Autonome Moral ohne Gottesbezug

Die autonome oder religionslose Moral ohne Gottesbezug

Die autoritätsfeindliche autonome Moral oder die „Laienmoral“ hat in Kant ihren ersten Vertreter gefunden, allerdings leitete ihn dabei das Bestreben, die flachen Nützlichkeitsmoral der Aufklärung, ihrer moralposivistischen Auffassung nach Art jener des Nominalisten Wilhelm von Ockham, der des Scotus Gedanken weiterführte, wirksam zu begegnen. Die Streitfrage, ob Kant bei seiner Moral lediglich von Gottes Dasein und von der Religion abstrahiert oder ob bereits er selbst die religionslose Moral im atheistischen Sinn befürwortet, erledigt sich wohl, wenn man seinen Ausspruch beachtet: „Gott ist nicht ein Wesen außer mir, sondern ein Gedanke in mir“ (Kants „letzte Gedanken“).

Dem Naturalismus und Rationalismus auf dem Gebiet der Philosophie, Richtungen, die den Menschen ganz auf sich selbst, seine Vernunft und Natur und zwar unter Leugnung der Erbsünde stellen, entspricht auf dem Gebiet der Moral der Liberalismus mit seiner autonomen Moral: jeder ist sich selbst Gesetz, keine göttliche Gewalt wird anerkannt. (Denzinger, Enchiridion, n. 1703) Entweder setzen die Vertreter der religionslosen Moral die allgemein anerkannten sittlichen Grundsätze an die Stelle der religiösen Moral, Grundsätze, die freilich von einem Moralpositivisten nur im Widerspruch mit seiner gesamten Auffassung angenommen werden können, oder sie erklären das Wohl des eigenen Ich oder das der Gemeinschaft für das sittliche Ziel. Weist man so die Entscheidung über gut und böse einzig und allein der menschlichen Vernunft zu, so wird damit der objektive Unterschied zwischen gut und böse aufgehoben, er wird ins rein Subjektive verflüchtigt.

Um ihre Theorien praktisch wirksam zu gestalten, rekurrieren die Vertreter der autonomen Moral regelmäßig auf den Nutzen des individuellen sittlichen Verhaltens für die eigene Person oder für die Gesellschaft, oder sie gebrauchen ästhetisierende Wendungen; aber die sittlichen Grundbegriffe sind nicht „nützlich“ und „schädlich“, nicht „schön“ und „häßlich“, sondern „gut“ und „böse“.

In Wahrheit fehlt der autonomen Moral, wie die Erfahrung klar erkennen läßt, die einer wirksamen Moral unbedingt notwendige „Gotteskraft“ (Röm. 1, 16), die lediglich dem Christentum eigentümlich ist. Allerdings vermag der Mensch auch im Stand der gefallenen Natur aus eigener Kraft das eine oder andere Gute zu vollbringen, nicht jedoch das gesamte Gute, das seiner Natur entspricht (S. th. 1, 1, q. 109, a. 2).

Im „Riesenkampf der Pflicht“ und im Kampf gegen die Leidenschaften versagt die autonome Moral kläglich; dies ist nicht verwunderlich, gibt sie doch der Willkür tatsächlich den Weg frei: im privaten Leben ist jeder sich selbst Gesetz und im öffentlichen Leben entscheidet die Vernunft der Gesamtheit, die Majorität, über das Gesetz, so wird der sittlichen Verderbnis Tür und Tor geöffnet. Nur in Unterordnung unter dem Schöpfer und seine Ordnung kann das Geschöpf Halt gewinnen und sich sittlich empor arbeiten.

Die Verheerungen, die durch die autonome Moral im individuellen, sozialen, staatlichen und zwischenstaatlichen Leben verschuldet worden sind, müssen in der Tat geradezu als erschreckend bezeichnet werden (vgl. 1. Kor. 15, 32). Die autonome Moral entfesselt den Egoismus, und sie erweist sich als unbefriedigend für das menschliche Gemüt, sie führt zur Verzweiflung. In psychologischer und logischer Hinsicht ergeben sich weiterhin für die Theorie der autonomen Moral unüberwindliche Schwierigkeiten. Die autonome Moral ist ohne den Begriff der eigentlichen Selbstverpflichtung undenkbar; wie aber die Vernunft sich selbst vorschreiben und zugleich gehorchen soll, ist unfaßlich und unerfindlich.

Gänzlich außerstande sind die Vertreter der autonomen Moral, die psychologische Tatsache der absoluten sittlichen Gebundenheit trotz entgegen stehender natürlicher Neigung genügend zu erklären; hier äußert sich doch eine souveräne sittliche Gewalt, ein souveräner Wille, dem der Mensch ohnmächtig gegenüber steht. Macht man mit der autonomen Moral wirklich ernst, so gelangt man zur Vergötterung des eigenen Ich oder zur Vergötterung des Staats, des Trägers der gemeinsamen Vernunft, Konsequenzen, die zu ziehen gewisse moderne Philosophen sich nicht gescheut haben. Auch geschichtlich läßt sich schon auf Grund der ältesten Urkunden der Zusammenhang des religiösen und des sittlichen Bewusstseins erweisen. (1)

(1) Vgl. Leo XIII., Enc. Humanum genus, d.d. 20.4.1884; Enc. Libertas, d.d. 20.6.1888; Ep. ap. Annum ingressi, d.d.19.3.1902. In diesen Schreiben findet sich eine Kritik der autonomen Moral, die zum Besten und Klarsten gehört, was über sie geschrieben worden ist. –
aus: Otto Schilling, Lehrbuch der Moraltheologie I. Band, 1928, S. 5 – S. 6

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