Das Konklave und die Wahl Pius X.

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Das Konklave im Jahr 1903 und die Wahl Pius X.

Pius X. in weißer Papstkleidung sitzt auf dem päpstlichen Stuhl, die Arme auf den Stuhllehnen, im Gesicht ist ein leichtes Lächeln zu sehen

Wo immer Kardinal Sarto sich zeigte, übte schon ein Auftreten und Benehmen, seine Offenheit und Freundlichkeit ohne jede Schaustellung einen gewinnenden Einfluss aus; dazu kam noch sein Leben aus Gott und seine Liebe zu Gott, die aus seinen markigen Zügen und aus seinen gütigen, blauen Augen leichtete, so so daß – bei seinem Anblick und in Erinnerung an die nicht unähnliche Gestalt des überaus volkstümlichen früheren Papstes Pius IX. – ein einfaches Weiblein unwillkürlich ausrief: „Welch schönen Pius X. würde unser Patriarch abgeben!“

Nachdem Papst Leo XIII. am 20. Juli 1903 im hohen Alter von fast 94 Jahren gestorben war und die Kardinäle sich zur Papstwahl nach Rom begeben mussten, da wünschte eine Dame aus Venedig dem Patriarchen bei einem Besuch, daß er Papst würde. Kardinal Sarto, der kaum einmal um eine treffende Antwort verlegen war, lachte nur und sagte: „Es ists schon eine allzu große Ehre, daß Gott einen Menschen wie mich gebrauchen will, um den Papst wählen zu lassen.“

Teil 2

Im Konklave

Als die Kardinäle am Abend des 31. Juli 1903 in das Konklave eintraten, da las man auf den Zügen des Patriarchen Sarto nur die eine Sorge: dem Stuhl des heiligen Petrus einen würdigen Nachfolger zu geben. Als aber schon beim ersten Wahlgang und er Sixtinische Kapelle fünf, und im zweiten Wahlgang zehn Stimmen mit dem Namen Sarto abgegeben wurden, da rief dieser in seiner Bestürzung mit zitternder Stimme und mit Tränen in den Augen: „Ich bin unwürdig und unfähig. Denkt nicht an mich!“ „Es war aber gerade dieses sein inständiges Flehens eine Demut und seine Weisheit, die uns noch mehr an ihn denken ließ“, erklärte der amerikanische Kardinal Gibbons; „durch seine eigenen Worte lernten wir besser kennen, als es durch den Mund anderer möglich gewesen wäre.“

Die große Schwierigkeit war aber die, wie man ihn zur Annahme der Wahl bewegen könnte. Viele Kardinäle bemühten sich darum im Laufe des dritten Tages im Konklave. Dem Kardinal Ferrari von Mailand entgegnete der Kardinal von Venedig mit einem Ausdruck der Bestürzung: „Die Verantwortung des Papsttums ist fürchterlich.“ Kardinal Ferrari erwiderte: „Bedenken Sie, daß auch die Verantwortung für ihre Weigerung fürchterlich ist.“ „Aber meine Gesundheit ist schwach, und ich werde bald sterben“, wandte der damals 68jährige Kardinal Sarto ein. Kardinal Ferrari gab zurück: „Wenden Sie auf sich das Wort des Kaiphas an: Es ist besser, daß einer sterbe für das Wohl aller!“ Schließlich bat auch noch der Sekretärs Konklave, Monsignore Merry del Val, im Namen des Kardinaldekans und des ganzen Kardinalkollegs, den Patriarchen von Venedig, die Annahme der Wahl nicht zu verweigern, falls die erforderliche Zweidrittelmehrheit sich für seinen Namen finden werde. Auf die erneuten Bitten des Patriarchen, man möge von ihm absehen, entgegnete schließlich der Sekretär ganz ergriffen: „Caraggio, Eminenza! Haben sie Mut, Eminenz!“

