Endgültige Entscheidung des Hohen Rates

Das Leben und Leiden und der Tod Jesu

Die endgültige Entscheidung des Hohen Rates

Luk. 22,66. Als es nun Tag geworden war, kamen die Ältesten des Volkes, die Hohenpriester und die Schriftgelehrten zusammen, führten ihn in ihren Rat und sprachen: Bist du Christus, so sag` es uns.“ – 67. Und er sprach zu ihnen: „Wenn ich es euch sage, so glaubt ihr mir nicht. – 68. Wenn ich aber auch frage, so antwortet ihr mir nicht, noch lasset ihr mich los. – 69. Aber von nun an wird der Menschensohn zur Rechten der Kraft Gottes sitzen. – 70. Da sprachen alle: „Du bist also der Sohn Gottes?“ Er sprach: „Ihr sagt es; und ich bin es!“ – 71. Sie aber sprachen: „Was begehren wir noch ein Zeugnis? Wir haben es selbst aus seinem Mund gehört!“ 23,1. Und die ganze Versammlung der Juden stand auf und führte ihn zu Pilatus.

Matth. 27,1. Als es aber Morgen ward, hielten alle Hohenpriester und Ältesten des Volkes Rat wider Jesum, um ihn zum Tode zu überliefern. – 2. Und sie führten ihn gebunden und übergaben ihn dem Landpfleger Pontius Pilatus.

Mark. 15,1. Und sogleich am Morgen faßten die Hohenpriester mit den Ältesten und den Schriftgelehrten und der ganzen Versammlung Beschluss, ließen Jesum binden und fortführen, und überlieferten ihn an Pilatus.

Joh. 18,28. Die Hohenpriester führten nun Jesum von Kaiphas in das Gerichtshaus. Es war früh morgens.

Berufung des Hohen Rates

Der Hohe Rat wurde berufen, und zwar allen drei Ständen nach, die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten (Luk. 22,66; Matth. 27,1). Es scheint auch, vielleicht mit Ausnahme der Freunde Jesu, der Zahl nach ganz vertreten gewesen zu sein (Mark. 15,1).

Die Zeit der Berufung war das Anbrechen des Tages, die Morgenfrühe (Mark. 15,1; Matth. 27,1; Joh. 18,28), als es Tag geworden war (Luk. 22,66). Es eilte nämlich, um mit dem Handel fertig zu werden vor Anbruch des Osterfesttages, am Abend des 15. Nisan. „Die Füße der Sünder laufen zum Bösen, und sie eilen, um unschuldiges Blut zu vergießen“ (Is. 59,7; Ps. 13,3).
Die Absicht der Berufung des Hohen Rates war, den Herrn zu töten (Matth. 27,1), alles zu beschließen, um ihn vom Leben zum Tode zu bringen und das Todesurteil auszuführen, und zwar durch den römischen Statthalter, wohl auch die Schritte zu beraten, die sie einschlagen sollten, um bei demselben ihren Zweck zu erreichen. Die Sitzung in der Nacht konnte nur als Vorentscheidung gelten; denn die übliche Gerichtsform verlangte, daß das Endurteil erst am zweiten Tag der Verhandlung erfolge, und nicht bei Nacht.

Die Verhandlung

Um die Entscheidung so rasch als möglich festzustellen und herbei zu führen, griff man aus der gestrigen Verhandlung nur den Hauptpunkt heraus, über den der Heiland selbst schon Zeugnis und Geständnis abgelegt hatte. Man fragte ihn, ob er Christus, der Messias sei (Luk. 22,66). Die Frage lautete also auf die Messiaswürde Jesu. Der Heiland antwortete, jede Antwort und Erörterung sei hier unnütz. „Wenn ich bejahe, glaubt ihr nicht, und wenn ich euch frage (nach welchem Recht ihr mit mir verfahret), antwortet ihr nicht.“ So bleibt für euch nur das Gericht, das von mir über euch ergehen wird. Ihr wollt mich nicht als Messias und Erlöser, so habt mich denn als Richter in der Macht und im Auftrag des Vaters (Luk. 22,67-69). Dieses bedeutete er ihnen ungefähr mit denselben Worten wie in der Nachtsitzung (Matth. 26,64). Da sprachen sie alle: „Bist du also der Sohn Gottes?“ Der Heiland antwortete: „Ihr sagt es; ja, ich bin es“ (Luk. 22,70).

Aus dieser kurzen Verhandlung geht genügend hervor einerseits die Unredlichkeit, Unehrlichkeit und die Verstocktheit der Juden. Sie verstanden den Standpunkt der Frage ganz gut und suchten ein klares Geständnis vom Heiland über seine Messiaswürde und Gottheit, um ihn auf Grund dieser Aussage als Gotteslästerer zum Tode zu verdammen. – Andererseits aber offenbart sich auch die Güte Jesu und sein Starkmut. Der Heiland klärt sie vollständig auf durch sein unumwundenes Zeugnis, nimmt ihrem Unglauben den letzten Vorwand und macht sie in seiner ersten Antwort aufmerksam auf ihre böse Seelenstimmung und Gesinnung, auf die Verkehrtheit, die für niemand weniger paßt als für einen Richter; er warnt sie vor den schrecklichen Folgen durch den Hinweis auf das Gericht, das er, der jetzt vor ihrem Richterstuhl steht, dereinst an ihnen vollziehen wird. Es brauchte aber auch nicht wenig Starkmut dazu, in diesem Augenblick dieses Zeugnis abzulegen; denn er wußte, daß sie darauf warteten, und daß ihm dasselbe unfehlbar das Leben kosten würde. Und dennoch legte er das Zeugnis mit Standhaftigkeit ab.

