Die erforderliche Heiligkeit des Priesters

Hut, bischöflicher Krummstab, Kleidungsstücke eines Papstes

Porträt des Papstes Pius XI Er schaut nach rechts, ernst und vornehm

Pius XI.: Die erforderliche Heiligkeit des Priesters

Auszug aus dem Rundschreiben „Ad catholoci sacerdotii“ v. 20. Dezember 1935

Erhabene Würde des Priestertums

1236 Erhaben ist also, Ehrwürdige Brüder, die Würde des Priesters. Sind auch die Schwächen einiger Unwürdiger noch so beklagenswert und schmerzlich, so können sie doch nicht den Glanz einer so hohen Würde verdunkeln; zumal da man ihretwegen die Verdienste so vieler Priester nicht vergessen darf, die sich durch Tugend und Wissen, durch Werke des Seeleneifers, ja selbst durch das Martyrium ausgezeichnet haben. Dazu kommt, dass die Unwürdigkeit des Trägers keineswegs die Ausübung des Amtes ungültig macht. Die Unwürdigkeit des Spenders berührt nicht die Gültigkeit der Sakramente. Diese empfangen ja ihre Wirksamkeit vom Blute Christi, unabhängig von der Heiligkeit des Werkzeuges: sie üben ihre Wirksamkeit nach dem Sprachgebrauch der Scholastik ex opere operato aus.
1237 Trotzdem verlangt gerade die Würde des Priesters in ihrem Träger einen Hochsinn, eine Reinheit des Herzens und eine Heiligkeit des Lebens, wie sie der Erhabenheit und Heiligkeit des priesterlichen Amtes entspricht. Dieses macht ja, wie Wir schon gesagt haben, den Priester zum Mittler zwischen Gott und den Menschen, in Vertretung und im Auftrage dessen, der da ist „der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus“ (1 Tim. 2,5).
Darum muss auch der Priester der Vollkommenheit Christi, dessen Stelle er vertritt, möglichst nahe kommen und sich Gott immer wohlgefälliger machen durch die Heiligkeit des Lebens und Wirkens; denn mehr als den Duft des Weihrauchs, mehr als den Glanz der Altäre und Tempel liebt und wünscht Gott die Tugend. „Wer zwischen Gott und dem Volke Mittler ist“, sagt der hl. Thomas, „muss im Glanze eines reinen Gewissens vor Gott und in gutem Rufe bei den Menschen stehen“ (Thomas von aquin, Sum. theol., Suppl. q. 36, a. 1 ad 2).
Anderseits aber, wenn jemand, der heilige Dinge zu besorgen oder zu verwalten hat, ein tadelnswertes Leben führt, so entheiligt er sie und macht sich des Sakrilegs schuldig: „Wer nicht heilig ist, soll auch nicht mit Heiligem umgehen“ (Decret., dist. 88 can. 6).

Erforderliche Heiligkeit

Im Vergleich zum Alten Bunde

1238 Darum befahl Gott im Alten Bunde seinen Priestern und Leviten: „Sie sollen heilig sein, weil auch ich, der Herr, heilig bin, ich, der sie heiligt“ (Lev. 21,8). Um Heiligkeit bittet den Herrn auch der weise Salomon im Lied der Tempelweihe für die Söhne Aarons: „Mögen deine Priester sich in Gerechtigkeit kleiden; mögen deine Heiligen frohlocken“ (Ps. 131,9). Nun wohl, Ehrwürdige Brüder, „wenn so große Gerechtigkeit, Heiligkeit und Eifer schon von jenen Priestern verlangt wurde“ so sagen Wir mit dem hl. Robert Bellarmin, „die doch nur Schafe und Rinder opferten und Gottes Lob sagen nur für zeitliche Wohltaten, was wird dann erst von den Priestern verlangt, die das göttliche Opferlamm darbringen und Dank sagen für ewige Wohltaten?“ (Robert Bellarmin, Explanatio in Psalmos, Ps. 131, 9. Edit. Lugduni 1679) „Groß ist die Würde der Vorsteher“, ruft der hl. Laurentius Justinianus aus, „aber größer die Verantwortung: zu erhabener Stellung vor den Augen der Menschen erhoben, müssen sie auch auf dem Gipfel der Tugend vor dem Auge des Allwissenden stehen; sonst gereicht ihnen ihre Gewalt nicht zum Verdienst, sondern zum Gericht“ (Laurentius Justinianus, De instit. et regimine prael. c. 11; Edit. Venet. 1606, fol. 380-381).

