Die Liebe zu Andersgläubigen

Die Liebe zu Andersgläubigen verlangt auch die Liebe zur Wahrheit

„Auf das alle eins seien.“ (Joh. 17,21)

Einer machte einmal die beißende Bemerkung, wir hätten gerade genug Religion, um einander zu hassen, aber nicht genug, um einander zu lieben. Die blutigen Religionskriege, die erbitterten Parteikämpfe, die die Annalen der christlichen Jahrhunderte füllen, scheinen eine grauenhafte Bestätigung jener Bemerkung zu sein. Es wäre natürlich verkehrt, daraus die Folgerung zu ziehen: weniger Religion, weniger Konfession! Sondern die entgegen gesetzte Mahnung spricht uns aus den Büchern der Geschichte an: mehr Religion, mehr ganze Religion, mehr Liebe!

„Anderssein erzeugt Hass“, hat ein Menschenkenner gesagt: am meisten gilt dies vom Anderssein des Denkens und Glaubens. Sei es, daß man bereits aus diesem bloßen Andersdenken des Nächsten einen Vorwurf der Rückständigkeit oder Torheit herauszuhören glaubt, sei es, daß schon das bloße Dasein Andersdenkender wie ein angriff und Gegenbeweis gegen den eigenen, schwachen Glauben unangenehm empfunden wird, sei, daß eine Feuerseele aus reiner glühender Liebe zur Wahrheit ebenso leidenschaftlich den Irrtum hasst und unvermerkt Person und Sache vertauscht, kurz, auch ohne daß Andersdenkende die Grenzen ihrer Rechte überschreiten, liegt stets die Gefahr der Lieblosigkeit gegen Andersdenkender nahe.

Aber wenn wir den Irrtum hassen, wo immer er uns entgegentritt, dann müssen wir auch die Wahrheit lieben, wo immer sie uns begegnet. Und es findet sich in keinem Religionssystem nur Irrtum; all diese fremden Konfessionen und Religionen haben noch einen größeren oder geringeren Anteil ewiger Wahrheit beibehalten vom Vaterhaus der Kirche her, aus dem sie einst fortgezogen sind, und gerade dieser Rest von göttlicher Wahrheit ist es, was ihnen Wärme und Leben und ihren Anhängern oft so viel Liebe und Begeisterung gibt. Und auch wenn einzelne Sätze und Gedanken des toten Systems reiner, unvermischter Irrtum sind, so ist doch wenigstens in den lebendigen Menschen die göttliche, sieghafte Wahrheit irgendwie wirksam, die den Irrtum korrigiert und mildert. Der Protestantismus lehrt, daß die guten Werke wertlos seien; aber die Protestanten haben doch so wunderbare Werke hervorgebracht, wie die eines Wichern und Bodelschwingh.

Das Sonnenlicht ist nicht nur im hellen Tag, sondern auch im Morgengrauen und im Abenddämmern bis weit in die Nacht hinein; die Wahrheit ist nicht nur im Kopf und im Herzen des Rechtgläubigen, sondern auch noch im Leben und Streben des Nichtkatholiken und des Nichtchristen. Gott ist überall; bei einem katholischen Mystiker findet sich das Wort: „Wo ist Gott? Sage nicht hier oder dort, auf jenem Berg oder in dieser Kapelle. Es schickt sich nicht, daß du ihm deinen Mantel um das Haupt windest und ihn wie eine Sache versteckst unter der Bank deiner Eigensucht!“

Aber auch das Schlimmste, Dunkle im Andersgläubigen, seine Irrtümer selbst sind nicht die reine Bosheit, sondern das Produkt einer Reihe von Faktoren: von gutem Willen und schlechter Logik. Missverständnis und Mangel an Sachkenntnis, schlimmen Erfahrungen und schlechten Gewohnheiten. Gewiss rechnet Gott manchem Andersgläubigen denn Irrtum weniger an als manchem Rechtgläubigen die Lieblosigkeit. Und es werden einmal Kinder des Reiches zusammenströmen von Morgen und Abend her aus allen Konfessionen, Religionen und Parteien. Lieben wir alle, die eines guten Willens sind – sie sind die Katholiken der Ewigkeit. In der Ewigkeit wird einmal sicher der heiße Wunsch Christi in Erfüllung gehen, daß „alle eins seien“ in Glauben und Liebe.

