Verhältnis der Tradition zum Lehramt

Verhältnis der Tradition zum Lehramt. Irrige Meinungen (§. 83)
aus der Dogmatik von J.B. Heinrich

I. … Entsteht aber ein Zweifel, was überlieferte Lehre und deren echter Sinn sei, so haben wir in dem von Christus eingesetzten Lehramte auch den Richter, der diese Frage unter dem Beistand Gottes mit Unfehlbarkeit definitiv entscheidet und dessen Entscheidung alle, wie gelehrt oder wie zahlreich sie auch sein mögen, als dem Ausspruch des heiligen Geistes sich gläubig zu unterwerfen haben. Von diesem kirchlichen Lehramte und seinen definitiven und unfehlbaren Entscheidungen haben wir nun im folgenden Kapitel zu handeln. Zuvor aber wollen wir noch die in dem Bisherigen nur gelegentlich angedeuteten irrigen Auffassungen kurz zusammenstellen, durch welche zur größten Gefährdung des Glaubens die katholische Traditionslehre namentlich in der neueren und neuesten Zeit wesentlich verfälscht worden ist.

II. Die tiefste und folgenschwerste Irrlehre liegt in dieser Beziehung darin, wenn man, wie die Jansenisten und in noch größerem Umfange die neuesten Häretiker (Anm.: es sind die Altkatholiken gemeint) taten, zwar die Tradition und sie ganz vorzugsweise als Quelle des Glaubens anerkennt, aber das kirchliche Lehramt als den unfehlbaren Träger und Interpreten dieser Tradition praktisch und auch theoretisch leugnet, indem man sich selbst oder „der Wissenschaft“ das Recht zuschreibt, dasjenige, was man durch eigene Forschung in der Tradition gefunden zu haben meint, unbekümmert um die Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes festzuhalten. (*)

Es ist dieses, wie sofort einleuchtet, die Übertragung des protestantischen Prinzips der freien Forschung von der heiligen Schrift auf die Tradition. Man erkennt dann zwar an, daß die heilige Schrift einer Beglaubigung, Erklärung und Ergänzung durch die Tradition bedürfe; aber was echte Tradition und was ihr Sinn sei, das zu entscheiden, behält man sich selbst in letzter Instanz vor.

Es liegt auf der Hand, daß dadurch die kirchliche Autorität, die Objektivität der Glaubensregel, die Glaubenseinheit und das Wesen des Glaubens selbst gänzlich zerstört und das eigene Ermessen an die Stelle der göttlichen Autorität gesetzt wird.

Aber ist nicht doch, wenn man wenigstens neben der heiligen Schrift die Tradition als Regulativ der individuellen Schriftauslegung anerkennt, eine gewisse Garantie für die Wahrheit und Einheit der Lehre gegeben, wie sie im Protestantismus nicht vorhanden ist? Die Sache hat zwei Seiten. Gewiss sind die Zeugnisse der Tradition so zahlreich und klar, daß dadurch der wahre Sinn der heiligen Schrift und die gesamte katholische Lehre für jeden, der redlich nach der Wahrheit forscht, mit großer Sicherheit und Klarheit festgestellt wird. In dieser Beziehung sagen die Väter und in specie Vincenz von Lerin, daß ein jeder die wahre Lehre aus der Überlieferung der Kirche, wie sie in den Vätern bezeugt ist, entnehmen könne. Dadurch erklären sie aber den Einzelnen nicht für unabhängig vom kirchlichen Lehramte, sondern setzten überall voraus, daß der Einzelne nicht nur in Gemeinschaft mit der Kirche stehe, sondern auch bezüglich der Auslegung der Tradition sich jederzeit der Entscheidung des gegenwärtigen und lebendigen Lehramtes der Kirche unterwerfe, wie sie dieses überall, wo Gelegenheit dazu war, aufs nachdrücklichste hervorheben und fordern. (**) Wenn man dagegen, um seine eigenen Meinungen im Widerspruch mit den Entscheidungen des kirchlichen Lehramtes festzuhalten, sich anmaßt, die Geltung und den Sinn der Überlieferung nach eigenem Ermessen auszulegen, so bietet offenbar eine solche Behandlung der Überlieferung der Willkür, dem Irrtum und der Sophistik selbst einen noch größeren und gefährlicheren Spielraum und führt folgerichtig zu noch verderblicheren Konsequenzen, als das protestantische Schriftprinzip, wie aus den folgenden Andeutungen sich ergeben wird.