Für die Darbringung des Messopfers

1239 Und in der Tat können jetzt alle von Uns oben angeführten Beweisgründe für die Würde des katholischen Priestertums gleichfalls als Beweise für die Pflicht des Priesters dienen, nach hoher Heiligkeit zu streben. Denn „zur würdigen Ausübung der Weihen genügt nicht“, wie der hl. Thomas lehrt, „irgend eine Stufe der Vollkommenheit, sondern ein hervorragenden Grad der Tugend wird verlangt; wie nämlich durch den Weihegrad der Empfänger der Weihe über das Volk gestellt wird, so soll er auch durch das Verdienst seiner Heiligkeit über ihm stehen“ (Thomas von Aquin, Sum. theol., Suppl. q. 35, a. 1 ad 3). Wirklich fordert das eucharistische Opfer, in dem sich das unbefleckte Opferlamm, das da die Sünden der Welt hinweg nimmt, selbst darbringt, in besonderer Weise, daß der Priester durch ein reines und unbeflecktes Leben sich Gottes möglichst wenig unwürdig mache. Täglich bringt er ja ihm jene anbetungswürdige Opfergabe dar, die da Gottes Wort selbst ist, das aus Liebe zu uns Fleisch ward. „Beachtet, was ihr tut, und ahmt nach, was ihr vollzieht“, spricht die Kirche durch den Bischof zu den Diakonen, die bald zu Priestern geweiht werden sollen (Römisches Pintificale, Priesterweihe, Ermahnung an die Weihekandidaten).

Für die Verkünder der Wahrheit

1240 Der Priester ist ferner der Ausspender der göttlichen Gnade, die uns durch die Sakramente zuströmt. Aber gar ungeziemend und widerspruchsvoll würde es für einen solchen Gnadenspender sein, wenn er selbst jene so kostbare Gnade nicht besäße oder sie auch nur gering einschätzte und nachlässig behütete. Der Priester soll weiterhin die Wahrheit des Glaubens verkünden! Aber die religiöse Wahrheit wird am würdigsten und wirksamsten gelehrt, wenn der Lehrer groß ist an Tugend. Deshalb sagt ein bekanntes Wort: „Worte bewegen, Beispiele reißen hin.“ Der Priester muss das Gesetz des Evangeliums verkünden! Aber zur Erreichung der Annahme dieses Gesetzes gibt es mit der Gnade Gottes kein annehmbareres und überzeugenderes Motiv als das Vorbild der Gesetzestreue im Leben dessen, der die Gesetzes-Beobachtung einschärft. Den Grund dafür gibt der hl. Gregor der Große an: „Jenem Wort gewährt der Hörer lieber Eingang in sein Herz, das der Lebenswandel des Sprechers empfiehlt; denn was dieser durch sein Wort verlangt, hilft er durch sein Beispiel bereits verwirklichen“ (Gregorius Magnus, Epist. I, ep. 25. PL 77, 470). So sagt auch die Heilige Schrift vom göttlichen Erlöser: „Er fing an zu handeln und zu lehren“ (Apg. 1,1), und die Volksmenge jubelte im zu, nicht so sehr weil „noch nie einer so gesprochen hatte wie dieser“ (Joh. 7,46), sondern vielmehr weil „er alles gut gemacht hat“ (Mark. 7,37).

Lehre und Lebenswandel

1241 Alle hingegen, „die lehren, aber nicht nach ihrer Lehre handeln“, machen sich den Schriftgelehrten und Pharisäern gleich, die derselbe göttliche Heiland von der lauschenden Volksmenge tadelte mit einem Vorwurf, der zugleich das Ansehen des Gotteswortes schützte, das jene gesetzmäßig predigten: „Auf dem Lehrstuhl Moses sitzen Schriftgelehrte und Pharisäer; alles, was sie euch sagen, tuet und beobachtet, nach ihren Werken aber sollt ihr nicht handeln“ (Matth. 23,2-3). Ein Prediger, der sich nicht bemüht, die Wahrheit, die er lehrt, durch seinen Lebenswandel zu bekräftigen, würde mit der einen Hand zerstören, was er mit der andern aufbaut. Reichlich dagegen segnet Gott die Mühen der Bannerträger des Evangeliums, die vor allem auf die eigene Heiligung Gewicht legen. Sie werden zahlreiche Blüten und Früchte ihres Apostolates wachsen sehen, und am Tage der Ernte „kehren sie jauchzend heim mit ihrem Garben in den Armen“ (Ps. 125,6).

