Rechtschaffenheit ohne Glaube kann nicht bestehen

Indifferentismus gegenüber der Wahrheit

Eine Rechtschaffenheit ohne Glaube kann nicht bestehen

Zusammenfassung der Vierten Konferenz

Wir kommen nun, meine Herrn, zu dem inhaltlosesten und zu dem interessantesten der Schlagwörter, die wir zu betrachten haben; zu dem Schlagwort, das in allen Melodien abgesungen wird, nämlich:

Wir glauben Alle an einen Gott.

Bevor wir darüber nachdenken, wollen wir uns dasjenige noch einmal kurz vor die Seele führen, was wir bereits als wahr erkannt haben. Denn aus diesem allein schon folgt die ganze Nichtigkeit des erwähnten Schlagwortes. Als wir betrachteten, wie die Rechtschaffenheit zur wahren Religion notwendig sei, und wie der Glaube, den nicht der Hauch der Liebe durchdringt, und der nicht in guten Werken sich kund gibt, ein toter und unnützer ist, da sahen wir auch zugleich, wie diese Rechtschaffenheit ohne Glaube gar nicht bestehen könne, weil jede Moral eben ein Dogma voraussetzt, die natürliche ein natürliches Dogma und die übernatürliche ein übernatürliches. Ohne Grundsätze, ohne ein Gesetz, das theoretisch erkannt wird, kann auch niemals von Erfüllung eines solchen und von Sittlichkeit die Sprache sein. Die Rechtschaffenheit ist ein gutes und notwendiges Ding, aber wie wir bemerkten, setzt sie ihrem Begriff nach voraus, daß einem Jeden das Seinige gegeben werde. Nun Gott ist doch noch auch ein Wesen gegenüber dem Menschen, dem das Seinige gegeben werden muß. Wenn er daher offenbarte – und er hat sich geoffenbart – so ist es klar, daß der Rechtschaffene dieser Offenbarung Gottes seine Ehrfurcht, Anerkennung, seine Dankbarkeit, seine Unterwerfung, seinen Glauben nicht versagen kann. Wir prüften demnach, wo sich denn eigentlich die Offenbarung Gottes finde, und wir fanden wiederum, daß das Christentum, und zwar das Christentum allein, mit solchen Zeichen der Göttlichkeit umkleidet und umgeben ist, daß man nicht leugnen kann, dort habe Gott gesprochen, dort seinen Lehrstuhl aufgeschlagen, und dort solle der Mensch lernen, um selig zu werden. Ein Blick, besser gesagt, ein Rückblick auf die Person des Stifters, auf diese größte aller Persönlichkeiten in der ganzen Menschengeschichte, auf diese heiligste und ehrwürdigste Gestalt, die uns je begegnen konnte und kann, der Rückblick auf Jesum Christum allein bewies uns schon, daß seine Lehre nicht menschlich, sondern göttlich ist. Denn so hat noch nie ein Mensch gelebt, geliebt, gelehrt, wie Christus; und wenn sich alle Weisen der Erde versammeln, und alle Wohltäter des Menschen-Geschlechtes verbinden, wenn wir alles vereinigen, was die Menschheit dem Herrn an Tugend und Heiligkeit und sittlicher Größe je dargeboten hat, so verschwindet doch alles vor diesem Einen. Daher denn auch dieser Eine der Mittelpunkt ist, um den sich die Menschen-Geschichte dreht, mag man es leugnen oder nicht. Er ist der Mittelpunkt der Menschenherzen geworden, der Gegenstand ihrer Verehrung, Bewunderung, ihrer Nachahmung, ihrer begeistertsten Liebe geworden, auf der anderen Seite niemals Gegenstand eigentlicher Gleichgültigkeit. Wer Christum kennt, der ist nicht gleichgültig gegen ihn. Das ist eine Merkwürdigkeit des Hasses, der Verfolgung, der Wut, der Raserei Seitens seiner Gegner. – Ein anderer Rückblick auf die Verbreitung seiner Lehre, die ganz das Schicksal ihres Verkündigers teilt; auf die Verbreitung dieser erhabenen, demütigenden Lehre, die so viele Opfer verlangt, dieser Lehre, gegen die sich alles verschwor, was die Welt an Macht, an List, an Klugheit, an Hohn und Spott hatte, zeigte uns ebenfalls, daß es sich hier nicht um ein Menschenwerk handle.

Diese schnelle, allgemeine, lebendige Verbreitung, dieses Eingreifen der Lehre in das ganze Menschengeschlecht, das ist ein Beweis, daß sich in ihr Gottes allmächtiger Finger kundgibt, und wo Gottes Finger ist, wird Gottes Mund nicht fehlen. Wir prüften aber unseren Gegenstand auf eine einfachere Weise. Wir gaben zu, und wir müssen es doch am Ende zugeben, daß, wenn Gott sich geoffenbart hat, die Offenbarung selbst gewisse Zeichen, und eine bestimmte Signatur der Gottheit an sich tragen müsse. Das einfachste Werk Gottes, gehörig betrachtet, offenbart uns ja die Herrlichkeit dessen, der es gemacht. Bei Gott ist alles Meisterstück, und das Meisterstück muß notwendig ein lebendiger Beweis des Meisters sein, der es gemacht. So auch die Offenbarung.

