Unbefleckte Empfängnis scheidet die Geister

Die Verkündigung des Dogmas Unbefleckte Empfängnis durch Pius IX.; er steht, vom Heiligen Geist erleuchtet, in der Runde der Kardinäle und anderer Geistlicher, die Hand ausgebreitet, in der linken Hand ein Buch; die vor ihm befindlichen Geistlichen knien

Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis scheidet die Geister

Die großartige Entwicklung, welche das Dogma der Unbefleckten Empfängnis im Laufe der Jahrhunderte durchgemacht hat – wir nennen sie die große Immakulata-Bewegung – ist im Grunde betrachtet, nichts anderes als ein stetiges Fortschreiten von Erfolg zu Erfolg, von Sieg zu Sieg, sie erreicht ihren Höhepunkt in einem glorreichen Triumph der unbefleckten Gottesmutter, in der feierlichen Anerkennung und unwiderruflichen Bestätigung ihres Ehrenvorzuges, in der Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariä durch die höchste kirchliche Lehrgewalt, den Papst.

Diese unvergleichliche Ehrung der unbefleckten Gottesmutter trägt in ihrem innersten Wesen ganz und gar den Charakter eines Sieges über die Feinde Christi und seiner Kirche; das zeigt schon die ganze vorher gehende Entwicklung des Dogmas, die nicht ohne gewaltige Kämpfe mit feindlichen Mächten aller Art vor sich ging, besonders als es zur letzten feierlichen Entscheidung kam; es war ein langes Ringen zwischen Wahrheit und Irrtum und dieser Kampf hat mit dem vollen Sieg der Wahrheit geendet. Ja, mit dem Sieg der Wahrheit, aber nicht ohne das Nachspiel neuer Wutausbrüche des tödlich getroffenen Feindes, der alten Schlange und ihres Anhanges. Was war das für ein Stürmen und Toben der Feinde, als die Kunde von der dogmatischen Entscheidung der Unbefleckten Empfängnis in alle Welt hinaus drang! Da konnte man wahrhaftig gleichsam mit Augen die Erfüllung der uralten Verheißung sehen: „Sie wird dir (der Schlange) den Kopf zertreten; und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“ (1. Mos. 3,15)

Der Kampf zwischen Kirche und Kirchenfeinden

Seit dem 8. Dezember 1854 wütet die Hölle und noch ist kein Ende; immer ärger tobt der Sturm.

Und so tritt gerade mit dem Triumph der unbefleckten Gottesmutter das ein, was wir als das zweite charakteristische Merkmal dieses Zeitalters der Unbefleckten Empfängnis betrachten müssen, ich meine den Kampfcharakter dieser Zeit; und zwar ist es ein Kampf, der zur Entscheidung, zu einer wahren Scheidung der Geister drängt, nicht mehr zwischen Kirche und Kirchen, zwischen wahren Glauben und Irrglauben, sondern schlechthin zwischen Glauben und Unglauben, zwischen der Kirche Christi und der Loge, dem modernen Heidentum.

In diesem Kampf hat die päpstliche Lehrentscheidung der Unbefleckten Empfängnis Anstoß und Losung gegeben. Bezeichnend dafür ist die Tatsache, daß die modernste der Häresien, der Altkatholizismus, eine ganz ausgesprochene Feindseligkeit gegen dieses Dogma an den Tag legte, so daß seine Anhänger schon gleich auf ihrem ersten Kongress in München im Jahre 1871 nichts Eiligeres zu tun hatten, als das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis der seligsten Jungfrau feierlich und offiziell zu verwerfen; auf dem bekannten Unionskongress zu Bonn im Jahre 1874 gaben die versammelten Häretiker und Schismatiker folgende, von Döllinger formulierte Erklärung ab: „Wir verwerfen die neue römische Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria als in Widerspruch stehend mit der Tradition der ersten dreizehn Jahrhunderte, nach welcher Christus allein ohne Sünde empfangen ist.“ In der Verkündigung dieses Dogmas haßten die Altkatholiken nach ihrem eigenen Geständnis den Vorläufer der päpstlichen Unfehlbarkeit, die den unmittelbaren Anlass zu ihrem Abfall von der katholischen Kirche gab; jene galt ihnen als der wahre „Fons et origo malorum (als erster Anfang des Unheils)“.

Häresie und Revolution gegen das Dogma der Unbefleckten Empfängnis

Zugleich mit der Häresie erhob auch die Revolution drohend ihr Schlangenhaupt gegen die Kirche. Schon ein Jahr nach den wunderbaren Erscheinungen von Lourdes, die dem Dogma der Unbefleckten Empfängnis gleichsam ein himmlisches Siegel aufgedrückt, während sich die Augen der ganzen katholischen Welt staunend den Ereignissen von Lourdes zuwandten: da entbrannte auch von dieser Seite der Kampf gegen die Kirche, seine Spitze ist gegen das sichtbare Oberhaupt derselben gerichtet, gerade gegen jenen Papst, dem die Feinde des Reiches Gottes es nie verzeihen konnten, daß er durch seinen Ausspruch den vollen Sieg der unbefleckten Gottesmutter besiegelt hatte. Und zwar beginnt diesen Kampf jener Staat, der seit der großen Revolution die eigentliche Schutzmacht aller gegen die Kirche und das Papsttum gerichteten Umsturz-Bestrebungen, die eigentliche Vormacht der modernen Revolution wie des modernen Unglaubens bildet, das der liberalen Weltanschauung huldigende Frankreich. Im Bund mit dem von den geheimen Gesellschaften arg durchwühlten Italien hat es zuerst den ungerechten Krieg gegen Österreich herauf beschworen, weil man nur durch Niederwerfung dieser noch einzig übrigen katholischen Großmacht die weltliche Herrschaft des Papstes, das Papsttum selbst tödlich zu treffen hoffte. Das Kriegsjahr 1866 bildet in dieser Beziehung nur die Fortsetzung des Jahres 1859. Die reife Frucht dieser Revolutionskriege war die Beraubung des Kirchenstaates, dann die völlige Annexion desselben, die Gefangenschaft des Marianischen Papstes Pius IX. im Vatikan, die als trauriges Erbe auf seine Nachfolger überging…

