Heiliger Geist und Überlieferung des Glaubens

Der Heilige Geist als Taube dargestellt in einem Glasfenster einer katholischen Kirche

Vernunft und Offenbarung

Das Verhältnis des heiligen Geistes zur göttlichen Überlieferung des Glaubens

Kap. 5

1. Alle Lehren der Kirche bis auf diesen Tag (sind) unverfälscht. Ich meine, daß sie heute ebenso rein sind, als am Pfingsttage; und zwar weil sie die fortwährenden Äußerungen des Geistes der Wahrheit sind, durch welchen die Kirche sowohl in der Lehre als im Glauben vor Irrtum bewahrt wird. Individuen mögen irren, aber die Kirche ist kein Individuum. Sie ist der Leib eines göttlichen Hauptes, mit dem sie unauflöslich vereinigt ist. Sie ist der unzertrennlich mit Seiner Gegenwart vereinigte Tempel des heiligen Geistes. Die Erleuchtung des Geistes gibt der gesamten und ununterbrochenen Erkenntnis der Kirche passende und genaue Begriffe der offenbarten Wahrheit, und der Beistand des heiligen Geistes leitet und erhält die Kirche bei der richtigen und bestimmten Verkündigung dieser Begriffe. Und darin besteht, wie wir gesehen haben, die tätige Unfehlbarkeit der Kirche als Lehrerin, die vom Irrtum frei ist, weil sie durch eine göttliche Person geleitet wird. Da die Kirche das Organ Seiner Stimme ist, sind die Laute menschlich, aber die Stimme ist göttlich.

Dieses leugnen heißt die Ewigkeit der Wahrheit und das Wirken des heiligen Geistes als ewigen Führers der Gläubigen leugnen. Gibt es aber keinen göttlichen Lehrer, so gibt es auch keine göttliche Gewissheit, und der Glaube sinkt herab zu einer auf menschliche Beweise und menschliche Kritik begründeten Meinung. Dieses aber ist, …, beginnender oder vollendeter, ausdrücklich ausgesprochener oder stillschweigender Rationalismus.

2. Aber die Lehren der Kirche sind nicht allein unverfälscht, sondern auch unverfälschlich. Daß sie unverfälschlich sind, ist nicht bloß eine Tatsache, sondern ein Gesetz ihrer Natur. Aus diesem Grunde leugnen wir die Möglichkeit einer Verbesserung der Kirche als einer Zeugin oder Lehrerin des Glaubens und der Sitten. Das Bedürfnis einer solchen Verbesserung kann niemals vorhanden sein. Die fortdauernde und unverderbliche Lehre der Kirche ist das Werkzeug aller Verbesserung. Wenn sie aber verderbt ist, wie soll sie dann Andere berichtigen? Wenn das Salz seine Kraft verliert, womit soll man salzen? (Matth. 4,13; Mark. 9,49; Luk. 14,34)

Ich leugne nicht das Vorhandensein des Verderbnisses in der Christenheit, es ist zu allen Zeiten genug davon und von aller Art vorhanden gewesen; aber das waren Irrtümer und Verderbnisse Einzelner, nicht der Kirche. Sie haben in der Kirche bestanden, bis die Kirche sie entfernt hat. Sie haben sich niemals die göttliche Überlieferung des Dogmas festgehängt oder sich mit den göttlichen Äußerungen oder Aussprüchen der Glaubenslehren vermischt. Die Irrtümer von Einzelnen können nicht die Oberhand erhalten gegen die Kirche. Individuen hangen von der Kirche ab, nicht die Kirche von Individuen. Die Kirche stützt sich auf ihr göttliches Haupt und auf die fortwährende Gegenwart der göttlichen Person, welche ihr innewohnt. Die Kirche hat demnach eine unabhängige, unbedingte und objektive Existenz. Sie ist eine göttliche Schöpfung, welche nur von dem göttlichen Willen abhängt, als Werkzeug der Bewährung für die Menschheit. …

Kein menschlicher Irrtum kann sich an der übernatürlichen Bewusstheit der Wahrheit, welche den ganzen mystischen Leib durchdringt, festsetzen, und diese passive Unfehlbarkeit bewahrt die Lehren des Glaubens unversehrt und unverderbt zu allen Zeiten.

Alles dieses findet noch eine nachdrücklichere Anwendung auf die lehrende Kirche. Die Hirten der Kirche mögen einzeln irren, die Körperschaft der Hirten kann niemals irren. Der Oberhirt ist in ihrer Mitte, und sie bilden als seine Zeugen und Sendboten das magisterium Ecclesiae, die autoritätische Stimme der Kirche, welche in Seinem Namen spricht. Hier und da haben Individuen unter ihnen einzeln geirrt, aber ihr Irrtum hat sich niemals an dem autoritätischen Geiste und der Stimme der Kirche festgesetzt. Jedes Zeitalter der Kirche hat seine Ketzerei gehabt; einige sogar viele; fast jede Ketzerei hat einen Hirten der Kirche zu ihrem Urheber gehabt; manchmal hat sich eine Ketzerei weit unter den Hirten und der Herd verbreitet; Massen sind davon angesteckt worden. Aber der Geist und die Stimme der Kirche haben sich niemals geändert, niemals mit einem Laute oder einem Buchstaben gewandelt. Jedes Zeitalter hatte seine Ketzerei, jede Ketzerei ist aber auch ausgeschieden worden; einige früher, andere später, einige leicht, weil sie nur oberflächlich und schwach waren, andere mit Schwierigkeit, weil sie hartnäckig und stark waren, gerade wie es bei Krankheiten eines lebendigen Körpers ist, von denen einige bloß die Haut angreifen, andere den Organismus; alle aber werden durch die Kraft der Gesundheit und des Lebens wieder beseitigt.

Auf diese Weise ist jede Ketzerei ausgestoßen worden… Die Kirche ist die Lehrerin der Hirten, wie die Hirten die Lehrer der Herde sind. Doctores fidelium discipulos Ecclesiae, wie der heilige Gregor sagt, und die Gesamtkörperschaft ihrer Hirten ist das Organ des heiligen Geistes der Wahrheit, und ihre Stimme ist die aktive Unfehlbarkeit der Kirche. Und der Geist und die Stimme der Kirche sind übernatürlich… –
aus: Heinrich Eduard Manning, Erzbischof – Vernunft und Offenbarung oder: Das Wirken des heiligen Geistes auf Erden 1867, S. 224 – S. 227

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