Die heilige Schrift, wie umfangreich und zum Teil schwierig ihr Verständnis auch sei, und welche Gefahren ihrer Missdeutung ohne eine unfehlbare Richtschnur auch nahe liegen, ist dennoch weder dem Umfang noch an Schwierigkeit, noch an Gefahren und Vorwänden häretischer Missdeutung mit jenem unermesslichen Material zu vergleichen, woraus die Quellen der Tradition bestehen, welche man, unabhängig von der lebendigen Lehrautorität der Kirche, zur obersten Richtschnur des Glaubens machen möchte. Gehen wir näher ins Einzelne.

1. Die heilige Schrift ist der im Canon abgeschlossene Komplex von Büchern; die Quellen der Tradition sind eine unermessliche und unbegrenzbare Menge von Schriften und Urkunden. Die Werke eines einzigen Kirchenvaters, wie z. B. Augustin’s, sind von einem zehn- bis zwanzigfach größeren Umfange als die heilige Schrift.

2. Die heilige Schrift ist ganz und in allen ihren Teilen Wort Gottes, frei von jeglichem Irrtum. Unter den Quellen der Tradition sind nur die definitiven Lehrentscheidungen der Kirche in ihren dispositiven Teilen von Sachen der Glaubens- und Sittenlehre unfehlbar. Bei allen übrigen Quellen der Tradition ist dies nicht der Fall. Wohl kann aus ihrem Konsens die unfehlbare Lehre der Kirche eruiert werden, daneben aber enthalten sie vieles nicht zur Lehre der Kirche Gehörendes, zum Teil Einseitiges, Unvollkommenes, selbst Irriges, was alles da, wo ein unfehlbares Lehramt fehlt, der Unwissenheit weit zahlreichere Fallstricke und der Häresie weit ausgiebigere Scheingründe darbietet, als die heilige Schrift.

3. Die heilige Schrift, obwohl sie für sich allein nicht genügt, enthält dennoch, wie wir gesehen haben, die christliche Wahrheit und die apostolische Lehre nicht nur absolut irrtumslos, sondern auch mit einer Vollständigkeit und Allseitigkeit und einer dem göttlichen Worte eigentümlichen Klarheit und Kraft, wie sie keinen Kirchenvätern eigen ist, welche meistens nur einzelne Lehren und oftmals diese nur von der einen, den von ihnen bekämpften Irrtümern gegenüber zunächst praktischen Seite dargestellt haben. Daher hat eine einseitige Ausdeutung der Väter stets den Irrlehrern bis auf den heutigen Tag zum Beweise ihrer falschen und einseitigen Lehren ein reicheres, täuschenderes, minder leicht zu berichtigendes Material geboten, als die heilige Schrift.

4. Während der gläubige Protestant die heilige Schrift als unantastbares Wort Gottes anerkennt, sind den neuesten Häretikern die Urkunden der Tradition – auch die Glaubensdekrete der allgemeinen Konzilien nicht ausgenommen – nur historische, jedoch nicht unfehlbare Zeugnisse für die zu ihrer Zeit bestehende Kirchenlehre, welche lediglich und schlechthin der Beurteilung der wissenschaftlichen Kritik unterliegen, die sie je nach ihrem Urteil annimmt oder verwirft, so daß nichts im Wege steht, die wichtigsten Urkunden der katholische Überlieferung als irrig zu verwerfen, dagegen Urkunden, welche die katholische Kirche als häretische oder schismatische verwirft, als echte katholische Zeugnisse anzunehmen.

III. Mit dem bisher besprochenen Grundirrtum stehen andere falsche Auffassungen im engsten Zusammenhang. Diese irrigen Anschauungen beziehen sich

