Menschenfeinde und Herzenshärte

In der Mitte steht der halb entblößte und schwer misshandelte Jesus, mit Dornenkrone und einem Rohr in der Hand, die Hände gebunden, von einem Schergen am Seil geführt, links steht Pilatus und zeigt auf den Herrn, im Hintergrund sieht man römische Soldaten

Menschenfeindlichkeit gegen Menschenliebe

„Ecce homo!“ (Joh. 19,5)

Es gibt eine Anzahl von Charakteren, die nicht bloß gegen einzelne Menschen oder einzelne Klassen, Rassen und Richtungen hasserfüllt oder gleichgültig sind, sondern überhaupt gegen alles, was Namen und Antlitz eines Menschen trägt, und Chamfort meint, nur „Charakterschwäche und innere Leerheit, mit einem Wort alles, was uns hindert, mit uns allein zu leben, sei der Grund, daß immerhin noch weniger Menschen menschenfeindlich seien, als in Wirklichkeit es sein möchten“. Aber andererseits tun viele, die sich als Menschenfeinde gebärden, dies nur aus Hochmut und Eitelkeit, weil sie als eitle Gecken meinen, sich dadurch andern gegenüber den Schein geistiger Überlegenheit geben zu können; so posieren den Menschenfeind. Andere geben sich als Menschenfeinde nur aus Heuchelei, um so ihre Selbstsucht, ihren Geiz, ihre Herzenshärte und Herzensträgheit unter dem Mantel des Philosophen verbergen zu können; sie löschen die Lichter aus im Haus der Menschheit, damit man die Flecken an ihrem Charakter nicht sehe. Wohl nur eine Minderzahl unter den Menschenfeinden hat sich vom Menschen abgewandt aus reiner Verachtung und Bitterkeit, indem sie voll Ekel ausrufen: Ecce homo! Sieh, so armselig ist der Mensch!

Es ist an sich nicht unverständlich, wie sie zu solchen Gesinnungen und Gefühlen kommen konnten. Ein genauer Blick ins Menschenleben und Menschenwesen ist etwas Erschütterndes. Das liebe Ich all dieser Menschen auf Erden, was ist es?

Viele sind entstellt und von hässlichem Angesicht, von armseligem Wuchs, alle mitsammen nur ein Häuflein Staub, klein und von den Winden bald wieder auseinander geweht oder von den Würmern bald wieder auseinander getragen. Der Mensch, heißt es bekanntlich irgendwo in drastischen Worten, der Mensch entsteht aus Morast und watet eine Weile im Morast und geht wieder zusammen in Morast. Morast, das ist des Menschen Leib ganz ebenso die der Körper des Tieres, dem er ja überhaupt in so vielen Stücken gleicht: der Geist aber, den der Mensch vor dem Tier voraus hat, dient er dazu, den Menschen über das Tier zu erheben?

Der alte Menschenkenner Mephisto deklamiert bekanntlich vor dem Schöpfer: „Ein wenig besser würd` er leben, hätt`st du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; er nennt`s Vernunft und braucht`s allein, um tierischer als jedes Tier zu sein.“ In der Tat, wie viel bewusste Bosheit, wie viel bewusste Undankbarkeit, Charakterlosigkeit, wie viel bewusste Lüge und Ungerechtigkeit lässt sich der Mensch zuschulden kommen, alles Dinge, wovon das Tier nichts weiß! Und je mehr Menschen beisammen sind, um so schlimmer! Wo gibt es unter Tieren so sinnloses Völkermorden, so schauerliche Narrheiten, wie wir sie in der Welt der Menschen gerade in unseren Tagen beobachten konnten. Man begreift da fast selber jene Inschrift, die auf einem Grabmal des Pariser Tierfriedhofs zu lesen ist: „Je mehr man die Menschen kennt, desto mehr liebt man die Tiere!“ Ja, man liebt vielleicht die Tiere und liebt die Menschen nicht mehr. Aus Menschenverachtung und Menschenekel wird Menschenscheu und Menschenflucht.

Tausende von edlen Menschen, Männern und Frauen, die an sich ein weites, gütiges Herz besäßen und erfüllt sind von guten Gedanken und edlen Weltbeglückungs-Plänen, Tausende solcher ziehen sich von den Menschen zurück, geben ihr Wohltun und ihre Bemühungen auf und überlassen die Welt ihrem leiblichen und geistigen Elend. Warum sollten sie sich plagen für die Welt, wenn doch nur Undank der Welt Lohn ist? Warum sich plagen, wenn man den Wohltäter doch nur bald vergisst oder ihn gar verkennt, verlacht, verleumdet, verfolgt? Und auch abgesehen von allem Persönlichen: warum sollte man der Welt helfen wollen, wenn sie sich doch nicht helfen lässt? Warum den Menschen raten, wenn sie sich doch nicht raten lassen? Warum die Menschen erziehen, warum ihnen predigen, warum sie zu Großen und Edlem begeistern wollen, wenn sie im Großen und Ganzen doch für immer und allezeit drunten bleiben in der dumpfen Tiefe ihrer Genusssucht und Schlechtigkeit?

