Die Religion der Liebe

Die Religion der Liebe ist das Christentum

Wer an den Gestaden und Inseln des Lebens entlang zu fahren gedenkt, um überall die Goldfracht der Liebe noch zu bereichern und so zuletzt in die Ewigkeit mit schwerer, kostbarer Last hinein zu segeln, der muss einen Führer und Steuermann an Bord seines Schiffes haben: den religiösen Glauben. Ohne ihn ist man meist bald wieder heimgekehrt in den Hafen behäbiger Selbstsucht.

Der religiöse Glaube ist es, was uns den Mut und die Beharrlichkeit eines Kolumbus verleiht. Er heißt das Schifflein der Herzensgüte soweit hinaus ziehen, als es nur irgend noch Menschen gibt; er feuert uns an, tapfer zu sein und opferbereit. “Ihre Religion“, sagt Millet von seiner Großmutter, einem echten Kind der gläubigen Bretagne, „war herrlich; sie gab ihr die Kraft, edel und selbstlos zu lieben. Diese fromme Frau war stets bereit, andern zu helfen, ihre Fehler zu entschuldigen, sie zu bemitleiden und sie zu stützen.“ „Seht, wie sie einander lieben!“, riefen einst die Heiden auf die Christen deutend aus, und selbst in moderner Zeit vernimmt man in der „Ethischen Kultur“ (1910, Nr. 23) eine ähnliche Frage: ob Nichtfromme auch nur annähernd sich zu ähnlicher Selbstlosigkeit begeistern können wie die Christen.

Die Stimme des eigenen Herzens

Es gibt nun wohl Leute, die uns glauben machen wollen, daß es dazu nicht der Stimme der Religion bedürfe: die Stimme des eigenen Herzens tue bei einem guten Menschen den nämlichen Dienst; sie treibe uns ganz ebenso an, hier zu helfen, dort zu trösten, hier zu geben, dort zu vergeben, kurz: edel, hilfreich und gut zu sein. Allein, auch wenn man annehmen will, daß diese Stimme wirklich die Stimme des eigenen Herzens ist und nicht doch nur ein letzter Nachhall des Christentums, der auch in einem ungläubigen Volk und in einem ungläubigen Menschen noch lange nicht zu verklingen pflegt, auch dann ist die Überflüssigkeit des Christentums noch lange nicht erwiesen. Denn die Stimme eines edlen Gemütes wird oft genug überschrien von einer andern Stimme, vom Lärm der Selbstsucht, die wie ein unvertreibbarer Schatten jedem Menschenkind überallhin folgt. Auf einmal hört man die Stimme des guten Herzens nicht mehr, sondern nur die Stimme der Verdrießlichkeit, der Opferscheu, der Müdigkeit, der Begehrlichkeit, der Geldgier, der Rachgier, der Ehrgier; und diesen Stimmen, die bald süß wie Sirenen locken, bald gewalttätig wie Kommandoton sind, erliegen so viele „herzensgute“ Menschen und sie schlagen andere Wege ein.

Die Stimme der Vernunft

Aber, so sagt man, außer der Stimme eines liebevollen Instinktes gibt es doch auch noch die Stimme der Vernunft, die uns den rechten Weg, den Weltenweg der Liebe weist. Und gerade in unserer Zeit hat man so unbeschränktes Vertrauen auf diese Stimme des Verstandes, des wissenschaftlich aufgeklärten Denkens. Der Geist des modernen Menschen hat aus den Ergebnissen der Soziologie und Biologie gelernt, daß ein altruistisches Fühlen und Handeln auch ohne Religion, einfach als natürliche Notwendigkeit sich begründen lässt. Auch eine Stimme wie die des Monisten W. Ostwald kann eine „Sonntagspredigt“ halten über das Thema: Liebet euch einander! Ja, predigen kann sie dem Menschenherzen wohl, diese kühle Sprache des Verstandes, der Wissenschaft, der Bücher – aber packen, aus einem Bann der Leidenschaften befreien und in ihren Bann es zwingen – das kann sie nicht. Denn die Stimme der Vernunft wird bald von der Stimme der Leidenschaft zum Schweigen gebracht durch eine einzige Frage – eine sehr vernünftige Frage: Warum? Warum soll mein Wohlergehen dem eines andern nachstehen oder gleichstehen? Warum soll ich den Nächsten lieben wie mich selbst? Höhnend spricht die Leidenschaft: „Vor Gott sind wir alle gleich. Vor Gott! Nun aber starb dieser Gott. Vor dem Pöbel aber wollen wir nicht gleich sein.“ (Nietzsche) Und wenn dann die gelehrte, kühle Stimme eines Ostwald in ihrem trockenen Ton sagt: „Nein, nicht dem einzelnen, wohl aber dem Ganzen sollst du dich unterordnen! Liebe deinen Nächsten gemäß seinem sozialen Wert! Liebe dein Volk und die Menschheit mehr als dich selbst“, oder wenn ein A. Comte in wärmerem, feurigerem Ton für das göttliche Wesen der Menschheit Anbetung und Opfer fordert, dann erwidert die Stimme der Selbstsucht ebenso dringlich und pathetisch: Warum soll das Ich sich der Menschheit unterordnen?

Die Stimme des Instinkts

Wenn die Menschheit eine Gottheit ist, dann ist auch das Ich ein großer Gott! Und wer immer logisch denkt, wird gestehen müssen, daß die Stimme des Instinkts hier die Stimme der Vernunft ist. Und so muss es denn gerade Nietzsche, der treue Anwalt der Instinkte, sein, der als besten und einzigen Steuermann und Fahrtbegleiter für unser nach dem Gold der Liebe aussegelndes Schiff nur den religiösen Glauben gelten lässt: „Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über ihrem Mitleiden ist!“ „Den Menschen zu lieben um Gottes willen, das war bis jetzt das vornehmste Gefühl, das unter Menschen ohne irgend eine heiligende Hinterabsicht eine Dummheit und Tierheit mehr ist, daß der Hang zu dieser Menschenliebe erst von einem höheren Hang sein Maß, seine Feinheit, sein Körnchen Salz und Stäubchen Ambra zu bekommen hat, – welcher Mensch es auch war, der dies zuerst empfunden und erlebt, wie sehr seine Zunge gestolpert haben mag, als er versuchte, solch eine Zartheit auszudrücken, er bleibe uns für alle Zeiten heilig!“

Die Religion der Liebe behalten

Christus, den Glauben des Christentums, die Religion der Liebe wollen und müssen wir an Bord unseres Lebensschiffleins haben und behalten. Mag dann die Leidenschaft noch so oft und noch so laut uns rufen: Halt an! Kehr um! Christus wird mit machtvoller Stimme der willenschwachen Seele zurufen: Ich aber sage dir: Vorwärts! Um Gottes willen voran!
„So wendet denn allen Eifer an und betätigt … in der Gottseligkeit die Bruderliebe, in der Bruderliebe die Menschenliebe!“ (2. Petr. 1, 5-7) –
aus: Bonifaz Wöhrmüller OSB, Das königliche Gebot, 1936, S. 292 – S. 295

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