Von der Unfehlbarkeit im Allgemeinen

Von der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes im Allgemeinen (§. 89)
aus der Dogmatik von J.B. Heinrich

Bossuet und die ihm folgenden Gallikaner stellten die Behauptung auf, daß der apostolische Stuhl, das Papsttum oder, wie man dieses näher erklärte, die Reihenfolge der Päpste unfehlbar sei, nicht aber irgend ein einzelner Papst. Dieser könne eine irrige Lehrentscheidung erlassen, aber der apostolische Stuhl könne bei einem solchen Irrtum nicht verharren, vielmehr werde dieser Irrtum durch einen Nachfolger des irrenden Papstes verbessert werden. Diese zunächst bezüglich des Papstes aufgestellte Theorie wurde von den neuesten Häretikern auch auf den Episkopat mit Einschluss des Papstes ausgedehnt. Nachdem man nämlich die Vatikanische Lehrentscheidung über das unfehlbare Magisterium des Papstes, selbst nach dem der gesamte Episkopat zugestimmt, verworfen hatte, schritt man mit innerer Notwendigkeit zur Behauptung fort, daß mit dem jeweiligen Papst der gesamte jeweilige Episkopat in glaubenswidrigen Irrtum fallen könne; allein, meinte man in Anwendung der Bossuet`schen Theorie auf die Gesamtkirche, dieser Irrtum könne kein bleibender sein und eben darin bestehe die Unfehlbarkeit der Kirche, daß dieselbe über kurz oder lang sich wieder zurechtfinde und durch ein künftiges Konzil oder einen künftigen Papst und Episkopat den Fehltritt verbessere.

Diesen Kirche und Glauben radikal zerstörenden Irrtümern gegenüber ist also festzuhalten, daß, wie die Lehrautorität, so auch das damit verknüpfte Charisma der Unfehlbarkeit den jeweiligen Trägern des kirchlichen Lehramtes, also in jeder Zeit dem zeitweiligen Papst und Episkopat eigen ist. Nur der lebende Papst, der lebende Episkopat ist eine lebendige Autorität – und darum handelt es sich, darauf kommt alles an. Wenn es dagegen gestattet wäre, jede Lehrentscheidung eines bestimmten gegenwärtigen Papstes oder eines bestimmten gegenwärtigen Konzils, unter dem Vorwand einer Abweichung von der Überlieferung der früheren Päpste und des früheren Episkopates und unter Berufung auf einen zukünftigen Papst oder ein zukünftiges Konzil oder auf die Geschichte, zu verwerfen, so wäre jede lebendige kirchliche Autorität, jede Sicherheit des Glaubens vernichtet und jenes Kirche und Christentum zersetzende System eingeführt, das wir oben §.83 charakterisiert haben.

Die auf die Bewahrung, Verkündigung, Erklärung und Verteidigung der katholischen Glaubens- und Sittenlehre gerichteten Akte sind aber verschiedener Art. Es sind:s

1. gewöhnliche und ordentliche Akte des allgemeinen Magisteriums, oder es sind außerordentliche und förmliche Lehrentscheidungen oder Lehrdeklarationen.

Mag nun das kirchliche Lehramt in jener oder in dieser Weise eine Wahrheit als eine von Gott geoffenbarte und im kirchlichen Depositum enthaltene uns zu glauben vorstellen, in beiden Fällen ist es unfehlbar und sind wir zum Glauben verpflichtet. (Vatic. Decr. De fide c. 3, al. 4.) Nur der Unterschied besteht, wie wir gesehen haben, zwischen beiden Fällen, daß eine jede einzelne förmliche Lehrentscheidung die Gewähr ihrer Unfehlbarkeit in sich trägt und daher für sich allein genügt, um zum Glauben zu verpflichten und einen vollen dogmatischen Beweis zu begründen; während bei dem gewöhnlichen ordentlichen Magisterium einzelne Akte nicht genügen, um die Unfehlbarkeit und den katholischen Charakter der durch dieselben bezeugten Lehre außer Zweifel zu stellen; es muss vielmehr nach den §. 79 entwickelten Grundsätzen der Nachweis einer dogmatischen Tradition geliefert, d. h. gezeigt werden, daß die fragliche Lehre konstante Lehre des apostolischen Stuhles oder allgemeine und vom apostolischen Stuhl anerkannte Lehre der Kirche ist.

Hierbei wollen wir nachdrücklich darauf aufmerksam machen, daß die Unfehlbarkeit der dogmatischen Tradition, die wesentlich in der konstanten und allgemeinen Lehre des kirchlichen Lehramtes und im allgemeinen Glauben der Kirche besteht, durch die Unfehlbarkeit des Lehramtes ins einen Lehrentscheidungen bedingt ist: denn nur dadurch besitzt die katholische Kirche eine gegen jede Abirrung gesicherte Tradition, daß sie in ihrem Lehramt zugleich ein unfehlbares Richteramt besitzt, welches über die Reinheit der Lehre und des Glaubens wacht etwaige Streitfragen als judex controversiarum unfehlbar entscheidet. –
aus: J.B. Heinrich, Dogmatische Theologie, Bd. 2, 1876, S. 213 – S. 216

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