Der hl. Paulus gegen die Sünde der Unzucht

Das Bild zeigt die Sünde und ihre Folgen: Gottvater, ein Engel mit dem Flammenschwert zu Eva gewandt, ein anderer Engel mit einem Zweig zu Maria gewandt

Der heilige Paulus: Die Sünde der Unzucht (1. Kor. 6, 12-20)

Paulus hat begeistert den Reichtum des christlichen Gnadenstandes geschildert. Wer einmal zutiefst von der Erkenntnis dieses Adels durchdrungen ist, wird alles aufbieten, um nicht in die alte Knechtschaft der Sünde zurück zu fallen, sondern mit Christus im neuen Leben zu wandeln. Das wäre das Ideal. Leider fehlte in der korinthischen Gemeinde noch vieles an seiner Verwirklichung. Die dortigen Christen wußten zwar um den großen Wandel in ihrem Leben, aber manche zogen daraus eine gefährliche Folgerung. In dem Hochgefühl ihres Glaubens dünkten sie sich frei von jeder Bindung an ein strenges Gesetz. Die verwechselten Freiheit mit Ungebundenheit. Nachdem das jüdische Zeremonialgesetz seine Verpflichtung eingebüßt hatte, meinten sie auch vom altbundlichen Sittengesetz unabhängig zu sein, vor allem vom sechsten und neunten Gebot. „Freiheit der Kinder Gottes“ beanspruchten sie. Wer da noch von Sünde rede, verrate, daß er noch von den früheren Vorurteilen befangen sei und in den beengenden Fesseln des unerlösten Menschen stecke. Den Reinen sei alles rein. Habe nicht Paulus selbst erklärt: „Alles ist euer“ (1. Kor. 3, 21)? Den Brüdern in Galatien hatte er geschrieben: „Wenn ihr euch vom Geist leiten laßt, steht ihr nicht mehr unter dem Gesetz“ (Gal. 5, 18). Solche Worte deuteten sie in ihrem Sinne, wobei die Anschauungen griechischer Philosophen aus der Schule der Zyniker und einzelner Stoiker nachwirkten. In geschlechtlichen Dingen kannten sie kaum Hemmungen. Paulus legte diesen korinthischen Libertinisten mit ebenso großem Ernst wie rückhaltloser Offenheit dar, wie ein Christ über die Unzuchtsünde zu urteilen hat: Sie ist ein Frevel gegen Christus (Vers 12-17) und eine Schändung des eigenen Leibes (Vers 18-20).

Des Apostels Worte sind gegenwartsnahe

Was der Apostel da sagt und wie er es sagt, ist so gegenwartsnahe, daß man diese Verse immer wieder all denen ins Gedächtnis rufen und zu bedenken geben möchte, die in unserer sexual überreizten und zugleich im züchtigen Schamgefühl abgestumpften Zeit den gleichen Standpunkt vertreten wie jene Korinther. Schlagworte wie „Freie Liebe“, „Recht auf den Körper“, … und die endlosen Variationen dieses Leitmotivs klingen den korinthischen Losungen zum Verwechseln ähnlich. Der Apostel greift die Parole der Korinther auf: „Alles ist mir erlaubt!“ Gut, sagt er, aber vergeßt nicht, daß „nicht alles frommt“. Es genügt durchaus nicht daß eine Handlung an und für sich erlaubt ist. Eine in sich gleichgültige oder sogar gute Handlung kann durch die Begleitumstände unerlaubt werden und mir oder andern sittlichen Schaden bringen. Die Parole gilt also nicht unbeschränkt. Gewiß genießt der Christ die Freiheit der Gotteskinder. Aber gerade die Freiheit fordert Wachsamkeit. Es gibt Dinge, die der Mensch meiden muss, um seine Freiheit zu wahren, am meisten auf dem Gebiet des Sexuallebens. Läßt er den Trieben die Zügel schießen, so wird er bald nicht mehr Herr im eigenen Haus sein, vielmehr ein Sklave seiner Sinne werden, denn „wer Sünde tut, ist der Sünde Knecht“ (Joh. 8, 34). So schlägt Paulus die Verteidiger der Unzucht mit ihren eigenen Waffen. Wer als Christ mit dem Hinweis auf die Erlösung sich alles gestatten zu dürfen glaubt, verkennt die Religion des Kreuzes und vergißt, daß Christus selbst seine Nachfolge an Selbstverleugnung und tägliches Aufnehmen des Kreuzes geknüpft hat.