… der Zug der ganzen feindlichen Bewegung geht dahin, und in den Kreisen der geheim verbündeten Führer dieser Bewegung glaubt man sich auch dem Ziel nicht allzu fern, mit Ungeduld erwarten sie nach ihren letzten großen Erfolgen den krönenden Abschluss in einem letzten notwendigen Schlag gegen die Kirche, in einer allgemeinen, blutigen Endkatastrophe, nach der es weder Kreuz noch Krone mehr geben soll.

Die Ära der Unbefleckten Empfängnis

Nun, die Kirche wird nicht untergehen und sie wird auch noch die Leichen ihrer heutigen Bedränger schauen, wie sie die aller früheren Verfolger geschaut. Aber das ist gewiß und durch die Ereignisse der Gegenwart außer Zweifel gestellt: Kampf heißt die Losung der Zeit, in der wir leben; niemand kann sich diesem Kampf entziehen. Darin liegt das die Geister scheidende Element dieser Ära der Unbefleckten Empfängnis. Wohl, es ist wahr, Kampf und Widerspruch gehören nicht zum Wesen des Göttlichen, Himmlischen, haben nichts gemein mit Gottes Liebe und Gnade, also auch nichts gemein mit der Mutter der schönen Liebe und Gnade. Nein, Kampf und Widerspruch sind vom Fürsten der Finsternis ausgegangen, durch seine Empörung gegen Gott, und sind vom Satan in die Menschheit hinein getragen worden, im Sündenfall der ersten Menschen. Die böse Saat ist empor geschossen und bald ist die Menschheit in zwei Lager geteilt, in die Partei der Freunde und in die der Feinde Gottes, die Kinder des Lichtes und und die Kinder der Finsternis, wie sie der göttliche Heiland nennt. Den Guten ist der Kampf aufgezwungen, er wird von ihnen nicht gesucht.

Auch Maria, die unbefleckte Jungfrau, obwohl die lautere Gnade, Liebe und Erbarmung, hat deshalb Anteil, und zwar hervorragenden Anteil an diesem Kampf; gerade im Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis erscheint sie als die Jungfrau, die der Schlange den Kopf zertritt, die nie von seiner Macht besiegt worden ist. Als die Schlangentöterin ist Maria die hehre Siegerin im Kampf gegen den Satan vom ersten Augenblick ihres Lebens an. Kein Wunder deshalb, daß gerade in der Zeit, wo das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis durch die unfehlbare Erklärung der Kirche seinen erhabensten Triumph feiert, auch die alte Schlange am wütendsten ihrer Ferse nachstellt und gegen die Kirche, wo sie als die Makellose so hoch gefeiert wird, den furchtbarsten Kampf entfacht, einen Kampf, der dem Zeitalter sein Gepräge aufdrückt. Es ist das Zeitalter des Entscheidungs-Kampfes, wo nach langer, träger Neutralität und Unentschiedenheit so vieler Namens-Katholiken endlich die Scheidung der Geister vor sich geht, während bis dahin eine unselige Halbheit, Verschwommenheit und Unentschiedenheit die Geister im Bann gehalten hat. Und merkwürdig, gerade die Andacht zu Maria, zur unbefleckten Gottesmutter ist es, die sich hier als besonders wirksames Scheidemittel erweist…

Die Andacht zu Maria ist ein wirksames Scheidemittel

Eine solche Bewandtnis hat es mit diesem Zeitalter der Unbefleckten Empfängnis; es ist, wie wir gesehen, in Wahrheit eine Zeit des Kampfes, der Scheidung der Geister. Und in diesem Kampf feiert Maria im Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis ihre glorreichsten Siege; glorreich vor allem auch dadurch, daß sie so viele, die ehemals ihre Feinde waren, durch die Wunder ihrer Macht und Güte in Freunde umgewandelt und zu begeisterten Kämpfern für das Reich Gottes gemacht hat; glorreich auch deshalb für uns alle, weil sie in diesem erhabenen Geheimnis uns lehrt, mit welchen Waffen auch wir die Feinde des Heiles zu bekämpfen haben – es sind, wie auch der Heilige Vater Pius X. in seinem Rundschreiben andeutete – vor allem die Waffen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe; die Waffe des Glaubens gegen den Unglauben und die religiöse Gleichgültigkeit, die Waffe der christlichen Hoffnung und Sehnsucht nach den ewigen Gütern gegenüber dem Erdensinn, der Selbstmords-Verzweiflung und der sündhaften Genusssucht der Welt; endlich die Waffe reinster Gottes- und Nächstenliebe im Kampf gegen die Herzlosigkeit und Selbstsucht, gegen Haß und Empörung wider göttliche und menschliche Autorität, gegen den abgrundtiefen Stolz der Welt, die heute im Bund mit den Mächten der Finsternis den Krieg gegen Gott, gegen die Kirche und gegen Maria auf ihre Fahne geschrieben hat… –
aus: Alois Jos. Schweykart SJ, Die Verehrung der Unbefleckten Empfängnis Mariä in der Geschichte der Kirche, 1905, S. 212 – S. 215; S. 220

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