Sünde des Priesters und ihre Strafe

Der Priester steht in der heiligen Messe vor dem Hochaltar, hält die nach der Wandlung geweihte Hostie hoch

Die Sünde des Priesters und ihre Strafe

Vortrag während der geistlichen Übungen für Priester (v. A. M. von Liguori)

Viertes Kapitel.

1. Für einen Priester ist die Sünde etwas sehr Schweres, weil er bei hellem Lichte sündigt; denn wenn er sündigt, weiß er gar wohl, was er tut. Aus diesem Grund, lehrt der heilige Thomas, sind die Sünden der Gläubigen schwerer, als jene der Ungläubigen, weil erstere mehr Erkenntnis der Wahrheit haben. Aber auf eine ganz andere Art wird ein einfacher Gläubiger in der Welt erleuchtet, als wie ein Priester. Der Priester ist im Gesetz Gottes auf eine Weise unterrichtet, dass er dasselbe andere zu lehren vermag, denn: „Die Lippen des Priesters sollen die Wissenschaft bewahren, und das Gesetz soll man holen aus seinem Mund.“ (Mal. 2, 7.)

Deshalb, sagt der heilige Augustin, ist die Sünde dessen, der das Gesetz kennt, und dennoch nicht darnach handelt, eine sehr schwere Sünde. Die armen Weltleute sündigen zwar auch, aber ach! sie sündigen mitten in der Finsternis dieser Welt, fern von den Sakramenten, schlecht unterrichtet im geistlichen Leben, ganz eingenommen von den irdischen Sorgen kennen sie Gott nur wenig, und deshalb wissen sie auch kaum, was sie tun, wenn sie sündigen: „Im Dunkeln schießen sie den Pfeil (der Sünde) ab“, um mit dem Psalmisten zu reden.

Dagegen sind die Priester so vom himmlischen Licht erfüllt, dass sie selber Leuchten sind, die das gläubige Volk erleuchten sollen, denn zu ihnen sagt der Herr selbst: „Ihr seid das Licht der Welt.“ (Matth. 5, 14.) Sie sind gar wohl unterrichtet durch so viele geistliche Bücher, die sie gelesen, durch so viele Predigten, die sie angehört, durch so viele Betrachtungen, die sie gemacht, durch so viele Ermahnungen, die sie von ihren geistlichen Obern empfangen haben; kurz: den Priestern ist es gegeben, „die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen.“ (Luk. 8, 10.)

Deshalb wissen sie es auch, wie sehr Gott es verdient, geehrt und geliebt zu werden; deshalb erkennen sie gar wohl die Bosheit der Sünde, welche ein so großer Feind Gottes ist, dass Gott, wenn Er der Vernichtung fähig wäre, durch eine einzige Todsünde, wie der heilige Bernhard sagt, zerstört würde; denn, sagt er, so viel an ihr liegt, tötet die Sünde Gott. So mordet also, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, der Sünder, was seinen Willen anbelangt, seinen Gott.

Und nach den Worten des P. Medina verursacht die Sünde Gott ein solches Missfallen, dass, wenn Er traurig sein könnte, die Sünde Ihn vor lauter Schmerz würde sterben lassen. Das alles erkennt der Priester gar wohl, und zu gleicher Zeit erkennt er auch seine Verpflichtung, Gott zu lieben und Ihm zu dienen, da Gott ihn so sehr begünstigt, als Er ihn zum Priester gemacht hat. Je deutlicher er also erkennt, sagt der heilige Gregorius, welche furchtbare Beleidigung er durch die Sünde Gott zufügt, um desto schrecklicher ist auch die Größe seiner Sünde.

Jede Sünde reiner Bosheit ist wider den heiligen Geist

2. Eine jede Sünde, die ein Priester begeht, ist eine Sünde reiner Bosheit, welche der Sünde der Engel gleicht, die da im Angesicht des Lichtes gesündigt haben. Er ist ein Engel des Herrn geworden, sagt der heilige Bernhard, da er von den Priestern redet, und deshalb, fügt er hinzu, sündigt er mitten im Himmel, da er als Geistlicher sündigt.

Er sündigt mitten im Licht, und deshalb ist seine Sünde, wie gesagt, eine Sünde reiner Bosheit; denn er kann sich nicht mit Unwissenheit entschuldigen, da er weiß, welch ein Übel eine Todsünde ist. Er kann sich aber auch nicht mit seiner Schwachheit entschuldigen, weil er die Mittel kennt, um stark zu werden, wenn er dies nur will; aber weil er es nicht werden will, so ist die Schuld sein: „Er wollte nicht verstehen, daß er gut handle.“ (Job. 34, 27.)