Die Unzucht ist nichts Natürliches

Doch die korinthischen Freiheits-Schwärmer geben sich noch nicht besiegt. Mit sophistischer Beweisführung wollen sie dartun, daß die Unzucht etwas rein Natürliches, also sittlich Belangloses sei, ähnlich wie Speise und Trank. Sie stellen den Geschlechtstrieb auf eine Stufe mit dem Nahrungstrieb. Gewiß sind beide vom Schöpfer in die Menschennatur hinein gelegt, der eine zur Erhaltung des Einzelmenschen, der andere zur Erhaltung der Menschheit. Beide müssen, nachdem die Sünde Unordnung hinein gebracht hat, gezügelt werden durch Selbstbeherrschung. Gott hat das durch die Speisegesetze und das Verbot der Unzucht im Alten Bund geregelt. Nun scheinen die betreffenden Christen in Korinth folgende Schlussfolgerung gezogen zu haben: Die mosaischen Speisegesetze gelten nicht mehr im Christentum. Wir dürfen essen, was den Juden als unrein verboten war. Ebenso fallen also auch die Beschränkungen im Bereich des Sexualtriebes für den wahren Christen fort. Beides bezieht sich ja auf den Leib des Menschen. Diesem gefahrvollen Irrtum tritt der Apostel entgegen. Die behauptete Gleichheit besteht nicht. Speisen und Verdauungs-Organe, die im jenseitigen Leben außer Funktion treten, haben keine unmittelbare Hinordnung auf Christus und sein Reich. Man darf sie deshalb nicht mit dem Menschenleib als Ganzes verwechseln, der vom Schöpfer mit der Kraft der Fortpflanzung ausgestattet worden ist. Der beseelte Menschenleib ist ins Erlösungs-Geheimnis hinein bezogen. Er hat noch viel höhere Aufgaben zu erfüllen, als die Erhaltung des Geschlechtes zu sichern. Sonst dürfte ja kein Mensch sich dieser Aufgabe entziehen. Christus aber hat den freiwilligen Verzicht auf jegliche Aktivierung der sexualen Anlage um des Himmelreiches willen als das Ideal gepriesen. Wer es anstrebt,, stellt sich mit Leib und Seele ungeteilt in den Dienst Christi: In der mystischen Einheit des Erlösten mit dem Erlöser wird Christus zu unserem Haupt. Er gehört also in gewissem Sinn zu unserem Leib, wie unser Leib zu ihm gehört. Wie nun Gott die Menschennatur seines eingeborenen Sohnes nicht wollte im Grab verwesen lassen, so wird er in seiner Allmacht auch uns dereinst auferwecken. „Christus wird unsern hinfälligen Leib umwandeln, so daß er seinem glorreichen Leib gleich gestaltet wird durch die Macht, mit der er sich das All zu unterwerfen vermag“ (Phil. 3, 21) Wer das bedenkt, wird erkennen, welcher Fehlschluss es ist zu sagen: Wie ich als Christ essen darf, was mir schmeckt, so brauche ich mir auch keine Skrupel zu machen in den Dingen, die das sechste Gebot betreffen.

