Ursachen für das Martyrium Mariens

Das Martyrium der schmerzhaften Mutter Jesu: Maria sitzt auf einem steinernen Stuhl mit lateinischer Inschrift, ein Schwert ins Herz gestoßen, die Hände über der Brust gekreuzt; auf ihrem Schoß liegt einen Dornenkrone, rechts steht der Lieblingsjünger Johannes mit geneigtem Kopf; rechts gebeugt und weinend eine Frau, die ein Kreuz hält; über ihr steht ein Engel, der mit beiden Händen auf das Kreuz zeigt

„Vergiß nicht die Schmerzen deiner Mutter.“

Die Ursachen für das Martyrium Mariens

Um welcher Ursache willen hat nun Maria alle ihre Leiden erduldet? Maria, die Mutter des göttlichen Stifters der heiligen Kirche und zugleich auch die geistige Mutter aller Kinder der Kirche, hat Alles, was sie gelitten, einzig nur um ihres göttlichen Sohnes willen und für ihre geistigen Kinder erduldet; allein nur, weil sie die Mutter Christi war, und als Mutter Christi auch unsere Mutter ist. Nun aber lehrt der heilige Thomas von Aquin: „Zweifach ist die Ursache des Martyriums, nämlich um der göttlichen Ehre und um des Heiles des Nächsten willen.“ (Super II. Tim. c. II. Lect. 2.) Das Leiden Mariä ging also aus den für das Martyrium erforderlichen Ursachen hervor, und zwar aus den tiefsten, reinsten und großartigsten; denn sie litt nicht als Dienerin, sondern als Mutter Gottes, nicht bloß, wie andere Gläubige, des Glaubens wegen, sondern um des Urhebers des Glaubens willen, nicht bloß wegen einer oder der andern Tugend, sondern wegen des ganzen Erlösungs-Werkes für die gesamte Menschheit, wegen der Stiftung der Kirche auf Erden, um des ganzen Reiches Gottes willen; sie litt nicht bloß für sich und ihretwegen, sondern aller Menschenkinder wegen und für jedes einzelne derselben. Maria hat mit ihrem göttlichen Sohne und wie ihr göttlicher Sohn gelitten, um die göttliche Gerechtigkeit für das ganze Menschengeschlecht zu versöhnen, und Gottes Ehre im Himmel und auf Erden wieder herzustellen, um das ganze Menschengeschlecht aus dem ewigen Untergang zu erretten, und dem Himmel zu gewinnen, zwar nicht als Miterlöserin (siehe dazu den Beitrag: Das Mitleiden Mariens als Miterlöserin), da sie selbst erlöst worden, und der Erlösungs-Gnaden bedurfte, auch nicht als vor Gott der Genugtuung fähig, da sie nur ein Geschöpf war, sondern als Teilnehmerin und als Mitleidende, wie es keinem andern Geschöpf möglich gewesen wäre; da sie inniger, als jedes andere Geschöpf, mit ihrem göttlichen Sohn vereinigt war, und vereinigt lebte.

Wie die Mutter von dem Sohne nicht getrennt, das Leben der Mutter vom Leben des Sohnes nicht geschieden werden kann; ebenso wenig kann das Leiden der Mutter vom Leiden des Sohnes, ebenso wenig können die Ursachen des Leidens der Mutter von den Ursachen des Leidens des Sohnes getrennt oder geschieden werden. Maria hat aus denselben Ursachen gelitten, wie ihr göttlicher Sohn, unser Herr und Heiland Jesus Christus; Maria hat, wie Christus, nicht wegen der eigenen Sünden, sondern wegen der Sünden Welt, wegen meiner Sünden, wegen deiner Sünden, wegen der Sünden Aller gelitten, und man muss, was von Christus geschrieben steht, in einem gewissen Sinne und in einem gewissen Verhältnis auch von Maria sagen: „Gott hat ihn, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gerechtigkeit würden vor Gott in ihm“ (2. Kor. 5, 21); und: „Christus hat uns erlöst vom Fluch, da er zum Fluch für uns geworden ist“ (Gal. 3, 13); inwiefern nämlich Christus die Sünden der Welt auf sich genommen hat, um durch sein Leiden und Sterben für dieselben genug zu tun, und inwiefern er den Fluch, das heißt, die Sünde, die Sterblichkeit und den Tod, was Gott nicht gemacht hat, was Gottes Werke zerstört, und was darum von Gott gehaßt und verflucht wird, auf sich genommen hat, um ihn durch sein Leiden und Sterben zu entfernen und zu vernichten; und inwiefern Maria an seinem Leiden und an seinem Tode durch mütterliches Mitleiden teilgenommen hat.

