ABC der Scholastik Ein Gespräch

In einem Zimmer steht der heilige Thomas von Aquin mit einem aufgeschlagenen Buch und einer Schreibfeder und schaut auf den gekreuzigten Jesus, der mit der Dornenkrone auf seinem Haupt und mit einem strahlenden Heiligenschein auf den heiligen Thomas schaut

Das ABC der Scholastik – Ein Gespräch

Aus dem Vorwort:

Ein ABC der Scholastik zu schreiben, mag überdies nicht nur als etwas Weniges und Geringfügiges, sondern selbst als etwas ganz Antiquiertes und Verächtliches erscheinen, wie die Scholastik selbst dafür gehalten wird. Aber für desto wichtiger und großartiger und herrlicher und erhabener sehe ich es an. Denn ich bin überzeugt, daß es ohne dieses ABC der Scholastik keinen wahrhaft gebildeten Kopf, keine wahre Gelehrsamkeit, keine wahre Wissenschaft geben könne. Was aber in der Wissenschaft für wichtige, großartige, herrliche und erhabene Dinge liegen, und wohin die Menschheit ohne alles dies kommen müßte, das leuchtet von selbst ein.
Über dieses ABC der Scholastik erlaube ich mir ein Zwiegespräch, welches seinem wesentlichen Inhalt nach wirklich stattgefunden hat, anzustellen zwischen einem Akademiker, der die Scholastik haßt, und einem Scholastiker, der sie liebt; …
Endlich bleibt mir nur noch übrig, um unparteiische Zuhörer oder Leser zu bitten, und zu ersuchen, daß, was ohne Leidenschaft gesagt oder geschrieben ist, auch ohne Leidenschaft angehört oder gelesen werde, damit die Wahrheit ihr Recht und ihren Platz finde.

Gespräch zwischen einem Akademiker und einem Scholastiker

Eine erhabene Methode

Akademiker:
Bei solcher Auffassung der Sache könnte man versucht werden, vor der Scholastik sogar Ehrfurcht zu fühlen; denn sie erscheint als eine sehr tief gehende und als eine eben so hehre und erhabene Methode, gegen welche sich nicht nichts einwenden läßt, sondern die man um so mehr bewundern muß, je mehr man sie kennen lernt.

Scholastiker:
Es ist bei ehrlichen Männern nur Unkenntnis und Vorurteil, wenn sie sich gegen diese durch ihr Altertum ehrwürdige, durch so lange Erfahrung erprobte, und durch den Gebrauch der heiligsten und gelehrtesten Männer sich empfehlende Methode ereifern; es muß aber tief verletzen, und bitter schmerzen, wenn man sieht und hört, wie Männer, die an Tugend und Gelehrsamkeit den heiligen Vätern und Lehrern der katholischen Kirche, wie armselige Zwerge, die bedeutungslos verschwinden, gewaltigen Riesen gegenüber stehen, welche die übrigen Menschenkinder durch alle Jahrhunderte überragen, nicht nur diese Form an ihnen verachten, sondern sie selbst in ihrer unübertroffenen Weisheit und Gelehrsamkeit wie unmündige Schulknaben behandeln, sie vor den Richterstuhl ihres aufgeblasenen Wissens schleppen, und wie unfehlbare Götter über sie urteilen; nebenbei aber selbst kaum etwas Gutes und Weises zum Vorschein zu bringen im Stande sind, was sie nicht aus deren unsterblichen Werken geschöpft haben, oder ihnen nachsprechen, und von dem Eigenen nicht selten nur Material für den Index liefern. Von solchen gelten die Worte der Schrift:

Wie ein zerstörtes Haus ist die Weisheit des Toren, und unverständliche Reden sind die Weisheit des Toren. Dem Toren ist die Lehre wie Fußeisen an den Füßen, und wie Handfesseln an der rechten Hand. (Ekkl. 21, 21 u. 22) Der Spötter sucht Weisheit, und findet sie nicht. (Prov. 14,6) Wo Hoffart ist, da wird auch Schmach sein: wo aber Demut ist, da ist die Weisheit. (Prov. 11,2)

Sie geben sich den Anschein, als besäßen sie das Monopol der Wissenschaft, und als kennten sie nichts über sich, neben sich, und vor sich, was Geltung hätte, so lange es nicht ihrer allerhöchsten Billigung oder Duldung sich erfreute. (Pius IX., Breve „Eximiam tuam“ 15. Juni 1857)

Akademiker:
Ich muß bekennen, daß mich die hochfahrende, selbstgenügende und rohe Sprache mancher Verfechter der modernen Wissenschaft selbst oft anekelte, und ich war stets überzeugt, daß auf solche Weise keine Verständigung und selbst kein Fortschritt unter den katholischen Gelehrten zu erzielen sei; denn was hat die Wissenschaft mit der Leidenschaft zu tun? Aber daß die Wissenschaft in letzterer Zeit denn doch ganz riesige Fortschritte gemacht habe, das werden Sie auch nicht leugnen?

