Fest der Beschneidung unseres Herrn

Das Fest der Beschneidung unseres Herrn

Seit der Geburt des Herrn ist nun der achte Tag angebrochen; der Stern, welcher die Weisen leitet, nähert sich Bethlehem; in fünf Tagen wird er über der Stätte stehen, woselbst das göttliche Kind ruht. Heute soll der Menschensohn beschnitten werden und durch dies erste Opfer seines unschuldigen Fleisches den achten Tag seines sterblichen Lebens bezeichnen. Heute wird ihm ein Namen gegeben und dieser Name soll Jesus sein, d.h. Heiland. In diesem Tag liegt eine Fülle von Geheimnissen, sammeln wir dieselben und zollen wir ihnen aus unserem Herzen den schuldigen Tribut der Verehrung.

Aber dieser Tag ist nicht allein der Beschneidung Jesu Christi geweiht; das Geheimnis dieser Beschneidung bildet ja selbst nur einen Teil des viel größeren Geheimnisses, der Menschwerdung und Kindheit Jesu, und dies Geheimnis beschäftigt die Kirche nicht nur während dieser Oktav, sondern während der ganzen vierzig Tage der Weihnachtszeit. Nun gebührt doch auch der Beilegung des Namens Jesu noch eine besondere Feier und die Kirche hat auch eine solche für einen anderen Tag angeordnet. In Folge dessen gewährt der heutige Tag einem anderen der Frömmigkeit der Gläubigen würdigen Gegenstand Raum. Dieser Gegenstand aber kann nur Maria sein; und so feiert denn heute die Kirche ganz besonders das erhabene Vorrecht ihrer göttlichen Mutterschaft. Ein höherer Beruf konnte einem einfachen Geschöpf nicht übertragen werden, als die Mitarbeiterin zu sein am großen Heilswerk der Menschheit.

Ehedem feierte die heilige römische Kirche zwei Messen am ersten Januar; die eine für die Weihnachtsoktave, die andere zu Ehren Marias. Später hat sie dieselben zu einer einzigen vereinigt, wie sie auch beim übrigen Gottesdienst dieses Tages mit der Anbetung des Sohnes ihre Bewunderung und ihr liebevolles Vertrauen auf die Mutter vermischt…

Wir, die Söhne der heiligen römischen Kirche, wollen heute unsere Herzen ganz von Liebe gegen die jungfräuliche Mutter erglühen lassen. Mit ihr wollen wir die Glückseligkeit fühlen, die ihr ganzes Wesen durchströmt, weil sie ihren und unseren Herrn geboren hat. Während der heiligen Adventszeit haben wir sie betrachtet, wie sie das Heil der Welt in ihrem Schoß trug; wir haben die erhabene Würde dieser Arche des neuen Bundes gepriesen, welche ihren jungfräulichen Leib gleich einem anderen Himmel der Majestät des ewigen Königs darbot. Jetzt hat sie das göttliche Kind zur Welt gebracht, sie betet es an; aber sie ist seine Mutter. Sie hat das Recht, ihn ihren Sohn zu nennen und er, bei all` seiner Göttlichkeit, legt ihr in voller Wahrheit selbst diesen höchsten irdischen Titel bei.

Wir brauchen uns daher nicht länger zu wundern, wenn die Kirche mit so flammender Begeisterung die Größe Maria`s erhebt. Im Gegenteil begreifen wir sehr wohl, daß alle Lobsprüche, die sie ihr zollt, alle Huldigungen, die sie ihr in ihrem Kult darbieten kann, weit hinter dem zurück bleiben, was man der Mutter des Mensch gewordenen Gottes schuldet. Niemand auf Erden wird im Stande sein, alles zu sagen, ja nur zu begreifen, was dies erhabene Vorrecht an Herrlichkeit umschließt. Ja, in der Tat, um die Würde Maria`s als Mutter eines Gottes in ihrer ganzen Ausdehnung zu ermessen, müsste man erst die Gottheit selbst erfassen können. Einem Gott hat Maria menschliche Natur gegeben, ein Gott ist ihr Sohn; ein Gott setzt seinen Ruhm darein, ihr seiner menschlichen Natur nach unterworfen zu sein; die Höhe dieser einem einfachen Geschöpf verliehenen Würde kann also nur im Vergleich zur unendlichen Vollkommenheit des allmächtigen Gottes, der von ihrer Muttersorge sich abhängig machen wollte, geschätzt werden. Fühlen wir unser Nichts vor der Majestät des Herrn; demütigen wir uns vor der über alles Irdische erhabenen Würde derjenigen, die er zu seiner Mutter erkor.

Eine Gottesmutter, das ist das Geheimnis, auf dessen Verwirklichung die Welt seit so vielen Jahrhunderten wartete; das Werk, das in den Augen Gottes an Wichtigkeit die Schöpfung einer Million Welten unendlich überragte. Was ist seiner Allmacht eine Schöpfung? Ein Wort und sie ist da. Damit aber ein Geschöpf zur Mutter Gottes werde, musste er nicht nur alle von ihm geschaffenen Naturgesetze umkehren, indem er die Jungfräulichkeit fruchtbar machte, sondern er musste sich selbst in einen Zustand der Abhängigkeit versetzen, er musste endliche Beziehungen eingehen zwischen sich selbst und dem glückliche von ihm selbst erwählten Geschöpf. Er musste ihr Rechte übertragen über sich selbst und gegen sie Pflichten übernehmen; kurz, er musste aus ihr seine Mutter machen und ihr Sohn werden!

Daraus folgt, daß wir die Wohltaten dieser Menschwerdung, welche wir der Liebe des göttlichen Wortes schulden, in Wahrheit, wenn auch natürlich in geringerem Maße, auch Maria zuschreiben können und müssen. Wenn sie die Mutter Gottes ist, ist sie es deshalb, weil sie eingewilligt, es zu werden. Gott hat nicht nur diese Zustimmung abgewartet, sondern er hat von derselben die Ankunft seines Sohnes im Fleisch abhängig gemacht. Wie das ewige Wort über das Chaos sein „Es werde“ sprach und die Schöpfung aus dem Nichts hervor trat, um ihm zu antworten, so wartete auch Gott auf das „Es geschehe“ Maria`s. Und erst, als sie sprach: „Mir geschehe nach deinem Wort“, stieg der eingeborene Sohn Gottes vom Himmel herab und nahm Fleisch an. So verdanken wir unseren Emmanuel, nächst Gott, der Maria, seiner glorreichen Mutter. –
aus: Dom Prosper Guéranger, Die heilige Weihnachtszeit, 1892, S. 438 – S. 442

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