Maria unterwarf sich dem dreifachen Gesetz

Das Martyrium der schmerzhaften Mutter Jesu: Maria sitzt auf einem steinernen Stuhl mit lateinischer Inschrift, ein Schwert ins Herz gestoßen, die Hände über der Brust gekreuzt; auf ihrem Schoß liegt einen Dornenkrone, rechts steht der Lieblingsjünger Johannes mit geneigtem Kopf; rechts gebeugt und weinend eine Frau, die ein Kreuz hält; über ihr steht ein Engel, der mit beiden Händen auf das Kreuz zeigt

Das Leiden Mariä in ihrer Reinigung

Maria unterwarf sich dem dreifachen Gesetz Israels

„Da die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz erfüllt waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen.“ (Luk. 2, 22)

In der Beschneidung ihres göttlichen Sohnes sah Maria, wie er sich dem Gesetz unterwarf, das nur für Sünder gegeben war, und litt mit ihm die großen, vielseitigen Leiden, welche mit dieser Unterwürfigkeit in Verbindung standen. Nach wenigen Tagen sollte auch Maria nach dem Beispiel ihres göttlichen Sohnes einem Gesetz sich unterziehen, das ebenfalls nur für Sünderinnen gegeben, und für sich höchst schmerzlich und leidensvoll war.
Gott hatte im alten Bund ein Gesetz gegeben, vermöge dessen jede Mutter nach der Geburt eines Sohnes vierzig Tage lang für unrein erklärt wurde, am Ende dieser tage nach der Vorschrift desselben Gesetzes im Tempel des Herrn erscheinen, und den Zeremonien der Reinigung sich unterwerfen mußte. (Lev. 12, 2.3.4.)

Ein zweites Gesetz Gottes befahl, daß eine solche Mutter bei dieser Gelegenheit, wenn sie wohlhabend oder reich war, Gott ein Lamm als Brandopfer, und eine junge Taube oder Turteltaube als Sündopfer, wenn sie aber arm war, nur ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben, die eine als Brandopfer, die andere als Sündopfer, darbringen sollte. (ebd. V. 6. 7. 8.)

Ein drittes Gesetz Gottes gebot, daß der erstgeborene Sohn Gott geopfert und geweiht werden sollte (Exod. 13, 2) zur dankbaren Erinnerung daran, daß Gott in Ägypten, während er alle Erstgeburt der Ägypter, tötete, die Erstgeburt der Israeliten verschont hatte; der Geopferte konnte jedoch für fünf Seckel Geldes zurück gekauft werden. (Num. 3, 47)

Dieses dreifache göttliche Gesetz war für alle Mütter in Israel in Bezug auf ihre erstgeborenen Söhne von Gott gegeben, und wurde immer auf das Genaueste beobachtet. Im Angesicht der Menschen galt dieses Gesetz nun auch für Maria in Bezug auf ihren göttlichen Sohn; aber in der Wahrheit war sie zur Erfüllung desselben nicht verpflichtet. Denn Maria hatte ihr Kind von Gott dem heiligen Geist empfangen; ihr Sohn war der Sohn Gottes selbst, und er wurde ihr von Gott dem Vater zu ihrem Sohn geschenkt und gegeben, ja zu ihrem Sohn gemacht; sie ist durch ihre Mutterschaft nicht nur nicht verunreinigt, sondern wunderbar geheiligt worden; und sie ist neben ihrer Mutterschaft unversehrte Jungfrau geblieben. Daher spricht auch der heilige Bernardus zu Maria: „Nichts war in dieser Empfängnis, nichts in dieser Geburt unrein, nichts unerlaubt, nichts zu reinigen, da nämlich dieses Kind die Quelle der Reinheit, und dazu gekommen ist, die Reinigung von den Sünden zu bewirken. Was soll dieser gesetzliche Gebrauch an mir reinigen (kannst du sagen), da ich durch diese unbefleckte Geburt die Allerreinste geworden bin? Wahrhaftig, o allerseligste Jungfrau! Wahrhaftig, du hast keine Ursache zur Reinigung, und dieselbe auch nicht nötig.“ (Serm. 3. de Purific.) Hat sich Maria aber dennoch dieser Reinigung unterzogen?

Allerdings, geliebte Christen! Und wir wollen sehen, unter welchen Leiden. Ich sage zu diesem Zweck:

Maria hat auch ihre gesetzliche Reinigung und die Darstellung ihres göttlichen Sohnes im Tempel unsägliche Schmerzen gekostet, und darin hat sie den Gehorsam und die Demut ihres göttlichen Sohnes nachgeahmt, die auch wir nachahmen sollen.