Nun, worin wird denn die Signatur bestehen? Sicherlich in solchen Zeichen, welche die Offenbarung von allem Menschlichen scheiden, welche an sich übermenschlich sind, und zugleich den Menschen erheben. Dahin gehört also vor Allem, daß die Offenbarung als Autorität auftrete, der sich jeder Geist beugen muß, als Autorität für den Gelehrtesten und Weisesten und Höchsten, wie für den Einfältigsten und Niedrigsten.

Daraus schon wurde es uns klar, daß in Gottes Offenbarung wahrscheinlich Geheimnisse vorkommen werden; denn eine Religion ohne Geheimnisse kann menschlich sein. – Die Signatur muß ferner darin bestehen, daß den menschlichen Leidenschaften nicht gehuldigt und gedient werde, weil, wo irgend prinzipiell Sinnlichkeit oder Stolz aufkommen kann, das Göttliche mindestens nicht ungemischt ist; wo hingegen dasjenige, was Anteil des verderbten Menschen ist, bekämpft wird, da spricht sich eine übermenschliche Offenbarung aus. – Außerdem, sahen wir, muß die Offenbarung Gottes den ganzen Menschen in allen seinen Verhältnissen umfassen, um ihn zu trösten, um ihn zu sichern, zu verklären, ihm zu helfen. Sie muß eine Art Abbild der göttlichen Ewigkeit sein, und daher mit der ältesten Vergangenheit zusammen hängen, bis in die äußerste Zukunft hineingreifen. Nun alle diese Zeichen finden sich im Christentum und nur im Christentum. Also, schlossen wir, ist das Christentum allein Offenbarung Gottes. Daß diese Zeichen sich vorfinden das lehrt der einfachste Blick. Das erste Gesetz des Christentums ist Unterwerfung unter die höchste Autorität, der Glaube. Wer selig werden will, muß glauben. Das zweite Gesetz ist das Wort Jesu Christi: „Wenn Jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst.“

So spricht kein Mensch. Wiederum, daß der ganze Mensch unterstützt und gehoben wird, bezeugte uns eine einfache Betrachtung des Individuums, der Familie, der Gesellschaft. Wo ist ein Leid, das im Christentum nicht seine Linderung fände, wo eine Hoffnung, die uns nicht geboten wäre? Wenn die Welt, sagten wir, ganz christlich wäre, sie würde wie ein Paradies werden. Das Christentum mit seinem Licht dringt ein in alle Verhältnisse des Lebens, und bezieht alle aus Gott und zieht über alle den Segen und das Licht und die Klarheit Gottes herab. Das gibt ein Jeder zu, auch der Ungläubige. Und darum sind Manche, welche Feinde der menschlichen Ordnung und mithin des menschlichen Geschlechtes sind, vor allem Feinde des Christentums. Darum hat auch jener Mensch, der in seiner Verrücktheit so weit ging, zu behaupten, daß er mehr sei, wie Christus, jener Mensch, dem man jetzt noch glaubt (obschon man seinen Namen nur mit Verachtung aussprechen sollte) – Voltaire, jener Mensch hat zuerst gesagt: Ecrasez l’infame. Endlich ist das Christentum in lebensvoller Verbindung mit den Anfängen des Menschengeschlechtes. Dort schon war Jesus Christus der Erlöser verheißen und der neue-Bund ist weiter nichts, als die Erfüllung dieser großen, trostvollen Verheißung des Heilands der Welt. Ebenso hat das Christentum die Verheißung, daß es bis ans Ende fortdauern werde; und wir sehen auch, wie es trotz aller Stürme, trotz aller Kämpfe und Leiden, trotz aller Verfolgungen bis auf diese Stunde besteht, und durch die Leiden und Verfolgungen nur immer geläuterter und verklärter wird.

Wenn also Jemand, und das war der letzte Schluß, rechtschaffen sein will, so muß er, sobald ihm Gelegenheit dazu geboten wird, sich dem Christentum fügen, sonst gibt er nicht Gott, was Gottes ist, sonst versagt er der höchsten Wohltat Gottes seine Anerkennung, und der Stimme Gottes das willige Gehör. Damit allein schon wäre das Schlagwort, mit dem wir uns jetzt befassen, widerlegt Denn bekanntlich lehrt das Christentum nicht nur, daß es einen Gott gibt, es lehrt viel mehr. Also sagen wollen: Wir glauben alle an einen Gott, es sagen wollen in der Absicht, um damit zu sagen, daß dieser Satz zur Religion genüge, das heißt dem Christentum den Anspruch nehmen, daß es die einzige Offenbarung des Herrn und die wahre Religion sei, ein Anspruch, der bereits als durchaus berechtigt erwiesen ist. –
aus: Theodor Schmude SJ, Conferenzen über den religiösen Indifferentismus, 1863, S. 37 – S. 39

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