Geh nach Hause, du edler Menschenfreund, ziehe da Blumen groß: sie werden der Sonne entgegenblühen; behaue einen Acker; er wird gedeihen und dir eine Ernte bringen; pflege und liebkose deine Tiere: sie werden dir nützlich sein und dich erfreuen; aber lass die Menschen gehen: für sie – rühr keinen Finger mehr für sie!

Doch die Menschenfeindschaft kann noch eine weitere Steigerung erfahren: sie kann aus der Menschenscheu zu einem wahren und bitteren Menschenhass werden, der die Menschheit lästert, sie ins Verderben treibt und sich an ihren Qualen weidet. Es ist kein Zweifel: es gibt solche Menschenfeinde. Nicht nur der homo iniquus, der dämonische Widersacher Gottes, der „böse Feind“, wie das Volk ihn nennt, ist ein solcher Menschheitshasser und Menschenquäler, sondern auch unter denen, die selber das Antlitz eines Menschen tragen, gibt es solche Unmenschen, die, von seinem Geist erfüllt, daran ihre Freude haben, die Menschheit zu quälen und zu verderben. Bekannt ist jener römische Weltherrscher, der sich äußerte, er wünschte, daß die ganze Menschheit nur ein einziges Haupt besäße, damit er es ihr vom Henker könnte abschlagen lassen. Oder denken wir an so manche Blutmenschen der französischen Revolution, einen Marat oder Robespierre! Vor allem aber auch in unseren Tagen: haben wir nicht den Eindruck, daß unter denen, die die Völker nicht zur Ruhe kommen lassen, sondern immer wieder in Elend, Hunger und Blutschuld hineinhetzen, nicht nur solche sind, die es aus Selbstsucht, Gewinnsucht und Eitelkeit tun, sondern auch solche, die erfüllt und getrieben sind von einer dämonischen Bosheit und Schadenfreude, von der furchtbaren, teuflischen Menschenfeindschaft?

Vor dieser letzten und ärgsten Art der Menschenfeindschaft schrecken wir wie ganz von selber als vor einer Ungeheuerlichkeit zurück; hier brauchen wir keine Gründe und Beweise für die Unchristlichkeit solcher Gefühle. Aber auch jede andere Art, überhaupt jede Menschenfeindlichkeit ist etwas Unchristliches. Denn sie ist ein Mangel an Demut. Man schließt sich ab von dem Pöbel, der sich Menschheit nennt, man verachtete sie wegen ihrer Gebrechen und Verbrechen – aber gehört man denn nicht auch selber zu diesem „Pöbel“? Trägt man nicht selber auch solche Gebrechen und Schwächen herum an Leib und Seele? Auch dein Leib ist nur ein armselig Häuflein Staub und wird einmal sein eine Speise der Würmer! Auch deine Seele ist voll von Egoismus, von Sinnlichkeit, von Trägheit! Blättere nur einmal in der Geschichte deines Lebens hin und her, und du wirst nicht viel Schöneres und Größeres finden, als eben auch in den Büchern der Welt- und Menschheits-Geschichte steht! Glaube nicht, du seiest ein Engel, der genötigt ist, durch schmutzige Gassen zu gehen; nein, du bist es nicht! Es gab manchmal einen solchen Engel, besonders einen Menschen, der mitten in dieser Welt der Sünde selber ganz frei war von jeder Schuld und Fehl; aber siehe, gerade bei ihm finden wir so gar nichts von Menschenekel und Menschenverachtung; wir, die wir unendlich weniger sind als Christus, wir haben dann um so weniger ein Recht dazu.

Menschenfeindlichkeit ist ein Mangel an Demut und sie ist auch ein Mangel an Gerechtigkeit. Man muss gerecht sein, und wie man auf eine Waagschale alles Erbärmliche legt, soll man auf die andere alles Herrliche tun, das man am Menschenwesen und in der Menschengeschichte finden kann. Der Menschen Leib ist, selbst wenn er verstümmelt und entstellt ist, doch immer noch des herrlichsten Kunstwerkes Torso. Und dieser kleine Mensch, den ein kleiner Fels zermalmt und den ein Stier auf der Wiese wie ein Spielball schleudert, er kann, wie einmal jemand gesagt hat, doch Werkzeuge ersinnen und anwenden, vor denen ein Granitberg in Staub zerfällt, er knetet glühendes Eisen wie weichen Teig, Meere sind seine geebneten Heerstraßen, und Wind und Feuer dienen ihm wie ein paar zahme Zugpferde. Der menschliche Geist ringt mit der Materie, überwindet, durchdringt sie und steigt denkend hoch über sie empor. Immer kommt einem bei solchen Betrachtungen jener anbetende Ausruf des großen Kepler wieder in den Sinn: „Vater, was bewegte dich, ein armes, kleines, schwächliches Erdengeschöpf also zu erheben, so hoch, daß es im Glanze dasteht wie ein weithin herrschender König, fast wie ein Gott; denn es denkt deine Gedanken dir nach!“ Ein anderer gewaltiger Geist aber sagt: Ein einziger Gedanke des Menschengeistes steht höher und hat mehr Wert und Bedeutung als das gesamte unbewusste Universum“.