Scholastiker:
… Berücksichtigen wir aber die Theologie und die Philosophie, und vergleichen wir deren Stand zur Zeit der Scholastik mit ihrem Stand zu unserer Zeit; so ergeben sich höchst traurige Resultate. Denn seitdem die Scholastik beseitigt worden, ist es möglich geworden, daß man in der Philosophie nichts mehr zu beweisen für gut finden, sondern, wie die Pythia auf dem Dreifuß, Lehrsysteme autoritätsmäßig ohne anderweitige Beweise feststellen, und von den Schülern nicht ein verstehen, sondern blinden Glauben fordern, daß Kant`s „Postulate der Vernunft“, Schellings „Alleinheitslehre“, Hegel`s „absolutes Sein“, und Fichte`s „idealistischer Ich-Götze“ an die Stelle der wahren Philosophie treten, und endlich die ganze Philosophie in Trümmer zerfallen konnte. Nach der Verbannung der Scholastik ist es möglich geworden, in der Theologie die Dogmatik auf das möglich geringste Maß zu beschränken, die Kasuistik abzuschaffen, und aus der Dogmatik wie aus der Moral verschiedene Zweige zu abgesonderten Fächern auszuscheiden, so aus dem Ganzen Teile zu schaffen, die aus ihrem Zusammenhang gerissen, nur mehr Trümmer bilden, und weder von den Professoren zweckmäßig vorgetragen, noch von den Schülern mit dem gehörigen Nutzen studiert werden können. Daher kommt es, daß unsere Theologen nicht selten selbst in der Dogmenlehre keine klaren und richtigen Begriffe mehr erhalten, in den Geheimnislehren aber vollständig unwissend bleiben, und in der Moral ohne feste Prinzipien nur in allgemeinen Anweisungen sich ergehen müssen. Es fehlen ihnen daher die Haupt-Grundlagen für ihren künftigen Beruf, und nach ihrem seichten und verflachten Wissen richtet sich dann auch der Standpunkt der Menge in der Kenntnis und im Verständnis der heiligen Religion.

Man zittert, wenn man in dieser Beziehung den Unterschied zwischen dem Volk zur Zeit der heiligen Väter und Lehrer der Kirche und selbst zur Zeit der Scholastik, und dem Volk unserer Tage in Betracht zieht. Die Folge der Beseitigung der alten Schule ist die Gleichgültigkeit, das Schwanken und selbst der Abfall in Bezug auf den Glauben und auf die Religion. Wenn jedoch in neuester Zeit von einzelnen Männern und Anstalten eine bessere Richtung eingeschlagen wurde, so geschah dies einzig dadurch, daß sie wenigstens teilweise auf die Scholastik zurück gegriffen haben. Das ist der praktische Schaden, der sich aus dieser Verwüstung der Wissenschaften ergeben hat; aber eben so trostlos ist der formelle Nachteil. Denn ohne die scholastische Methode kann man in den transzendentalen Wissenschaften weder die Klarheit in der Idee, noch das richtige Verständnis der Wahrheit in den Urteilen, noch die genaue Einsicht in den Zusammenhang der Schlußfolgerungen gewinnen; und die Folge davon ist, daß man keine Beweiskraft mehr erfaßt, und auch selbst keine Beweiskraft mehr besitzt. Daraus folgt aber notwendig die Verwirrung aller Begriffe, wie wir sie heute überall beobachten, und der unrichtige Gebrauch der Wörter und der Ausdrücke, die in ihrer Anwendung auf die Glaubens- und Sittenlehren selbst die bestgesinnten Männer, ohne daß sie es wissen und wollen, zu Redeweisen verleiten, die sich mit den Dogmen und und mit der Lehre der Kirche nicht vertragen.

