Heilige Rolendis und ihrer früher Tod

Jesus Christus mit seinen Heiligen, die ihm Verehrung zollen und ihn anbeten

Heiligenkalender

13. Mai

Die heilige Rolendis und der frühe Tod

Vor mehr als tausend Jahren lebte in Belgien ein Fürst Namens Desiderius; derselbe hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter Namens Rolendis. Der Vater sorgte dafür, daß das Mädchen höchst sorgfältige Erziehung und Unterricht bekam, zumal da es einmal die Herrschaft über das Land erben sollte. Als Rolendis heran wuchs, war sie zwar schon durch ihren hohen Rang als Tochter und Erbin des Landesfürsten die vornehmste unter allen Jungfrauen ihrer Heimat; sie war aber auch die vornehmste an jeder Tugend und schöner Sittsamkeit, so daß man nicht nur im Lande, sondern auch an den Höfen fremder Fürsten mit Lob und Verwunderung von Rolendis redete.

Solches hörte auch der Sohn des Königs von Schottland, ein ausgezeichneter Kriegsmann, und faßte dadurch eine große Neigung zu der fürstlichen Jungfrau und reiste deshalb an den Hof ihres Vaters. Desiderius nahm ihn teils aus Gastfreundschaft, teils wegen seiner königlichen Abstammung sehr ehrenvoll auf; Rolendis hingegen, die sich ausschließlich dem Dienst Gottes widmete und nichts von königlicher Pracht wissen wollte, hielt sich möglichst zurück gezogen. Der Königssohn gestand nun dem Vater der Rolendis, daß er gekommen sei wegen seiner Tochter und hielt um sie an. Nach kurzer Beratung willigte der Vater ein, und er und alle seine Hofleute hielten es für keinen Vorteil, mit dem schottischen Königshaus in solche Verbindung zu kommen.

Allein Rolendis hatte gelobt, ihren jungfräulichen Stand immerdar zu bewahren, um reiner und ungeteilter nur Gott anzugehören; hingegen verachtete sie Alles, was die Welt ihr geben konnte, gleich dem Apostel Paulus, wo er schreibt: „Ich halte Alles für Auskehricht gegen die Liebe Christi.“ Sie bat Gott unter diesen Umständen mit inständigem Flehen, daß er sie leiten möge seinen Willen zu tun. In diesem Besinnen, was sie tun solle, kam ihr ein eigentümlicher Entschluss. Sie hatte nämlich schon früher von der hl. Ursula und den 11tausend Jungfrauen gehört, deren Gebeine in Köln aufbewahrt werden. Dorthin verlangte sie nun sich zu begeben, um einmal in ihre Gesellschaft aufgenommen zu werden. Sie kleidete sich ganz einfach und unscheinbar und machte sich Nachts auf den Weg in Begleitung von einer Magd und zwei vertrauten Dienern. Rolendis war an die Beschwerlichkeiten einer Fußreise nicht gewöhnt, und wurde durch die damalige Hitze und von dem schlechten Weg sehr abgemattet; ihre Begleiter ermahnten sie deshalb inständig sich einige Ruhe zu gönnen. Allein sie war so eifrig, bald in Köln anzukommen, und fürchtete so sehr durch Zwischenfälle daran gehindert zu werden, daß sie sich schwer dazu bereden ließ. Endlich wurde sie ganz entkräftet und krank, so daß sie nieder sitzen musste. Ihre Magd weinte und bat sie auf`s Neue sich zu schonen, sie wolle ein Unterkommen in dem benachbarten Ort für sie suchen. Rolendis willigte endlich ein und wurde von ihren Begleitern in den benachbarten Ort Viliers gebracht. Dort fanden sie bei einem gutmütigen Bauersmann eine anständige Herberge, wo sie ausruhen und übernachten konnten. Als Rolendis aber in der Frühe des andern Tages aufstehen wollte, um die Reise fortzusetzen, versagten ihr die Kräfte und sie wurde ernstlich krank; und nachdem sie acht tage lang in dem fremden Haus gelegen war, starb sie daselbst.

Der Weltmensch mag wohl den frühen Tod der hl. Rolendis dem Zufall, etwa der Anstrengung ihrer Reise zuschreiben; der Christ hingegen glaubt in solchen Dingen an keinen Zufall; er glaubt den Worten des Herrn: „Nicht einmal ein Sperling fällt vom Dach ohne Wissen und Willen des himmlischen Vaters.“ Wohl aber ist es auffallend, wie oft gerade die vortrefflichsten Jünglinge und Jungfrauen im Frühling ihres Lebens hinweg sterben, und es mag schon zahllos vielen Menschen die Frage aufgestoßen sein, welche mir am letzten heiligen Dreikönigstag gestellt wurde. Ich ging da mit der Leiche eines höchst tugendhaften Mädchens. Dasselbe hatte ungeachtet alles Widerstrebens ihrer Verwandten und anderer Hindernisse es endlich erlangt, daß sie als Novizin in ein Kloster aufgenommen wurde. Wie sie aber selbst voll Freude war, nun ganz Gott leben zu können, so hatten auch alle Mitglieder des Klosters ihre Freude an dem liebenswürdigen echt christlichen Charakter des Mädchens, und ihr Talent und ihr Eifer ließen erwarten, daß an ihr für den Jugendunterricht eine vorzügliche Lehrerin gewonnen sei. Da bekam sie bald nach der Aufnahme das Nervenfieber und starb. Bei dem Leichenbegängnis redete nun mein Begleiter von den schönen Eigenschaften der Verstorbenen und sprach: „Es sind so viele Leute in unserm Ort, die man wohl entbehren könnte und andern zur Last fallen; warum hat nun gerade diese hoffnungsvolle Jungfrau sterben müssen?“

Man kann bei solchen Todesfällen junger Personen mancherlei Gründe sich denken, z. B. daß sie durch ein längeres Leben vielleicht an der Seele mehr verloren als gewonnen hätten; oder daß schwere Leiden sie betroffen hätten, wovor sie Gott bewahren wollte; oder um die Herzen ihrer Angehörigen mehr dorthin zu ziehen, wohin ein geliebter Sohn oder Tochter voraus gegangen ist; aber auch ein anderer Grund ist noch denkbar, worauf gerade die Geschichte der hl. Rolendis führt. Nach ihrem Tod geschahen nämlich durch ihre Fürbitte nicht bloß manche wunderbare Heilungen, sondern auch, als anhaltend schlechte Witterung, welche eine Teuerung herbei zu führen drohte und Pest sich einstellten, so hörten diese sogleich auf, als man in Gerpinia, wo der Leib der hl. Rolendis aufbewahrt wurde, denselben in Prozession herum trug und dieses jedes Jahr zu tun gelobte. Auf diese Weise hat Rolendis nach ihrem Tod den Zurückgebliebenen mehr Hilfe und Segen verschafft, als zu ihren Lebzeiten. Ähnlich mag oft eine junge Person, welche in der Blüte ihrer Jahre und ihrer Frömmigkeit in eine schönere Welt versetzt wird, ihrer zurückgebliebenen Familie, ihren Freunden dort mehr nützen, als wenn sie auf Erden zurück geblieben wäre. Wenn auch keine sichtlichen Wunder geschehen nach ihrem Tode, wie bei Rolendis, so werden solche Lieblinge Gottes bei ihm fürbitten und es vielleicht selbst von Gott erlangen, euch nahe zu sein und zu schützen und zu helfen, ohne daß ihr es seht. –
aus: Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternhimmel, Bd. 2 April bis Juni, 1872, S. 209 – S. 211

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