Der Messias des nachchristlichen Judentums

Kirchenlexikon: Der Messias des nachchristlichen Judentums

Die Juden haben ihren Messias an das Kreuz geschlagen. Zur Strafe wurden sie durch den römischen Krieg, zu dessen hartnäckiger Fortführung falsche Messias-Hoffnungen wesentlich beigetragen hatten, als Nation und heiliges Volk samt der heiligen Stadt und dem Tempel vernichtet. Alle Hoffnungen der Juden schienen damit geknickt zu sein. Es fehlte auch nicht an Rabbinen, welche dies offen aussprachen. So sagte R. Jochanan ben Thurta: „Eher wird Gras auf deinen Wangen wachsen, als daß der Messias kommt“ (Hieros. Taan. 4, 8; Grätz, Geschichte der Juden IV, 150). Hillel der Jüngere behauptete: „Es gibt keinen Messias für Israel, weil sie ängst ihn genossen haben in den Tagen des Ezechias“ (Bab. Sanh. 99). Aber die Mehrzahl dachte anders. Die Juden hofften wider die Hoffnung auf einen zukünftigen Messias, ja die Rabbinen machten diese Lehre erst recht zum Angelpunkt des jüdischen Glaubens und wußten bald das ganze Volk dafür zu gewinnen. Alle Heimsuchungen, welche das Volk trafen, wurden als Vorzeichen der nahenden Erlösung gedeutet (Mischna Sota 9, 12ff). Die Messias-Hoffnung wurde durch Bar-Cochba (Sohn des Sterns; Num. 24 17) noch einmal Veranlassung zu einem verzweifelten Existenzkampf gegen die römische Herrschaft (Eisenmenger, Entdecktes Judentum, 1711, II, 654f). Trotzdem sich dieser Sohn des Sterns als einenSohn der Lüge erwiesen hatte und alle Hoffnung verloren schien, hielt auch jetzt die Mehrzahl am Messias-Glauben fest. R. Joseph stellte der Berufung auf Ezechias im ersten Haus die Weissagung Zach. 9, 9 im zweiten Haus gegenüber. Wir sehen, wie aus dem Talmud, so aus den Nachrichten der Väter, daß der Messiasglaube allgemein war. „Es wußten auch die Juden, daß der Messias (Christus) kommen werde, da zu ihnen die Propheten redeten; denn auch jetzt erwarten sie seine Ankunft, und zwischen ihnen und uns besteht kein anderer Streit, als daß sie nicht glauben, daß er schon gekommen sei“, bemerkt Tertullian (Apol. 21). Der Talmud bestätigt diese Angabe. R. Simeon ben Jochai, der Verfasser der Mischna im 2. Jahrhundert, lehrt, daß die ganze Schrift vom Messias spreche (Schöttgen, Hor. Talm. II, praef. § 13). Diese Lehre sei so wichtig, daß ohne daß ohne sie das ganze System der Theologie nichtig sei. Der Beweis für die Erscheinung des Messias war aber schwer zu führen, weshalb schon damals einzelne, in späterer und neuester Zeit viele Rabbinen zugaben, daß entweder der Messias schon erschienen oder wenigstens die Weissagungen Gen. 49, 10, Dan. 9, 24 erfüllt und die Anzeichen vorüber gegangen sein müssen (Sanh. 97B; Sohar 73, 2; Kimchi, Jarchi, Abarbanel, R. Saadia. Vgl. Schöttgen II, 489; Eisenmenger II, 647ff). Die geschehene Erscheinung wird entweder in Ezechias` Zeit gesetzt oder unpersönlich gefaßt. Weil aber die Existenz der jüdischen Religion an dieser Frage hängt, so wurde dies von der Mehrzahl nie zugegeben. Ihre Verlegenheit fand darin einen Ausdruck, daß sie es verboten, die Zeit des Messias auszurechnen (Weber, Altsynagog. Theologie 225; Sepp, Leben Jesu IV, 281ff; Eisenmenger II, 676ff). Man suchte nun die Messias-Hoffnung mehr oder weniger zu idealisieren und stellte die Ankunft des Messias mit dem Weltende zusammen. Zu dem, was Gott vor der Welt geschaffen hat, gehört auch der Name Messias (Beresch. Eabba 1). Er soll am Ende der