Was will man mit der religiösen Toleranz

Indifferentismus gegenüber der Wahrheit

Die religiöse Toleranz und der Indifferentismus

Die siebte Konferenz

So weit waren wir bisher in den Konferenzen gekommen; ich glaubte Ihnen, meine Herrn, einen Gefallen zu erweisen, wenn ich die ganze Reihe der Vorträge kurz wiederholte, um die Wahrheit in ihrer vollen logischen Kraft auf Ihr Gemüt wirken zu lassen, und nachzuweisen, wie ein Satz zugegeben, die andern notwendig nach sich ziehe, und das ganze Gebäude der Religion auch vor einer strengen und ernsten Prüfung der von Leidenschaft nicht getrübten Vernunft sicher besteht. Zum Schluß dieser Konferenzen möchte ich aber noch ein Wort mit Ihnen betrachten, welches ebenfalls zu den Hauptschlagwörtern unserer Zeit gehört, und welches ich die letzte Konsequenz des verzweifelnden Indifferentismus nennen möchte. Es ist dieses Wort, das außerordentlich schön klingt, nur nicht von Seite derer, die es immer im Munde führen, weil sie es nicht beobachten, das vielfach verkannte und gar häufig unverstandene Wort:

Toleranz setzt ein Übel voraus

Mit diesem Worte sind alle Zeitungen erfüllt; nur das Leben ist leider nicht voll davon. Dieses Wort kann man fast in allen Gesellschaften vernehmen, nur nicht von denen, die es eigentlich in die Tat versetzen. Uns Katholiken wird es besonders vorgepredigt und namentlich hat die Priesterschaft die Ehre, hierüber Lehren auch von solchen zu empfangen, die sonst wenig befugt und befähigt sind, religiöse Lehren zu geben. Betrachten wir es nun, meine Herrn, ohne Vorurteil und mit Genauigkeit und fügen wir einige praktische Bemerkungen hinzu.

Ich bemerkte schon vor zwei Jahren, daß Toleranz nur dann Statt haben kann, wenn von einem Übel die Rede ist. Das gibt Jedermann zu. Das Gute darf man nicht tolerieren, das muss man lieben; was man aber liebt, das toleriert man eben nicht bloß. Tolerieren setzt also seinem Begriffe nach ein Übel voraus; und wer mir sagt, bemerkte ich damals, er toleriere mich, der sagt mir, verzeihen Sie mir diesen Ausdruck, eigentlich eine Grobheit; denn er sagt mir, daß ich ein Übel sei. Aber nicht von jedem Übel kann man sagen, daß es toleriert werde oder werden könne und solle. Wenn es z. B. regnet, und mir es angenehmer wäre, es würde die Sonne scheinen, so ist das auch eine Art Übel, das ich aber nicht toleriere; warum nicht? Weil seine Entfernung von mir nicht abhängt. Oder wenn Jemand krank ist, oder sich irgend eine verdiente Strafe zugezogen hat, so kann er auch nicht sagen, er toleriere die Krankheit und die Strafe. Es kommt also zu dem Begriff des Übels überhaupt noch jener andere hinzu, daß man die Macht und die Berechtigung habe, dieses Übel von sich zu weisen. Was will man also mit der religiösen Toleranz? Es ist auffallend, meine Herren, wie es der armen Wahrheit hier auf Erden ergeht. Sie wird mißhandelt, gebunden, zertreten, mit Ruten gestrichen, angespieen – ich gebrauche dieses Wort, weil es aus der Leidensgeschichte dessen hergenommen ist, der sich selbst die Wahrheit genannt hat – die Wahrheit wird gekreuzigt und bis in den Tod verfolgt; wenn sie sich aber rührt, wenn sie klagt oder protestiert, heißt es: „sie solle tolerant sein“. Sie soll nicht schreien, damit der Friede nicht gestört würde; sie soll sich ja recht ruhig zertreten lassen, auf daß nur keine Aufregung in der Welt entstehe. Ist dieses wahr oder nicht? Lesen Sie die meisten Schriften, sie sind voll des Giftes gegen die katholische Wahrheit. Offen oder versteckt wird dieselbe immer und immer gehöhnt, gelästert, gegeißelt; wenn aber ein Prediger oder ein Autor seine Stimme dagegen erhebt, dann heißt es eben, daß er intolerant ist.