Entscheidung und Urteil

Mit den Worten: „Was haben wir noch Zeugnis nötig? Aus seinem Mund haben wir es gehört“ (Luk. 22,71), erheben sie sich zum Spruch und verurteilen den Herrn zum Tode auf Grund seiner Aussage, daß er der Messias und Gottessohn sei, und wie sich das wohl denken läßt, unter Ausdrücken heuchlerischer Entrüstung, unter Wut und drohendem Geschrei. – So wird der Gerechte von den Stellvertretern und Handhabern des Rechtes, der Messias von seinem eigenen Volk, Gott von seinen eigenen Geschöpfen zum Tode verurteilt. Man weiß wirklich nicht, was man bei diesem Schauspiel tun soll, ob weinen, sich entsetzen oder lachen. Es ist Grund zu allem. Ein so entsetzliches Verbrechen, mit einer solchen Hartnäckigkeit, Bosheit und Leichtfertigkeit begangen! Sie selbst bekennen es, daß sie ein vollgültiges Zeugnis seinem Mund haben, und wofür sie ihm auf den Knien hätten danken sollen, dafür sprechen sie ihm das Todesurteil als falschem Messias und Gotteslästerer. Es war nun aus mit dem Heiland. Der kirchlich-religiöse Prozess war beendet und der Würfel gefallen.

Und wie hörte und nahm der Heiland dieses Urteil seines Volkes an? Gewiß mit Demut, mit Hingabe, mit Standhaftigkeit, mit aller Liebe zu Gott und zu uns. Es freute ihn, dieses Zeugnis noch einmal feierlich ablegen zu können und für dasselbe zu sterben. Dieses Zeugnis ist die Ehre Gottes, es ist seine Ehre und unser Heil. Schulden wir ihm für dieses Zeugnis nicht den hingebendsten Glauben, den innigsten Dank und selbst das Opfer unseres Lebens in dem Bekenntnis dieses Glaubens? Sein Volk haßt ihn, verflucht ihn, liefert ihn zum Tode für dieses Bekenntnis; um so mehr sind wir zur Anbetung, Genugtuung und zu unbedingter Hingabe verpflichtet. Wie viele waren so glücklich, in diesem Bekenntnis der Gottheit Christi ihr Leben zu lassen! Es war dieses nur die entsprechende Antwort auf das Bekenntnis des Heilandes. Hier können wir wohl im Geist hinknien an der Stelle, wo der Heiland für dieses Zeugnis zum Tode verdammt wurde, und anbetend, dankend, genugtuend ausrufen: Deus sanctus, Deus fortis, Deus immortalis, miserere nobis!

Sofort wurde zur Vollstreckung des Urteils geschritten. Die ganze Versammlung brach auf, geleitete den Heiland, und zwar, um ihn recht auffällig als verurteilten Übeltäter zu kennzeichnen, mit gebundenen Händen, zur Residenz des Pilatus, des römischen Landpflegers, um ihm denselben zur Vollstreckung des Urteils zu überliefern (Matth. 27,2; Mark. 15,1; Luk. 23,1; Joh. 18,28). Dieses musste geschehen, weil der Heiland es so voraus gesagt, daß er den Heiden überliefert und von ihnen gekreuzigt werden würde (Matth. 20,19; Joh. 18,32), und weil die Juden ihm den entehrendsten Tod durch Kreuzigung zugedacht hatten (Luk. 20,20), den nur der römische Statthalter zuerkennen konnte. Andere beiläufige Gründe zu diesem Schritt mochten die Juden auch darin haben, daß sie ihr Urteil durch das des Landpflegers stützen und bekräftigen und dadurch sich allenfalls gegen einen Volksauflauf zu Gunsten des Heilandes decken konnten.

So ging denn der auffällige Zug, gebildet aus den Hohenpriestern und dem Hohen Rate (Luk. 23,1) und gewaffneten Leuten (Mark. 15,1 u. 3; Matth. 27,1 u. 2) mit dem Heiland fast durch die ganze Stadt hindurch von der Höhe der Oberstadt oder Sion, westlich am Tempel vorbei, durch die Vorstadt zum nördlichen Stadtteil, zum Palast des Landpflegers Pilatus. Dieser Palast, auch Prätorium genannt, lag entweder in der Burg Antonia an der Nordwestecke des Tempelplatzes oder in der nächsten Nähe derselben. Der Zug musste, weil er absichtlich mit so viel Auffälligkeit durch die Hauptteile der Stadt ausgeführt wurde und weil die Straßen von von Festpilgern wimmelten, dem Heiland viel Leid, Verdemütigung und Ungemach bringen. Doch war er andererseits wieder ein ehrendes Zeugnis für die Wichtigkeit und Würde Jesu, da alles sich an demselben beteiligte. Es war eben der denkwürdige Zug, mit dem Israel seinen Messias an die Heiden zum Tode auslieferte. –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes in Betrachtungen Zweiter Band, 1912, S. 337 – S. 341

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