Weltgeschichte, wenn alle präexistenten Seelen ins menschliche Dasein getreten sind, hervor treten und Israel zum Abschluss bringen. Seine Ankunft ist der Gegenstand des Glaubens und unablässigen Betens Israels. Es ist somit die Hoffnung auf den Messias (Goel) und das Gebet um denselben ein wesentlicher Bestandteil altjüdischer Religion und Theologie (Weber 333). Mittelalterliche Rabbinen, zu denen selbst Maimonides zählt, haben noch auf den Messias als den Wiederhersteller der davidischen Monarchie für Israel gehofft (Edersheim, Jesus the Messiah, 2. Ed., I, 78).Maimonides zählt ((Jad chasaka I, 46) zu den Menschen, welche an der Seligkeit keinen Teil haben, die Epikureer, die Verleugner des Gesetzes und diejenigen, welche die Auferstehung der Toten wie auch die Zukunft des Erlösers leugnen (Eisenmenger II, 272f). Wiederholt traten im Mittelalter und bis herauf in das 18. Jahrhundert falsche Messiasse auf und wußten sich einen Anhang zu verschaffen (Eisenmenger 655ff). Aber bei der hohen Bedeutung, welche das Gesetz schon in der Zeit der Schriftgelehrsamkeit gewonnen hatte, und bei dem maßgebenden Ansehen, dessen sich der Talmud bei der späteren Judenschaft erfreute, begreift es sich, daß die Messiashoffnung in der Wissenschaft weniger zur Geltung kam als im Glauben. Der jüdische Dogmatiker des Mittelalters, Jos. Albo, sagt in seiner Glaubenslehre, die Messiaslehre sei kein jüdisches Dogma, sondern gehöre der Hoffnungslehre an; der Glaube an den Messias würde der fundamentalen Heilsbedeutung des Gesetzes Eintrag tun (Weber S. XXXI). Dagegen waren viele Rabbinen des Mittelalters der Meinung, daß der Messias nach Jerusalem ein neues Gesetz bringen werde (Eisenmenger I, 270). In der Regel wird das zukünftige Weltalter von der späteren Tehologie nicht von einem Zustand auf der Erde, sondern vom jenseitigen Verklärungs-Zustand, welcher erst nach der Auferstehung beginnt, erklärt. Die Rabbinen haben nach dem Sechstagewerk berechnet, daß die gegenwärtige Welt 6000 Jahre dauern werde (vgl. 2. Petr. 3, 8). Rechnet man mit der späteren Theologie die Tage des Messias zum künftigen Weltalter, so bricht die messianische Zeit mit dem Ablauf von 6000 Jahren an; rechnet man sie mit der alten Theologie zum gegenwärtigen Weltlauf, so wird nach dem Talmud diese Zeit in drei Perioden geteilt: 2000 Jahre ohne Gesetz, 2000 Jahre unter dem Gesetz und 2000 Jahre messianische Zeit. Diese wäre also längst angebrochen, aber der Messias kann wegen der Versündigungen des Volkes nicht erscheinen. Er kann erst kommen, wenn das Volk Buße tut und das Gesetz vollkommen erfüllt (Eisenmenger II, 652, 670f, 678ff; Weber 333f). Deshalb zogen die Juden noch in späterer Zeit (17. und 18. Jahrhundert) häufig nach Jerusalem, um die Ankunft des Messias durch ihr Gebet zu beschleunigen oder dort zu sterben, damit sie bei der Ankunft desselben auferweckt würden. Wenn dieses irdische messianische Reich, welches die Monarchie Israels bedeutet, während die heidnischen Reiche fortbestehen, abgelaufen ist, so folgt der Untergang dieser Welt und die Schöpfung einer neuen, in welcher die Bedürfnisse aufhören. Demgemäß ist es notwendig, daß man den Unterschied zwischen den alten und neuen Juden stets im Auge behalte. Jene träumen noch von einem irdischen Reich, obwohl sie nicht mehr ganz sicher sind; diese lassen mit dem Messias die Endzeit eintreten (Schöttgen II, 489;E isenmenger II, 647ff; Weber 335).

