sünderin, die das gerade Gegenteil von Maria der Jungfrau war, die aber an Liebe und Treue die Apostel noch am Fuße des Kreuzes übertroffen hat, ehrte Jesus mit der Verheißung, daß sie in der ganzen Welt werde gepriesen werden (Matth. 26,13). Selbst die Ehebrecherin befreite Jesus von ihren Anklägern und von ihren Sünden: der Samariterin gab er das Wasser des ewigen Lebens und machte sie zum Apostel ihrer Heimat. Er rühmte in besonderer Weise den Glauben der Kanaaniterin und bewies seine Liebe zu Maria und Martha durch das große Wunder der Auferweckung ihres Bruders. Betrachte sein Mitleid gegen die Witwe zu Naim, seine Hochschätzung gegen die arme Witwe am Opferkasten im Tempel und seinen Auftrag an die Frauen, die auf dem Wege zur Schädelstätte über Ihn weinten, sowie an diejenigen, die zuerst zum Grabe kamen und vom Engel das erste Alleluja der Auferstehung vernahmen.

So hat Jesus die Frauen geehrt und zu Boten seiner Gnade gemacht; und seither zeigt sich das christliche Weib als Jungfrau, als Schwester, als Gattin, als Mutter, in der Familie und in der Gesellschaft fort und fort, wie die hl. Margaretha in Schottland, geheimnisvoll und segensreich.

aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 445-446

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