Nikolaus von Cues bei Trier Reformator

Nikolaus von Cues Reformator des 15. Jahrhunderts

Das geistige Leben des deutschen Volkes, wie das der christlichen Menschheit überhaupt, trat seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in ein neues Zeitalter der Entwicklung ein durch Johann Gutenbergs Erfindung der Buchdruckerpresse und der Verwendung gegossener, einzeln beweglicher Typen zum Druck von Büchern.

Diese kulturgeschichtlich gewichtigste und mächtigste Erfindung… gab, nach dem Ausdruck eines Zeitgenossen Gutenbergs, ‚der Freiheit des Menschen ein aller gewaltigst zweischneidig Schwert in die Hand; ein Schwert, gleich schneidig zum Guten wie zum Bösen: zum Kampf für Tugend und Wahrheit wie für Sünde und Irrtum‘.

Für das deutsche Volk fiel die neue Erfindung der Zeit nach zusammen mit der Wirksamkeit eines Mannes, der als kirchlicher Reformator, als Neubegründer der theologisch-philosophischen, der klassischen und der mathematisch-physikalischen Lehrfächer, nicht minder als Staatsmann wie ein ‚geistiger Riese‘ an der Wende des Mittelalters dasteht.

Dieser Mann war der deutsche Kardinal Nikolaus Krebs, genannt Cusanus, aus Cues bei Trier.

Die kirchlichen Reformen, welche Nikolaus im Auftrag des Papstes im Jahre 1451 auf deutschem Boden begann, gingen sämtlich von dem Grundsatz aus, daß ‚man reinigen und erneuern, nicht zerstören und niedertreten, daß nicht der Mensch das Heilige umgestalten müsse, sondern umgekehrt das Heilige den Menschen‘. Deshalb war er zunächst und vor allem Reformator an seiner eigenen Person. Sein Wandel erschien den Mitlebenden als ‚ein Spiegel jeder priesterlichen Tugend‘. Er predigte der Geistlichkeit wie dem Volk, und was er predigte, übte er auch im Werk: er predigte kräftiger durch sein Beispiel als durch sein Wort. Einfach und prunklos, unermüdlich tätig, ‚lehrend und strafend, tröstend und erhebend, ein Vater der Armen‘, durchzog er jahrelang Deutschland von einem Ende zum andern. Er suchte, allerdings nicht überall mit dauerndem Erfolg, die seit langem in arge Verwirrung geratene Kirchenzucht zu ordnen. Er hob nach Möglichkeit das verfallene Erziehungswesen der Geistlichkeit und den katechetischen Unterricht des Volkes. Er überwachte das Predigtamt und trat mit unnachsichtiger Strenge gegen alle schweren Missbräuche auf. In Salzburg, Magdeburg, Mainz und Köln hielt er Provinzial-Konzilien ab; furch die Wiedererweckung derartiger Versammlungen und durchs eins Kloster-Visitations-Ordnungen wirkte er am nachhaltigsten auf die allmähliche Besserung der kirchlichen Zustände ein. Sein für den Papst Pius II. ausgearbeiteter Entwurf zu einer ‚Generalreform‘ zeigt unter all seine Schriften am deutlichsten, wie tief er die vorhandenen Schäden erkannte und wie sehr er, ohne das einheitliche kirchliche Gefüge irgendwie anzutasten, auf eine Erneuerung der ganzen Kirche von der päpstlichen Kurie an bis zum kleinsten Kloster seine Tätigkeit hinlenkte.

‚Nikolaus von Cues‘, sagte am Ende des Jahrhunderts der Abt Johannes Trithemius, ‚erschien in Deutschland wie ein Engel des Lichtes und des Friedens inmitten der Dunkelheit und Verwirrung; er stellte die Einheit der Kirche wieder her, befestigte das Ansehen ihres Oberhauptes und streute reichen Samen neuen Lebens aus. Ein Teil desselben ist durch Herzenshärte der Menschen gar nicht aufgegangen, ein anderer Teil trieb Blüten, die jedoch infolge von Trägheit und Lässigkeit rasch wieder verschwanden, aber ein guter Teil hat Früchte getragen, deren wir uns noch gegenwärtig erfreuen. Er war ein Mann des Glaubens und der Liebe, ein Apostel der Frömmigkeit und der Wissenschaft. Sein Geist umfaßte alle Gebiete des menschlichen Wissens, aber all sein Wissen ging von Gott aus und hatte kein anderes Ziel als die Verherrlichung Gottes und die Erbauung und Besserung der Menschen. Man kann darum aus seiner Wissenschaft wahre Weisheit lernen.‘