Wenn wir leiden, liebe Christen! so leiden wir, nicht als Unschuldige, sondern als Sünder, für uns, und nicht für Andere, um unserer eigenen Sünden willen, und nicht um fremder Sünden willen, zu unserm Heil, und nicht zum Heile Anderer, außer inwiefern wir in der Gemeinschaft der Heiligen leben, und Alles mit allen Kindern der Kirche gemeinschaftlich teilen. Um so mehr müssen uns alle Leiden willkommen sein, um für uns selbst zu büßen und genugzutun; und wenn Maria unschuldig Solches für uns leidet, wie könnten wir Schuldige uns weigern, zur eigenen Genugtuung und zum eigenen Verdienst zu leiden? Wenn wir unsere himmlische Mutter unsertwegen leiden sehen, wie könnten wir Kinder nicht um unserer selbst willen leiden wollen? Könnten wir neben dieser leidenden Mutter auch nur wünschen, nicht zu leiden? Soll der Schmerz der Mutter nicht auch der Schmerz der Kinder sein? Oder kann ein Kind lachen, wenn seine Mutter weint? Wären wir aber auch an den Leiden, das wir zu ertragen haben, ganz unschuldig; sollten wir es nicht schon deshalb willig, ergeben, großmütig erdulden, damit wir dadurch unserer geliebten Mutter ähnlich werden, und ihr ihre Mutterliebe mit unserer Kindesliebe auch in dieser Beziehung wenigstens nach unserer Schwachheit vergelten?

„Vergiß nicht die Schmerzen deiner Mutter.“

Es wird uns auch niemals ein Leiden drücken, welches mit dem Leiden Mariä auch nur von fern verglichen werden könnte. Denn die Mutter des Herrn hat nicht nur um ihres göttlichen Sohnes willen gelitten, sondern sein ganzes inneres und äußeres Leiden selbst mitgelitten, inwieweit es ihrer reinen, aber gnadenvollen, Menschennatur möglich war. Wenn heilige Seelen die Gnade hatten, das ganze Leben Christi im Geiste zu schauen, sein heiliges Leiden nicht nur in sich mitzufühlen, sondern auch das, was der heilige Paulus mit den Worten bezeichnet: „Ich trage die Wundmale des Herrn Jesus an meinem Leibe“ (Gal. 6, 17), tatsächlich und in Wirklichkeit mitzuleiden; müssen wir nicht annehmen, daß diese Gnade, wenn auch aus Gott bekannten Gründen nicht äußerlich sichtbar, doch innerlich und in der Wirklichkeit, aber in einem um so höheren Grad, der Mutter des Herrn zu Teil geworden sei?

Maria selbst sprach einst zur heiligen Brigitta: „Alles Lob meines Sohnes ist mein Lob, und wer ihn entehrt, der entehrt mich; denn ich habe ihn, und er hat mich so sehr geliebt, daß wir beide gleichsam Ein Herz waren.“ (Revel. Libr. III. c. 29) Oder wer war mit dem Herrn inniger vereinigt, als die Mutter, wessen Wille seinem Willen, wessen Liebe seinem Herzen, wessen Seele seiner Seele, wessen Leben seinem Leben, wessen Heiligkeit seiner Heiligkeit gleichförmiger; und wenn der heilige Paulus von den auserwählten sagt: „Die (Gott) vorher gesehen, hat er auch vorher bestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu werden“ (Röm. 8, 29); müssen wir dies nicht vor Allen von Maria, und von Maria auch im Leiden annehmen? Kein Mensch, kein Heiliger, kein Märtyrer ist dem göttlichen Erlöser im Leiden so ähnlich geworden, und hat sein allerheiligstes Leiden so mitgelitten, wie seine jungfräuliche Mutter Maria; ja, der heilige Bernardus behauptet: „Der Schmerz der Jungfrau war so groß, daß, wenn er auf alle Geschöpfe, die leiden können, verteilt würde, alle darunter erliegen müssten“ (Serm. 61. art. 3. c. 2) und der heilige Anselmus spricht zu Maria. „“Was immer Grausames den Leibern der Märtyrer angetan wurde, war gering, oder vielmehr nichts im Vergleich mit deinem Leiden.“ (De excellent. Virg. c. 5) –
aus: Georg Patiss SJ, Über die Leiden Mariä der Königin der Märtyrer, 1884, S. 11 – S. 14

Category: Marienpredigten, Patiss
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