1. schon auf die Beschaffenheit des ursprünglichen Glaubensdepositums und seine Entwicklung in der Kirche… Danach hätten die Apostel der Kirche nicht sowohl eine fest bestimmte Lehre, als vielmehr nur gewisse Keime und Prinzipien zu einer erst in der Zukunft durch historische Entwicklung sich gestaltenden Lehre hinterlassen. Nicht sowohl Lehren, als die Tatsachen der heiligen Geschichte und gewisse Grundanschauungen über die Person und das Werk Christi, zugleich mit den Keimen der Kirchenverfassung und des Kultus in den vom Herrn angeordneten heiligen Handlungen, hätten das apostolische Glaubensdepositum gebildet, aus denen sich dann erst im Laufe der Jahrhunderte, wie die Verfassung der Kirche und das kirchliche Leben, so auch die kirchliche Lehre allmählich entwickelt habe… Allein auch diese Lehrentscheidungen selbst hätten nur eine relative Wahrheit gegenüber den Irrtümern, denen sie entgegengesetzt wurden. Mit dem Fortschritt der Zeiten dagegen müssen sich auch die dogmatischen Begriffe mehr und mehr berichtigen und können und müssen dann diese alten kirchlichen Formeln und Begriffe einer Revision und Reform unterliegen. Dieser Fortschritt werde aber vorzugsweise durch die Wissenschaft (Anm.: gemeint ist die Geistesarbeit der Theologen) vollzogen, deren Aussprüchen die kirchliche Autorität sich unterzuordnen habe. Wenn die Beglaubigung und Erklärung der echten Tradition nicht Sache der unfehlbaren Lehrautorität, sondern der Wissenschaft und des Privaturteils ist, so wird auch natürlich die Lehrentwicklung eigentlich nicht durch jene Autorität, sondern durch die Wissenschaft getragen und vermittelt, die dann selbst wiederum als eigentliche Repräsentantin des kirchlichen Gemeingeistes aufgefasst wird.

2. Das hängt dann wieder mit einer falschen Auffassung von dem Träger der kirchlichen Überlieferung zusammen. Man betrachtet nämlich als solchen nicht sowohl die Inhaber des kirchlichen Lehramtes als Stellvertreter Christi, als vielmehr die Gesamtheit der Gläubigen, von deren Glauben die Bischöfe und der Papst lediglich Zeugnis zu geben haben. So ist denn die Tradition nicht prinzipaliter die autoritative Überlieferung der Lehre Christi durch das kirchliche Lehramt, sondern das kirchliche Gesamtbewusstsein, die öffentliche Meinung der Kirche. Diese wird aber, wie bereits gesagt, nicht durch das christliche Volk, Klerus, Bischöfe und Papst eingeschlossen, sondern durch die Gebildeten und Gelehrten, oder wie man in abstracto lieber sagt, durch die Wissenschaft getragen.

3. Diese von dem kirchlichen Gesamtbewusstsein oder von der Wissenschaft getragene Lehrtradition und Lehrentwicklung kann man sich nun entweder lediglich als Produkt natürlicher Geistestätigkeit vorstellen – das ist dann ein bereits gänzlich außerhalb des Christentums stehender Naturalismus; – oder man denkt sie sich unter einem übernatürlichen Einflusse Gottes und der göttlichen Providenz. Wenn man nun aber diesen göttlichen Einfluss und diese göttliche Providenz nicht in der Leitung des kirchlichen Lehramtes anerkennt, sondern, wie die neueste Häresie [Anm.: der Modernismus] tut, annimmt, daß nicht bloß der Papst in seinen Lehrentscheidungen, sondern daß auch ein allgemeines Konzil in seinen Glaubensdekreten irren, ja daß in der Kirche Jahrhunderte lang die Wahrheit verdunkelt werden und Irrtümer die Oberhand erlangen könnten (***); so bleibt, um den göttlichen Beistand in der Kirche und die Fortexistenz des wahren Christentums auf der Welt irgendwie in dieser Theorie zu retten, nur die Behauptung übrig, daß nach solchen, wenn auch noch so langen Verdunkelungen, dennoch durch jene Geistesarbeit der Gelehrten, durch die öffentliche Meinung der Gebildeten und durch eine (freiwillige oder etwa durch erleuchtete Herrscher oder durch den Volkswillen erzwungene) Bekehrung der Träger des kirchlichen Lehramtes, die Wahrheit irgend einmal wieder zum Siege gelangen werde.

Das meint man auch, wenn man sagt, daß Glaubensstreitigkeiten nicht durch einzelne Machtsprüche der Päpste oder der Konzilien, sondern durch die historische Entwicklung oder durch die Geschichte entschieden werden müssten. Da begreift es sich denn auch, daß recht eigentlich alle Theologie in Geschichtswissenschaft aufgeht. Während die Aufgabe des Theologen darin besteht, die von der kirchlichen Lehrautorität proponierte Wahrheit möglichst allseitig und präzis zu erfassen, aus Schrift und Tradition zu beweisen und so vollkommen als möglich spekulativ zu durchdringen; besteht nach dieser neuen Lehre die wahre Theologie darin, den Gang der Geschichte zu belauschen und aus ihr, in welcher und durch welche Gott zu uns spricht, die wahren katholischen Dogmen und ihren wahren Sinn zu entziffern, sowie zu erklären, welche Lehrmeinungen vollendete Tatsachen geworden, definitiv den Sieg davon getragen und somit von der Geschichte und der sie als Prophetin erklärenden historischen Wissenschaft als Dogmen anzuerkennen seien. Doch vielleicht gibt es auch gar keine definitiv feststehende Dogmen, sondern nur mehr oder weniger dem unerreichbaren Ideal in unbegrenztem Fortschritt sich nähernde Meinungen!

