Ort und Zeit der Wiederkunft Christi

Ort und Zeit der Wiederkunft Christi zum Gericht

8. Der Ort, wo das jüngste Gericht gehalten wird, ist die Erde; denn alles, was von einem Kommen, einer Ankunft des Richters gesagt ist, kann nur auf die Erde bezogen werden. Aber allerdings müssen wir zur Erde auch den sie umgebenden Luftraum rechnen: denn es heißt, daß der Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommt, und daß die Auferstandenen und die noch Lebenden „mit einander fortgerissen werden auf Wolken dem Herrn entgegen in die Luft“ (1. Thess. 4, 16) –

Im Anschluss an die Prophetie Joel (3, 1f) bezeichnet die alte Sage als Ort des letzten Gerichts näher das Tal Josaphat, als welches, nach Hieronymus, das Tal des Cedron bei Jerusalem, zwischen dem Tempelberg und dem Ölberg galt. Allein da jene Prophetie zunächst auf das entscheidende Gericht über die umliegenden Völker und nur in einem entfernteren Sinn auf das jüngste Gericht geht, so ist es auch voraus gesetzt, daß das Tal Josaphat eine bestimmte geographische Örtlichkeit bezeichnet, nicht notwendig, auch die Ortsbestimmung auf dieses zu beziehen. Aber allerdings ist es sehr entsprechend, daß Jerusalem, das der Ort der tiefsten Erniedrigung des Heilandes war, auch der Schauplatz seiner höchsten Erhöhung sei, daß er da, wo er als der Gerichtete am Kreuz hing, nun als der Richter seiner Richter erscheine, und daß er da, wo er von der Erde in den Himmel erhoben wurde, auch wieder vom Himmel sichtbar auf die Erde herab steige.

9. Die Zeit dieser Wiederkunft des Heilandes zum Gericht ist uns nicht geoffenbart: sie ist ein Geheimnis, das der Vater sich allein vorbehalten hat (Mark. 13, 32). Auf die Frage der Jünger nach der Auferstehung: „Herr wirst du in dieser Zeit das Reich Israel herstellen?“ Antwortete er: „Es steht nicht bei euch, Zeit und Stunde zu wissen, welche der Vater festgesetzt hat in eigener Machtvollkommenheit“ (Apg. 1, 7). Wiederholt hebt der Heiland die Ungewissheit jenes Tages und jener Stunde hervor und fordert darum die Menschen auf, zu wachen, damit er sie nicht unvorbereitet überrasche; denn er wird kommen umangekündigt wie ein Dieb bei Nacht (Matt. 23, 42); plötzlich wird er über sie kommen, wie ein Fallstrick über sie herfallen (Luk. 21, 34f); er wird kommen an einem Tage, da man es nicht erwartet, und zu einer Stunde, da man es nicht weiß (Matth. 24, 50).

Darum waren auch die Apostel darüber ganz im Ungewissen. Bald erwarteten sie die Wiederkunft des Herrn in nächster Nähe. Petrus sagt: „Das Ende aller Dinge ist genaht“ (1. Petr. 4, 7); Jakobus: „Die Wiederkunft des Herrn ist nah, der Richter steht vor der Tür“ (Jak. 5, 8f); Johannes: „Kindlein, es ist die letzte Stunde“ (1. Joh. 2, 18). Dann aber rückt sich ihnen diese Ankunft doch wieder in eine fernere Zukunft. Paulus sieht dem Märtyrertod vor Augen und betrachtet sein Leben als schon abgeschlossen, ehe er noch die Wiederkunft des Herrn geschaut hat (2. Tim. 4, 6ff), und warnt die Thessalonicher vor denen , welche sie schrecken wollen mit der Ankündigung, „wie wenn nahe bevor stehe der Tag des Herrn“ (2. Thess. 2, 2). Petrus sagt: „Ein Tag ist bei dem Herrn wie tausend Jahre, und tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr säumt nicht mit seiner Verheißung, wie einige meinen: sondern Langmut übt er um euretwillen, indem er nicht will, daß jemand verloren gehe, sondern daß Alle sich zur Buße bekehren. Kommen aber wird der Tag des Herrn wie ein Dieb“ (2. Petr. 3, 8ff). Ebenso sagt Paulus: „Ihr wisset gar wohl, daß der Tag des Herrn wie ein Dieb bei Nacht kommen wird; denn wenn sie sagen werden: Friede und Sicherheit! Dann plötzlich wird das Verderben sie überfallen“ (1. Thess. 5, 1ff).

