Überwinde das Böse durch das Gute

Überwinde das Böse durch das Gute, denn die Liebe ist eine Siegertugend

„Überwinde vielmehr das Böse durch das Gute!“ (Röm. 12, 21)

Liebe, Bruderliebe, Feindesliebe ist nicht, wie es wohl scheinen möchte, ein sanftmütiges Laisser aller allem Bösen gegenüber. Die Liebe sieht nicht gleichmütig zu, wie die Bosheit auf Erden wandelt und wirkt: Liebe ist eine Überwinder-Tugend, eine Siegertugend. Aber sie hat als Waffe gegen das Böse nicht Gewalttat und wieder Böses, sondern das Gute. Sie will das Böse überwinden, aber sie will es nur überwinden durch das Gute. Die Liebe begnügt sich deshalb nicht damit, dem Feind nicht Böses mit Bösem zu vergelten – das ist nur der erste Anfang ihres Verzeihens -, sondern sie bemüht sich geradezu, das Böse mit Gutem zu vergelten. Sie weiß, daß der Sieg leichter zu erringen ist im Angriff als in der Abwehr. Wenn ein Mensch feindselig behandelt worden ist, dann umdrängen ihn meist sogleich böse, bittere, rachsüchtige Gedanken, Gefühle und Wünsche, und es ist ein allzu ermüdender Kampf, sie die immer wieder kehren, jedesmal wieder zurückzustoßen mit einem „Ich will nicht!“ Um diesem Ansturm ein rasches Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel: tu etwas Gutes! Durchbrich die Reihe böser Versuchungen mit einem gewaltsamen Schritt, indem du dem, der dir weh getan, etwas Gutes tust, einen kleinen Gefallen, einen Dienst ihm erweist oder wenigstens ein Gebet für ihn sprichst, und siehe, alle Rachsucht zieht sich entmutigt zurück, und du bist Sieger und hast die innere Freude und Freiheit eines Siegers.

Froh blickst du in die Zukunft, freudig in die Vergangenheit, und das große Erlebnis der Gegenwart lässt dir die Pulse lauter schlagen. Geben ist seliger als Nehmen, und das seligste Geben ist das Vergeben. Es gibt wenig Glück auf Erden, das an Tiefe und Reinheit jener Siegesfreude gleicht, wie sie auf den vollständigen Sieg des Verzeihens folgt. Verbunden mit dieser Freude ist aus das Bewusstsein gesteigerter Macht und Kraft. Im Kampf ist der Held gewachsen. Ein mittelalterlicher Mystiker sagt, das schnellste Ross, das den Menschen zur Vollkommenheit trage, sei das Leid; von allem Leid aber bringt keines den Menschen weiter und macht keines ihn größer und vollkommener als das Leid, das man von anderen erfahren und mit Liebe vergolten hat. Dem Feind Gutes tun, – damit kommt man weiter als durch das meiste andere Gute, was wir tun. „Seinem Feind vergeben“, sagt ein Mystiker, „ist mehr als bis ans Ende der Welt zu laufen, daß die Füße bluten“. Das aber ist gewiss die herrlichste Überwindung des Bösen, wenn so das Böse durch das Gute zum Guten gewendet wird.

Doch diese geheimnisvolle Umwandlung des Bösen durch das Gute geht weiter – sie geschieht nicht nur in der Seele des Verzeihenden, sondern geht darüber hinaus. Der Mensch ist ja nicht so ganz für sich, er ist ein teil des Ganzen. Wenn der einzelne Böses mit Bösem vergilt, dann mehrt er nicht nur die Sünde seines eigenen Herzens, sondern er häuft auch seinen Teil noch auf die ohnehin ungeheure Summe von Bosheit und Leidenschaft in der Welt überhaupt; doch derjenige, der vergibt, zieht nicht nur aus der eigenen Seele, sondern damit zugleich auch aus dem Ganzen der Welt einen giftigen Stachel, der fortwährend noch manches Unheil in Familie, Gemeinde oder Volk verursacht hätte. Er hat stattdessen, indem er Böses mit Gutem vergalt, wieder ein Stücklein Liebe hereingetragen in diese Welt, und dieses Stücklein Liebe wird als ein Element des Guten stets fortzeugend Gutes gebären.

Vielleicht ist gerade der Feind, dem man verziehen, der erste, an dem sich die wohltätige Kraft der Liebe offenbart. Die meisten Menschen brauchen bekanntlich mehr Liebe, als sie verdienen. Die glühenden Kohlen verzeihender Liebe, die man auf ihr Haupt sammelt, bringen manches Eis in Kopf und Herz zum Schmelzen. Die verzeihende Liebe dessen, dem er weh getan, ist über manchen schon gekommen wie ein Pfingstfeuer und hat ihn mit besserer Erkenntnis und tieferem Verständnis, mit Reue und Beschämung und gutem Willen erfüllt; die verzeihende Liebe hat schon manchen erbitterten Feind in einen treuen Freund, viel grimmigen Hass in innige Liebe verwandelt – und damit ein göttliches Wandlungswunder getan, das Hass und Rache niemals zuwege bringen.

Die Liebe gleicht der Rose. Wie dieses schwarze Erdreich in leuchtende Farbe und zierliche Formen und wehende Düfte verwandelt, so verwandelt die Liebe das Böse in der Welt, all die schwarze Bosheit, die finstere Verleumdung, schmutzige Selbstsucht und Zorn und Missverständnis und Beleidigung in Segen, Freude, Frieden, Liebe. Sie verwandelt die Welt, die im argen liegt, in das Reich Gottes. Siehe, also spricht Christus: „Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Liebe deinen Nächsten, hasse deinen Feind! Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid.“ (Mt. 5, 43-45) –
aus: Bonifaz Wöhrmüller OSB, Das königliche Gebot, 1936, S. 225 – S. 227

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