Verzeihen ist des Christen Meisterstück

Die Parabel vom Schuldner zeigt uns, daß auch wir verzeihen müssen

Verzeihen ist des Christenlebens Meisterstück

„Und sein Herr ward zornig und übergab ihn den Peinigern.“ (Mt. 18, 34)

In einer seiner bewegtesten Parabeln vergleicht Jesus uns mit einem Schuldner, der, außerstande seine Schulden zu bezahlen, vor dem Gläubiger auf die Knie sinkt und ruft: Habe Geduld mit mir – ich will alles bezahlten! Das Wort Schuld, das sozusagen den Angelpunkt jener Parabel bildet, spielt in der Tat eine erschütternde Rolle in der Geschichte jedes Menschen. Als Schuldner Gottes sind wir in diese Welt getreten und mit jedem Tag sind wir durch Gottes Wohltaten wie durch unsere Missetaten noch mehr Gottes Schuldner geworden. Ibsen ruft einmal erschrocken aus: „Welcher Berg von Schuld erhebt sich über dem kleinen Wort Leben!“ Mit jedem Tag wird damit auch unsere Möglichkeit kleiner, diese Schuld abzutragen, und immer banger wird dem Menschen beim Gedanken an die Abrechnung und am bangsten, wenn der Tag der Abrechnung endlich selber gekommen ist.

Auch die größten Heiligen, gleich Augustinus oder Caterina von Siena, wagten nicht, anders zu sterben als mit einem Miserere auf den Lippen. Und siehe, Gott ist barmherzig, er tritt der geängstigten Seele entgegen mit einem erlösenden: „Sei getrost, deine Schuld ist dir geschenkt“, wenn – nun die Parabel vom unbarmherzigen Knecht und jedes Vaterunser nennt uns die Bedingung – wenn „auch wir vergeben unseren Schuldiger“. (Lk. 2, 4) Es ist geradezu auffallend, mit welcher Eindringlichkeit Christus diese Bedingung den Seinen immer wieder in Erinnerung bringt; er wollte, daß sie nicht ein Vaterunser sollten beten können, ohne daran gemahnt zu werden.

Bei einigem Nachdenken müssten wir auf jene Bedingung übrigens leicht auch selber kommen. Gott um Verzeihung bitten, heißt, ihn um seine Liebe bitten. Gott aber kann nur lieben, was bei aller Schwäche und Gebrechlichkeit im tiefsten Inneren ihm doch ähnlich ist. Niemand aber ist Gott unähnlicher als der Gehässige. Und selbst wenn Gott ihn wollte, der Rachsüchtige könnte gar nicht teilnehmen an der Seligkeit, an dem ewigen Leben Gottes, da dieses nichts anderes ist als Gottes ewiges Verzeihen und Lieben. Wer nicht im letzten Augenblick wenigstens noch seinem Schuldner vergibt, dem bleibt die Pforte des ewigen Lebens verschlossen. Es wäre aber gefährlich, für das Sterbelager die große Verzeihung zu verschieben; denn wer weiß, ob eine Vergebung, die unter den Schrecken des Todes geschieht, noch wirklich von Herzen kommt; das Verzeihen ist des Christenlebens Meisterstück – ein Meisterstück aber will in langer Zeit geübt, gelernt und vollendet werden.

Die Parabel vom unbarmherzigen Knecht enthält außer diesem ersten in die Augen fallenden Grundgedanken noch ein zweites, tieferes Motiv der Vergebung. Wenn man dies Parabel genauer betrachtet, fühlt man sich erinnert an das Wort des heiligen Johannes: „Nicht das ist die Liebe, daß wir Gott zuerst geliebt hätten, sondern Gott hat uns zuerst geliebt.“ (1. Joh. 4, 10) Gott wird uns unsere Schuld nicht erst vergeben, sondern er hat sie uns bereits geschenkt. Längst, ehe wir noch geboren waren, hat Gott „den wider uns lautenden Schuldbrief ausgelöscht, der gegen uns war, und hat ihn beseitigt, indem er ihn ans Kreuz nagelte“. (Kol. 2, 14)

Das Zeichen dieser Vergebung ist die Taufe und die Lossprechung der Beichte und das Versöhnungsmahl an der Kommunionbank. Da haben wir die Freude empfunden, die jenen Schuldner beseligte, als der Herr ihn aufstehen und frei von dannen gehen ließ, die Freude, zu der nun der Apostel die ganze Welt auffordert: „Freuet euch im Herrn allezeit, ich sage es nochmals, freuet euch!“ (Phil. 4,4) Sollte in dieser großen Freude nicht die Erinnerung an die Kupferpfennige, die uns andere schulden, die Erinnerung an dieses und jenes böse Wort oder an diese oder jene Unhöflichkeit oder Ungerechtigkeit untergehen und vergessen werden? –

Wahrlich, wer dem Nächsten nicht verzeihen will, der hat gewiss noch keine Ahnung von dem, was Gott an ihm getan hat. Er glaubt vielleicht, seine Schuld vor Gott sei eine Bagatelle gewesen, oder er glaubt wohl, es sei, wie ein bekannter Spötter einmal zu lästern wagte, das Metier Gottes, zu vergeben. Aber in der Ewigkeit, wenn er seiner Sünde und seinem göttlichen Richter gegenüber steht, wird er seine Undankbarkeit und Gedankenlosigkeit erkennen- dann, wenn „der Herr zornig“ wird und „den Peinigern“ ihn übergibt. –
aus: Bonifaz Wöhrmüller OSB, Das königliche Gebot, 1936, S. 227 – S. 229

Bildquellen

  • Teachings_of_Jesus_12_of_40._parable_of_the_ungrateful_servant._Jan_Luyken_etching._Bowyer_Bible: wikimedia

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