Dieses Dunkel, welches den Tag des Gerichtes verhüllt, wird auch nicht gelichtet durch die Vorzeichen, die nach dem Wort Christi und der Apostel dem Gericht voraus gehen werden. Denn zum Teil gegen sie demselben so nahe voraus, daß sie mehr als die begleitenden Erscheinungen desselben zu betrachten sind, wie z. B. die außerordentlichen Erscheinungen am Himmel; zum Teil sind sie so allgemein, daß sie sich mehr oder weniger in verschiedenen Zeiten wiederholen, z. B. die Bedrängnisse der Völker, Kriege und Kriegsgerüchte, ein großer Abfall. Andere haben an sich etwas Unbestimmtes, wie die Verkündigung des Evangeliums auf der ganzen Welt (Matth. 24, 14), und die Bekehrung der Juden (Röm. 11, 26) oder sind selbst in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt, wie die Ankunft des Antichrists und die Predigt Henochs und Elias`.

10. Was endlich die Form des Gerichtes betrifft, so ist uns dasselbe in großartigen Zügen in der allbekannten Ankündigung des Herrn bei Matth. 25, 31 bis 46 geschildert. Aber allerdings dürfen wir nicht glauben, daß diese Schilderung den ganzen großen Vorgang umfasse, sondern es sind aus demselben nur diejenigen Züge hervor gehoben, welche gerade dem nächsten Zweck dieser Rede entsprechen. So z. B. ist es nicht denkbar, daß die leiblichen Werke der Barmherzigkeit alleine den Ausschlag beim Urteil geben werden, obwohl sie allein als Grund desselben genannt werden. Ferner ist auch nicht Alles in der Schilderung wörtlich zu verstehen, z. B. daß die Gerichteten fragen werden: Wann haben wir dich hungrig gesehen? usw. Eine genaue Grenze zwischen dem wörtlich und dem bildlich zu Verstehenden läßt sich jedoch nicht ziehen, und jedenfalls muss die Schilderung im Großen und Ganzen der Wirklichkeit entsprechen. Aber die erhabene Größe des Vorganges geht so weit über alle Erfahrung und Vorstellung des Menschen hinaus, daß die menschliche Sprache nur lückenhafte und matte Schattenbilder desselben geben kann.

Mit dem Vollzug des Urteils ist die Menschheit an ihr Ziel und Ende gelangt, indem in der Beseligung der Einen die unendliche Güte und Barmherzigkeit, in der Verdammung der Anderen die Gerechtigkeit Gottes ihre volle Offenbarung findet. Nun wird auch die Welt einer Umgestaltung unterworfen, um in Übereinstimmung mit den verklärten Leibern der Seligen gebracht zu werden, „ein neuer Himmel und eine neue Erde“ (2. Petr. 3, 13). Aber auch die Sendung des Gottmenschen an die Menschheit und die Ausübung seiner königlichen Gewalt durch seine menschliche Natur hat in diesem letzten siegreichen Akt der Gerechtigkeit ihr Endziel gefunden. „Danach das Ende, wenn er wird übergeben habend as Reich Gott und dem Vater, wenn er wird abgetan haben jegliche Herrschaft und Gewalt und Macht… Wenn Alles ihm unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst unterworfen ein dem, welcher ihm Alles unterworfen hat, damit Gott sei Alles in Allem“ (1. Kor. 15, 24. 28). Die königliche Würde wird auch dann nicht von der Menschheit Christi genommen, denn „seines Reiches wird kein Ende sein“ (Luk. 1, 33). Aber da ihr diese Macht und Herrschaft gegeben ist, um die Feinde Gottes zu überwältigen, so hat sie jetzt nach Vollendung dieses Sieges keinen Gegenstand ihrer äußeren Betätigung mehr. Gott gegenüber bleibt die menschliche Natur Christi in derselben Unterwürfigkeit wie zuvor und gebraucht daher ihre königliche Würde nur, um sich und ihr Reich ihm zu Füßen zu legen und vereint mit den Miterben des Reiches wie das Haupt mit den Gliedern in ewiger Ruhe seiner zu genießen. –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 5, 1888, Sp. 405 – Sp. 407

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