Solange auf Erden aber die Verwirklichung dieses Wunsches bezüglich des Glaubens sich nicht erreichen lässt, können und sollen alle doch eins sein in der Liebe. Der hat nicht den Geist Christi und ehrt nicht Christi letzten Wunsch, dessen Liebe nicht weiter ist als die Mauern der Kirche oder die Kreise einer Partei. Die Kirche muss Mauern haben, die Liebe darf keine haben! Auch der gute Hirte selber: siehe, eine Umzäunung hat er gebaut für seine Herde, aber nicht für seine Liebe; diese war weiter als alle Hürden und umfasste alle Berge und Wüsteneien und alle dorthin verloren gegangenen Schafe. Und worin soll diese Liebe sich nun praktisch offenbaren?

In der Toleranz, wird man sagen: doch nein, christliche Liebe ist mehr und zugleich weniger als Toleranz. Toleranz ist zu viel, wenn sie sich auf den Irrtum bezieht. Tolerant gegen den Irrtum kann nur der Skeptiker oder Agnostiker sein, niemals aber der Christ. Tolerant sein gegen den Irrtum heißt, denkmüde oder arm an Wahrheitsliebe sein; Toleranz gegen den Irrtum ist eine Majestäts-Beleidigung gegen die Wahrheit und eine Lieblosigkeit gegen die Menschheit, für deren Geistesleben der Irrtum Gift und Verderben ist. Der Christ, der an eine Wahrheit glaubt und die Menschheit liebt, kann nicht tolerant sein. Auch ein Protestant wie Lagarde hat sich zu diesen Gedanken bekannt: „Man möge sich endlich darüber klar werden, daß niemand Religion hat, der, was er als Religion hat, nicht als das ausschließlich und allein Richtige und als unumgänglich für die Rettung jeder Seele ansieht. Wir werden in der Geschichte nie andere als – man muss das Wort nur richtig verstehen – intolerante Religion zu sehen bekommen; was nicht in dem hier vorausgesetzten Sinn intolerant ist, das ist keine Religion mehr, sondern eine Theorie über göttliche Dinge und für das Leben der Nation wie des einzelnen so giftig wie Blausäure für den Menschenleib. Toleranz im liberalen Sinn des Wortes ist der Feind, den wir zu bekämpfen haben, weil diese Toleranz der Tod alles Ernstes ist.“

So verlangt denn gerade die Liebe zur Wahrheit und zur Menschheit, daß wir teilnehmen an dem großen Kampf des Lichtes gegen die Finsternis und daß wir den Irrtum zurückzudrängen suchen, wo es nur möglich ist, wobei freilich der Zweck lieblose oder unehrenhafte Wege und Waffen niemals heiligen würde.

Wie sie dem Irrtum gegenüber ein Zuviel, so ist die Toleranz dem Irrenden gegenüber ein Zuwenig. In diesem Sinn kann man Goethes Bemerkung als richtig annehmen: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ Ja, auch das Wort „anerkennen“ enthält noch zu wenig; erst das Wort „Liebe“ nennt unsere ganze Pflicht. Wenn uns auch trotz einem viel gebrauchten Schlagwort eine fremde Überzeugung niemals heilig sein kann – heilig ist nur die Wahrheit – so muss uns doch der Überzeugte, der Irrende heilig sein, und wir werden es nicht wagen dürfen, ihn um seiner ehrlichen Überzeugung willen zu spotten, zu verachten oder zu verfolgen oder ihm irgendwie durch Taktlosigkeit oder Lieblosigkeit wehe zu tun.

„Interficite errores, diligite homines!“ mahnt schon Augustinus, „Tod den Irrtümern, Liebe den Menschen!“ Wer die Form nicht findet, um diese beiden Forderungen zugleich zu erfüllen, der möge lieber im Kampf der Überzeugungen schweigen und nur mit stillem Gebet den großen Kampf begleiten, wie ebenfalls schon Augustinus rät: „Nur beten soll man für sie, nicht mit ihnen zanken.“ Wie der religiöse Friede nicht ein Kirchhof-Friede sein darf ohne Leben und Streben, nicht ein Friede ohne Kampf, so darf auch der religiöse Kampf nicht ohne friedliche Gesinnung sein. Denn die Liebe steht der Wahrheit an Wert und Würde nicht nach: beide sind göttlich! –
aus: Bonifaz Wöhrmüller OSB, Das königliche Gebot, 1936, S. 233 – S. 236

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