Von der Anrufung der Heiligen Gottes

Jesus Christus mit seinen Heiligen, die ihm Verehrung zollen und ihn anbeten

Von der Anrufung der Heiligen

Was heißt die Heiligen anrufen?

Es heißt, sich mit Gebet zu den Heiligen wenden, auf daß sie für uns zu Gott bitten.

Worauf gründet sich unser Glaube, daß die Heiligen für uns bitten?

1) Auf die Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen. Dieser zufolge findet unter allen Gliedern der Kirche, weil sie Glieder des einen Leibes Christi sind, die innigste geistige Vereinigung statt, durch welche an den geistigen Gütern des einen Gliedes auch die andern teilnehmen und die einen für die andern zu Gott beten (Jak. 5, 16);

2) auf die Nächstenliebe der Heiligen, welche sie schon auf Erden, vermochte, alles, oft sogar ihr Leben, für ihre Nebenmenschen aufzuopfern. Diese Liebe hat aber mit ihrem Tod nicht aufgehört (1. Kor. 13, 8), sondern sie haben dieselbe in den Himmel mitgenommen und lieben uns jetzt nur um so mehr, je näher sie bei Gott sind.

Dürfen wir demnach die Heiligen um ihre Fürbitte anrufen?

Wenn man Brüder und Schwestern um Hilfe und noch lebende fromme Menschen um ihr Gebet ansprechen darf, wie Gott den Freunden Job’s geraten (Job 42, 8), der hl. Paulus es empfohlen hat (1. Thess. 5, 25), und selbst die Nichtkatholiken tun; warum sollte man die im Himmel vor dem Angesicht Gottes sich befindenden Heiligen, die unsere Brüder und Schwestern sind, nicht um ihre Fürbitte anrufen dürfen?

Ist aber die Anrufung der Heiligen dem Vertrauen auf Gott und dem Mittleramt Christi nicht zuwider?

Nein; den wir wenden uns an die Heiligen nicht in dem Sinne, als wollten wir uns nicht zu Gott selbst wenden; sondern weil wir uns als Sünder und daher als unwürdig, vor Gott zu erscheinen, erkennen, so wenden wir uns zu den Heiligen, diesen Freunden Gottes und unsern verklärten Brüdern, damit Er uns durch ihre Fürsprache, die bei Ihm viel vermag (Joh. 9, 31; Jak. 5, 16), gnädig sein und seine Wohltaten spenden wolle. Es ist also die Anrufung der Heiligen der Anrufung Gottes nicht zuwider; denn Gott ruft man an als den Urheber alles Guten (Jak. 1, 17), und diese Anrufung ist eine Handlung der Anbetung; die Heiligen dagegen ruft man als Fürsprecher, die bei Gott für uns und mit uns bitten sollen.

Ebenso wenig geschieht durch die Fürbitte der Heiligen ein Eingriff in das Mittleramt Christi. Christus ist und bleibt unser alleiniger Mittler , durch den wir Zutritt zum Vater haben (Eph. 2, 18); die Heiligen aber sind nur Fürsprecher, die erst durch Jesum Christum bei Gott für uns bitten müssen. Darum sagen wir auch zu Gott: „Erbarme Dich unser, erhöre uns!“, zu den Heiligen hingegen nur: „Bittet für uns!“, und schließen alle Gebete der Kirche mit den Worten: „Durch Jesum Christum, unsern Herrn!“

Wissen aber die Heiligen um unser Gebet?

Die heiligen Engel freuen sich über die Bekehrung des Sünders (Luk. 15, 10) und bringen das Gebet der Frommen als ein angenehmes Rauchwerk vor das Angesicht Gottes (Offenb. 8, 3). Wird nicht ein gleiches den heiligen zugestanden sein, da sie Freunde Gottes und Jesu Christi sind und gleiche Herrlichkeit mit den Engeln genießen? (Jak. 2, 23; Joh. 15, 14 u. 15) Haben nicht Onias und Jeremias nach ihrem Tod Kenntnis von dem betrübten Zustand des jüdischen Volkes gehabt und für dasselbe eifrig zu Gott gebetet? – Gott hat tausend Mittel, unser Gebet ihnen zu erkennen zu geben.

Wie muss die Anrufung der Heiligen beschaffen sein, um Gott gefällig und uns heilsam zu sein?

Dem Gesagten zufolge muss sie

1) wie ihre Verehrung, vor allem auf Gottes Ehre hinzielen;

2) durch Jesum Christum geschehen, durch den allein wir zum Vater kommen;

3) nichts Unvernünftiges, dem heil unserer Seele Schädliches enthalten, sei es, daß man geistige oder leibliche Wohltaten durch sie verlangen will;

4) von einem gottesfürchtigen, nach dem Beispiel der Heiligen eingerichteten Leben begleitet sein. Wie dürfte der Sünder, als Feind Gottes, Erhörung erwarten, solange er Sünder bleiben will?

5) Insbesondere soll man, da die Kirche die Namens-, Landes- und Kirchenpatrone nicht nur als Fürbitter und Beschützer, sondern auch als Muster uns vorstellt, sich bestreben, nicht bloß ihre Fürbitte sich zu erwerben, sondern ihr Leben nachzuahmen und dadurch sich ihres Schutzes würdig zu machen. –
aus: Leonhard Goffine, Unterrichts- und Erbauungsbuch oder Katholische Handpostille, 1885, S. 483 – S. 485

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Category: Christenlehre, Goffine
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