Die Sünde reiner Bosheit, sagt der heilige Thomas, (1. 2. q. 78. art. 1.) wird alsdann begangen, wenn man mit Erkenntnis eine Sünde begehen will. Aber, fügt er hinzu, jede Sünde reiner Bosheit ist wider den heiligen Geist; nun wissen wir aber, daß, wie es im Evangelium des heiligen Matthäus (12, 22.) heißt, die Sünde wider den heiligen Geist weder in dieser, noch in der zukünftigen Welt nachgelassen werde, wodurch wir belehrt werden, daß eine solche Sünde nur sehr schwer verziehen werden könne, um der Verblendung willen, welche auf solch eine Sünde folgt.

3. Unser Heiland betete am Kreuze für Seine Feinde, da Er sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Luk. 23, 34.) Aber diese Bitte geschah nicht zu Gunsten schlechter Priester; nein, sie wird dieselben vielmehr verurteilen, da diese nur allzu wohl wissen, was sie tun. Weinend ruft der Prophet Jeremias aus: „Wie ist verdunkelt das Gold, verändert die schönste Farbe.“ (Klagel. 4, 1.)

Unter diesem verdunkelten Gold, sagt der Kardinal Hugo, wird der sündhafte Priester verstanden, der vor lauter Liebe Gottes erglänzen sollte, der aber durch die Sünde schwarz und abscheulich geworden ist, so daß er selbst der Hölle Abscheu einflößt und mehr als alle andern von Gott gehasst wird, denn, nach dem Ausspruch des heiligen Johannes Chrysostomus, wird Gott durch nichts so sehr beleidigt, als wenn jene, die durch die priesterliche Würde andern vorleuchten sollten, Ihn durch ihre Sünden beleidigen. (Hom. 41. in Matth.)

Aber die Bosheit der Sünde wächst noch bei einem Priester, um seines Undankes willen gegen Gott, der ihn zu so hoher Würde erhoben hat. Der heilige Thomas (2. 2. q. 74. art. 10.) lehrt, dass die Sünde um desto größer werde, je größer der Undank dessen ist, der sie begeht. Wir selber, sagt der heilige Basilius, werden natürlicher Weise durch nichts heftiger erzürnt, als wenn unsere Freunde oder Hausgenossen sich gegen uns versündigen. Nun aber werden die Priester von dem heiligen Cyprian Gottes innigst befreundete Hausgenossen genannt. Könnte Gott auch wohl einen Menschen höher erheben, als da Er ihn zum Priester macht.

Zähle auf, sagt der heilige Ephrem, alle Ehren, alle Würden, die es gibt, und du wirst finden, daß die höchste von allen das Priestertum ist. Kann es auch nur eine größere Ehre und Würde geben, als wenn Gott einen Menschen zu Seinem Stellvertreter, zu Seinem Mitarbeiter, zu einem Beförderer des Seelenheils der übrigen Menschen, zu einem Ausspender der von Gott eingesetzten heiligen Sakramente macht! —

Der heilige Prosper nennt die Priester die Haushälter im Hause des Königs. Der Herr hat den Priester mitten unter so vielen Menschen auserwählt zu Seinem Dienst, damit er Ihm Seinen eigenen Sohn zum Opfer darbringe: „Er erwählte ihn aus allen Lebenden, daß er Opfer darbrächte.“ (Eccl. 45.)

Über den Leib Jesu Christi hat Er ihm Gewalt gegeben, in seine Hände hat Er die Schlüssel des Himmels niedergelegt. Er hat ihn über alle Könige der Erde, über alle Engel im Himmel erhoben; kurz, Er hat ihn gleichsam zu einem Gott auf Erden gemacht, so dass es scheint, als wollte der Herr ausschließlich an die Priester die Worte richten: „Was hätte Ich Meinem Weinberg noch tun sollen, das ICH nicht getan.“ (Is. 5, 4.)

Aber ach! welch ein furchtbarer Undank ist es alsdann, wenn man sieht, dass dieser nämliche Priester, den Gott so innig geliebt hat, den Herrn in Seinem eigenen Haus beleidigt:

„Woher kommt es, daß Mein Geliebter so viele Laster in Meinem Hause treibt.“ (Jer. 11, 15.) O mein Herr und mein Gott, ruft weinend der heilige Gregor aus, da er von den Priestern redet, diejenigen, welche Deine Kirche regieren sollten, verfolgen Dich mehr als alle Übrigen!

