Die Liebfrauenkirche in Würzburg

Die Liebfrauenkirche auf dem grünen Markt zu Würzburg, „Marienkapelle“ genannt

Als Beweis, daß die Verehrung Mariens, der unbefleckten Gottesmutter, in der katholischen Kirche so alt ist, als die Kirche selbst, und daß mit der Einführung und Verbreitung des Christentums auch die Verehrung Mariens immer und überall gleichen Schritt hielt und gleichmäßig sich verbreitete, dienen auch in dem katholischen Franken die zahlreichen Kirchen und Kapellen zu Ehren der seligsten Jungfrau, von denen manche bis zur Zeit der Einführung des Christentums hinauf reichen, wie z. B. die Marianische Wallfahrtskirche zu Höchberg, eine Stunde von Würzburg, die dem heiligen Burkardus, erstem Bischof von Würzburg, ihre Entstehung verdankt,

und der Festungsberg mit seiner Kirche, einem ehemals heidnischen Tempel, der auch gleich durch die ersten heiligen Glaubensapostel von Franken zu Ehren der seligsten Jungfrau eingeweiht wurde, seit jener Zeit den Namen „Marienberg“ trägt.

Festungsberg oder Marienberg


Die Marienkapelle  auf dem grünen Markt

Ein Beweis dieser alten und großen Verehrung zu Maria in Franken ist namentlich auch die Marienkapelle oder Liebfrauenkirche auf dem grünen Markt zu Würzburg mit dem kolossalen Bild der jungfräulichen Gottesmutter auf der Spitze des schönen Turmes, über deren Erbauung und seitherige Geschichte wir hiermit zum Lobe Mariens und zur Förderung ihrer Verehrung allen katholischen Christen die wichtigsten Nachrichten mitteilen.

Auf dem Platz, den jetzt die Marienkapelle einnimmt, stand einst die Synagoge der Juden, und der davor liegende große, freie Platz hieß damals der „Judenplatz“. Es befanden sich in dessen Umgebung die Wohnungen der Juden, und die jetzige von dem Markt zur Domstraße führende Schustergasse trug damals den Namen „Judengasse“. Bei der wie an vielen anderen Orten Deutschlands, so auch zu Würzburg im Jahre 1348 stattgehabten Verfolgung der Juden und Vernichtung ihrer Wohnungen soll nun die erwähnte Synagoge der Juden ein Raub der Flammen geworden sein. Gleichsam als Sühne für diese verabscheuungswürdige Gräueltat erbaute man nachher an dieser Stelle eine kleine Kapelle, und weihte sie zur Ehre und auf den Namen U. L. Frau Maria. In kurzer Zeit erhob sich diese Kapelle durch den Andrang zahlreicher Andächtiger aus der Stadt und vom Land zu einem beliebten, viel besuchten Andachts- und Gnadenort Mariens, zu einer Art Wallfahrtskirche. Es fielen reichliche Opfer an Geld, Kleinodien und dgl. Der geringe Umfang der Kapelle, auf solch‘ zahlreichen Besuch von Andächtigen nicht berechnet, vermochte bald nicht mehr, alle frommen Verehrer Mariens von der Nähe und Ferne aufzunehmen. Dieser Umstand, sowie das das durch die Opfer schon stark angewachsene Vermögen und die Zuversicht, daß durch fromme Gaben und Beiträge dasselbe sich noch weiter vermehren werde, endlich noch viele daselbst geschehene Wunder und Heilungen bestimmten den Bischof Gerhard, Grafen von Schwarzburg, dem Verlangen der frommen Bewohner Würzburgs zu willfahren, nämlich das unscheinbare Kirchlein, nachdem es kaum 30 Jahre gestanden hatte, abzubrechen und an dessen Stelle eine größere prachtvolle Kirche zu erbauen.

Die Grundsteinlegung der Marienkapelle

Am 16. Mai 1377 als am Vorabend des heiligen Pfingstfestes legte Gerhard unter großer Feierlichkeit den Grundstein zu dem gotischen Bau, der noch jetzt die schönste Zierde der Stadt Würzburg und von ganz Franken ist. Nach mehrmaligen, durch den Wechsel der Baumeister veranlaßten Unterbrechungen, wurde der Bau im Jahr 1479, also hundert und zwei Jahre nach der Grundsteinlegung, vollendet unter Bischof Rudolph II.

Noch mehr als die frühere kleine Kapelle zog natürlich die schöne Kirche jetzt die frommen Bewohner der Stadt und auswärtige Andächtige herbei, und wurde dieselbe deswegen auch bald bereichert durch Stiftung von Messbenefizien, Schenkungen und Vermächtnissen an Gütern und Einkünften aller Art. Viele in den Kreuzzügen und Feldschlachten erbeutete Waffen, Fahnen, Sporen, sowie die Ketten der aus der Gefangenschaft Erlösten wurden zum Gedächtnis an den Wänden oder Gewölben aufgehängt. Im Jahre 1615 übernahmen die erst kurz vorher in Würzburg angekommenen Kapuziner den Gottesdienst in dieser Liebfrauenkirche, die wahrscheinlich von der früheren kleinen Kapelle den Namen „Marienkapelle“ fortbehielt und noch jetzt trägt.

