Wilhelm Ockham und der Nominalismus

Wilhelm Ockham und die Lehre des Nominalismus

Der Nominalismus als erkenntnistheoretisches System

Nominalismus, jenes erkenntnistheoretische System, das den Allgemeinbegriffen jede reale Wirklichkeit in den Dingen abspricht. Nach ihm existieren in der Welt der Realität bloß Einzeldinge. Wenn der menschliche Geist eine Vielheit von Dingen in den Art- und Gattungs-Begriffen zu einer Einheit zusammen faßt, so ist hierfür in den Dingen selbst keinerlei Seinsgrundlage vorhanden. Das Universale hat weder gesondert für sich, noch auch in und an den Einzeldingen eine reale Existenz; es besteht nur in unserem Denken dadurch, daß wir ähnliche Dinge in der Sprache durch das Wort (nomen), im Urteil durch den Terminus und in der Vorstellung durch den Conceptus zu einer Einheit zusammenfassen (daher auch Terminismus und Konzeptualismus). Die Universalien vermitteln keine Wesens-Erkenntnis, sondern dienen nur als Zeichen für die Einzeldinge. Folgerichtig durchgedacht, rüttelt der Nominalismus an der Gültigkeit der Vernunft-Erkenntnis und führt zum Empirismus und Positivismus.

Der frühmittelalterliche Nominalismus

Der frühmittelalterliche Nominalismus ist wesentlich beherrscht von der Stellungnahme zum Universalien-Problem, das in der Einleitung des Porphyrius zu den Kategorien des Aristoteles aufgeworfen und in den beiden Kommentaren des Boëthius vertieft worden war (Universalienstreit). Die eindringendere Beschäftigung mit diesen Schriften führte in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts zu einer realistischen Deutung der Universalien, am ausgeprägtesten bei Wilhelm von Champeaux, und zu einer nominalistischen Auffassung derselben, besonders bei Roscelin von Compiègne, der sich durch die nominalistische Verflüchtigung der Gattungseinheit sogar zur tritheistischen Deutung des Trinitäts-Dogmas drängen ließ. Abaelard hat diese Konsequenzen scharf zurückgewiesen und scheint überhaupt die Lösung des gemäßigten Realismus angebahnt zu haben.

Im 12. und 13. Jahrhundert war der Nominalismus von den großen Scholastikern dieser Zeit wissenschaftlich vollkommen überwunden worden und verschwand vollkommen von der Bildfläche. Mit dem 14. Jahrhundert aber tauchte er wieder auf und konsolidierte sich zu einer förmlichen Schule.

Der spätmittelalterliche Nominalismus

Nachdem bereits Petrus Aureoli den Konzeptualismus vertreten hatte, fand die neue, spätmittelalterliche Bewegung des Nominalismus ihren eigentlichen Begründer und geistigen Mittelpunkt in dem Franziskaner Wilhelm von Ockham.

Die Lehre des Wilhelm Ockham

Nach ihm entspricht im Allgemeinen weder außer der Seele etwas Reales noch in der Seele eine vom Denkakt verschiedene psychische Realität – ein „esse subjectivum“; ihr ganzes Sein besteht in ihrem Gedachtsein – dem logisch-intentionalen „esse objectivum“. Die Universalien sind nur Zeichen für mehrere ähnliche Außendinge, die voces willkürliche, die conceptus natürliche Zeichen dafür und können als solche für sie stehen (supponere). Eine den Arten gemeinsame Wesenheit wird durch das „abstraktive Denken“ nicht erfaßt. Daraus abgeleitete Erkenntnisse haben nur logische, aber keine objektive Gültigkeit. Die eigentliche Form der menschlichen Erkenntnis bilde die Erfassung des Individuellen in der „intuitiven Erkenntnis“.