Wahrheit ist an und für sich immer sehr intolerant

Doch bleiben wir bei unserem eigentlichen Gegenstand. Toleranz in Bezug auf die Religion kann, wie wir soeben sahen, nur dort stattfinden, wo man bekennt, daß das zu Tolerierende als ein religiöses Übel gilt. Indem man also von der katholischen Kirche verlangt, daß sie toleriere, tolerant sei, scheint es fast, als gebe man ihr zu, daß sie die Gegensätze als Übel betrachten dürfe, und das ist allerdings ein bedeutendes Zugeständnis. Man gesteht damit zu, daß sie die Wahrheit sei, oder doch wenigstens, daß sie sich als Wahrheit ansehen könne. Das religiöse Übel kann jedenfalls nur ein religiöser Irrtum, sei es in der Theorie oder in der Praxis, im Dogma oder in der Moral sein. Man verlangt also von der katholischen Kirche, sie solle den religiösen Irrtum, sei es im Dogma oder in der Moral, dulden; sie soll ein Auge zudrücken und sich weiter nicht darum bekümmern. Sagen Sie, meine Herren, ob dieses billig ist. Ich rede hier zunächst von der Toleranz, wie wir sie als Privatpersonen zu üben haben; denn unsere Pflichten sind anders, als die Pflichten der öffentlichen Gewalt. Ist es nun, frage ich, erlaubt, einen religiösen Irrtum als solchen zu dulden oder nicht? Meine Herren, die Wahrheit ist an und für sich immer sehr intolerant. So wie das Feuer das Wasser nicht verträgt, so verträgt auch die Wahrheit nicht den Irrtum. Nehmen Sie einen logischen Satz und folgern Sie etwas falsches daraus; ihr Geist wird sich dagegen sträuben. Es ist eben die Wahrheit Leben, und wo das Leben ist, kann der Tod nicht sein. Nichts ist so intolerant, als das Leben gegen den Tod, ebenso verhält es sich mit der Sittlichkeit.

Was wirklich sittlich ist, ist intolerant gegen das Unsittliche

Was wirklich sittlich ist, das ist intolerant gegen alles Unsittliche. Auch hier verträgt sich das Leben nicht mit dem Tode, und die Gesundheit nicht mit der Verwesung. Man kann schwarz und weiß zusammen mischen; ja aber dann bekommt man grau heraus, und das ist gerade keine sehr schöne oder sehr schmeichelhafte Farbe. Also im Abstrakten ist die Toleranz unmöglich. Was den Irrtum als solchen anbelangt, den muss der menschliche Geist von sich weisen; denn er ist so für die Wahrheit geschaffen, und auch das menschliche Herz so zur Sittlichkeit bestimmt, daß man unmöglich an und für sich die Lüge und die Unsittlichkeit dulden und dabei ruhig sein kann. Daher kommt es, daß der Irrtum nur dann in den Geist einschleicht, wenn er, wie jemand sich ausdrückte, das Philosophie-Mäntelchen um sich gehängt hat; unter dem Schein der Wahrheit allein kommt er in das Innere, und auch die böseste Handlung sucht gewöhnlich doch mindestens eine Art Entschuldigung zu finden, um im Herzen Platz zu greifen. Gott selbst, der die höchste Wahrheit und Heiligkeit ist, ist notwendig intolerant gegen jeden Irrtum und gegen jede Unsittlichkeit, und wir können uns ihn nur als ein Wesen denken, welches mit dem ganzen Widerstreben seiner ewigen, göttlichen Natur jene beiden Übel ausschließt und verdammt. So viel ist im Abstrakten.