Die Unzucht ist die tiefste Erniedrigung

Paulus hat seinen Lieblings-Gedanken anklingen lassen: die Lebensgemeinschaft mit Christus, das Sein des Christen in Christus. Daraus leitet er nun eine Warnung vor der Unzucht ab, wie sie schärfer und theologisch tiefer nirgendwo in der gesamten religiösen Literatur zu finden ist. Durch unser Einswerden mit Christus in der Taufe ist unser Leib in den mystischen Organismus des Leibes Christi eingegliedert worden. Alles ist unser geworden, was Christus besitzt, aber ebenso sind wir selbst ganz Christi Eigentum geworden (1. Kor. 3, 23). Der Unzüchtige zerreißt die Lebenseinheit seines Leibes mit Christus. Er verfügt eigenmächtig darüber, „nimmt ein Glied Christi weg“ und gibt es in der Sünde einer Buhlerin zu eigen. Das ist ein wahres Sakrileg, so hässlich, daß Paulus nur in Frageform davon sprechen mag. Mit einem entrüsteten „Nimmermehr“ weist er den Gedanken ab, ein Christ dürfe sich so weit vergessen. Keiner entgegne, es handle sich bei der Sünde zweier Menschen gegen die Keuschheit nur um eine äußerliche Zusammengehörigkeit, wodurch die Seelen-Gemeinschaft mit Christus nicht berührt werde. Gott hat in der Heiligen Schrift selbst erklärt, und Christus hat es den Juden erneut eingeschärft, daß es keine engere Gemeinschaft zwischen zwei Menschen gibt als dieses leibliche Einswerden. Darum kommt darin die tiefste Erniedrigung zum Ausdruck, wenn es sich nicht um die geheiligte Hingabe an den Dienst des Schöpfers in Gott gewollter Ehe handelt, sondern um die Sklaverei des Fleisches, in der das Geistige untergeht. Das ist eines Menschen unwürdig, der mit Christus und in Christus zur höchsten Vergeistigung berufen wurde, so daß er mit dem himmlischen Herrn ein einziger Geist wird, das gleiche Leben der Übernatur lebt. Je enger seine Vereinigung mit dem verklärten Christus ist, umso freier kann sich das Geistige in ihm entfalten. Aus dieser Wahrheit erwächst naturnotwendig die Bewertung der vollkommenen Keuschheit und Gott geweihten Jungfräulichkeit in der Lehre Christi: Die „Braut Christi“ darf mit der hl. Agnes sprechen: „Liebe ich ihn, so bleibe ich keusch; berühre ich ihn, so bleibe ich rein; nehme ich ihn auf, so bleibe ich Jungfrau.“ Der Geist Christi ist ihr Geist geworden, weil all ihr Denken und Wollen mit Christus im Einklang steht, wahrhaft „christlich“ ist. Dieser Geist „läßt auch die Sinne erleuchtet sein“, daß alles niedrige Verlangen ausgeschaltet wird und nichts der gänzlichen Vereinigung im Wege steht, wie sie mystisch begnadete Seelen erleben.

Fliehet die Unzucht

Wie man vor einer hässlichen Giftschlange flieht, so sollen darum die Christen vor der Unzucht und der Gelegenheit dazu fliehen. Wie Paulus vorher forderte: „Schafft den Übeltäter fort aus eurem Kreis“, und nicht: „Ertragt in Geduld und Milde den Blutschänder“, so mahnt er hier nicht: „Kämpfet gegen die Unzucht“, sondern: „Fliehet die Unzucht“. Gerade diese Sünde weiß in verlockender Gestalt an den Menschen heran zu treten und findet Bundesgenossen in der Menschenbrust selbst. Was das Alte Testament in der Geschichte des ägyptischen Joseph sowie der keuschen Susanna lehrt, ist im Mythos und in der Legende aller Zeiten als sittliches Erbgut der Menschheit festzustellen. Der lockende Sang der Sirenen, die Versuchungen des hl. Einsiedlers Antonius in der Wüste und die vielen Versuchungs-Geschichten in der Literatur von Parsifal bis zum Gretchen im Faust, alles ist eine Variation desselben Motivs: Nur die Flucht der Gelegenheit rettet das Kleinod der Keuschheit. Spielt einer mit der Versuchung oder setzt sich mit ihr auseinander, so wird es ihm gegen wie Eva, die mit der Schlange diskutierte, bis „sie sah, daß der Baum gut sei zum Essen und eine Lust zum Anschauen und eine Annehmlichkeit zum Betrachten; da nahm die von seiner Frucht und aß“ (1. Mos. 3, 6).