Die Drohungen Gottes gegen die sündhaften Priester sind schrecklich

4. Es hat den Anschein, als beklage Sich Gott über die schlechten Priester, da Er Himmel und Erde auffordert, den Undank Seiner Kinder zu betrachten: „Höret ihr Himmel, und nimm es zu Ohren Erde: Söhne hab’ Ich aufgezogen und empor gebracht, sie haben Mich verachtet.“ (Is. 1, 2.) Wer anders sind aber diese Kinder als die Priester, die, nachdem Gott sie zu einer solchen Würde erhöht und an Seinem Tisch mit Seinem Fleisch genährt hat, es dennoch wagen, Seine Liebe und Seine Gnade zu verachten. Über solche Priester beklagt Sich der Herr durch den Mund Davids (Ps. 54, — 13. 14.), da Er sagt: „Ja, wenn Mein Feind Mir geflucht hätte, so würde Ich es ertragen haben.“

Wenn einer Meiner Feinde, wenn ein Götzendiener, ein Ketzer, ein Weltmensch Mich beleidigt hätte, so könnte Ich es noch ertragen; aber wie kann Ich es nur übertragen, daß ein Priester, der doch zu Meinen Freunden, zu Meinen Tischgenossen gehört, Mich so schrecklich beleidigt: „Du aber Mein Bekannter, die wir mitsammen Süßigkeiten kosteten.“ Auch der Prophet Jeremias (Klagel. 4, 5.) ruft weinend aus: „Die sonst Leckerbissen gegessen — umarmen den Kot.“

5. Erwägen wir aber auch, welche schwere Strafe den Priester trifft, der eine Todsünde begeht, eine Strafe, die der Größe seiner Sünde entspricht: „Nach der Größe seiner Sünde soll auch die Zahl der Schläge sein.“ (Deuter. 25, 2.) Der heilige Johannes Chrysostomus betrachtet einen Priester, der nach der heiligen Weihe noch eine Todsünde begeht, als der Verdammnis anheimgefallen. Hast du im Priestertum gesündigt, sagt er, so bist du verloren. In sacerdotio peccasti, periisti. (Homil. 3. in Act. ap.)

In der Tat auch sind die Drohungen fürchterlich, welche der Herr durch den Mund des Propheten Jeremias (23, 10.) an jene Priester richtet, die da sündigen, indem Er sagt : „Und Priester haben sich befleckt, ja in Meinem Hause traf Ich ihre Bosheit, spricht der Herr, darum wird ihr Weg wie ein schlüpfriger Weg sein im Finstern, worauf sie straucheln und fallen werden.“

Welche Hoffnung würde man wohl noch haben, dem das Leben zu erhalten, der bei einem Abgrund vorüberginge, da der Weg ganz schlüpfrig ist, und ihm kein Licht leuchtet, um zu sehen, wohin er seinen Fuß setzen muss; und noch geringer würde alle Hoffnung für ihn sein, wenn mehrere hinter ihm hergingen, die ihm Stöße versetzten, damit er in den Abgrund hinabstürze. Aber ach! in solch unseligen Zustand versetzt sich ein Priester, der eine einzige Todsünde begeht.

Die erste Strafe eines sündigen Priesters ist die Verblendung

6. Ein schlüpfriger Weg im Finstern. Sündigt der Priester, so verliert er das Licht und erblindet. „Es wäre ihnen besser gewesen“, sagt der heilige Petrus (2, 2. 21.), „wenn sie den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt hätten, als dass sie, nachdem sie ihn erkannt, wieder abweichen von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben ist.“

O wie viel besser wäre es für einen Priester, der sündigt, wenn er ein armer, unwissender Landmann geblieben wäre, der nur wenig Erkenntnis erlangt hat; denn ach! der unglückselige Priester geht durch seinen Fall wahrscheinlich verloren, nachdem er in geistlichen Büchern so große Erkenntnis geschöpft, nachdem er so viele Predigten gehört, so viele Ratschläge empfangen, so viele Erleuchtungen von Gott erhalten. Wenn der Unglückselige des ungeachtet noch sündigt, und alle Gnaden, die Gott ihm erwiesen hat, mit Füßen tritt, dann werden all’ diese Erleuchtungen nur dazu dienen, sein Herz noch mehr zu verfinstern.