Ohne Scholastik kann kein Kopf formiert werden, der in Allem richtig denkt, urteilt und schließt, der mit logischer Schärfe und Korrektheit sich in jedem gegebenen Stoff zu bewegen versteht. Wissen kann man Alles auch ohne die Scholastik; aber der Natur der Sache, der Natur des Geistes und der Natur der Sprache gemäß die Wissenschaft richtig und zweckmäßig verarbeiten kann man ohne Scholastik nicht. Endlich hat man sich auch alle Mühe gegeben, mit der Scholastik die lateinische Sprache aus der Theologie, und namentlich aus der Philosophie zu entfernen. Damit hat man die ganze kirchliche Terminologie, mit dieser das Verständnis der Dogmen, der Canonen, der Konzilien, der heiligen Väter und Lehrer, der ganzen kirchlichen Tradition, ja der Sprache der Kirche verloren; und welche verderblichen Folgen daraus entstehen mußten, kann jeder leicht ermessen, der weiß, wie viel an allem dem gelegen ist.

Sehen Sie, verehrtester Herr! Dies sind die riesigen Fortschritte, welche die Wissenschaft seit der Verbannung der Scholastik gemacht hat; und ob es Fortschritte zum Besseren, oder zum Schlimmeren, oder zum Allerschlimmsten waren, das zu beurteilen überlasse ich ihrem offenen und redlichen Sinn. (s. Alloc. PP. Pii IX. 9 Dec. 1852)

Ihre Verbannung

Akademiker:
Es wird mir immer klarer, daß die Männer des Umsturzes in Kirche und Staat ganz gründlich zu Werke gegangen seien, indem sie sich der Wissenschaften und Künste in allen Zweigen bemächtigt, und daß sie allenthalben, wo sie Einfluß gewinnen konnten, auch ganz gründlich aufgeräumt haben. Es ist mir nun auch klar, wie dazu die Verbannung der Scholastik wesentlich beigetragen habe; denn dadurch ist es erst möglich geworden, alle Begriffe zu verwirren, und die Köpfe zu verrücken; sind aber die Köpfe verrückt, dann bleibt kein Rettungsmittel mehr übrig. Wie lange der Mensch nur moralisch verdorben ist, aber im Besitz der wahren Prinzipien des Glaubens und der Vernunft sich befindet, kann er sich noch helfen; hat er einmal auch diese verloren, dann ist ihm nimmer zu helfen. Was ist nun zu tun?

Scholastiker:
Es gibt nur ein einziges Rettungsmittel, daß man sich nämlich an „die Säule und Grundveste der Wahrheit“ anklammere, und von dem einzigen unfehlbaren Lehrstuhl auf Erden nicht nur in den Dingen des Glaubens, sondern auch in den Dingen des Wissens sich leiten lasse, damit man nicht irre, oder damit man vom Irrtum befreit werde; denn man kann Glauben und Wissen ebenso wenig von einander trennen und scheiden, als die Moral vom Leben, als den Christen vom Menschen. Es muß eben der ganze Mensch mit seinem ganzen Wissen und Wollen, mit seinem ganzen Tun und Lassen, durch und durch und ganz Christ sein; oder er ist es gar nicht. Dies gilt nun aber ganz vorzüglich in Bezug auf Philosophie und Theologie, weil nichts mehr, als diese beiden Zweige der Wissenschaft, das eigentlichste Magisterium der Kirche berührt; und daher hat auch die Kirche zu allen Zeiten ihre ganz besondere Sorge und Wachsamkeit diesen beiden Hauptgegenständen ihres Lehramtes zugewendet, und nicht bloß die Lehre, sondern auch die Lehrmethode, ja die Sprache selbst, und sogar die Terminologie in den Bereich ihrer Jurisdiktion gezogen, und in allem dem ihr Schiedsrichteramt mit aller Vorsicht und Strenge geübt. Wie notwendig und heilsam dies ist, lehrt die Erfahrung aller Jahrhunderte, keine Zeit aber handgreiflicher und schlagender, als die unsrige. Es steht ja eben nur der apostolische Stuhl einzig und allein in der Welt da als der unerschütterliche und unbeugsame Hort aller Wahrheit und alles Rechtes, zu dem die ganze Welt ihre Zuflucht nehmen muß, wenn sie nicht in der babylonischen Verwirrung aller Begriffe über Wahrheit und Recht zu Grunde gehen will. Es ist daher eine ganz unerklärbare Erscheinung, wenn selbst so manche katholische Theologen und Philosophen Deutschlands nichts Ersprießlicheres tun zu können glauben, als fortwährend an der Autorität des apostolischen Stuhles zu mäkeln, und zu rütteln, um die Wissenschaft von derselben zu emanzipieren, und eine Freiheit der Wissenschaft zu gewinnen, die nichts mehr vor dem Irrtum und vor dem Verderben zu schützen vermöchte. Sie scheinen es nicht einzusehen, wie sie den Umsturz-Männern in Kirche und Staat wie die gefügigsten und hurtigsten Werkzeuge in die Hände arbeiten.