In der Unzucht liegt eine besondere Bosheit

In der Unzucht liegt eine besondere Bosheit; den sie schändet den Menschenleib mehr als jedes andere Vergehen, mehr auch als Trunksucht. Das Tierische, triebhafte gewinnt über die geistigen Anlagen Gewalt. Schändung des eigenen Leibes ist aber beim Christen gleich bedeutend mit Tempel-Schändung; denn sein Leib ist eine Wohnstätte des Heiligen Geistes. Das Bild vom Gottestempel, das früher (3, 16-17) von der ganzen christlichen Gemeinde gebraucht wurde, ist hier von jedem einzelnen Gläubigen zu verstehen. Dort wurde vor Zank und Streit gewarnt, weil sie die Einheit gefährden und den Tempel zerstören. Hier wird die Unzucht als Frevel am Heiligtum des Menschenleibes gebrandmarkt. Gott der Vater hat den Tempel gebaut und ihm die höchste Weihe gegeben, indem er uns seinen Geist sandte, damit er nicht nur gelegentlich und vorübergehend mit uns sei, sondern ständig in uns bleibe, solange wir sein Wohnen in uns nicht freventlich durch die Sünde unmöglich machen. „Tempelhüterin und Oberpriesterin in diesem Tempel ist die Keuschheit. Sie duldet nicht, daß etwas Unreines oder Gemeines hinein kommt, damit Gott, der darinnen wohnt, nicht wegen der Beleidigung den entweihten Thron verläßt“ (Tertullian). Ein neuer Besitztitel Gottes auf uns tritt hinzu und damit ein neuer Grund zur Flucht vor der Unzucht: Wir gehören gar nicht mehr uns selber an, seitdem das Blut des Mensch gewordenen Gottessohnes als Lösepreis für uns gezahlt worden ist. Wer also eigenmächtig über seinen Leib verfügt und in der Unzucht sein vermeintliches „Recht auf den Körper“ geltend macht, vergreift sich an etwas, was Gott zu eigen gehört. Er begeht Gottesraub. Um den Vollsinn dieses Gedankens, den auch der Apostel Petrus verwendet (1. Petr. 1, 18-19), zu verstehen, müssen wir auf eine Sitte jener Zeit achten: Einem Sklaven konnte auf verschiedene Weise die Freiheit geschenkt werden. Besonders feierlich geschah es, indem sein Herr ihn an eine Gottheit verkaufte. Der Herr erhielt aus der Tempelkasse den Lösepreis; der Sklave aber galt fortan als Schützling und Eigenbesitz des betreffenden Gottes. Eine feierliche Urkunde wurde über den Kaufvertrag aufgenommen und von Zeugen unterschrieben. Das wendet Paulus auf unser Verhältnis zu Christus an und gebraucht dabei die Rechtsausdrücke, wie sie in solchen Urkunden vorkommen. Wir alle waren durch die Sünde Sklaven Satans. Christus hat uns in seinem Kreuzestod durch sein Blut frei gemacht und für sich erkauft. Es ist also Undank und Unrecht zugleich, von neuem sich der Sklaverei des Teufels durch Unzucht auszuliefern. Alljährlich erinnert uns das Fest des kostbaren Blutes Christi daran und verwendet diesen Vers in den liturgischen Texten. Einem Christen liegt die Doppelpflicht ob, nicht nur seine Seele, sondern auch seinen Leib in den Dienst Gottes zu stellen, um so in seiner Ganzheit als Leib-Geist-Wesen seinen Schöpfer und Erlöser zu verherrlichen.

Ein Tempel des Heiligen Geistes fordert Ehrfurcht

Eine erhabenere Auffassung von der Würde des Menschenleibes gibt es nicht. Vor diesen Paulus-Worten müssen alle Vorwürfe verstummen, die Religion Jesu verachte den Leib. Wenn sich bei dem einen oder andern Schriftsteller Ausdrücke finden, in denen der Leib als etwas Schlechtes bezeichnet wird, so ist das entweder als manichäische Verirrung abzulehnen; oder aber es handelt sich um missverstandene Mahnungen zum Kampf gegen das ungeordnete Triebleben im sündigen Menschen. Auch Paulus hat seinen „Leib gezüchtigt und ihn zur Botmäßigkeit gebracht“ (1. Kor. 9, 27), um dem Geistigen, der unsterblichen Seele, die Führerrolle zu sichern. Aber er hielt den Menschenleib selbst nicht für etwas Böses oder Niedriges. Von hier aus läßt sich eine wahrhaft christliche Körperpflege und Sportethik begründen. Ein Tempel des Heiligen Geistes fordert Ehrfurcht. Ihn verfallen oder im Schmutz erstarren zu lassen, ist eher ein Zeichen von Faulheit und mangelnder Selbstachtung als von Tugend. Wenn aber die Pflege und Kräftigung des Körpers auf Kosten der Seele geht und der Gottestempel zum Tummelplatz entfesselter Triebe wird, müsste sich die Maßnahme des Polykrates wiederholen, der als weit schauender Staatsmann die Stadien und Ringschulen Griechenlands schließen ließ, um die Jugend vor dem sittlichen Ruin zu retten. Nicht weil er den Menschenleib für etwas wesenhaft Verdorbenes und Sündiges ansah, hat Paulus zum Kampf gegen die Triebe aufgerufen, sondern weil er die Folgen der Erbsünde kannte und die Neigung des gefallenen Menschen zum Bösen. –
aus: Herders Bibelkommentar, Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XIV, 1937, S. 206 – S. 210

Category: Neues Testament
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