Die Seele des Apostolates

1242 Es wäre ein schwerer und gefährlicher Irrtum, wenn ein Priester aus falschem Eifer die eigene Heiligung vernachlässigte, um in den äußern Arbeiten seines Priesterberufes, so wertvoll sie auch sind, ganz unterzugehen. Denn dadurch brächte er nicht bloß sein eigenes ewiges Heil in Gefahr, wie der große Völkerapostel es von sich selbst sagt: „Ich züchtige meinen Leib und mache ihn mir dienstbar, damit ich nicht etwa verloren gehe, nachdem ich andern gepredigt habe“ (1 Kor. 9,27); nein, er setzte sich auch der Gefahr aus, wenn nicht Gottes Gnade selbst, dann sicher jene Salbung des Heiligen Geistes zu verlieren, die dem äußern Apostolat eine wunderbare Kraft und Wirksamkeit verleiht.

Die priesterlichen Tugenden

1243 Übrigens, wenn schon zu allen Christen gesagt ist: „Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matth. 5,48), um wie viel mehr müssen dann aber die Priester dieses Wort des göttlichen Meisters auf sich beziehen, weil sie ja in besonderer Weise zu seiner näheren Nachfolge berufen sind. Darum schärft die Kirche diese ernste Pflicht offen in ihrem Gesetzbuch allen Klerikern ein: „Die Kleriker haben die Pflicht, ihr inneres Leben und ihr äußeres Benehmen heiliger als die Laien zu gestalten und in Tugend und rechtem Handeln ihnen als Beispiel voran zu leuchten“ (Cod. iur. can. c. 124). Da der Priester „an Christi Statt die Sendung ausübt“ (2 Kor. 5,20), muss er auch in seinem Leben nach Kräften das Wort des Apostels wahr machen: „Ahmt mich nach, wie ich meinerseits Christus nachahme!“ (1 Kor. 4,16; 11,1.) Er muss wie ein zweiter Christus leben, der mit dem Glanze seiner Tugend die Welt erleuchtete und noch heute erleuchtet.

Frömmigkeit und Gebetsleben

1244 Gewiß sollen alle christlichen Tugenden in der Seele des Priesters blühen. Es gibt aber doch einige, die sich für den Priester in ganz besonderer Weise ziemen und ihm mehr entsprechen. Das ist nach der Mahnung des Apostels an seinen lieben Timotheus an erster Stelle die Frömmigkeit: Übe dich in der Frömmigkeit (1 Tim. 4,7). Wirklich, so innig, so zart und häufig ist ja der Verkehr des Priesters mit Gott, dass er ohne Zweifel begleitet und wie durchdrungen sein muss vom Duft der Frömmigkeit. „Frömmigkeit ist zu allem nützlich“ (1 Tim. 4,8), somit ganz besonders zur rechten Ausübung des priesterlichen Amtes. Ohne Frömmigkeit werden der heiligste Dienst und die erhabensten Riten des heiligen Amtes mechanisch und gewohnheitsmäßig ausgeübt. Es fehlt ihnen den Geist, die Salbung und das Leben. Die Frömmigkeit jedoch, Ehrwürdige Brüder, von der Wir hier sprechen, ist nicht jene leichtfertige und oberflächliche Frömmigkeit, die gefällt, aber nicht stark macht, die angenehme Gefühle weckt, aber nicht heiligt. Wir meinen jene gediegene Frömmigkeit, die nicht den unbeständigen Schwankungen des Gefühls unterworfen ist, sondern sich stützt auf die Grundsätze ganz sicherer Doktrin; die Frömmigkeit, die somit entstanden ist aus festen Überzeugungen heraus, die auch den Angriffen und Schmeicheleien der Versuchung Widerstand leisten.
Und diese Frömmigkeit muss sich zwar an erster Stelle in kindlicher Liebe auf den Vater im Himmel richten, muss sich dann aber auch auf die Gottesmutter erstrecken, und zwar mit größerer Zärtlichkeit beim Priester als bei den einfachen Gläubigen, weil besonders wahre und tiefe Ähnlichkeit besteht zwischen den Beziehungen des Priesters zu Christus und denen Marias zu ihrem göttlichen Sohn. –
aus: Anton Rohrbasser, Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII., 1953, S. 815 – S. 820

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