Zerstörung der messianischen Prophezeiungen

Die Skulptur des jüdischen Gelehrten Maimonides in Cordoba

Verschiedene Phasen der messianischen Frage im Schoße des jüdischen Volkes seit der Zerstörung Jerusalems

Drittes Kapitel.

Periode der Verzweiflung und des Schweigens

Die Zerstörung der messianischen Prophezeiungen durch die Rabbiner im Mittelalter

III.

Doch dringen wir weiter vor in dem Labyrinth! Nach den öffentlichen Maßregeln oder den Anathemas wollen wir die versteckten Maßregeln enthüllen.

Die öffentlichen Maßregeln hatten zum Zweck, dem Volk die Zutritte zu der messianischen Frage zu verwehren; durch die versteckten Maßregeln unternahm der Rabbinismus etwas weit Sicheres. Da es vorkommen konnte, daß das Verbot übertreten wurde, unternahm er es zunächst, die neugierigen oder rebellischen Geister, welche die Grenze überschreiten würden, irre zu führen und es ihnen unmöglich zu machen, den Weg wieder zu finden.

Statt Wege in den Wald zu bahnen, zerstörte man deswegen diejenigen, welche sich darin vorfanden.
Solche Wege waren die messianischen Prophezeiungen; man zerstörte sie auf zweierlei Weisen.

Man begann damit, den Buchstaben gewisser Prophezeiungen zu verändern. Solche Veränderungen konnten bewirkt werden und sich gleichsam einschleichen, ohne daß das Volk etwas davon gewahrte. Da die hebräische Sprache und Schrift äußerst fein und schwierig ist, sowohl weil verschiedene Buchstaben des Alphabets einander sehr ähnlich sehen, als auch in Folge des Spieles mit den Buchstaben in der Bildung der Hauptwörter und in den Zeiten der Zeitwörter; da ferner diese Sprache der Bibel in gewisser Weise bei den Rabbinern hinterlegt war, seitdem die in der Zerstreuung lebenden Juden die Sprachen aller andern Nationen redeten, so begreift man, wie die Rabbiner, ohne den Argwohn des Volkes zu erregen, trügerische Veränderungen in die Zusammensetzung der Wörter einschleichen lassen konnten. (1)

Diesen Kunstgriff werfen ihnen geradezu sowohl die Väter der Kirche, ihre Zeitgenossen, vor, die gleich ihnen in der Kenntnis der hebräischen Sprache wohl bewandert waren (2), als auch mehrere gelehrte Rabbiner, welche sich seitdem von ihnen losgesagt und sich zum Christentum bekannt haben. (3) Das Schrecklichste für das Volk war aber dies, daß diese einmal begangenen Fälschungen heimlich in ein berühmtes Werk eingeschmuggelt wurden, das wohl geeignet war, auf die Einbildungskraft der Menge zu wirken: in die Arbeit der Massorethen von Tiberias. Man weiß, wie diese hebräischen Gelehrten des sechsten Jahrhunderts, um zu verhindern, daß ja auch nur ein Jota der Bibel weggelassen oder von seiner Stelle gerückt werde, die Ausdauer hatten, sowohl die Verse, als die Wörter und die Buchstaben in jedem Buch des alten Testamentes zu zählen, eine Arbeit, welche die jüdische Nachwelt „den Hag des Gesetzes“ genannt hat.

Was man aber nicht weiß und was wohl zu beachten ist, das ist der Umstand, daß das Werk der Massorethen von Tiberias erst ins Leben trat, nachdem die Fälschungen bereits begangen waren, so daß der Betrug, gleich gutem Korn unter den übrigen reinen Text gemischt, unter der massorethischen Arbeit gleichsam unabänderlich geworden ist. Das Volk, welches diese Veränderungen nicht wahrnahm, hat seitdem das ganze Werk der Massorethen als den Hag oder die Mauer des Gesetzes stets verehrt. Aber wenn auch einmal irgend eine unruhiger, nach mehr Licht verlangenden Jude sich vereinzelt mit den messianischen Prophezeiungen beschäftigt, so stößt er wirklich vom ersten Schritt, vom ersten Buchstaben an wider eine Mauer!

Die Veränderung des Buchstabens hätte nicht völlig genügt, um zu verhindern, daß man zur Wahrheit gelange. Man konnte schließlich doch nicht alle Prophezeiungen verändern; wenn man die Fälschungen allzu sehr häufte, hätte man natürlich Verdacht erregt. Man fand eine andere Art, die Wege sicherer zu zerstören: man erhielt so viel als möglich die Prophezeiungen in ihrer Integrität, ließ sie aber auf einen andern Ausgangspunkt, als den Messias, abzielen; mit andern Worten: es drehte sich darum, den Buchstaben beizubehalten, aber den Sinn zu verkehren. Dies war zugleich geschickter und sicherer: man wahrte die Spur der Wege, schweifte aber gänzlich von dem Gegenstand ab, den man aus dem Gesicht verlieren wollte.