Einer größeren Erkenntnis folgt auch eine größere Strafe, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, und deshalb erwartet einen Priester für die nämlichen Sünden, die vielleicht ein Laie begeht, nicht etwa dieselbe, sondern eine weit strengere Strafe, weil er nach der Sünde weit verblendeter sein wird, als irgendein anderer. Ihn wird alsdann jene Strafe treffen, welche der Prophet ankündigt: „Sie sehen und sehen doch nicht, sie hören und verstehen doch nicht.“ (Luk. 8, 10.)

7. Die Erfahrung lehrt uns auch, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, dass ein Laie, nachdem er gesündigt, leicht wieder Buße tut. Wenn er z. B. einer Mission beiwohnt, oder eine ergreifende Predigt anhört, worin ihm irgendeine ewige Wahrheit verkündigt wird (z. B. von der Bosheit der Sünde, von der Gewissheit des Todes, von der Strenge der Gerechtigkeit Gottes, oder von den Peinen der Hölle), so geht er leicht wieder in sich und kehrt zu Gott zurück; denn solche Wahrheiten, fährt der Heilige fort, sind ihm neu und ergreifen ihn.

Aber welchen Eindruck werden wohl die ewigen Wahrheiten und die Drohungen der heiligen Schrift auf einen Priester machen, welcher die Gnade Gottes und alle empfangenen Erleuchtungen mit Füßen getreten hat? Alles, was die heilige Schrift enthält, fährt der heilige Lehrer fort, erscheint ihm als etwas Veraltetes und Wertloses, denn alles Furchtbare und Erschreckende hat für ihn durch die Gewohnheit bereits seine Kraft verloren. (Homil. 40. in c. 41. Matth.) Deshalb, schließt er, scheint nichts unmöglicher, als die Hoffnung auf die Bekehrung dessen, der ohnehin schon alles weiß und dennoch sündigt.

Wer von der himmlischen Höhe herabfällt, fällt sehr tief

8. Groß ist die Würde der Priester, sagt der heilige Hieronymus, (Lib. 18. in c. 44. Ezech.) aber furchtbar auch ihr Verderben, wenn sie in diesem erhabenen Stand Gott den Rücken zuwenden und sündigen. Je höher Gott sie erhoben hat, sagt der heilige Bernhard, um desto tiefer ist auch ihr Fall; denn wer von einer Höhe herabfällt, tut einen schweren Fall.

Wer auf der Ebene fällt, wird sich schwerlich großen Schaden tun; wer aber von der Höhe fällt, von dem sagt man nicht mehr, dass er falle, sondern, dass er herunterstürze, und sein Sturz kann gar leicht den Tod zur Folge haben. Wie es leichter ist, auf der Ebene zu fallen, sagt der heilige Ambrosius, (De dign. sacerd. c. 3.) eben so ist es weit schwerer, wenn jemand mit erhabener Würde bekleidet von der Höhe herabstürzt; denn der Fall von der Höhe herab ist weit gefährlicher.

Freuen wir Priester uns, sagt der heilige Hieronymus, dass Gott uns so hoch erhoben; aber fürchten wir auch um desto mehr unsern Fall. Zu den Priestern scheint der Herr durch den Propheten Ezechiel (28, 14.) zu reden, da Er sagt: „Ich setzte dich auf den heiligen Berg Gottes und du hast gesündigt; darum werfe Ich dich herab vom Berg Gottes, und vertilge dich!“ Euch habe ich, o ihr Priester, sagt der Herr, auf Meinen heiligen Berg gesetzt, und zu Leuchten des Weltalls gemacht, denn: „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen sein.“ (Matth. 5, 14.)

Mit Recht sagt also der heilige Laurentius Justinian, dass je größer die Gnade und je erhabener der Stand ist, wozu Gott den Priester erwählt hat, desto tiefer auch der Fall sei, desto verdammungswürdiger die Schuld. Wer in einen Fluss fällt, sagt Peter von Blois, der sinkt um so tiefer, je erhabener der Ort war, von welchem er herabgefallen ist.

Bedenke es, o Priester, sagt der heilige Petrus Chrysologus, (Serm. 26.) dass Gott dich durch deine Berufung zum Priesterstand bis in den Himmel erhoben hat, da Er dich zu einem himmlischen, und nicht zu einem irdischen Menschen machte. Sündigst du also, so fällst du vom Himmel herab; bedenke also, wie gefährlich dein Fall sein wird.

