Wo gehst du hin menschliche Seele?

An der Friedhofsmauer, von Efeu umrankt, steht ein Engel, schön gekleidet, und schaut auf die Verstorbenen, deren Seelen in der Ewigkeit sich befinden

Wo gehst du hin, menschliche Seele? In die Ewigkeit!

Betrachtung unseres letzten Endes

Wo gehst du hin, menschliche Seele? In das Haus der Ewigkeit; das ist, in eine große, allzeit fortdauernde Wüstenei, wo du nichts finden wirst, als dasjenige, welches du von hier wirst mit dir auf die Reise genommen haben; keine andere Herberge, als wie du sie hier hast aufbauen lassen; kein anderes Leben, als wie du es dir hier vorbereitet. Wozu dein Geld und Gut, o Reicher! In der Ewigkeit? Was wird dir das Geld da nützen? … Wohin, eitler, müßiger Christ! Mit deinem Wohlleben? In das Haus der Ewigkeit? Was bringst du mit dorthin? Nichts? Aber, wie wird es dir dann ergehen? Wovon gedenkst du zu leben die lange Ewigkeit hindurch, daselbst findet sich niemand, welcher einem etwas verschenkt oder leiht; ein jeder muss leben von dem Seinigen, was er mitgebracht hat; daselbst kann nicht mehr gearbeitet werden, um etwas zu verdienen; dort ist jene Nacht, wovon Christus der Herr redet bei dem heiligen Evangelisten Johannes. Es kommt die Nacht, wo Niemand wirken kann. (Joh. 9)

Jetzt ist die Zeit, in welcher wir Vorrat für unsere Seele sammeln müssen, damit sie dort ewig leben könne; was jetzt nicht geschieht, ist auf ewig versäumt. Deswegen ermahnt uns der Apostel Paulus: Lasset uns Gutes tun, dieweil wir zeit haben. Wie viele Jahre sind es, welche ich bereits hinterlegt? Welch` lange schöne Zeit habe ich in diesen Jahren zugebracht? Wo sind aber die Tugenden, die guten Werke, die Verdienste, welche ich in dieser ganzen Zeit gesammelt und in das Haus meiner Ewigkeit voran geschickt habe? O wehe! Wenn jetzt nach vollendeter Reise das große Rechenbuch, worin alle meine Gedanken, Worte und Werke, alle Jahre, Monate, Wochen, Tage und Augenblicke, welche ich gelebt, aufgezeichnet stehen, vor dem göttlichen Richterstuhl geöffnet, und Musterung gehalten wird, wenn das Gute von dem Bösen, die verdienstlichen Werke von den unnützen abgerechnet werden, was wird alsdann für meine Seele heraus kommen? Die Jahre meiner Kindheit, welche ohne Gebrauch der Vernunft vorüber gegangen, werden ausgelöscht! Denn ich finde nichts darin, wovon ich in der Ewigkeit leben kann. Die Zeit, welche ich mit Essen und Trinken, spielen, mit Kurzweil, mit Ankleiden, Schlafen, Spazieren- und Müßiggehen, mit Nichtstun, ohne gute Meinung vergeudet, wird ausgelöscht! Die guten werke, welche im Stande einer schweren Sünde von mir geschehen sind, wie viele deren auch immer sein mögen, werden ausgelöscht! Davon hat meine Seele in der Ewigkeit keinen Nutzen zu erwarten. Ja, wenn es so geht, was wird dann endlich für eine Zeit noch übrig bleiben, in welcher ich für meine Seele gearbeitet und meinem Gott gedient habe? Ach! Daran dachte ich wenig bisher, und dennoch hat mich jede Stunde, so oft mir der Klang der Uhr in die Ohren drang, ermahnt, und mir gleichsam zugerufen: jetzt bist du schon wiederum eine Stunde Weges deiner Ewigkeit näher gekommen, was hast du diese Stunde Gutes gewirkt? Welche Verdienste dir erworben?

O! welche bedauerliche, beweinenswerte Torheit von uns Menschen! … kaum fragt man sich in einem Jahr einmal: Wo gehst du hin? In das Blinde hinein! Haben wir bisweilen einigen Vorrat, d. h. einige gute Werke und Verdienste gesammelt, da machen wir es öfters mit denselben wie jener Reisende, wovon oben gesprochen wurde, mit seinem Krug Wasser; wir verhandeln sie oft gegen einiges schnöde Geld, gegen ein Stäubchen eitler Ehre, gegen einen Augenblick viehischer Lust, gegen die Liebe einer sterblichen Kreatur. So geht alles wieder verloren!

Ach! Welch` vergebliche Reue wird diese unsere Saumseligkeit einst nach sich ziehen, wenn wir das Ende dieser Reise erreicht, und keines finden werden in unsern Sünden? Eine unbesonnene, ohne reifliche Überlegung und Beratschlagung mit Gott eingegangene Ehe, welche Reue und welches Leidwesen zieht diese manchmal nicht mit sich! Da hört man den einen oder den andern seufzen und klagen: O! Hätte ich dich früher gekannt, wie ich dich jetzt kenne, ich würde dich in Ewigkeit nicht genommen haben! Hätte ich doch den Menschen mit keinem Auge jemals gesehen! Allein das hättest du früher bedenken sollen, jetzt ist es zu spät. Du musst es mit dem Menschen aushalten, es sei dir lieb oder unlieb. Doch sei zufrieden und habe Geduld: du kannst noch hoffen auf den Tod, welcher deinem Kreuz ein Ende machen wird. Aber bist du einmal in das Haus deiner Ewigkeit eingetreten, und geht es dir dort nicht gut, da ist ganz und gar kein Rat, keine Hoffnung für dich mehr übrig; was hier einmal versäumt worden, ist für allezeit versäumt, und niemals wiederum zu ersetzen. Wir werden heulen und klagen, wir törichte Menschen: So sind wir denn vom Weg der Wahrheit abgegangen, und das Licht der Gerechtigkeit hat uns nicht geleuchtet! Alles ist auf ewig verloren und unwiederbringlich!