Als dann am folgenden Tag, den 4. August, 1903, fünfzig von den 64 Stimmen, als um 8 Stimmen mehr als die erforderlichen 42, sich auf den Namen Sarto vereinten, da erklärte dieser, der in den schweigsamen Stunden der Nacht sich zu dem für seine Demut so schweren Opfer durchgerungen hatte: „Wenn dieser Kelch nicht vorüber gehen kann, so geschehe Gottes Wille. Ich nehme das Papsttum an als ein Kreuz.“ „Welchen Namen willst du annehmen!“ fragte nach der Herkommen der Kardinaldekan. Nach einem Augenblick des Schweigens antwortete der Erwählte: „Weil die Päpste, die in diesem Jahrhundert am meisten für die Kirche gelitten haben, den Namen Pius trugen, wähle ich diesen Namen.“

Man zog ihm das weiße päpstliche Gewand an, tat ihm en Ring an den Finger und führte ihn zum päpstlichen Thron, daß er die Huldigung der Kardinäle entgegen nehme. Dann zog er sich nochmals in die Zelle zurück, in der er während des Konklave gewohnt hatte, und betete lange vor dem Kruzifix. Neu gestärkt und gefaßt erhob er sich endlich und sagte zu seinem Privatsekretär, Monsignore Bressan: „Wohlan denn, gehen wir, denn es ist der Wille Gottes!“

Der Papst im Alltag

Auch auf dem Stuhl Petri war Pius X. in seinem persönlichen Leben nicht anders als er in Tombola und Treviso, in Mantua und Venedig (siehe den Beitrag: Heiliger Papst Pius X.) gewesen war. Er lebte einfach und arm und es war ihm, wie er sagte, „eine Freude, zu arbeiten“. Oft wiederholte er, daß nun die Kinder zu ihm, dem Vater, kommen sollten, da er, der Verhältnisse wegen, sich nicht ehr zu ihnen begeben konnte. Die italienische Regierung ließ ihn wissen, daß sie die Adelstitel anerkennen würden, die er seinen Verwandten verleihen wolle. Auch die entsprechende Stelle der päpstlichen Verwaltung fragte bei Pius X. an, welche Titel er seinen Schwestern geben wolle, erhielt aber nur zur Antwort, man solle sie die „Schwestern des Papstes“ nennen. Diese selbst und die übrigen Verwandten wollten es nicht anders. „Gott sei Dank, daß wir uns selbst versorgen können und ihn nicht zu stören brauchen“, sagte eine der Schwestern des Papstes und fügte im Ton herzlichen Mitleids hinzu: „Der Arme! Jetzt muss er an all die Armen der ganzen Welt denken!“ Als die drei Schwestern, ganz beschämt, zum erstmal die großen Stufen des Vatikanischen Palastes hinan stiegen und sich in der Gesinnung des Glaubensgeistes und tiefer Verehrung vor der weißen Gestalt des Papstes nieder knieten, da hielt dieser sie davon ab, umarmte sie herzlich und sagte: „ich bleibe immer euer Beppi!“ In gleicher Weise waren auch die Angestellten des Vatikans ergriffen von der Leutseligkeit, Liebenswürdigkeit und Demut des Benehmens von Pius X., der ihnen weit mehr als Vater denn als Herr erschien und der ihnen dennoch, oder vielmehr gerade deswegen, eine große religiöse Verehrung abnötigte.