Was ist aber höher als der Himmel? Vom Himmel fällt indes herab, wer sich am Himmel versündigt. Dein Fall, sagt der heilige Bernhard, gleicht dem Fall des Blitzes, der unaufhaltsam herabstürzt, das heißt, dein Verderben wird ohne alle Abhilfe sein: „Sie werden fallen auf denselben“; und alsdann wird an den Unglückseligen die Drohung, die der Herr an Kapharnaum richtete, in Erfüllung gehen: „Du Kapharnaum, die du bis zum Himmel erhoben bist, wirst bis in die Hölle versenkt werden.“ (Luk. 10, 15.)

Geistliche, die böse sind, sind unverbesserlich

9. Ein Priester, der eine Sünde begangen, verdient aber auch um des Undankes willen, dessen er sich gegen Gott schuldig macht, eine um so größere Strafe; denn wegen der größeren Gnaden, die er empfangen, ist er auch zu größerem Dank verpflichtet, sagt der heilige Gregor. (Homil. 9.) Solch ein Undankbarer verdient, dass man ihm alles nehme, sagt ein gelehrter Schriftsteller.

Christus Selbst lehrt uns: „Jedem, der da hat, wird gegeben werden, dass er im Überfluss habe, wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er zu haben scheint, genommen werden.“ (Matth. 13, 12.) Wer dankbar gegen Gott ist, der wird desto reichlichere Gnaden von Ihm erlangen; aber ein Priester, der nach so vielen Kommunionen, nach so vielen Erleuchtungen dennoch Gott verlässt, indem er alle empfangenen Wohltaten missachtet, und der Gnade seines Gottes entsagt, wird mit Recht alles dessen, was er bereits empfangen hat, wieder beraubt. Gegen alle, nur nicht gegen die Undankbaren, ist der Herr freigebig; denn der Undank, sagt der heilige Bernhard, trocknet die Quelle göttlicher Wohltätigkeit aus.

10. Deshalb bleibt wahr, was der heilige Hieronymus (Epist. ad Damas.) sagt: Es gibt gewiss kein grausameres Tier auf Erden, als einen schlechten Priester; denn er lässt sich auf keinen besseren Weg mehr bringen. Und der heilige Johannes Chrysostomus oder sonst ein Schriftsteller sagt: Wenn Laien sündigen, so bessern sie sich leicht; wenn aber Geistliche böse sind, so sind sie auch unverbesserlich. Auf Priester, welche sündigen, beziehen sich hauptsächlich (wie dies schon der heilige Peter Damian (Lib. 4. ep. 14.) bemerkt) die Worte des heiligen Paulus (Hebr. 6, 41.): „Es ist unmöglich, diejenigen, welche einmal erleuchtet worden, auch gekostet haben die himmlischen Gaben und teilhaftig geworden sind des heiligen Geistes, und doch abgefallen sind, wieder zur Sinnesänderung zu erneuern.“

Denn wer ist wohl mehr erleuchtet worden, als der Priester; wer hat mehr, als er, die himmlischen Güter verkostet; wer ist reichlicher des heiligen Geistes teilhaftig geworden? Der heilige Thomas von Aquin lehrt, dass die widerspenstigen Engel deshalb in ihrer Sünde verstockt blieben, weil sie im Angesicht des Lichtes sündigten; aber gleichwie diese, sagt der heilige Bernhard, wird auch der Priester behandelt werden, da derselbe ebenfalls ein Engel des Herrn geworden ist, und als Solcher entweder auserwählt oder verworfen wird. (Declar. in verb. Ecce nos.)

Der Herr offenbarte eines Tages der heiligen Brigitta: „Ich sehe Heiden und Juden auf Erden, aber Ich sehe nichts Furchtbareres, als schlechte Priester; denn sie befinden sich in derselben Sünde, in welche Luzifer gefallen ist.“ Merken wir uns auch noch hier die Worte Innozenz III. (Serm. 1. in cons. pom.), welcher geradezu sagt: Vieles ist für Laien lässliche Sünde, für Priester aber schon Todsünde.