4. Doch wir würden weder die Tragweite, noch das innerste Wesen der neuesten deutschen Häresie, die zunächst aus einer teils einseitigen, teils falschen Auslegung des katholischen Traditionsprinzips hervorgegangen ist, genügend erkennen, wenn wir nicht zugleich ihre unionistischen Tendenzen ins Auge fassten.

Wenn die Bewahrung und Erklärung der echten apostolischen Lehre nicht prinzipaliter an das kirchliche Lehramt geknüpft, wenn dessen höchste Entscheidungen nicht unfehlbar und deshalb nicht definitiv sind, ja wenn Glaubensirrtümer und Verfälschungen der echten Kirchenverfassung in der Kirche sich allgemein verbreiten, Jahrhunderte lang die Herrschaft in der Kirche erlangen, selbst durch feierliche Lehrentscheidungen sich befestigen und so jene, welche die wahre Lehre erkannten und festhielten, aus der also verderbten Kirche hinaustreiben konnten; dann liegt es nahe, auch in den längst von der Kirche getrennten schismatischen und protestantischen Gemeinschaften solche aus der verderbten katholischen Kirche ausgeschiedenen Teile der wahren Kirche zu erblicken und denselben wenigstens eine relative Berechtigung zuzugestehen. So hat denn auch Döllinger wirklich sowohl das griechische Schisma, als die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften als durch den Papalismus und sonstige Entartungen in der katholischen Kirche verschuldete und als relativ berechtigte Gestaltungen des christlichen Glaubens und Lebens angesehen. …

(*) Diesen Fundamental-Irrtum der neuesten Häresie präzisiert Pius IX. in seinem Schreiben an die deutschen Bischöfe vom 28. Okt. 1870:

„Wie alle Begünstiger der Häresie und des Schismas rühmen sie sich fälschlich, den alten katholischen Glauben bewahrt zu haben, während sie doch gerade das Hauptfundament des Glaubens und der katholischen Lehre umstürzen. Sie anerkennen sehr wohl in der Schrift und in der Tradition die Quelle der göttlichen Offenbarung; aber sie weigern sich, das allzeit lebendige Lehramt der Kirche zu hören, obwohl es sich doch klar aus der Schrift und Tradition ergibt und von Gott eingesetzt ist als ständiger Hüter der unfehlbaren Darlegung und Erklärung der durch diese Quellen überlieferten Dogmen. Demzufolge erheben sie sich – mit ihrem falschen und beschränkten Wissen, unabhängig und sogar im Gegensatz zur Autorität dieses von Gott eingesetzten Lehramtes,- ihrerseits selbst zu Richtern über die in diesen Quellen der Offenbarung enthaltenen Dogmen. Tun sie denn etwas anderes, wenn sie in Bezug auf ein von uns mit der Approbation des hl. Konzils definierten Glaubensdogma leugnen, daß dies eine von Gott geoffenbarte Wahrheit ist, die eine Zustimmung katholischen Glaubens verlangt, ganz einfach deswegen, weil sich dieses Dogma ihrer Ansicht nach nicht in der Schrift und in der Tradition findet?“

(**) Die alten Häretiker waren nicht nur dadurch Häretiker, daß sie die heilige Schrift, sondern ebenso dadurch, daß sie die Tradition, die sie fast alle als Glaubensquelle anerkannten, willkürlich auslegten. Daß die Väter diesem Missbrauch der Tradition eben so, wie dem der heiligen Schrift, durch die lebendige Autorität der Kirche entgegentraten, haben wir zur Genüge gesehen.

(***) So behaupten die Jansenisten, daß durch Jahrhunderte die echte Gnadenlehre, die rechte Bußdisziplin in der Kirche verdunkelt gewesen. So behauptet die moderne Häresie, daß seit einem Jahrtausend die echte Lehre vom Primat in der Kirche verfälscht und dieser Fälschung durch das Vatikanische Dekret von der lehramtlichen Unfehlbarkeit des Papstes die Krone aufgesetzt worden sei. –
aus: J.B. Heinrich, Dogmatische Theologie, Bd. 2, 1876, S. 147 – S. 160

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