Tod und Gericht stets im Gedächtnis haben

Betrachtung über Tod und Gericht

Am dritten Sonntag im Advent – Teil 3

Ich will meinen Tod und zukünftiges Gericht stets im Gedächtnis haben

Deswegen stelle ein jeder, in welchem Alter er auch ist, gleich jenen Greisen täglich diese oder dergleichen kurze Betrachtung an; vor dem Spiegel ist es nicht notwendig (doch wäre es auch einigen dienlich, daß, wenn sie vor dem Spiegel die schöne Morgenzeit mit Haarkrausen von andern, sogar ungleichen Geschlechts, so verschwenden lassen, sie anstatt des üppigen Putzes, wodurch den Dienern zu unreinen Gedanken und Begierden notwendig Anlass gegeben werden muss, dergleichen Betrachtungen anstellten): wie alt bin ich schon? Fünfzehn, zwanzig, dreißig, vierzig, mehrere Jahre. Werde ich auch noch ein Jahr darüber leben? Das weiß ich nicht; ich kann noch heute, noch diese Stunde durch den Tod zum Gericht Gottes abgefordert werden. Wie? Wenn es denn heute, wenn es diese Stunde geschehen sollte, wäre ich bereit dazu? Hätte ich wohl noch etwas auf meinem Gewissen, was ich erst bereuen und beichten wollte? Finde ich etwas desgleichen? O schnell, nicht lange gewartet, dieses will ich jetzt gleich tun; denn vielleicht ist es nach einem Tag, nach einer Stunde zu spät. Eine lange immerwährende Ewigkeit ist daran gelegen; im Feuer der Hölle mit den Teufeln ewig brennen, das kann und will ich nicht; im Reich der Himmel mit Gott und den Auserwählten mich ewig freuen, das kann, das muss, das will ich mit der Hilfe Gottes. Nun aber eines von diesen beiden hängt von meiner letzten Stunde ab, wie ich in derselben wohl oder übel bereitet gefunden werde. Ei, so will ich denn mich jetzt stets dazu bereit halten. Das sind trostvolle Betrachtungen für eine Seele, welche ernstlich gesinnt ist, ihr ewiges Heil zu erreichen; denn es muss ja ein großer Trost sein, daß sie sich auf solche Weise jederzeit zum Sterben bereit findet? Für andere, welche sich nicht zu bessern gedenken, sind es, es ist wahr, verdrießliche Gedanken, aber diese sollen wohl überlegen, welch traurige, betrübte und verzweifelte Betrachtung sie einst in der Hölle anstellen werden, da sie in alle Ewigkeit mit unerträglichen Schmerzen denken werden: ich könnte ewig selig sein und habe nicht gewollt.

O, mein gütigster Gott! Hätte ich alle Tage des Morgens nur einige Augenblicke lang dergleichen Überlegung und Betrachtung reiflich angestellt, wie wäre es möglich, daß ich bisher so fahrlässig und ruchlos in dem einzig und allein notwendigen Geschäft meiner Seele gewesen? Wie wäre es möglich, daß ich so viele kostbare Zeit in Eitelkeit, in Müßiggang verschwendet und so wenige Stunden in deinem Dienst zugebracht haben sollte? Wie wäre es möglich, daß ich diese und jene schwere Sünde so oft begangen und in diesem unglückseligen, gefahrvollen Sündenstand ganze Wochen, Monate, Jahre lang zu verharren mich getraut haben sollte? Ich erschrecke jetzt, wenn ich an meine Unbesonnenheit und augenscheinliche höchste Gefahr denke, in der ich Tag und Nacht war, auf ewig verdammt zu werden! Hätte ich doch jede Stunde sterben und zu deinem strengen Gericht gerufen werden können! Barmherziger Gott! Dir sei unendlicher Dank, daß es nicht geschehen; ich verdamme und bereue jetzt von Herzen alles das, was von mir während meines bisherigen Lebens wider dich begangen worden ist.

Nun will ich denn fernerhin beständig meinen Tod und mein zukünftiges Gericht stets im Gedächtnis haben; dieses wird mir ein Zaum sein, um meine bösen Begierden von aller Sünde abzuzwingen; dies wird mir ein Sporn sein, um meinen lauen Willen zu deinem eifrigen Dienst anzutreiben; dies wird mein Herz und meine Liebe von allen zeitlichen Wollüsten und vergänglichen Gütern abreißen; dies wird mir die kurz dauernden Widerwärtigkeiten des gegenwärtigen Lebens versüßen, damit ich dieselben dir und dem Himmel zu Liebe mit Geduld und Zufriedenheit ertrage; wenn ich bedenke, das Kreuz und Leiden kann und wird vielleicht noch in dieser Stunde ein Ende nehmen, alsdann gelange ich zu meinem geliebten Gott in die ewigen Freuden. Täglich, wie mich Thomas von Kempen zu tun ermahnt, will ich so leben, als ob ich täglich sterben und vor deinen Richterstuhl, o Herr! erscheinen sollte; Morgens, wenn ich früh aufstehe, will ich mit diesem Vorsatz den Tag anfangen, als ob Abends mein verstorbener Leichnam auf dem Bett liegen würde; Abends, ehe ich mich zur Ruhe begebe, will ich mein Gewissen dergestalt reinigen, als ob man mich am folgenden Tage Morgens tot im Bett finden würde. Auf diese Weise werde ich jede Stunde bereit sein, um dich, meinen künftigen Richter, jederzeit, wenn es dir gefällig sein wird, mich von der Welt abzurufen, ohne Furcht und schrecken, ja zum Trost und zur Freude meiner Seele zu erwarten, versichert auf dein mir gegebenes Versprechen hin, daß ich am letzten Gerichtstage in dem Tal Josaphat unter deine auserwählten Schafe, zu deiner rechten Seite gestellt, jene erwünschte, erfreuliche Einladung hören werde: Kommet her, ihr Gebenedeiten meines Vaters! Besitzet das Reich, welches euch zubereitet ist von Anbeginn der Welt. Kommt her, meine Kinder! Geht mit mir ein in die ewige Freude; ach ja, das laß geschehen! Meine Andächtigen! Bereitet den Weg des Herrn, so wird es geschehen. Amen. –
aus: Franz Hunolt SJ, Christliche Sittenlehre der evangelischen Wahrheiten, dem christlichen Volk in sonn- und festtäglichen Predigten vorgetragen, Bd. 9, Siebzehnter Teil, 1848, S. 145 – S. 148

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