Es wir der Mensch gehen in das Haus seiner Ewigkeit. Merket, meine andächtigen, seiner Ewigkeit. Wie? Gibt es denn mehr Ewigkeiten, als eine? Freilich wohl; ein jeder wird die seine antreffen, entweder in den unbeschreiblichen Freuden, oder in den unerträglichen Peinen, je nachdem er sich selbst seine Ewigkeit hier während seines Lebens bereitet hat. Sünder! Wo gehst du hin mit deinem sündhaften Leben? Deine bösen Sitten, ob du schon still schweigst, scheinen mir zu antworten, was ein unsinniger Mensch, welcher auf einem Pferd ohne Zaum durch die Straßen der Stadt hin und her rannte, und befragt, wohin er so geschwind eile, geantwortet hat: Ich eile dorthin, wohin diesem unvernünftigen Tier mich zu tragen gefällig ist. Ich gehe, sprichst du ebenfalls, gottloser Christ, dorthin, wohin es meinen unbezähmten Wünschen, meinen viehischen Begierden mich zu tragen beliebig ist; ich gehe dorthin, wo mein Hochmut, mein Geldgeiz, mein unzüchtiges Fleisch, mein Zorn und meine Rachgier, meine Unmäßigkeit und Sinnlichkeit mich hinziehen; dorthin wo der Welt Mode, wo der gemeine Gebrauch mich hinführt… Ach, gehe hin! Ich höre schon, daß du auf jener breiten Straße hinläufst, von welcher Jesus Christus spricht: Weit ist die Pforte und breit die Straße, die zum Verderben führt; und Viele gehen sie. (Matth. VII) Aber, unglückseliger Mensch! Wo zielt diese Reise hernach weiter hin? In die Ewigkeit. Aber an diese denkst du jetzt nicht. Und in welche Ewigkeit? In diejenige, welche du am Ende dieses Weges antreffen wirst, welche in deiner Person der Prophet Job (Kap. XVII) angekündigt hat; Wenn ich es aushalte, so ist die Hölle mein Haus, und ich habe in der Finsternis mein Bett gemacht. All das Meine wird in den tiefsten Abgrund der Hölle hinunter fahren. O wehe! Die Hölle ist mein Wohnhaus; mein Ruhebett die ewige Finsternis; meine Speise der ewige Hunger; mein ewiger Trank der Drachen Galle; meine ewige Gesellschaft die Teufel; meine Ergötzung das ewige Feuer! Siehe, da gehst du hin; in diesem Hause deiner unglückseligen Ewigkeit wirst du es ohne Ende aushalten müssen! Kehrst du noch nicht bald in dich zurück, blinde Seele?

O meine christlichen Andächtigen, eine solche Herberge, nicht wahr? Verlangen wir nicht in der Ewigkeit; eine bessere wünschen, hoffen und erwarten wir? So laßt uns denn, um eine bessere Herberge zu erlangen, öfters mit reiflichem Nachdenken die erwähnte Frag an uns selbst stellen: Wo gehe ich hin? Zum Grab mit meinem Leib, Was kann mir also all dasjenige helfen, was mir in einer so kurzen Zeit die eitle Welt gibt? Wozu soll ich denn den verfaulenden Leib hier zu verzärteln suchen? Soll ich denn, den zeitlichen Dingen zu Liebe, meinen Gott, mein höchstes Gut verlassen? Was schadet es mir denn, oh mir die göttliche Vorsehung hier wenig oder viel mitteilt? Soll ich denn nicht mit meinem täglichen Brot zufrieden leben, da ich ja doch nicht weiß, wie lange ich noch zu meinem Grab zu gehen habe? Wo gehe ich hin? Mit meiner Seele in die lange Ewigkeit. Was stehe ich also müßig in dem Dienst meines Gottes? Weswegen scheue ich Mühe und Arbeit, wenn ich dieselbe hier in so kurzer und ungewisser Zeit nicht anwende, um Schätze und Verdienste zu sammeln, wovon ich ewig in den Freuden leben könnte? Ich geh zu dem, der mich gesandt hat (Joh. X), muss und will ich schließen mit Christo, meinem Heiland; ich will hingehen zu dem, der mich auf die Welt geschickt hat als einen Tagelöhner in seinem Weinberg, um den versprochenen Groschen mit meinem Schweiß zu verdienen; der mich als einen Kaufmann auf den markt geschickt hat, um die Waren für mein ewiges Leben einzuhandeln; der mich geschickt hat als einen Knecht, welchem er die Talente anvertraut, um damit eben so viele andere Talente zu gewinnen. Ich will hingehen zu dem, der mein erster Urheber und zugleich mein letztes Ziel und Ende ist, dem zu dienen ich einzig und allein erschaffen worden bin. Dorthin sollen gehen und zielen alle meine Gedanken und Begierden, alle meine Worte und Unterredungen, alle meine Werke und Beschäftigungen, all mein Kreuz und meine Widerwärtigkeit, all meine Abtötung und Bußfertigkeit; auf daß ich einst aus meinem Grab mit verherrlichtem Leib auferstehe, und samt der Seele eingehe in das Haus meiner glückseligen Ewigkeit. Amen. –
aus: Franz Hunolt SJ, Christliche Sittenlehre der evangelischen Wahrheiten, dem christlichen Volk in sonn- und festtäglichen Predigten vorgetragen, Bd. 9, Siebzehnter Teil, 1848, S. 15 – S. 20

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Category: Hunolt, Tod

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