Solche Priester verlieren die Erkenntnis und Furcht Gottes

11. Auf die Priester bezieht sich auch noch, was der heilige Paulus an einer andern Stelle sagt: „Denn das Land, welches den oft darauf fallenden Regen einsaugt — wenn es dennoch Dornen und Disteln trägt, ist verwerflich und dem Fluch nahe, sein Ende ist Verbrennung.“ (Hebr. 6, 8.) Aber ach! welchen Regen der Gnade hat der Priester nicht fortwährend von Gott empfangen? Und dennoch, statt Früchte hervorzubringen, erzeugte er nur Dornen und Disteln. Ach, der Elende! er ist schon nahe daran, verworfen zu werden und den letzten Fluch über sich zu vernehmen, um nach so vielen von Gott empfangenen Gaben auf ewig im Feuer der Hölle zu brennen.

Aber welche Furcht vor dem höllischen Feuer hat wohl noch ein Priester, der sündigt?

Nein, solche Priester verlieren, wie gesagt, die Erkenntnis und die Furcht Gottes, was uns auch der Herr selbst durch den Propheten verkündigt hat: „Euch trifft es, ihr Priester, die ihr Meinen Namen verachtet, wo ist die Furcht vor Mir?“ (Malach. 1, 6.) Die Priester, welche von einer so großen Höhe herabfallen, sagt der heilige Bernard, (Serm. 76. in cam.) liegen so tief im Schlaf ihrer Sünden versunken, dass selbst der Donner der göttlichen Mahnung und die Gefahr des nahen Unterganges sie nicht daraus zu erwecken vermögen.

12. Dies darf aber auch niemanden wundern, da der Priester, wenn er sündigt, von der Höhe in einen tiefen Graben herabfällt, wo ihm alles Licht fehlt, und wo er deshalb alles verachtet, da bei ihm in Erfüllung geht, was der weise Mann sagt: „Wenn der Gottlose in den Abgrund der Sünden kommt, verachtet er’s“. (Sprichw. 18, 3.)

Dieser Gottlose ist aber der Priester, welcher aus Bosheit sündigt; er fällt in den Abgrund, d. h. der Priester gelangt durch eine einzige Todsünde in den tiefsten Abgrund des Elends und verharrt in seiner Verblendung: Er verachtet es, er verachtet alle Ermahnungen, alle Strafen, ja die Gegenwart Jesu Christi selbst, der ihm am Altar so nahe tritt; er verachtet alles, und errötet nicht, schlechter zu werden als Judas, der da seinen Herrn Jesus verraten hat; denn der Herr selbst beklagte Sich eines Tages bei der heiligen Brigitta (Revel. Hh. 1. o. 45.):

Solche Priester sind nicht Meine Priester, nein, sie sind wahre Verräter. Sie sind Verräter, weil sie die heilige Messe nur dazu missbrauchen, Jesus Christus noch schrecklicher durch Gottesraub zu beleidigen. Aber ach! welch ein Ende wird wohl solch ein Priester nehmen? — Hören wir, was der Prophet sagt: „Er tut Böses im Lande der Heiligen, deshalb wird er die Herrlichkeit des Herrn nicht schauen.“ (Is. 26, 10.) Das Ende wird also in der gänzlichen Verlassenheit Gottes bestehen, worauf die Hölle folgt. —

Aber, wird mir hierauf vielleicht jemand einwenden, durch das, was du da sagst, ängstigst du uns allzu sehr; willst du denn, daß wir verzweifeln? Hierauf antworte ich mit dem heiligen Augustin: Selbst erschreckt, erschrecke ich andere. Aber, wird ein Priester sprechen, der das Unglück gehabt, als Solcher Gott schwer zu beleidigen, so: bleibt mir also keine Hoffnung auf Vergebung mehr übrig? Nein, das kann ich nicht sagen, es ist noch Hoffnung für dich vorhanden, wenn du nur Reue und Abscheu wegen des begangenen Übels im Herzen erweckst. Solch ein Priester muss also dem Herrn innigst danken, dass Er ihm noch mit Seiner Gnade beisteht, und sich also gleich Gott schenken, welcher ihn zu Sich ruft.

Vernehmen wir Ihn, da Er bittet, sagt der heilige Augustin, auf dass Er uns nicht abschlage, uns zu vernehmen, wenn Er zum Gericht kommt. Von heute an, o Priester, müssen wir unsern erhabenen Stand schätzen lernen, sagt der heilige Peter Damian, und uns schämen, je wieder Diener der Sünde und des Teufels zu werden, nachdem wir zu Dienern Gottes erhoben sind.