Gründung der Mariahilf-Bruderschaft

Im Jahre 1688 wurde die Bruderschaft zu Ehren Mariens unter dem Titel „Mariahilf-Bruderschaft“ unter dem Fürstbischof Johann Gottfried von Guttenberg auch in dieser Marienkapelle feierlich eingeführt, die noch jetzt besteht und jährlich die sieben Hauptfeste Mariens hochfeierlich begeht, während mehrere andere in dieser Kirche früher bestandene Bruderschaften leider zum Teil eingegangen oder nur noch einzelne Stiftungen und Gottesdienste von denselben vorhanden sind. Diese Bruderschaft war nämlich im Jahre 1683, wo die Türken, die Feinde des christlichen Namens, die kaiserliche Residenz-Stadt Wien belagerten und die ganze Christenheit bedrohten, zu München in der St. Peterskirche entstanden, indem der dortige Prediger, Kapuziner-Pater Alanus, das gläubige Volk zur Buße aufforderte und es ermahnte, in dieser großen Not seine Zuflucht zur seligsten Jungfrau Maria zu nehmen, die von jeher schon in dieser Kirche unter dem Titel „Maria-Hilf“ verehrt wurde. Am 18. August 1684 vom Papst Innozenz XI. bestätigt und mit Ablässen beschenkt, wurde diese Bruderschaft bald in vielen Städten Deutschlands eingeführt, darunter auch, wie schon angedeutet in der Marienkapelle zu Würzburg, wo sie unter dem gläubigen Volk sowie auch unter den Geistlichen aus dem weltlichen und Ordens-Stand zahlreiche Teilnehmer fand, wie sie das Bruderschaftsbuch zu Tausenden aufweist. Der oben genannte Fürstbischof, Johann Gottfried von Guttenberg, ließ aus eigenen Mitteln einen neuen Altar zu Ehren Mariahilf errichten, auf welchem denn die Gottesmutter seit jener Zeit besonders verehrt wird.

Im Jahre 1711 brannte der Turm der Kirche ab, der dem übrigen Baustil entsprechend spitzig gewesen war. Am 1. Juni des genannten Jahres entlud sich nämlich ein heftiges Gewitter über der Stadt Würzburg, und es traf ein Wetterschlag den Turm der Marienkapelle. Obwohl man gleich nachsah, fand man für den Augenblick gar nichts Beunruhigendes und glaubte, es sei ein sogenannter kalter Schlag gewesen. Aber in der nacht um 10 Uhr brach ganz oben in der Turmspitze, wo man vielleicht nachzusehen vergessen hatte, das Feuer aus. Der Brand war in kurzer Zeit so heftig und wegen des herabfließenden geschmolzenen Bleies der Turmbedachung so unzugänglich, da man zudem wegen der großen Höhe dem Feuer nicht mit Wasser beikommen konnte, daß der Turm bis auf das erste Gewölbe über den Glocken abbrannte. Zum größten Glück nahm der zusammenstürzende Turm eine solche Richtung, daß weder die umstehenden Häuser, noch die Kirche selbst beschädigt wurde. –

Maria, Patronin des Frankenlandes

Der Stadtrat, dem die Sorge der Kapellenpflege anvertraut war, fing sogleich mit Genehmigung des damaligen Fürstbischofs Johann Philipp von Greiffenklau an, aus dem Ertrag des Wasserzolles in einer dem übrigen Bau leider nicht entsprechenden Gestalt, den Turm mit eine runden Kappe, herzustellen, wie er noch bis zum Jahr 1854 zu sehen war. Und um nun auch einen Beitrag dazu zu leisten und seine besondere Verehrung zu Maria, der Patronin des Frankenlandes, zu beweisen, ließ der genannte Fürstbischof Johann Philipp auf Kosten der fürstlichen Hofkammer das große Standbild der heiligen Jungfrau verfertigen, das seit jener Zeit auf der Spitze des Turmes thronte und über die ganze Stadt weithin nach allen Seiten erglänzte. Dasselbe war aus reinem Kupfer geschlagen und auf das Beste vergoldet… Als das Standbild vollendet war und auf dem Turm befestigt werden sollte, wurde es zuvor am 14. Juni 1713 vom damaligen Weihbischof eingesegnet. Hierauf wurde zuerst die Kugel, in welche verschiedene Urkunden und Münzen gelegt worden waren, auf die Turmspitze gezogen, und als dann gegen 1 Uhr Mittags auch das Bild selbst auf der Höhe erschien und in der eisernen Hebestange eingesetzt war, begrüßte solches das Läuten aller Glocken im Turm, sowie die andächtigen Gefühle der zahllosen Zuschauermasse.

So thronte denn das Bild der seligsten Jungfrau von jener Zeit an auf der Turmspitze, streckte als Schutzpatronin die Hände über die Stadt, und sendete ihre glänzenden Strahlen weit hinaus in das Land, galt als Wahrzeichen des katholischen Glaubens der Stadt und des Herzogtums Franken, und ihr, der seligsten Jungfrau, die in dem bei der erwähnten Aufrichtung dieses Bildes gedichteten Lied die „Herzogin von Franken“ genannt wird, schreibt der fromme Sinn der Bewohner Würzburg’s die Verschonung von so manchen Übeln und Drangsalen zu… –
aus: Georg Ott, Marianum Legende von den lieben Heiligen, Zweiter Teil, 1869, Sp. 2090 – Sp. 2093

Bildquellen

Category: Gnadenorte, Ott
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