Lang und arbeitsreich war der Tag des Papstes Sarto. Er stand kurz nach vier Uhr auf und betete ins einem Zimmer. Wieviel hatte er nicht dem zu sagen, den er auf Erden vertrat, und wie viele Bitten und Anliegen hatte er nicht im Namen der Menschheit vor Gott zu tragen! Um sechs Uhr zelebrierte er die heilige Messe und wohnte dann jener des Kaplans bei. Spätestens um acht Uhr begann er ins einer Privatbibliothek seine Tagesarbeit. Um neun Uhr empfing er den Kardinal-Staatssekretär Merry del Val; es war „die Stunde der Politik“, wie der Papst sie nannte. Um zehn Uhr begannen die offiziellen und die privaten Audienzen, die immer kurz, aber zahlreich waren. Daran schlossen sich gegen Mittag die öffentlichen Audienzen, die durch den sogenannten Maestro di Camera schon auf die verschiedenen Säle verteilt waren. Um ein Uhr nahm er mit seinen Privatsekretären, den Prälaten Bressan und Pescini, entgegen der Gewohnheit, daß der Papst bei den Mahlzeiten allein bleibt, das einfache Mittagsmahl ein; die Wahl der Speisen überließ er ganz dem Monsignore Bressan, der sie jeden Morgen für die Küche angab. Gleich zu Beginn seines Pontifikats hatte sich Pius X. gewundert über die Zahl der Angestellten und hatte gemeint: „Wie viele Leute für mich! Und mir würden doch zwei Eier genügen. Mein Mittagsmahl würde nur wenige Pfennige kosten.“ Er entließ aber niemand, schon um keinen arbeitslos zu machen. Nur die Nobelgarde zu Pferd schaffte er ab und wollte auch nicht von ihr bei seinen Spaziergängen in den vatikanischen Gärten begleitet sein. Bis drei Uhr ruhte dann der Papst. Hierauf ging er wieder in seine Privatbibliothek oder machte einen kurzen Spaziergang. Von fünf Uhr bis gegen acht Uhr gab er wiederum Audienzen und zwar jenen Persönlichkeiten, mit denen er in größerer Ruhe sprechen wollte. Um acht Uhr machte er eine Besuchung des Allerheiligsten ins einer Privatkapelle. Dann als er die Zeitungen oder wenigstens die Auszügen, die ihm das Staatssekretariat lieferte. Dies setzte er zuweilen noch nach dem bescheidenen Abendessen fort, das pünktlich um neun Uhr abends eingenommen wurde. Gegen halb elf zog er sich ins eine Zimmer zurück. Den Rosenkranz betete er jeden Abend zusammen mit einen Hausgenossen. Sein Beichtvater war Monsignore Pifferi; auch dessen Tod beichtete er bei seinem Privatsekretär Monsignore Bressan. Außerdem hatte er zuweilen geistliche Unterredungen mit dem heiligmäßigen Dominikaner-Pater und früheren Ordensgeneral Hyazinth Cormier († 1916).

Wenn Pius X. in der Öffentlichkeit erschien, glaubte man trotz seines freundlichen Lächelns ins einen Zügen eine große Traurigkeit zu bemerken. Seiner Demut war jeder Pomp zuwider, und er schien schwer an der Last der großen Verantwortung zu tragen. Besonders wenn er feierlich im Petersdom durch die Menge getragen wurde, hatte man den Eindruck, daß er mehr als je die Last des Kreuzes fühle, das ihm Gott auferlegt hatte. Ein englischer Schriftsteller erklärte: „Sein Anblick inmitten der Szenen des Triumphes spricht von der Eitelkeit jeder irdischen Herrlichkeit. Er scheint wie ein Mensch, der beladen ist mir den Sünden und Schmerzen des Menschengeschlechtes, und er erinnert an das Bild dessen, den wir den Schmerzensmann nennen.“ Im persönlichen Umgang mit den Menschen aber hat er seine heitere und gefällige Art niemals verloren. Oder vielmehr: er wußte allen alles zu werden, froh und festlich mit der Jugend, teilnehmend und gütig mit den Trauernden und Leidenden. Einer, der ihn sehr gut kannte, sagte von ihm: „Er hat mehr Herz als jeder Mensch auf der ganzen Welt.“ –

Zu seinem fünfzigsten Priesterjubiläum veröffentlichte Papst Pius X. seine „Ermahnung an den katholischen Klerus“, die mit den Worten beginnt: „Haerent animo“, und die man als sein schönstes Geschenk an die Priester bezeichnen kann. Den italienischen Text schrieb er eigenhändig im Laufe des Sommers 1908. „Die Heiligkeit“, so sagte er darin, „ist das wichtigste; denn die Heiligkeit des Lebens und der Sitten ist das einzige, was den Menschen mit Gott vereint, das einzige, was ihn Gott genehm und zu einem nicht unwürdigen Diener seiner Barmherzigkeit macht. Wenn dem Priester diese Wissenschaft fehlt, nämlich die höchste Wissenschaft oder die innere Kenntnis Jesu Christi, so fehlt ihm alles.“ –
aus: Ferdinand Baumann SJ, Pius XII. erhob sie auf die Altäre, S. 145 – S. 149

siehe auch die Beiträge:

Pius X. Seine Wahl zum Papst im Jahr 1903

Bildquellen

  • Papst Pius X: Bildrechte beim Autor
  • Hattler Das Leiden Der Kirche: Bildrechte beim Autor
Category: Bischöfe
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