Wenn der Herr ein Volk straft, dann beginnt er mit den Priestern

13. Seien wir also nicht so töricht, wie die Weltmenschen, die nur an das Gegenwärtige denken: „Es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben, worauf das Gericht folgt.“ (Hebr. 9, 27.) Wir alle müssen eines Tages bei diesem Gericht erscheinen: „Denn wir alle müssen erscheinen vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeder, je nachdem er in seinem Leben Gutes oder Böses getan hat, darnach empfange.“ (2. Kor. 5, 10.) Alsdann wird zu uns gesagt werden: „Gib Rechenschaft von deiner Verwaltung.“ (Lk. 11.)

Sage, wie hast du dein Priesteramt verwaltet, in welcher Absicht hast du mir gedient? Sage mir, o Priester, würdest du zufrieden sein, jetzt gerichtet zu werden? „Wenn Er fragte, was sollte ich Ihm antworten?“ (Job 31, 14.). Wenn der Herr ein Volk straft, so beginnt die Strafe mit den Priestern; denn um ihres schlechten Beispiels und um ihrer Nachlässigkeit willen, sind sie die Hauptursache der Sünden des Volkes, und deshalb wird der Herr alsdann sagen: „Es ist Zeit, dass das Gericht am Hause Gottes anfange.“ (1. Petr. 4, 17.)

In jener furchtbaren Schlacht, welche der Prophet Ezechiel beschreibt, wollte Gott, dass die Priester zuerst Strafe empfingen, wie Origines (Tract. 7. in Matth.) die Worte: Mit meinem Heiligtum machet den Anfang! auslegt. „Das strengste Gericht über die, so andern vorstehen.“ (Weish. 6, 16.) „Von einem jeden, dem viel gegeben worden ist, wird auch viel gefordert werden.“ (Luk. 12, 48.) Ein Schriftsteller sagt: Der Laie wird am Tage des Gerichts die Stola des Priesters empfangen; der sündige Priester wird aber seiner priesterlichen Würde beraubt werden und seinen Platz bei den Ungläubigen und Heuchlern angewiesen erhalten.

Wie das Gericht der Priester strenger ist, so auch ihre Verdammnis

14. Gleichwie aber das Gericht der Priester strenger ist, so ist auch ihre Verdammnis furchtbarer: „Mit zweifachem Schlag zermalme sie.“ (Jer. 17, 18.)

Groß ist die Würde des Priesters, aber groß ist auch sein Verderben, wenn er sündigt. Wenn der Priester, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, gleichwie die Untergebenen sündigt, so wird er nicht auf dieselbe, sondern auf weit schrecklichere Weise als diese, zu leiden haben. Der heiligen Brigitta ward geoffenbart, daß die sündhaften Priester tiefer als alle Teufel in die Hölle herabgestürzt würden. (Revel. lib. 4. c. 135.)

Ach, welch ein Freudentag ist es für die Teufel, wenn ein Priester zur Hölle herabfährt; denn dann geraten alle Bewohner derselben in Bewegung, um solch einem Priester entgegen zu eilen: „Die Hölle von unten ist in Bewegung bei seiner Ankunft — alle Fürsten der Erde erheben sich von ihren Sitzen.“ (Is. 14, 9.)

Alle Fürsten dieses Aufenthaltsortes des Elends erheben sich, um dem verdammten Priester den ersten Platz der Peinen zu überlassen. Alle heben an, fährt derProphet fort, und sagen zu dir: Auch dich hat es getroffen wie uns, und du bist uns gleich geworden. O Priester, eine Zeit lang hast du die Herrschaft über uns besessen, du hast so oft das fleischgewordene Wort auf die Altäre herabsteigen lassen, du hast so viele Seelen von der Hölle befreit; aber jetzt bist du uns ganz gleich geworden, jetzt bist du unglückselig, jetzt wirst du gepeinigt gleich wie wir: Dein Hochmut ist zur Hölle gefahren.

Dein Stolz, welcher dich dazu verleitet hat, Gott und deinen Nächsten zu verachten, hat dich am Ende auch noch hierher geführt: Dein Leichnam ist dahingefallen, daß sogar unter dir sind Motten und deine Decke Würmer. Siehe, als einem König geziemt dir auch ein königliches Lager und ein Purpurkleid; siehe da Feuer und Würmer, welche in alle Ewigkeit an deinem Leib und an deiner Seele brennen und nagen werden. Ach, wie werden alsdann die Teufel alle die Messen verlachen, die der unselige verdammte Priester gelesen hat; wie werden sie ihn verhöhnen, wegen all der Sakramente, die er gespendet und empfangen, wegen all der heiligen Verrichtungen, die er ausgeübt hat: „Sie spotten ihrer Sabbate.“ (Klagel. 1, 7.)