Der Messias erscheint plötzlich (Bab. Sanh. 97). Da alle Termine abgelaufen sind, so hängt die Sache nur noch an der Buße und den Werken Israels. Besonders wichtig ist die Einhaltung des Sabbatgesetzes und anderer guten Werke. Doch ist die Hoffnung auf diese Werke nicht sehr groß; denn da eine völlige Würdigkeit verlangt wird, so könnte der Messias überhaupt nie kommen und würde auch nicht kommen, wenn sich Gott nicht selbst durch einen Eid gebunden hätte. Die Anzeichen innerhalb der Völkerwelt sind die „Wehen des Messias“. Aber auch in Israel tritt ein großer sittlicher Verfall ein. In der Familie wird Friede und Eintracht, Zucht und Ehrbarkeit aufgelöst. Falsche Messiasse erscheinen, Alles verarmt, verfällt der Ketzerei und gibt die Hoffnung auf den Messias auf (Eisenmenger II, 698ff). Der scheinbare Widerspruch zwischen diesem allgemeinen Zerfall und der Forderung der Buße und Würdigkeit für den Empfang des Messias wird durch die Lehre von Elias, dem Vorläufer des Messias, ausgeglichen. Er wird das Volk wieder zu Gott wenden und äußere und innere Ordnung herstellen. An dieser vorbereitenden Tätigkeit des Elias nehmen auch andere Propheten teil: Moses, Isaias, Jeremias. So lang Elias nicht kommt, wird auch der Messias nicht kommen (Just. D. 49). Jener kommt aber erst vor dem allgemeinen Gericht (Schöttgen II, 533 sqq.; Lightfood, Hor. Talm. 384. 609. 965; Eisenmenger II, 696). aber das schreckliche Geheimnis, warum der Messias so lange nicht kommt, ist damit doch nicht gelöst, um so weniger, weil die Rabbinen selbst nach Zach. 1, 3, Ps. 84, 4 wissen, daß Gott es ist, welcher sein Volk zu sich bekehren wird. –

Der ideell (im Paradies präexistierende Messias (Eisenmenger I, 316f; Edersheim II, 304. 672ff) tritt auf dem Wege der Zeugung aus dem Hause Davids in das irdische Dasein ein, weshalb er nach seiner Abstammung nie anders als Sohn Davids oder allenfalls Sohn Perez` (Gen. 38, 29) genannt wird, und zwar ist er ein Sohn Davids in keiner andern Weise als alle anderen Söhne.Diese rein menschliche Natur des jüdischen Messias bezeugt schon Trypho bei Just. D. 49: (…) Der Messias wird als ein anderer Ezechias angesehen. Er ist der Löwe aus Juda, der Sohn Davids; denn er wird aus zwei Stämmen hervor gehen. Sein Vater stammt aus Juda, seine Mutter aus Dan. Beide Stämme tragen den Namen Löwe. Doch wird der Messias allmählich zu einem übermenschlichen Wesen. Zwar beweist die Stellung über Abraham, ja selbst über den Engeln nicht notwendig das übernatürliche Wesen; denn selbst die Gerechten sind größer als die Engel. R. Samuel ben Nachmani spricht, daß R. Jochanan gesagt habe: „Drei werden mit dem Namen des heiligen und gebenedeiten Gottes genannt, die Gerechten, der Messias und Jerusalem.“ Für den Messias folge dies aus Jer. 23, 6 (Bava bathra 75, 2). Aber wenn dem Messias die höchste Weisheit, Gerechtigkeit und Ähnliches beigelegt wird, so muss er doch ein höheres Wesens ein. Es scheint, daß die Rabbinen im Gegensatz zum Christentum den göttlichen Charakter ignorieren wollten. Ein absichtliche Leugnung desselben aus diesem Grunde läßt sich besonders Hier. Taanith. II, 1 erkennen: „Es sprach R. Abibahu: Sagt ein Mensch zu dir, ‚Gott bin ich‘, so lügt er; ‚des Menschen Sohn bin ich‘, so wird er es zuletzt bereuen; ‚ich fahre gegen Himmel‘ – hat er es gesagt, so wird er es nicht bestätigen.“ Dagegen finden sich in späteren Midraschim aus dem 6. Jahrhundert und im Buch Sohar manche Sätze, welche ein übermenschliches Wesen des Messias zu lehren scheinen. So wird im Bereschith rabba der Geist Gen. 1, 2, zu Gen. 28, 10 der Berg Zach. 4, 7 auf den Messias bezogen. Eine spätere Talmud-Bezeichnung ist Metatron. Ob eine spätere Entwicklung der philonischen Logoslehre bis zur Identifikation des Messias mit dem Logos stattgefunden hat, ist zweifelhaft; aber schon Justin bemerkt, mit Recht, wenn bewiesen sei, daß Jesus der Messias gewesen, so folge seine Gottessohnschaft von selbst daraus. Je höher die Rabbinen den Messias stellten, desto weniger war es ihnen möglich, bei dem rein menschlichen Messias stehen zu bleiben (Edersheim I, 175f).