Daß Maria sich der Erfüllung dieses dreifachen Gesetzes unterzogen habe, bezeugt das heilige Evangelium mit folgenden Worten: „Da die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz Moses erfüllt waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geheiligt werden; und um ein Opfer darzubringen, wie es im Gesetz des Herrn geboten ist, ein paar Turteltauben oder ein Paar junge Tauben.“ (Luk. 2, 22-25) Da ist also gesagt, daß Maria und Joseph das göttliche Kind vierzig Tage nach seiner Geburt nach Jerusalem in den Tempel gebracht haben, denn so „waren die Tage nach dem Gesetz Moses erfüllt“; daß sie das göttliche Kind dort „dem Herrn dargebracht“, und folglich auch das vorgeschriebene Opfer und das geforderte Lösegeld entrichtet haben; daß Maria auch das für die Reinigung bestimmte Brandopfer und Sündopfer, nämlich „ein paar Turteltauben oder ein Paar junge Tauben“, auf den Altar des Herrn gelegt, und folglich der vorgeschriebenen Reinigung sich unterzogen habe. Maria hat also, wie der heilige Evangelist Lukas es ausdrücklich bemerkt, dieses dreifache Gesetz buchstäblich erfüllt.

Der heilige Thomas von Aquin gibt die Ursachen an, warum Maria diesem Gesetz sich unterworfen habe, und sagt, sie habe es aus dem Grunde getan, um ihrem göttlichen Sohn in dem Gehorsam und in der Demut gleichförmig zu werden; denn er schreibt: „Wie die Fülle der Gnade von Christus auf die Mutter übergeleitet wurde, so geziemte es sich auch, daß sie der Demut des Sohnes gleichförmig wurde; denn den Demütigen gibt Gott Gnade. Wie daher Christus, obwohl er dem Gesetz nicht unterworfen war, dennoch der Beschneidung und andern Lasten des Gesetzes sich unterziehen wollte, um das Beispiel der Demut und des Gehorsams zu geben, um das Gesetz zu achten, und den Juden die Gelegenheit zur Anklage zu benehmen; so hat er wegen derselben Ursachen auch gewollt, daß seine Mutter ebenfalls die gesetzlichen Gebräuche beobachtete, obwohl sie dazu nicht verpflichtet war.“ (P. III. q. 37. a. 4. 0) Der heilige Bernardus weist auf dieselben Ursachen hin; denn er spricht zu Maria: „War denn deinem Sohn die Beschneidung notwendig? Nun denn, so sei du unter den Weibern wie Eine von ihnen; denn auch dein Sohn ist so wie Einer aus der Zahl der Knäblein.“ (Serm. 3. de Purific.) Es war die Mutterliebe zu ihrem göttlichen Kinde, welche sie zu diesem Schritt bewog; es war das Vorbild aller Vollkommenheit, das sie an ihrem göttlichen Kinde schaute, und das sie nachahmen wollte; und dieser Liebe, diesem Streben musste jede andere Rücksicht weichen, was für ein Leiden daraus für sie auch erfolgen sollte. War es ja überdies auch noch ihr göttliches Kind, das sich hier wieder dem Gesetz unterzog, sich opferte und auslösen ließ.

Wie großmütig und begeistert, geliebte Christen! würden auch wir in jeder Tugendübung, in jeder Bemühung und Anstrengung, in jedem Kampf und Opfer für die Tugend sein; wenn eine wahre Liebe zu Gott, unserm Erlöser, in unsern Herzen flammte, wenn wir Sinn und Gefühl für das schöne, erhabene Bild aller Vollkommenheit hätten, das uns an dem Sohn Gottes entgegen strahlt! Eifert nicht jedes gute Kind seinem Vater, jeder mutige, tapfere Krieger seinem Feldherrn nach? Und ist der Sohn Gottes nicht darum Mensch geworden, hat er nicht darum ein volles Menschenleben durchlebt, um uns in Allem Beispiel und Vorbild zu sein, und so wunderbar durchgelebt, daß in unserm Leben von der Wiege bis zum Grabe nichts vorkommen kann, wofür wir nicht in seinem Leben das vollendetste Muster der Nachahmung finden? Ist es überdies nicht Glaubenslehre, daß es für uns keine Seligkeit gibt, wenn unser Leben nicht wenigstens im Wesentlichen dem Leben des Herrn gleichförmig ist? (Röm. 8, 29) Ist das nicht unser Beruf, unsere erste und eigentlichste und ganze Lebensaufgabe, die wir als Christen zu erfüllen haben, wenn wir dieses glorreichen Namens wert und würdig sein, und das Zeichen der Auserwählung an uns tragen wollen? Daher ruft uns auch der Apostelfürst Petrus zu: „Wenn ihr Gutes tut und geduldig leidet, das ist Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus für uns gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolget.“ (1. Petr. 2, 20. 21) Und gibt uns hierin nicht unsere Mutter Maria das herrlichste Beispiel? Waren ihre Blicke nicht immer auf ihren göttlichen Sohn gerichtet, und war nicht er der Beweggrund und die Richtschnur aller ihrer Handlungen, wie leidensvoll dieselben sich dadurch auch gestalten mochten, wie wir dies auch in den Geheimnissen sehen, die wir heute erwägen. Denn leidensvoll und leidensschwer war für sie die Zeremonie der Reinigung, das Opfer der Reinigung, die Darstellung uns Auslösung ihres göttlichen Sohnes. –
aus: Georg Patiss SJ, Über die Leiden Mariä der Königin der Märtyrer, 1884, S. 104 – S. 108

Bildquellen

  • Bitschnau Schmerzhafte Mutter Jesu Maria: Bildrechte beim Autor
Category: Marienpredigten, Patiss
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