Philosophie und Theologie Ockham`s

Sein methodisches Grundgesetz

1)Ockhams System läßt sich von gewissen Grundgedanken aus verständlich machen.
a) Das methodische Grundgesetz ist die rigorose Anwendung des „Ökonomie-Prinzips“: entia non sunt multiplicanda sine necessitate, d.h. die einfachste Erklärung einer Sache ist die beste. Ockhams Wissenschaft-Ideal umfaßt 3 Punkte: 1. Gegenstand der Wissenschaft sind nur notwendige Wahrheiten, nicht zufällige Einzeltatsachen; 2. diese Wahrheiten müssen grundsätzlich bezweifelbar sein; 3. sie können nur auf dem Wege streng logischer Schlußfolgerung einsichtig gemacht werden; Konvenienzgründe beweisen nichts. b) Zwei metaphysische Grundanschauungen geben dem System Ockhams seine spezifische Färbung, 1. sein voluntaristischer Gottesbegriff: was der absolut freie Gott wirkt, läßt sich in keiner Weise aus seinem Wesen ableiten, sondern beruht allein auf freier Setzung; seiner Allmacht ist nur das logisch Widersprechende unmöglich. 2. Das Ergebnis der freien Setzung Gottes sind die schlechthin singulären Einzeldinge, in denen es keine Wesensgesetze, nichts Allgemeines gibt. –

Die Philosophie Ockham`s 

2) Aus diesen Grundgedanken wird nun zunächst verständlich die Philosophie Ockhams. Der Mensch besteht aus Leib, (sinnlicher) Seele und Geist(seele). Da Ockham aber keinen realen Unterschied zwischen den sinnlichen und geistigen Vermögen annimmt, so ist es doch zweifelhaft, ob er trichotomisch gedacht hat. Die Seele ist ganz einfach; von Potenzen kann man nur insofern reden, als sie verschiedene Akte (Denken, Wollen usw.) setzt. Darum ist auch zwischen den sinnlichen und geistigen Erkenntnisakten kein wesentlicher Unterschied, wohl aber zwischen der intuitiven Erkenntnis, welche die Objekte unmittelbar erfaßt, und der abstrakiven Erkenntnis, die von der Erkenntnis der Objekte absieht. Da alle unsere Erkenntnis von den Objekten gewirkt ist, so kann man auch nicht behaupten, daß wir mit den Begriffen das Wesen der Dinge erfassen; sie sind vielmehr nur Zeichen der Dinge und deuten auf sie hin wie der Rauch auf das Feuer (Signifikationstheorie). Für die Begriffe können wir die entsprechenden Worte supponieren und mit diesen wie mit Rechenpfennigen arbeiten (Suppositionslogik). Da also die Begriffs- von der Seinswelt radikal verschieden ist, ist eine Seinsmetaphysik unmöglich: alle Begriffe dienen nur der Ordnung des unendlich mannigfaltigen Erfahrungsmaterials. Insbesondere ist eine rein natürliche wissenschaftliche Gotteserkenntnis unmöglich; einmal kommen wir vom Gottesbegriff nie zu dem absolut einfachen wirklichen Gott (die analogia entis lehnt Ockham ab), sodann ist keiner der üblichen Gottesbeweise schlüssig. Ebenso wenig wie die Existenz läßt sich seine Einzigkeit, Allmacht und Unendlichkeit beweisen; auch die Geistigkeit und Unsterblichkeit der menschlichen Seele entzieht sich der natürlichen Erkenntnis. –

Die Theologie Ockham `s

3) Die Theologie ist für Ockham naturgemäß keine Wissenschaft im eigentlichen Sinn, da sie den Glauben voraussetzt. Was nur im Glauben angenommen werden kann, ist nicht Gegenstand des Wissens. Das „Wissen nach dem Glauben“ spielt in Ockhams Theologie aber auch eine geringe Rolle, weil ja kraft der potentia Dei absoluta alles ganz anders sein könnte; den Versuch der Vorzeit, die ganze Heilsökonomie als in irgendwie rational erfaßbares System aufzufassen, lehnt Ockham kategorisch ab. Alles ist freie Setzung Gottes; wie etwa Gott eine menschliche Natur angenommen hat, so hätte er auch eine tierische annehmen können; er könnte auch den Sünder mit Himmel beschenken und den Gerechten in die Hölle schicken. Zur Rechtfertigung bedarf es keiner eingegossenen Gnade und Liebe, sondern allein der Annahme an Kindes Statt von Seiten Gottes. Luthers Rechtfertigungslehre hat Ockham viel zu verdanken. Dem Gnaden-Positivismus entspricht der sittliche Positivismus. Auch das Sittengesetz ist eine freie Setzung Gottes. Wollte Gott uns das Gegenteil von dem befehlen, was er jetzt gebietet, so wäre auch das gut. Absolute Werte gibt es nicht. –