Ein Priester, der verdammt ist, führt viele andere mit sich in die Hölle

15. Habt wohl auf euch acht, o ihr Priester, denn die Teufel versuchen einen Priester heftiger zur Sünde, als sie hundert Laien dazu versuchen; denn ein Priester, der verdammt wird, führt immer noch viele andere mit sich in die Hölle. Der heilige Chrysostomus sagt: Wer einmal den Hirten aus der Mitte herausgerissen, der wird leicht die ganze Herde zerstreuen, (Homil. 1. in 1. ad Tim.) und ein anderer frommer Schriftsteller sagt: Man trägt im Krieg weit mehr Verlangen nach dem Anführer, als nach den einfachen Kämpfern, denn im Krieg suchen die Feinde vor allem die Anführer zu töten.

Der heilige Hieronymus (Epist. 22.) fügt noch hinzu: Der Teufel sucht nicht die Ungläubigen aus und jene, die draußen (d. h. außerhalb des Heiligtums) sind, er sucht in der Kirche Christi zu rauben; denn nach Habakuk ist seine Speise auserwählt — dem Teufel sind die Seelen der Geistlichen die aller wohl schmeckendste Speise.

Beweggründe zur Zerknirschung, zur Reue und zum Schmerz wegen der Sünden

(Das Folgende kann man benützen als Beweggründe zur Zerknirschung, um Akte der Reue und des Schmerzes zu erwecken.)

O mein Priester, es scheint, als ob der Herr an dich die Worte richte, die Er eines Tages zu den Israeliten sprach: „Was habe Ich dir getan und wodurch habe Ich dich betrübt? Antworte Mir.“— Sage mir doch, was ich dir Übles zugefügt habe; ja sage mir, welches Gute ich dir nicht erwiesen hätte? Siehe, Ich habe dich aus dem Land Ägypten geführt; ich habe dich aus der Welt herausgerissen, ich habe dich unter so vielen Weltleuten auserwählt, um dich zu meinem Priester, zu meinem Diener, zu meinem Vertrauten zu machen. Und du hast deinem Heiland das Kreuz bereitet; und du hast um jenes elenden zeitlichen Vorteils, um jener verächtlichen Lust willen Mich von neuem ans Kreuz geheftet.

Ich habe dich mit Manna in der Wüste gespeist; ich habe dich in der Wüste hienieden alle Morgen mit dem himmlischen Manna gespeist, und du hast Mich mit Backenstreichen und Geißelhieben geschlagen; mit jenen unanständigen Reden, mit jenen ungebührlichen Handlungen. Was hätte Ich noch mehr tun sollen, das Ich nicht getan hatte? Ich pflanzte dich als einen auserlesenen Weinberg und du bist Mir all so bitter geworden. Ich bestimmte dich zu einem Weingarten, woran ich meine Lust hätte, indem ich so viele Erleuchtungen und Gnaden in dein Herz pflanzte, welche mir süße und liebliche Früchte hervorbringen sollten, und du hast nur bittere Früchte getragen.

Ich gab dir einen königlichen Zepter, ich habe dich zu einem König gemacht und dich höher erhoben, als alle Könige hier auf Erden, und du hast Mir für Mein Haupt eine Dornenkrone dargereicht, indem du in all’ jene bösen Gedanken eingewilligt hast. Ich habe dich erhoben und so hoch erhoben, daß ich dich zu meinem Statthalter auf Erden gemacht, dass ich dir die Schlüssel des Himmels gereicht, ja dass ich dich, so zu sagen, zu einem Gott auf Erden gemacht habe, und du hast mich auf den Kreuzesgalgen geheftet, und du hast meine Gnade und meine Freundschaft, kurz, alles so sehr verachtet, dass du mich von Neuem gekreuzigt hast. –

aus: Alphons Maria von Liguori, Der Priester in der Einsamkeit, 1856, S. 45 – S. 60

siehe dazu auch den Beitrag: Pius XI.: Die erforderliche Heiligkeit des Priesters – Auszug aus dem Rundschreiben „Ad catholoci sacerdotii“ v. 20. Dezember 1935

sowie den Beitrag: Pius XII.: Die Heiligkeit des Priesterlebens – Apostolische Ermahnung von Papst Pius XII. vom 23. September 1950

siehe auch den Beitrag: Worin die Bosheit der Todsünde besteht

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