Akademiker:
Aber ist es denn wahr, was Sie Anfangs behauptet, daß nämlich die Scholastik eine in der Kirche und von der Kirche anerkannte, gebilligte, behauptete, und verteidigte Lehrmethode sei, wie keine andere?

Scholastiker:
Das nachzuweisen, kostet keine sonderliche Mühe. Denn sie wurde Jahrhunderte lang unter den Augen und mit der Zustimmung des Papstes in Rom und in der ganzen Kirche in allen katholischen Schulen der Welt gehandhabt; sie war die Methode der größten heiligen Väter und Lehrer der Kirche, und von diesen Schulen und von diesen Vätern und Lehrern der Kirche schreibt Papst Pius IX. an den Hochwürdigsten Herrn Erzbischof von München:

Und damit Niemand zweifeln könnte, was der Statthalter Christi mit diesen Worten gesagt haben wolle, enthält der Syllabus der Enzyklika vom 8. Dezember unter den Sätzen, von welchen der Papst sagt (1):

Deshalb verwerfen, verbieten und verurteilen Wir, kraft Unserer Apostolischen Autorität, alle und jede in diesem Schreiben einzeln erwähnten verkehrten Meinungen und Lehren. Wir wünschen und befehlen, dass dieselben von allen Kindern der katholischen Kirche als verworfen, verboten und verurteilt betrachtet werden, (Quanta cura)

auch diesen dreizehnten Satz:

13. Die Arbeitsweise und die Grundsätze, nach welchen die alten scholastischen Lehrer die Theologie gepflegt haben, stimmen in keiner Weise mit den Bedürfnissen unserer Zeit und dem Fortschritt der Wissenschaften überein.

(1) Diese allgemeine Verdammung gilt auch den Sätzen des Syllabus, obwohl die Modalität der Zensur in den einzelnen Sätzen eine verschiedene, und in den angeführten Dokumenten enthalten ist.

Man kann also keinen Augenblick daran zweifeln, daß jeder Katholik gehalten sei, von der Scholastik so zu denken, zu urteilen, zu sprechen, zu reden, und zu schreiben, wie die Kirche selbst, wenn man nicht die Autorität der Kirche zerstören, und selbst unkirchlich, oder kirchenfeindlich sein will; und nun begreift man auch, warum der heil. Ignatius in seinem von der Kirche approbierten Exerzitien-Büchlein unter den Regeln, „welche zu beobachten sind, um mit der rechtgläubigen Kirche wahrhaftig übereinzustimmen“, auch diese elfte Regel anführt…“

….

Es erhellt auch aus allem dem, was wir bisher besprochen haben, zur Genüge, warum die heilige Kirche mit solchem Ernst und mit solcher Kraft an dieser Methode festhält, da diese Methode allein es ist, welche gleich der Natur der Dinge, gleich der Natur des Geistes, gleich der Natur der Sprache, in ihrer Form unwandelbar bleibt, wie die Prinzipien, auf welchen die Kirche ruht, und wie die Lehren, die sie verkündet, unwandelbar sind.

Alte und neue Scholastik

Akademiker:
Es bleibt also nichts übrig, als sich mit den Scholastikern vertraut zu machen, und ihre Methode sich anzueignen.

Scholastiker:
Man wird aber, wie es die Erfahrung lehrt, die Scholastiker nicht verstehen, und die scholastische Methode sich niemals aneignen, ohne durch die scholastische Schule in diese Methode praktisch eingeführt worden zu sein. Denn wie wir von einer Sprache nicht sagen können, daß wir sie verstehen, bis uns die Wörter, die Satzformen und der Periodenbau derselben so geläufig geworden sind, daß wir uns mit unseren Gedanken in denselben ungehindert bewegen können; ebenso können wir von der Scholastik nicht behaupten, daß wir sie verstehen, bis uns ihre Terminologie, ihre Form und ihr Wesen gleichsam zur Natur geworden sind, so zwar, daß wir nicht anders zu denken, zu urteilen, zu schließen, nicht anders in jeder Wissenschaft uns zu bewegen vermögen, als nach ihren Gesetzen. Dies kann aber nicht anders erreicht werden, als durch ihre Schule. Wer daher die scholastische Schule nicht will, der kann auch die scholastische Methode und die scholastische Bildung nicht wollen; und hier ist es, wo wir an dem Berg stehen, an dem unser Zeitalter nicht hinan will, und an dessen Fuß jeder Anlaß zurück geworfen wird, bis endlich die Verzweiflung im Bankrott alles Wissens und Lebens denselben im Sturm auf Leben und Tod zu nehmen sich gezwungen fühlen wird. Gott gebe, daß es früher geschehe!