Man muss gestehen: dies gelang dem Rabbinismus vollkommen. Von dieser Zeit an hat man jedesmal, wenn man in den jüdischen Schulen über den Sinn jener berühmten Prophezeiungen, die man bis dahin die messianischen Prophezeiungen genannt hatte, schreiben oder sprechen musste, beständig, wie auf ein Losungswort hin, niemals unterlassen, diese Prophezeiungen auf eines der beiden folgenden Ziele hinaus laufen zu lassen: entweder auf diese oder jene biblische Persönlichkeit oder auf die moralische Person des jüdischen Volkes.

Zum Beispiel: im zwölften Jahrhundert trägt der berühmte Rabbi Jarchi kein Bedenken, in seinem Kommentar zum zweiten Psalm Davids folgende Verdrehung vorzuschlagen:

„Unsere Gelehrten deuten diesen Psalm auf den Messias; wegen der Christen aber, die in verderblicher Weise Nutzen gegen uns daraus ziehen könnten, ist es geraten, ihn auf David zu beziehen.“ (Jarchi, Kommentar zu dem II. Psalm.)

Der Beispiele solcher Verdrehungen gibt es die Fülle; bald ist es David, bald Salomo, bald Ezechias, oder aber Josias oder Zorobabel, welche an die Stelle des Messias gesetzt werden. Nein, man kann sich nicht vorstellen, von welcher zerreißenden Trauer der Geist niedergedrückt wird, wenn man, die messianischen Prophezeiungen in den von den Rabbinern dazu gemachten Kommentaren lesend, diese großen Verheißungen in einen engherzigen Partikularismus eingeschrumpft und abgeschwächt sehen muss!

Der Rabbinismus hat dies selbst gefühlt. So oft er neben diesen engen Beschränkungen als Ziel und Gegenstand der Prophezeiungen die größere Person des jüdischen Volkes einführen konnte, unterließ er es nicht. Unter allen Prophezeiungen gibt es namentlich zwei, welche immer die meiste Verlegenheit bereitet haben, weil darin offenbar von den Leiden des Messias gesprochen wird; diese sind der XXII. Psalm Davids (In der Vulgata ist es der XI. Psalm.) und das LIII. Kapitel Isaias! Nun, beide hat der Rabbinismus verdreht und auf das jüdische Volk gedeutet. „Die wahrhafte Interpretation des XXII. Psalms“, sagt der Rabbi Kimchi, „ist die, die ihn auf das Volk Israel zu deuten. Dieses ist es, welches im Schoß seiner Gefangenschaft ruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Und wenn in diesem Psalm alle Ausdrücke im Singular sind, so ist es, weil das in die Verbannung gewordene Israel gleichsam als ein einziger Mensch, als ein einziges Herz betrachtet werden soll.“ (Kimchi, Kommentar zu dem XXII. Psalm.)

Ebenso erklärt der Rabbi Jarchi das LIII. Kapitel des Isaias folgendermaßen:

„Die Leiden lasten schwer auf dem jüdischen Volk, damit es durch seine Wunden das Heil der Welt werde. Der Herr ist in Seinem Zorn besänftigt worden und hat die Erde nicht verwüstet.“ (Jarchi, in seinem Kommentar zum LIII. Kapitel des Isaias.)

Man begreift, daß eine solche Interpretation verführen und die Veränderung annehmbar machen musste: sie verlieh den Prophezeiungen einen weiteren Umfang; sie gab einen Grund für das Verweilen in diesem sonderbaren Exil, das in Bestürzung versetzte und schon zwölf Jahrhunderte währte; sie befriedigte endlich bis zu einem gewissen Grad den Nationalstolz, indem sie dem jüdischen Volk einredete, daß es selbst in seinen Heimsuchungen und in seinem Elend der Liebling des Himmels blieb. Diese Idee findet sich glänzend durchgeführt in einem Buch jener Zeit, welches Handbuch der jüdischen Familien geworden ist, im Buch Cosri; in demselben figuriert ein Rabbiner gegenüber einem Philosophen, einem Christen und einem Mohammedaner und der Rabbiner erklärt das Unglück seiner Nation folgendermaßen:

„Meine Nation ist im Universum, was das Herz im menschlichen Leibe ist. Wie das Herz unter der Schwäche des Temperamentes und der Leidenschaften leidet, so leidet der Jude wegen aller Verbrechen, die begangen werden. Alle Teile entladen sich auf das Herz; und so beladen sich die Juden, welche in der Mitte der Nationen stehen, mit deren Sünden. Aber wie das Herz, obgleich oft tief verwundet, das Prinzip der Bewegung und des im ganzen Leib verbreiteten Lebens ist, ebenso ist das jüdische Volk das oft verkannte Prinzip der tiefen Ruhe, welche die Welt genießt.“ (4)

In diesem anmutigen Bild barg sich nichts weiter, als der Humanismus in der Erlösung: an die Stelle Gottes setzte sich im Werk der Erlösung das Geschöpf.