… Sein theologisch-philosophisches Lehrgebäude faßte die verschiedensten Richtungen zusammen, die sich seither gegenseitig innerhalb der Scholastik bekämpft hatten. In der Eigentümlichkeit und dem Tiefsinn der Gedanken, in der ruhigen, klaren Darstellung der einzelnen Teile und in der wohl gegliederten Einheit dieser Teile kann es mit den mächtigen Denkmalen der christlich-germanischen Baukunst jener Zeit verglichen werden. Er erschloss ein besseres Verständnis der Scholastik, hob die teilweise abgeirrte Mystik aus den Untiefen des Pantheismus zur bestimmten lichten Abgrenzung Gottes und der Welt empor und bahnte eine mehr wissenschaftliche Behandlung der ganzen Glaubenslehre an. Am eigentümlichsten gibt sich der wahrhaft philosophische und von echt christlicher Menschenliebe durchglühte Geist des Kardinals in jenem bekannten Versuch kund, welcher ‚die Beilegung aller Religions-Streitigkeiten auf friedlichem Wege‘, die Herstellung eines allgemeinen Glaubensfriedens und die Vereinigung der gesamten Menschheit unter der römisch-katholischen Weltreligion zu schildern bestimmt war.

In gleich schöpferischer Tätigkeit bewegte sich Nikolaus auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, insbesondere der mathematisch-physikalischen Forschungen. Er war der erste, der, fast hundert Jahre vor Kopernikus, die Geistesfreiheit und den Mut besaß, der Erde die Achsendrehung und die fortschreitende Bewegung zuzuschreiben; er verfaßte eine sachkundige Schrift zur Verbesserung des julianischen Kalenders; von ihm rührt die erste gedruckte Karte von Deutschland her. Er eröffnete die Reihe jener Astronomen, welche den gewaltigen Umschwung in der Lehre von der Bewegung der Himmelskörper und den Gesetzen dieser Bewegung herbei führten. Durch persönlichen und schriftstellerischen Verkehr förderte er den schöpferischen Geist des Georg von Peuerbach und des Johann Müller, der zwei Wiederbegründer einer selbständigen und unmittelbaren Erforschung der Natur, der Väter der rechnenden und beobachtenden Astronomie.

Für Deutschland war Nikolaus von Cues auch einer der ersten Wiederhersteller eines gründlichen und geläuterten Studiums jener Meisterwerke des klassischen Altertums, welche ‚Freiheit und Maß, Geist und Natur in so schöner Harmonie in sich vereinigen‘. Seine Vorliebe für die Klassiker, die er zu Deventer in der Schule der ‚Brüder vom gemeinsamen Leben‘ eifrig gelesen, wurde in Italien, wo er sich eine genauere Kenntnis der griechischen Sprache angeeignet, durch eingehende Beschäftigung mit Plato und Aristoteles ‚zu einer Begeisterung entzündet, die nicht ruhen und rasten konnte, ohne möglichst viele mit gleicher Begeisterung zu erfüllen‘. In unermüdlicher Lehrtätigkeit brachte er, wo immer er konnte, das Studium dieser Philosophen wieder in Aufnahme, um sie als Bildungsmittel zu verwerten und die Erhabenheit des christlichen Glaubens an ihnen nachzuweisen. Voll Freundlichkeit und gewinnender Güte verkehrte er im Kreis lernbegieriger Schüler, welchen er, auch überhäuft von den Berufspflichten des Amtes, bereitwillig Aufschluss und Belehrung erteilte. Ein reicher Schatz an griechischen Handschriften, die er auf einer Reise in Konstantinopel erworben, sollte, wie Trithemius berichtet, durch die neu erfundene Buchdruckerkunst in demselben Jahr ‚zum Gemeingut der gelehrten Welt‘ gemacht werden, in welchem der Kardinal sein taten- und mühevolles Leben beschloss (1464). Für die klassischen Studien wirkte unter den Jünglingen, deren Bildung er mit freudiger Teilnahme gefördert hatte, am erfolgreichsten Rudolf Agricola in seinem Geist fort. –
aus: Johannes Janssen, Zustände des deutschen Volkes, Bd. 1, Die Revolutionspartei und ihre Erfolge bis zum Wormser Reichstage von 1521, besorgt von Ludwig von Pastor 1915, S. 3 – S. 6

Category: Janssen, Neuzeit

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