Freilich, aus allen Himmeln des Glaubens an die Menschheit wird man wieder gerissen, wenn man an die sittliche Verfassung der Menschen denkt. Aber es ist nun auch hier nicht alles Erbärmlichkeit und Sünde; es gibt auch gute Taten in der großen Weltgeschichte und im kleinen Alltag; es gibt auch gute, edle Menschen in der Welt; und wenn man Adam den Gefallenen, Sündigen vorführt mit dem Hinweis: „Ecce homo!“, dann kann man ihm den zweiten Adam entgegenstellen, den Heiligen, Sündelosen. Herrlichen: Ecce homo! Siehe, auch das ist ein Mensch! Wenn man auf der einen Seite einen Schurken, wie Herostratos, einen Wüstling wie Caligula, einen Blutmenschen wie Nero oder Herodes nennt, dann können und müssen auf der anderen Seite auch so edle heilige Namen genannt werden, wie Johannes oder Agnes, Franziskus und Theresia: Ecce homo! Siehe, auch das sind Menschen! Die echten und rechten Menschen! Und wie viel andere edle, brave Seelen gibt es nicht, schlichte Leute, Handwerker oder Bauern, Dienstmädchen oder Lehrerinnen, deren Namen niemand kennt, deren Anblick aber genügt, um uns an die Menschen wieder glauben zu lassen!

Übrigens, auch wenn alle und alle große Sünder wären, auch dann wäre Menschenfeindlichkeit etwas Unchristliches; denn sie wäre für jeden Fall Mangel an Frömmigkeit. Wer die Menschen verachtet, der kann Gott nicht begreifen, der muss eigentlich Gott verachten. Denn diese Menschen, so verelendet sie jetzt auch sind, sie sind doch alle geschaffen von Gott nach seinem Bild und Gleichnis. Die Menschheit ist das einzige Ebenbild Gottes auf Erden; mag es auch bedeckt sein mit Schmutz und Unrat, mag es auch beschädigt und entstellt sein, es ist doch immer noch Gottes Bild, und wer es lästert und mit Füßen tritt, der lästert Gott, den Vater. Und dann, muss ein solcher nicht auch Gottes Sohn als Toren hinstellen? Gott-Sohn ist herabgestiegen in den Staub der Erde, ist hinaufgestiegen auf das Kreuz, nicht etwa für Cherubim und Seraphim, sondern für uns Menschen und zwar wiederum nicht für einige wenige Ausnahme-Menschen, für Maria und Johannes, sondern auch für den Schächer und die Henker, für die Juden und Heiden, für Nero und Diokletian, kurz für alle. „Das ist mein Blut“, so sprach er beim Abendmahl, „das für euch für die vielen vergossen wird“. Und endlich, der Heilige Geist gießt unablässig seine Gnade aus über diese Menschen, sucht sie mit den Strahlen seines Lichtes, wirbt um sie mit der Gewalt seiner Gnade, geht dem Verbrecher nach auf seinen Wegen, klopft auch bei dem Lebemann und Schlemmer an, mahnt den Gesinnungslosen, den Lügner, sucht den Geizhals auf in seinen Winkeln; wahrhaftig, wenn Gott sich so in den Staub herabbeugt zu uns Erdenwürmern, dann dürfen auch wir Menschen uns nicht abwenden von unserem eigenen Geschlecht.

Gewiss hat es seinen Sinn, wenn uns Gott manchmal das Elend der Menschen, ihre Kleinheit und Erbärmlichkeit so recht erleben, wenn uns Gott gleichsam einmal mit seinen Augen in die Menschheit hineinsehen lässt. Er will uns da abschrecken von jener modernen Menschen-Vergötterung, die geradezu eine Gotteslästerung ist. Wenn etwa eine bekannte Frau einmal schreibt, eine moderne Mutter müsse ihrem Kind auf die Parzivalfrage: „Mutter, was ist Gott?“ die Antwort geben: „Kind, das bist du!“ – fürwahr, dann ist es notwendig, daß Gott uns so recht die menschliche Erbärmlichkeit zeigt und sagt: „Nicht ein Gott, sondern ein Tier, ein kläglicher Narr bist du!“ Aber wenn wir dann bekehrt sind von solchem Wahn, dann will Gott noch etwas von uns. Er will gerade durch solche Erlebnisse bewirken, daß wir selbst, statt von den Menschen uns abzuwenden, uns erst recht ihnen zuwenden: aus dem Menschheitsekel soll eines von jenen Gefühlen werden, die so gewaltig im Herzen Gottes brennen, das Verlangen zu helfen, zu heilen, zu bekehren, eine flammende Sehnsucht zum Apostolat an der Menschheit, eine heilige, unauslöschliche Erlöser-Sehnsucht. –
aus: Bonifaz Wöhrmüller OSB, Das königliche Gebot, 1936, S. 237 – S. 243

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