Der Ort, sowie alles Nähere über seine Familie, deren Wohnort und Umstände sind unbekannt. Er kommt aus einem andern, d. h. fremden, unbekannten Ort. Diese Lehre des Esdrasbuches und der Targume ist auch bei Justin wiederholt ausgesprochen. „Christus, wenn er auch geboren ist und irgendwo sich befindet, ist doch unbekannt; ja er kennt sich selbst nicht und hat keine Macht, bis der Prophet Elias kommt, ihn salbt und offenbart“ (D. 8. 110). Die talmudische Theologie nimmt an, der Messias sei zur Zeit der Zerstörung Jerusalems in Bethlehem geboren worden, habe den Namen Menachem (Tröster) empfangen, sei aber seiner Mutter durch Stürme entrückt worden (Hier. Berach. 5; Eisenmenger II, 653; Edersheim I, 175). Er wächst in der Hauptstadt des Reiches, Rom (Is. 21, 11. Edom = Rom Gen. 36, 43. Iram = Rom), auf, bereitet sich auf sein Amt vor durch Studium und Übung des Gesetzes, obwohl er unmittelbar die Fülle der Erkenntnis hat. Außerdem ist er voll Züchtigungs-Leiden, denn Leiden sind notwendig, um ein vollendeter Gerechter zu werden. Daß er ganz sündelos sei, ist nicht gesagt, aber durch Leiden wird er geläutert, und durch Wohltätigkeit und Barmherzigkeit bereitet er sich vor (Bab. Sanh. 98a). Sein Berufsname ist Goel, Erlöser, neben Moses. Wie Moses das Volk aus Ägypten, so wird er Israel aus der Gefangenschaft heimführen. Dies geht nicht ohne ein Gericht über die Weltmacht, wie einst über Pharao. Dann wird er Jerusalem und das Heiligtum wieder herstellen, das Reich über die Völker aufrichten, Israel durch das Gesetz erneuern und zuletzt die durch Adam verlorene Herrlichkeit zurückgeben. Damit geht die zeitliche Herrlichkeit des Messias über in die Glorie der Ewigkeit. Eine Unterbrechung durch Leiden und Sterben wollten die alten Juden nicht zugeben; die Rabbinen hatten hierfür gar keinen Sinn (Edersheim I, 164f). Die Kraft des Messias beruht nach ihnen nicht, wie die Prophetie lehrt, auf seinem Sühnopfer, sondern auf seiner persönlichen Gerechtigkeit. Diese hat er sich durch seine Heiligung zum Dienst Gottes vor seinem Auftreten in der Öffentlichkeit erworben, wie auch die späteren Juden annehmen (Eisenmenger II, 757f). Um aber den klaren Text Is. 53 und Zach. 12, 10-12, auf welchen sich die Christen nachdrücklich beriefen, nicht ganz unberücksichtigt zu lassen, ersann man seit dem 3. Jahrhundert einen Messias von geringerer Würde, welcher dem eigentlichen Messias voraus gehen und durch seinen Tod die Sünden Israels sühnen muss. Dies ist der Messias, der Sohn des Joseph, auch Sohn Ephraims genannt, welcher die zehn Stämme heimführt, während der eigentliche Messias aus Juda stammt. „Unsere Rabbinen lehren, daß der Heilige zu dem Messias, welcher künftig geoffenbart wird, sagen wird: Heische von mir irgend etwas, ich will es dir geben (Ps. 2, 8). Wenn er nun sieht, daß der Messias, der Sohn Josephs, umgebracht ist, so wird er zu ihm sagen: „Ich begehre von dir nichts Anderes als das Leben“ (Succoth 52a). Nach der späteren Theologie sammelt der Sohn Josephs die zehn Stämme und führt sie in die dem Land Israel benachbarten Länder Assyrien und Ägypten und von da aus in das heilige Land, wird aber von Gog und Magog getötet, und zwar um der Sünde des Hauses Jeroboams willen (Eisenmenger I, 481. 721; II, 703ff. 720ff. 744ff.; Edersheim II, 434 f). Der Messias selbst bringt die Erlösung Israels und die erste Auferstehung (der Gerechten?). Er befreit dasselbe von der Knechtschaft der Völker. Das römische Reich muss ausgerottet werden. Den Hauptfeind Armilus wird er durch das Wort seines Mundes und durch den Hauch seiner Lippen töten, Rom aber zerstören. Nun werden die Zerstreuten gesammelt und in den Himmel geführt. Nach der Auferstehung der Toten (für die Juden) beginnt das messianische Zeitalter. Das ganze Israel bringt der Messias zur äußeren Verherrlichung und Herrschaft und und zur geistlichen Vollendung. Damit beginnt das ewige Leben. Am Ende des messianischen Zeitalters folgt das letzte und allgemeine Gericht. Denn jetzt wird Jerusalem wieder hergestellt; der Messias herrscht über die ganze Welt. Die Weltvölker werden als solche weiter existieren; sie werden nicht judaisiert; nur einzelne treten ein, bleiben aber tributär (Weber 347ff; Eisenmenger II, 720ff; 750ff; 760ff; Edersheim II, 710ff: List of old Testament passages messianically applied in ancient rabbinic writings.) –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 8, 1893, Sp. 1399 – Sp. 1405

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