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Kirchenhistorie

Brüder vom gemeinsamen Leben

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Brüder vom gemeinsamen Leben (Fraterherren)

Fraterherren oder Brüder vom gemeinsamen Leben, fratres vitae communis, modernae devotionis, bonae voluntatis, fr. cucullati, Kugel- (Gugel-) oder Kogelherren, Kepplerbrüder, Kollatienbrüder, Brüder von der Feder, Schulbrüder, Hieronymianer, Gregorianer, Lollbrüder, Nullbrüder, usw.: gelübdefreie Gemeisnchaften von Weltpriestern und Laien in den Niederlanden und in Deutschland, ohne Gründung hervor gegangen aus der vom Bußrediger Gerhard Groot verkündeten Devotio moderna. Erst nach Groots Tod 1384 und der in seinem Geist erfolgten Gründung des Augustiner-Chorherrensiftes Windesheim bei Zwolle 1386 schlossen sich Freunde Groots, darunter Gerhard Zerbolt v. Zütphen, Joh. Brinckerinck u.a., im Hause des Florentius Radewijns zu Deventer zusammen.

Man lebte gemeinsam, um Gott besser zu dienen und durch Beispiel und Wort („Kollatien“ oder „Toespraaken“) sich und andere zu erbauen. Darin lag keine Abwendung vom Mönchtum (Barnikol), sondern umgekehrt das Hineinwachsen einer von Weltgeistlichen und Laien geübten innerlichen Frömmigkeit in klösterlichen Formen, auch nichts durchaus Neues (Schulze), da die Vita communis seit dem 11. Jahrhundert jeder dem urkirchlichen Vorbild (Apg. 4, 32) nachlebenden Frömmigkeit als wesentlich erschien und auch außerhalb der Orden ohne Gelübde verwirklicht wurde (genau so bei den Beginen). Die Beanstandung der Fraterherren durch Matthäus Grabow OP wurde von einem Gericht des Bischofs von Untrecht verworfen; Berufung an das Konzil von Konstanz führte nach Gutachten Pierre d`Aillys und Joh. Gersons zur Verurteilung Grabows 25.5.1419; sie kam einer kirchlichen Anerkennung der Fraterherren gleich. Der Kölner Erzbischof Dietrich II. von Moers bestätigte sie 31.1.1422. Die Brüderhäuser wurden durch „Rektoren“ geleitet.

Von Deventer breiteten sie sich über die Niederlande aus: (…). Heinrich von Ahaus verpflanzte sie nach Westdeutschland: Münster, Köln, Wesel, Osnabrück, Emmerich, Herford; in Mitteldeutschland hatten sie Häuser zu Hildesheim, Kassel, Marburg, Berlikum, Magdeburg und Merseburg, am Mittelrhein in Butzbach, Königstein, Marienthal i. Rheingau; Wolf a. d. Mosel, Trier und Wiesbaden. Gabriel Biel führte sie im Auftrag des Grafen Eberhard im Barte in Württemberg ein: Urach, Herrenberg, Tübingen, Einsiedel und Sindelfingen. Endlich gab es Häuser in Ostfriesland, Rostock und Kulm. Die Fraterherren erstrebten Reform durch christliche Lebensgestaltung, strenge Selbstzucht, innerliches Gebet und fleißiges Arbeiten in Feld- und Gartenbau, Schreiben und Binden von Büchern, später Buchdruck, Übersetzung erbaulicher Schriften in die Landessprache („fratres non verbo, sed scripto praedicantes“), Jugenderziehung und Unterricht; Bettel übten sie nicht. Besonders ihre Anfänge tragen Züge rührender Bruderliebe. Aus Stellung und Tätigkeit ergaben sich Beziehungen zu allen geistigen und kirchlichen Bewegungen: zu Humanismus, Glaubensneuerung und katholische Reform. Die meisten Brüderhäuser gingen im 16. und 17. Jahrhundert unter; z. T. wurden sie durch die Jesuiten abgelöst. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. IV, 1932, Sp. 139 – Sp. 140

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