Der Einfluß Ockham`s

Obwohl wir bisher nur einen unmittelbaren Schüler Ockhams kennen, Adam Wodham, kann der Einfluß Ockhams auf die folgenden 2 Jahrhunderte nicht hoch genug angeschlagen werden. Die nominalistische Logik hat nur ausgearbeitet, was Ockham entwarf. Die neue impetus-Physik, die ihrerseits Galilei beeinflußte, verdankt Ockham ihr Entstehen. Seine Erkenntnis-Theorie lebte in England weiter und befruchtete Locke, Berkeley, Hume. Ockhams Theologie förderte Freund und Feind in der Folgezeit; die sauberste Form gab ihr Gabriel Biel.

Konsequenzen des Nominalismus

Skepsis gegen alles menschliche Wissen

Mit der nominalistischen Deutung der Universalien war auch die Tragfähigkeit der natürlichen Erkenntnisse in Metaphysik und Theologie in Frage gestellt und dem Einbruch einer allgemeinen Skepsis gegen alles menschliche Wissen, besonders gegen alle scholastische Tradition, das Tor geöffnet. Viele Forscher sehen gerade darin das wesentliche Merkmal des spätmittelalterlichen Nominalismus. Die Beweise für die Existenz Gottes, seine Einzigkeit, Unendlichkeit und Allmacht werden in ihrer Gewißheit angezweifelt. Das Dasein der Geistseele und ihre Unsterblichkeit lassen sich höchstens mit Wahrscheinlichkeit erkennen. Den Begriffen Substanz und Ursache gesteht man nur subjektive Bedeutung zu, sogar das Kausalgesetz wird in seiner objektiven Gültigkeit geleugnet (Nikolaus von Autrecourt). In all diesen Fragen bietet der Glaube allein die Möglichkeit zu gewisser Wahrheits-Erkenntnis. Glauben und Wissen werden somit vollständig auseinander gerissen, ja vielfach in ausdrücklichen Gegensatz gebracht. Die Vernunft kann keine Begründung für den Glauben erbringen; auch ihre Schwierigkeiten und Einsprüche sind bedeutungslos. Die Theologie des Nominalismus ist gekennzeichnet durch eine irrationale voluntaristische Gottesidee, einen weitgehenden Moralpositivismus, der das natürliche Sittengesetz nicht im Wesen, sondern allein im unbeschränkten Willen Gottes begründet sein läßt; denn durch die nominalistische Aushöhlung aller Allgemeinbegriffe wird auch die Annahme eines inneren, „wesentlichen“ Unterschiedes von gut und schlecht, gerecht und ungerecht usw. unmöglich. Der letzte Grund für die Unterscheidung von Tugend und Sünde und für ihre Anrechnung zu Verdienst oder Schuld liegt nur in der freien, durch keine objektive Norm gebundenen Willens-Bestimmung Gottes.