Akademiker:
Aber die neuen Scholastiker sind doch nicht mehr das, was die alten Scholastiker waren, und wenn man die alte Scholastik bewundern muß, so kann man doch der neuen Scholastik nicht mehr denselben Wert zuerkennen; wir müssen zur alten Scholastik zurück kehren.

Scholastiker:
Diese Unterscheidung zwischen der alten und neuen Scholastik beweist wieder ganz schlagend, daß dergleichen Leute von der Scholastik keine Kenntnisse und keinen Begriff haben. Denn die Scholastik ist eine bestimmte, vollständig ausgeprägte, naturgemäße, unwandelbare Methode, und diese Methode kann man nicht halb haben, sondern man muß sie ganz haben, oder man hat sie gar nicht. Entweder hat man also diese Methode, oder man hat sie nicht. Hat man sie, so ist man Scholastiker; hat man sie nicht, so ist man kein Scholastiker. Es gibt also keine alte und neue Scholastik, sondern nur Eine Scholastik; und es gibt daher auch keine alten und neuen Scholastiker, sondern entweder Scholastiker, oder keine Scholastiker. Will man aber diese Unterscheidung auf neuere Autoren und Professoren und Gelehrte anwenden, welche sich der scholastischen Methode bedienen; so will ich darüber nicht rechten, behaupte aber auch von diesen: Besitzen und befolgen sie die scholastische Methode, so sind sie weder alte noch neue Scholastiker, sondern einfach Scholastiker; besitzen und befolgen sie die scholastische Methode nicht, so sind sie weder alte noch neue, sondern gar keine Scholastiker.

Akademiker:
Ich sehe nun wohl, daß es sich hier nicht um das Interesse irgend einer Person, irgend einer Partei, irgend einer Schule, irgend eines Landes, sondern daß es sich um die allgemeinen Interessen der Religion und der Wissenschaft, um die wichtigsten Interessen der Kirche und des Staates, um die höchsten Interessen der Menschheit handle; da sollen alle Leidenschaften schweigen, und Alle aus allen Kräften zusammen wirken, bis das Ziel erreicht ist.

Scholastiker:
Um diesen Zweck zu erreichen, wäre es notwendig, daß die Männer, von welchen es zumeist abhängt, die Sache in ihrem Ursprung, in ihrem Wesen und in ihren Folgen klar erkennten, und verstünden; dann daß man nicht Selbstsucht und Eigenliebe oder die Befriedigung der Leidenschaften, sondern einzig das allgemeine Beste in’s Auge faßte; weiter daß man weder von der Furcht vor den Feinden der Kirche und des Staates, noch von der Rücksicht auf Lob und Tadel und auf den Zauber betäubender Schlagwörter, noch von der Scheu vor der künstlich gemachten sogenannten öffentlichen Meinung sich behindern ließe; endlich daß man sich auf den Felsen der Kirche stellte, der in keinem Sturme wankt, und, was auf ihm ruht, und sich fest hält, ebenfalls nicht wanken läßt. Aber wir scheinen noch immer nicht tief genug gesunken zu sein, um eine solche Notwendigkeit zu fühlen, und einen solchen Mahnruf zur Rettung aus dem Abgrund auch nur zu beachten. Jm Gegenteil würde man dies Alles noch immer für das größte Unglück ansehen, und Einzelne, die etwa Etwas dergleichen wagen sollten, als Finsterlinge und Reaktionäre, als Verräter und Feinde der Wissenschaft tot schreien, oder tot schweigen zu müssen glauben, wozu die Umsturzmänner in Kirche und Staat alle Mittel in den Händen haben. –
aus: Georg Patiß SJ, Das ABC der Scholastik, 1866, S. 26 – S. 37

Bildquellen

  • Thomas Von Aquin: Bildrechte beim Autor

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