Der Irrtum und der Irrende sind zweierlei

Jetzt frägt sich’s aber; wie steht es im Konkreten? Der Mensch ist des Irrtums fähig und empfänglich für das Böse. Folgt nun daraus, daß, wenn man den Irrtum verwirft, man den Irrenden nicht dulden darf? Nein, das durchaus nicht. Der Irrtum und der Irrende sind zweierlei. Der Arzt, der den Kranken behandelt, ist sicherlich nicht tolerant gegen die Krankheit; ersucht sie auf alle mögliche Weise zu entfernen; darauf zielen alle seine Mittel hin. Aber mit dem Kranken hat er Mitleid, den Kranken toleriert er nicht nur, den liebt er, auch wenn der Kranke rast. Der Vater, der einen bösen Sohn hat, einen Sohn, der ihn betrügt, ist wohl nicht tolerant gegen den Fehler des Sohnes, er sucht den Fehler zu strafen, manchmal scharf zu strafen; aber den Sohn liebt er. Es ist also, wie die Herren sehen, an und für sich möglich, daß man sehr entschieden gegen den Irrtum sei, und doch dabei den Irrenden liebe, und das ist es, was die katholische Kirche lehrt und fordert. Wir sollen nicht ein Haar breit von der Wahrheit weichen, aber wir sollen uns hüten gegen den, der die Wahrheit nicht hat, hart zu sein. Nochmals sei es bemerkt, daß ich von uns als von Privatpersonen rede.

Toleranz darf keine Gleichgültigkeit sein

Deswegen, meine Herren, ist es sehr unnütz, wenn man uns sagt: „Gott duldet ja auch den Irrtum“. Wenn man uns darin ein Vorbild der Art und Weise, wie wir dulden sollen, aufzustellen beabsichtigt; ja dann unterschreibe ich das Gesagte von Herzen gern. Wir dürfen nicht gerechter sein wollen als Gott. Aber wenn man, wie die Indifferentisten möchten, darauf schließen will: »Also ist der Irrtum berechtigt«, wenn man spricht: »Gott duldet so viele Konfessionen, also müssen sie wahr sein«; so ist das ein unverzeihlicher Fehler gegen die Logik, und kann im Ernst nur von dem behauptet werden, der, um mich des Ausdruckes eines französischen Philosophen zu bedienen, »wo möglich dümmer sein möchte, als er kann«. Daraus, daß Gott duldet, folgt nicht, daß er das billigt, was er duldet. Gott duldet bekanntlich auch die Annexierer. Folgt daraus, daß er die Annexierung sanktioniert? Sicherlich nicht. Gott duldet überhaupt verschiedene Leute in diesem Leben; er läßt z. B. solche gewähren, vor denen die Ehre des Nächsten nicht sicher ist, und die alle Fundamente des Gehorsams untergraben. Folgt daraus, daß er die Untergrabung der Ehre und der Grundlagen der Gesellschaft gutheißt? Nein. Sonst wären die Richter eine vollständig unnütze Sache auf der Welt. Denn was Gott billigt, kann der Mensch auch dulden. Also der Schluß, wie ihn die Indifferentisten ziehen möchten, ist durchaus weit verfehlt. Wir sollen Gott allerdings in seiner Art zu dulden nachahmen; ja, meine Herrn, mit ganzer Seele. Wir haben kein herrlicheres Beispiel als Gott selbst. Ist denn aber Gott wirklich selbst gegen die Person ganz tolerant? Er ist langmütig gegen sie allerdings, dennoch wünscht und will er, daß Alle zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Er duldet auch den größten Sünder; gleichwohl sucht er auf alle Weise sein Herz zu rühren, ihn zu erleuchten und ihn zur Buße zu führen; er erregt Gewissensbisse in ihm, er zeigt seinem Geiste die Sanktion seines Gerichtes, er straft ihn bisweilen schon hienieden, er ermutigt ihn aber auch wiederum, er gibt ihm Hoffnung, er droht und verheißt alles, damit er aus seinem unmoralischen Zustande herauskomme. Das ist die göttliche Toleranz. Auf einem Wege, der des Menschen würdig ist, nämlich durch seine eigene Freiheit soll der Mensch zu seinem ewigen Herrn und Vater zurückkehren, den er verlassen hat, und der ihn beständig mahnt, daß er umlenke. Deshalb spricht der hl. Paulus: »Verachtest denn du die Schätze und Reichtümer der Güte, Geduld und Langmut Gottes? Weißt du denn nicht, das Gottes Güte dich zur Buße führen will?« Auch unsere Toleranz also, meine Herrn, darf keine eigentliche Gleichgültigkeit sein, wie sie bei Gott keine Gleichgültigkeit ist. Nein. Es soll Friedfertigkeit herrschen, es soll Schonung sein; aber beides soll Liebe sein. –
aus: Theodor Schmude SJ, Conferenzen über den religiösen Indifferentismus, 1863, S. 83 – S. 87

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