(1) So haben sie im XXII. Psalm (nach der Vulgata der XXI.) die ursprünglichen Worte: „sie haben meine Hände und meine Füße durchbohrt“ – umgewandelt in „wie ein Löwe meine Hände und meine Füße“ Man hat damit angefangen, daß man, und zwar gegen alle Regeln, in das Wort caru ein Aleph einschob; denn caru kommt von dem Zeitwort carah – durchbohren, welches kein Aleph hat. Hierauf hat man leicht das Wav in ein Jod umgeändert, um caari – wie ein Löwe – zu bilden. Ebenso bei Isaias LIII, 8., wo der wahre Text lautet: „Um der Sünde meines Volkes willen schlug ich Ihn“; der verdorbene Text heißt: „Um der Sünden meines Volkes willen schlug ich sie.“ An die Stelle des Wortes Lo, das Ihn bedeutet, setzte man das Wort Lamo, welches sie bedeutet.

(2) S. Justin, Dialog. Cum Tryphon. – S. Irenaeus. 1. III. c. 24. – Tertullian. Libr. Contra Judaeos. n. 10, 13; contra Marcion. n. 19; libr. De habitu muliebri. c. 3. – Origin. ep. Ad Africanum; homil. 22 in Jerem. – S. Athanas. Synopsis divinae scripturae in fine. – (etc.)

(3) Unter den jüdischen Konvertiten, welche diese Verfälschung behauptet haben, nennen wir besonders den berühmten Nikolaus von Lyra in cap.9. Ose v. 12; P. Galatin. De arcan. Cath. Verit. 1. I. c. 8; Paul, Bischof von Burgos, Addit. Ad psalm. 21; Raymond Martin, Puggio fidei; den Rabbiner Drach. –

Da die tiefe Kenntnis des Hebräischen, welche dieser gelehrte Rabbiner besitzt, in unserem Jahrhundert großes Aufsehen erregt hat, so dürfte es ratsam sein, sein Zeugnis vollständig mitzuteilen: „Ich war über die Vorwürfe überrascht“, sagt er, „welche die Väter den Juden machen: eine ruchlose Hand an den hebräischen Text gelegt und ihn verdorben zu haben. Ich hatte mich selbst seit langer Zeit überzeugt, daß dieser Text an vielen Stellen so verändert oder verstümmelt erscheint, daß offenbar Lücken vorhanden sind. Ich beschloss, das Hebräische des alten Testamentes mit der griechischen Übersetzung der Septuaginta aufmerksam zu vergleichen, zunächst, weil diese Interpretation das Werk der Gelehrten der Synagoge ist, welche mit der vollen Autorität, die man wünschen kann, bekleidet waren, dann weil sie vom Anfang des dritten Jahrhunderts vor Christus herstammt, also aus einer Zeit, da man noch kein Interesse hatte, den Sinn der auf den Messias bezüglichen Prophezeiungen zu verdrehen.

Meine Arbeit über die Septuaginta blieb nicht lange Geheimnis. Der Oberrabbiner, Abraham Cologna, Präsident des Zentralkonsistoriums, suchte mich auf, um sich mit mir darüber zu benehmen. Nachdem er Kenntnis davon genommen, machte er es mir zur Pflicht, den Gedanken, ein so anti-jüdisches Werk zu veröffentlichen, aufzugeben und fallen zu lassen. Da er mich nicht sehr geneigt fand, mich diesem Befehl zu fügen, drohte er mir, indem der Malkut – der Malkut ist eine Geißelung von neunundneunzig Hieben – nicht mehr statthaft ist, mit einer theologischen Zensur in hebräischer, französischer und italienischer Sprache, welche er in alle Synagogen schicken würde. Man kann sich wohl denken, daß diese „polyglotte“ Drohung nicht geeignet war, mich abzuschrecken.“ (Drach, de l`harmonie entre l`Eglise et la synagoge. I. 51. sqq.)

(4) Cosri II. § 45. p. 112. – Der Verfasser dieses Buches ist ein spanischer Rabbi aus dem zwölften Jahrhundert, namens Judas Hallevy; er verfasste es, um die Vorzüglichkeit der jüdischen Religion zu begründen. Er nimmt an, ein König von Cozar, einer Stadt der Tartarei, lasse in seiner Gegenwart einen Philosophen, einen Christen, einen Mohammedaner und einer Rabbiner disputieren. Da dieser Letztere Sieger geblieben, so habe er mit seinem ganzen Volk den Judaismus angenommen. Diese Erzählung, welche man in den jüdischen Schulen den verwunderten Kindern sorgfältig der Länge und Breite nach zu erzählen pflegt, leidet nur an dem unbequemen Umstand, daß es nie einen König von Cozar oder ein Land dieses Namens gegeben hat. Alle Bemühungen der Geographen, sie zu entdecken, sind gescheitert. –
aus: Gebr. Lémann, Die Messiasfrage und das vatikanische Konzil, 1870, S. 30 – S. 36

Fortsetzung Kapitel 3 Teil 4: Statt Studium der Bibel der Talmud

Bildquellen

  • sculpture-maimonides-3092121_640: pixabay
Category: Mittelalter
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