Geistiger Zersetzungsprozeß des scholastischen Denkens

Der Nominalismus leitet jenen gewaltigen Zersetzungsprozeß des scholastischen Denkens ein, der erst in der Neuzeit voll zur Auswirkung kam. Man hat mit Recht von einer „Geisteskrise“ im 14. Jahrhundert gesprochen. Gegenüber dem metaphysik-freudigen, ganz vom Objekt, besonders vom realsten Objekt, von Gott her, bestimmten Denken der Scholastik, versuchte die nominalistische Skepsis Wahrheit und Wirklichkeit vom Subjekt her, anthropozentrisch, zu bestimmen; sie wurde dabei, wie die ähnlichen Versuche späterer Zeit, zu agnostizistischen Ansichten gedrängt. Die imposante Geschlossenheit des mittelalterlichen Weltbildes war in den Grundlagen bedroht. Es ist bezeichnend, daß Ockham und manche seiner Anhänger auch für die damals sich regenden demokratischen Ideen (Marsilius von Padua), welche an der hierarchischen Ordnung der Kirche und dem Gemeinschafts-Bewußtsein in der abendländischen Christenheit rüttelten, zugänglich waren, durch ihre kirchen-politischen Schriften die konziliare Theorie grundlegten und dem Gallikanismus (besonders Pierre von Ailly und Joh. Gerson) Vorschub leisteten.

Quelle: Lexikon für Theologie und Kirche, 1935 Bd. VII: Stichwort Nominalismus und Ockham

Der Nominalismus hat empiristischen Charakter

Nominalisten wurden im Mittelalter jene scholastischen Philosophen genannt, welche den allgemeinen Begriffen in keiner Weise und in keinem Sinne eine objektive Realität zugestanden, sondern sie vielmehr einzig als allgemeine Benennungen (nomina) für eine Gesamtheit von gleichartigen Dingen betrachteten. In der objektiven Wirklichkeit gebe es nur Individuen; da wir aber nicht alle Individuen mit eigenen Namen zu bezeichnen vermöchten, so faßten wir eine Gesamtheit von gleichartigen Dingen zusammen und bezeichneten sie mit einem gemeinsamen Namen, und das sei es, was man den „allgemeinen Begriff“ nennt. Den Nominalisten standen gegenüber die Realisten; sie schreiben entweder dem allgemeinen Begriff, in seiner Allgemeinheit genommen, objektive Realität zu und lassen die Individuen bloß durch Akzidentien sich unterscheiden, oder aber sie sehen bloß den Inhalt des allgemeinen Begriffes in den Individuen objektiv verwirklicht, führen dagegen die Form der Allgemeinheit des allgemeinen Begriffes auf das Denken zurück (gemäßigter und richtiger Realismus). Es ist klar, daß die Nominalisten mit ihrer Lehre auf dem Standpunkt des Empirismus standen. Denn wenn die allgemeinen Begriffe gar keinen eigenen idealen Inhalt haben, der einem objektiv Gegebenen entspricht, wenn sie lediglich allgemeine Namen sind, mit welchen wir uns, um die Dinge zu überschauen, behelfen und behelfen müssen: so ist damit gesagt, daß wir an das in sich intelligible Wesen der Dinge mit unserem Denken gar nicht herankommen können, daß wir in all unserem Erkennen bei der Erscheinung der Dinge stehen bleiben müssen und daß daher eine eigentliche intellektuelle Erkenntnis, die von der sinnlichen wesentlich verschieden wäre, für uns unmöglich ist. Hier liegt die tiefere Bedeutung des mittelalterlichen Nominalismus.

Der Nominalismus in neuer Form als Empirismus

Im Laufe des 16. Jahrhunderts verschwand allmählich der Nominalismus vom Schauplatz der Geschichte, jedoch nur, um im 17. Jahrhundert in einer andern Form wieder aufzuleben, nämlich als ausgesprochener Empirismus in der Locke`schen Doktrin. Locke steht in seiner Lehre von den allgemeinen Begriffen ganz auf dem Standpunkt der alten Nominalisten, und es ergibt sich für ihn diese Anschauung als natürliche Folge aus seinem Empirismus. Der Nominalismus hat an sich schon einen wesentlich empiristischen Charakter: es ist daher nicht zu verwundern, wenn der Empirismus überhaupt die nominalistische Doktrin sich aneignet, wie solches von Seiten Locke`s geschah und bis auf den heutigen Tag von empiristisch gesinnten Denkern nachgeahmt wird.

aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 9, 1895, S. 423-424

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